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imb die von oben bis unten in einer geschmackvollen und sinnigen Weise mit Bildern beklebt, mit Landschaftsbildern seiner Reisen, mit Bildern der Tausenden von Personen, die er kennen gelernt hatte, mit Bildern seiner Märchen. Die schob er vor, wenn der Alltag kam und trennte sich durch sie von ihm. Änd uns sollen so die heiteren Bilder seiner Märchen eine Schirmwand sein, überraschend, zutraulich, vom grauen Alltag trennend, gütig wie die beruhigende Stimme einer erzählenden Mutter, Änd toemr man zum kranken, siebenzigjährigen Lichter eintritt und blickt hinter die Schirmwand mit den bunten Bildern, und sieht hinter dem freundlichen, verbindlichen Lächeln die grenzenlose Einsamkeit dieses Letzten in der Reihe, bei dem kein Einziger seines Geschlechtes dem Sarge eine Handvoll Erde nachwarf, dann versteht man die betäubende Änruhe, die schlernihlhafte Lebens- suche Hans Christian Andersens, auch, ohne sich in die Spitzfindigkeiten zu verlieren, die einige neuere Erklärer nichts entbehren zu können glaubten. Der Schatten, den Hans Christian Andersen suchte, war die Empfindung für Frauenliebe, Idarin war er wie eine Blume ohne Duft. Man fühlt es in allen Erzählungen! und Romanen, man merkt an bei den angeblichen Verliebtheiten, die er erzählt, man spürt es in seinen Liebesgeschichten. Das echte, saftige Liebesgefühl war ihm versagt, er war der Letzt« eines Geschlechtes, das in sich, in der geheiligten Tiefe des Erbwefens, die geschlossene Rotwendigkeit empfand, ein Ende zu machen, den weiteren Erbgang zu hemmen, die unbestech-- liche Selbststeuerung der großen Ratur setzte ein. And so wehte über ihn hin der auslöschende, graue Fittich des Schicksals, vergoldete aber dafür seine Tage mit der sanften Abendsonne zarter Märchenkunst.
Die roten Zchuhe.
Don Hans Christian Andersen.
Es war einmal ein kleines Mädchen, fein und niedlich! Aber im Sommer muhte sie immer mit blohen Fähen gehen, denn sie war arm, und im Winter mit großen Holzschuhen, so dah der kleine Spann rot wurde, und zwar ganz und gar.
Mitten im Dorfe wohnte eine alte Schuhmachersfrau, die sah und nähte, so gut sie konnte, aus alten roten Tuchstreifen ein Paar kleine Schuhe; sie waren plump, aber eS war gut gemeint; die sollte das kleine Mädchen haben. Dieses hieß Karen.
Gerade an dem Tage, als ihre Mutter begraben wurde, erhielt sie die roten Schuhe und hatte sie zum ersten Male an. Freilich war es nichts, um damit zu trauern; aber sie hatte keine anderen, und daher steckte sie die bloßen Mhe hinein und ging hinter dem ärmlichen Sarge her. Da kam ein großer, alter Wagen, und darin saß eine alte Dame; die betrachtete das kleine Mädchen und fühlte Mitleid mit ihr und sagte zum Prediger: „Hört, gibt mir das kleine Mädchen, dann werde ich mich ihrer an- nehmen!"
And Karen glaubte, das geschähe alles nur der roten Schuhe wegen; aber die alte Dame meinte, sie seien abscheulich; und sie wurden verbrannt. Aber Karen selbst wurde rein und nett an- oezvgen; sie mußte lesen und nähen lernen, und die Leute sagten, sie sei niedlich. Der Spiegel aber sagte: „Du bist mehr als niedlich; du bist schön!"
Da reiste die Königin einst durch das Land und hatte ihre kleine Tochter bei sich: die war eine Prinzessin. Die Beute Ernten nach dem Schlosse hin, und unter ihnen war Karen n auch, und die kleine Prinzessin stand in feinem, weihen Kleidern in einem Fenster und lieh sich anstaunen. Sie hatte weder Schleppe noch Goldkrone, aber herrliche, rote Sassian- schuhe, die waren freilich weit schöner als die, die die Schuhmacherin der kleinen Karen genäht hatte. Nichts in der Welt kann doch mit roten Schuhen verglichen werden.
Nun war Karen so alt, daß sie eingesegnet werden sollte; sie bekam neue Kleider, und neue Schuhe sollte sie auch haben. Der reiche Schuhmacher in der Stadt nahm Maß zu ihrem kleinen Fuße; das geschah zu Hause in feinem eigenen Zimmer, da standen große Glasschränke mit niedlichen Schuhen und blanken Stiefeln. Das sah allerliebst aus, aber die alte Dame konnte nicht gut sehen, deshalb hatte sie kein Dergnügen daran. Mitten unter den Schuhen standen ein Paar rote, ganz wie die, die die Prinzessin getragen hatte. Wie schön waren die! Der Schuhmacher sagte auch, daß sie für ein Grafenkind gemacht seien; sie hätten aber nicht gepatzt.
„Das ist wohl Glanzleder?" fragte die alte Dame. „Sie glänzen so!" „Ja, sie glänzen!" sagte Karen; sie patzten und wurden gekauft. Aber die alte Dame wußte nichts davon, daß sie rot waren, deim sie hätte Karen nie erlaubt, in roten Schuhen zur Einsegnung zu gehen; aber das tat sie nun.
Alle Menschen betrachteten ihre Füße. Und als sie zur Chor- küre über die Kirchtürschwelle hinschritt, kam es ihr vor, als wenn selbst die alten Bilder auf den Grabmälern, die Bildnisse von Predigern mrd Predigerfrauen mit steifen Kragen und langen, schwarzen Kleidern die Augen auf ihre roten Schuhe hefteten. Änd nur an diese dachte sie, als der Prediger ferne Hand auf ihn Haupt legte und von der heiligen Taufe, vom Bunde mit Gott, und daß sie nun eine erwachsene Christin sein sollte, sprach. Die Orgel rauschte feierlich, die hübschen Kinderstimmen sangen, und der alte Kantor sang, aber Karen dachte nur an die rotem Schuhe.
Am Nachmittage erfuhr die alte Dame von allen Menschen, daß die Schuhe rot gewesen; und sie sagte, daß es häßlich gewesen sei, daß es sich nicht passe und dah Karen später, toeim sie zur Kirche ginge, immer mit schwarzen Schuhen gehen solle, selbst wenn sie alt seien.
Am nächsten Sonntag war Abendmahl. Änd Karen betrachtete die schwarzen Schuhe, besah die roten — besah sie wieder und — zog die roten an. Es war herrlicher Smrnenfchein; Karen und die alte Dame gingen den Fußsteig durch das Korn entlang; da stäubte es ein wenig. An der Kirchtür stand ein alter abgedankter Soldat mit einem Krückstöcke und not einem wunderbar langen Barte, der war mehr rot wie weiß; und er neigte! sich bis zur Erde und fragte die alte Dame, ob er ihre Schuhs abtoischen dürfe. Änd Karen streckte auch ihren kleinen Fuß aus. „Sieh, was für schöne Tanzschuhe!" sagte der Soldat. „Sitzt fest, wenn ihr tanzt!" Änd darauf schlug er mit der Hand gegen die Sohlen. Änd die alte Dame gab dem Soldaten ein Almosen, und dann ging sie mit Karen in die Kirche. Änd alle Menschen darin sahen- nach Karens roten Schuhen, und alle Bilder sahen danach, und als Karen vor dem Altar kniete und den goldneN Kelch cm ihren Mund setzte, dachte sie nur an die roten Schuhs; U7id es war ihr, als ob sie im Kelche herumschwämmen; uni> sie vergaß ihren Psalm zu singen, sie vergaß ihr „Vater-Änser" zu beten.
Nun gingen alle Leute aus der Kirche, und die alte Dame stieg in ihren Wagen. Karen aber erhob den Fuß, um auch einzusteigen; da sagte der alte Soldat: „Sieh, was für schön« Tanzschuhe!" Änd Karen konnte nicht umhin, sie mußte einige Tanztritte machen; und als sie anfing, fuhren die Deine fort, zu tanzen. Es war, als hätten die Schuhe Macht über sie erhalten. Sie tanzte um die Kirchenecke, sie konnte es nicht lassen; der Kutscher mußte hinterher laufen und sie greifen; und er hob sie in den Wagen, aber die Füße fuhren fort zu tanzen, so daß sie die gute, alte Dame gewaltig trat. Endlich zogen sie ihr die Schuhe aus, und die Beine erhielten Ruhe.
Daheim wurden die Schuhe in den Schrank gestellt, aber Karen konnte nicht unterlassen, sie zu betrachten.
Nun lag die alte Dame krank darnieder; es hieß, sie würde nicht wieder aufkommen. Gepflegt und gewartet mußte sie werden, und keinem kam dies mehr zu als Karen. Aber in der Stadt war ein großer Ball; Karen war eingeladen: — sie betrachtete die alte Dame, die doch nicht genesen konnte; sie besah di« roten Schuhe und meinte, es wäre keine Sünde dabei; — sie zog die roten Schuhe an, das durfte sie ja auch wohl; — aber dann ging sie zum Ball und fing an zu tanzen. Als sie aber zur Rechten wollte, tanzten di« Schuhe zur Liicken, und als sie di« Diele hinauf wollte, tanzten die Schuhe diese hinunter, die Treppe hinab, durch die Straße und durch das Stadttor hinaus. Sie tanzte und mußte tanzen, hinaus in den finstern Wald.
Da leuchtete es oben zwischen den Bäumen; und sie glaubte, es sei der Mond, denn es war ein Gesicht. Aber es war der alte Soldat mit dem roten Barte; et saß und nickte und sagte: „Sieh, was für schöne Tanzschuhe!" Da erschrak sie und wollte die roten Schuhe wegwerfen, aber die hingen fest. Änd sie schleuderte ihre Strümpfe ab; aber die Schuhe waren an den Füßen fest- gewachsen. Sie tanzte und maßte über Feld und Wiese, in Regen und Sonnenschein, bei Nacht und bei Tage tanzen; allein nachts war es am greulichsten.
Sie tanzte auf den offenen Kirchhof hinaus; aber die Toten dort tanzten nicht; die hatten Besseres M tun, als zu tanzen. Sie wollte sich auf des Armen Grab setzen, wo das bittere Farnkraut wächst; aber für sie war weder Ruhe noch Rast. Änd als sie gegen die offene Kirchentür hin tanzte, sah sie dort einen Engel in langen, weißen Kleidern, mit Flügeln, die ihm von den Schultern bis zur Erde reichten; sein Antlitz war streng und ernst, und in der Hand hielt er ein Schwert, breit und glänzend. „Tanzen sollst du!" sagte er, „tanzen auf deinen roten Schuhen, bis du bleich und kalt wirst, bis deine Haut zu einem Gerippe zusammenschrumpft! Tanzen sollst du von Tür zu Tür; und wo stolze, hochmütige Kinder wohnen, sollst du anklopfen, so daß sie dich hören und fürchten! Tanzen sollst du, tanzen---!“
„Gnade!" rief Karen. Aber sie hörte nicht, was der Engel erwiderte, denn die Schuhe trugen sie durch die Tür auf JbaS Feld, über Weg und über Steg, und immer mutzte sie tanzen.
Eines Morgens tanzte sie an einer Tür vorbei, die sie gut kannte; drinnen tönte Psalmengesang; ein Sarg wurde herauf getragen, der mit Blumen geschmückt war; da wußte sie, daß die alte Dame gestorben war, und nun fühlte sie, daß sie von allen verlassen und von Gottes Engel verdainmt sei. Sie tanzt« und mußte tanzen, tanzen in der finstern Nacht. Die Schuhe trugen sie über Dornen und Stumpf davon; sie riß sich blutig; sie tanzte über die Heide dahin nach einem kleinen, einsamen Hause. Hier, wußte sie, wohnte der Scharfrichter; und sie klopfte mit den Fingern an die Scheiben und sagte: „Komm heraus! •— Komm beraub 1 — Ich kann nicht hineinkommen, denn ich mutz tanzen!"
Änd der Scharfrichter sagte: „Du weiht wohl nicht, wer ich bin. Ich schlage den bösen Menschen den Kopf ab, und ich mene, meine Axt klingt!" „Schlage mir den Kopf nicht ab!“ sagte Karen, „denn sonst kann ich meine Sünde nicht bereuen! Aber schlage meine Fütze mit den roten Schuhen ab!“
Änd darauf bekannte sie ihre ganze Sünde, und der Scharfrichter hieb ihr die Füße mit den roten Schuhen ab; aber die


