Gießener jamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1925 Dienstag, -en 4. August Nummer
Hans Christian Andersen.
Zum 50. Todestag des Dichters, am 4. August.
Don Dr. C. F. vanVleuten.
Als Adalbert von Chamisso seinen Peter Schlemihl im Jahre 1813 schrieb, Muhte er noch, nichts von Hans Christian Andersen: viel später, Anfang der dreißiger Jahre lernten sich die Beiden erst kennen. Und doch, Menn man die Lebensgeschichte des Mannes durchlieft, der „Andersens Märchen" versaßt hat, wie er sie selbst in einem zweibändigen Buche „Das Märchen meines Lebens" niederschrieb, so hat man die dunkele Empfindung, daß trotz allem Aufstiege, der da geschildert u>ird, trotz der tausend Berühmten und vornehmen Bekannten und Freunde, die sich da um den Dichter scharen, trotz der Erfolge, die erzählt werden, trotz der Feste und besonders der köstlichen Reisen und Ausblicke, eigeicklich ein Schlemihl in diesem liebenswürdigen, anscheinend so heiteren, feingekleideten Dänen steckte, ein Schlemihl, der seinen Schatten suchte, ohne es merken zu lassen, ein Schlemihl, der hinter einer glatten Heiterkeitsmaske heimliche Tränen hatte und nicht recht wußte, nach wem er weine.
Als Hans Christian Andersen am 4. August 1875 bei Freunden, ohne Familie, ohne Rachkommen, sanft entschlief und am 11. August beerdigt wurde, verzeichnete der Biograph die auffallende Tatsache' ,,es ist wohl ein sonst niemals vorkommender Fall, daß auch nicht ein einziger, noch so entfernter Verwandter an der Bahre eines Tahingefchiebenen stand". Er war der letzte eines Geschlechts, über das sich der auslöschende graue Fittrch des Schicksals gelegt hatte. Sein Großvater, einst ein wohlhabender Gutsbesitzer, war verarmt, so daß er von feinem Erbe sort- mußte und als rührender geisteskranker Sonderling mit seiner seelenstarken Frau ein winziges Häuschen bewohnte. Er schnitzte in Holz gar seltsame Bilder, Menschen mit Tierköpfen, Tiere mit Flügeln und wunderliche Vögel, diese tat er in einen Korb, zog durchs Land und die Bauernfrauen ernährten ihn imd gaben ihm noch Schinken und Mehl mit, weil er ihnen und ihren Kindern das kuriose Spielzeug schenkte. Ist das nicht wie eine Lagerlöfsage? Sein Sohn aber, der Vater Andersens, war Schuhmacher, ein stiller, gütiger Vater, da kam das Jahr 13, wie eine dämonische Vision ergriff ihn die Kriegsleidenschast, er trat als Freiwilliger ins Heer, kam aber nur bis Holstein, weil Frieden geschlossen wurde, kehrte zurück, war verändert, nahm stiller sein Handwerk wieder auf, verfiel aber nach einiger Zeit in wilde Phantasien und Delirien, hörte Befehle Rapoleons, kommandierte selbst und nach wenigen Tagen war er tot. Außerdem geistert aber noch eine seltsame Ahne in Andersens Vorgeschichte hinein, die Urgroßmutter der Mutter soll eine Hofdame in Kassel gewesen sein, die einem „Comödiantenspieler" zulieb Hof, Heimat und Glück verlassen hatte. Aber wer weiß das; in jenen Zeitläuften nach den Franzosenjahren war in allzuvielen Familien solch eine Sage.
Hans Christian, am 2. April 1805 in Odense auf Fühnen geboren, lag am ersten Tage seines Lebens in einem Bett, das aus den Brettern des Paradesarges des Grafen Trempe zu- sammengearbeftet war, sogar die schwarzen Tuchleisten saßen noch daran. Und doch war sein äußeres Leben nicht beflort, im Gegenteil, ein Leben des Glücks, des Aufstiegs, wirklich wie in einem Märchen, nur daß der schöne Schluß fehlt, den wir Kinder gerade so sehr lieben „und dann heirateten sie sich und lebten lange und glücklich zusammen". Der Knabe wuchs fast ohne Unterricht auf. Aber der Funke der Begabung brach sich Bahn, wohltätige Gönner traten ein und der fünfzehnjährige begann nachträglich die Lateinschule zu besuchen, förderte sich schnell, wurde 1828 Student und schloß mit einem vorzüglichen Philosophen- examen seine Studien ab. Seitdem lebte er, was jetzt nicht wunderbar erscheint, damals aber sehr selten und schwierig war, ohne bürgerliches Amt als freier Schriftsteller. Seit 1833 beginnen seine Reisen, die ihn sehr ost nach Deutschland, dessen Sprache er auch fließend sprach, nach Frankreich, England, Italien, Griechenland und Spanien führten: sogar Afrika suchte er von dort aus auf. Es war, als wenn eine Zugvogelunruhe, ein geheimer Instinkt ihr, weiter getrieben habe. Seinem ersten größeren Roman „Der Improvisator", der in Italien spielt (35), folgte in den nächsten Jahren „O. T." und „Rur ein Geiger". Schon 1835 aber erschien die erste Sammlung seiner „Märchen, für Kinder erzählt", die seinen Weltruf begründeten. „Zwei Baronessen" und „Sein oder Richt sein", beides Romane, liegen schon in den nächsten Jahrzehnten, ebenso wie seine autobiographische Schilderung „Das Märchen meines Lebens", die schon erwähnt wurde. Andersen hatte einen wahren Hunger nach Bekannt
schaften, es ist kaum ein literarisch irgendwie bedeutsamer Autor seiner Zeit gewesen, den er nicht aufgesucht und mit dem er nicht Ansichten und Meinungen ausgetauscht hätte. Aehnlich ist es bei den bildenden Künstlern: mit manchen, wie mit Barthel Thor- waldseir, verband ihn enge Freundschaft, und es ist rührend, zu sehen, wie er sogar in seinen Märchen die Fahne seiner Freunde schwingt. Seinen Romanen ebenso wie seiner Selbstschilderung fehlt das psychologische Salz, die überraschende Vertiefung, der Durchblick, sie sind aber erfüllt mit Herzlichkeit, gepflegter Sprache, hübsch gesehenen Bildern, eine Porzellankunst, die großes Ausmaß aber nicht verträgt. Deshalb sind seine reizvollsten Werke, die, worin er einen Seidenfaden fand, um solche Skizzen -aneinander zu reihen, wahre Kabinettstücke dieser Art sind „Was der Mond erzählt" und „Bilderbuch ohne Bilder", zwei Werkchen, die das Entzücken unserer Mütter waren und auch mit großem Recht, jetzt aber nicht so viel gelesen und geliebt werden, wie sie es verdienen.
An, wenigsten anschaulich und mit jenem beglückenden Ge- fiihl für die geheimen Quellen des Daseins getränkt ist die Selbstbiographie, die Andersen sehr schätzte und an der er mit Hingebung arbeitete. Sie hält keinen Vergleich aus mit Kügelgen, dem armen Mann im Toggenburg, Richter, von Goethe ganz zu schweigen! Sieht man die Heimat des Dichters, sieht man Kopenhagen oder die ausländischen Gegenden, die er besuchte, blickt man in Bürgerstuben rmd Paläste, in die Parks der Herrenhäuser auf dem dänischen Lande, sieht man Chamissos Arbeitsstube oder Tieks gutes Zimmer? And wie wertvoll wäre das alles, nicht nur für den Kulturhistoriker, sondern besonders für den Genießenden. Welche Fülle von Einzelheiten hätte Andersen erzählen können, wie hätte aus diesem Märchen seines Lebens das ganze Märchen des Biedermeier herausleuchten können. Aber diese beiden Bände sind etwas anderes, eine ziemlich nüchterne Aufzählung aller gelehrten, künstlerischen und adeligen Männer und Frauen, die mit Andersen gesprochen, die Andersen gefördert, die seine Werke verstanden, gelesen und gewürdigt haben. And der das schrieb, war derselbe Andersen, dessen Märchen bis zum Rande mit dem Lavendelduft gefüllt sind, den man hier vermißt. Er konnte es, sonst würde man ja nicht davon sprechen, daß er es nicht tat, es war eben sein heimliches Schlemihltum, seine ungeduldige Suche nach dem verlorenen Schatten.
Aber nun genug Anzufriedenheit, Kritik, bebrillte Klugheit! Komme du, liebe, gute Kinderzeit, und führe mich in Andersens wirkliche Heimat, wo eitel Klarheit, Anschaulichkeit und Gegenständlichkeit herrscht, wo das kleine häßliche Entchen, ohne es zu wissen, zum herrlichen Schwan heranwächst (dies wirklich Andersens Lebensmärchen und hundertmal besser als die zwei dicken Bände), wie der standhafte Zinnsoldat in den Ofen fliegt, der Schweinehirt sein Kochtöpfchen fingen läßt, der Sandmann dem kleinen Hjalmar die schönsten Geschichten eine ganze Woche lang erzählt, die appetitlichen Hunde mit den Augen wie Mühlrädern und Kirchtürmen bei Tisch sitzen, der gute Kaiser seine neuen Kleider durch die verwunderte Hauptstadt trägt und die echte Prinzessin die Erbse durch zwanzig Daunenkissen hindurch spürt, wo die kleine Daumeline sich nicht mit dem guten nüchternen Maulwurf verheiraten will, sondern lieber mit dem herrlichen Dlumenprinzen, und wo schließlich der Engel des Todes die armen Kinder über das träumende Land in den schönen Himmel trägt. Hörst du alte Zeiten läuten, siehst du, wie deine treue, vielleicht längst verstorbene Mutter neben dir sitzt und erzählt die alten Geschichten? Hat je ein Roman oder eine Erzählung dir solches Behagen mitgeteilt wie diese altväterlichen, klugen Märchen des Schuhmachersohnes aus Odense? Von Grimm und Hauff wohl abgesehen: Grimm ist natürlich der Homer des Märchens und Hauff löste auf ganz anderem Wege zehn Jahre früher dieselbe Aufgabe mit gleicher Kunst. Aber die eigene Rote, die in Andersen liegt, hat keiner so gesungen, wie er. Die erste Sammlung erschien 1835, die erste deutsche Aebersetzung in vorzüglicher Sprache bei Friedrich Dieweg u. Sohn in Braunschweig unter dem Titel „Mährchen und Erzählungen für Kinder" mit Bildern von G. Osterwald und Ludwig Richter. Es sind zwei Bändchen von je elf Bogen und unter den Richter-Illustrationen ist besonders die Küche der alten Frau, in der das kleine häßliche Entlein lustwandelt, mit besonderer Liebe gearbeitet, während das Däumelinchenbild durch die überladene Fülle seiner mit Geisterchen belebten Blumenkelche etwas barock anmutet.
Als Andersen alt und krank, zu schwach, um zu lesen imt* zu arbeiten, als Gast guter Freunde in einer geräumigen Stube auf Schloß Rolighed bei Kopenhagen hauste, hatte er eine Schirmwand sechs Fuß hoch und zwölf Fuß breit sich Herstellen lassen


