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liegenden Kloster Montserrat. 3m Jahre 1892 wurde diese so reizvolle, aber schwer zugängliche „Perle Cataloniens" durch diese Dahn dem Verkehr erschlossen, der bis dahin äußerst mühsam durch steilen Muß- und Fahrweg unterhalten worden war. Don großem Einfluß auf den Bau dieser Dahn war das Be- Lürfnis, den Pilgern, welche die Santa Maria de Montserrat besuchten, den Aufstieg zu erleichtern. Der Zug der Pilger hierher ist ein gewaltiger, ihre Zahl soll über 60000 im Jähre betragen. Am 6. Oktober 1892 wurde im Anschluß cm die 400jährige Feier der Entdeckung Amerikas die erste Lokomotive der Zahnradbahn von dem Dischof von Darcelona eingefegnet, zur höheren Ehre der „wundertätigen Muttergottes vom Montserrat". Die Gesamtlänge der Bahn beträgt 7,8 Kilometer. Aach einer großen Schleife tritt sie in einen kurzen Tunnel ein und erreicht gleich darauf die Station des Klosters. Dieses wurde 880 von Sifredv el Velloso, Graf von Barcelona, errichtet. Auch hier durchflicht die Sage die historische Tatsache mit ihren schimmernden Fäden: Als Hirtenknaben, verlockt von einem plötzlichen übernatürlichen Schein, in eine Felsenhöhle eindrangen, fanden sie dort das Standbild der Maria, das jetzt den „Camarin de la Virgen" in der Klosterkirche schmückt, und das einst ein frommer Klausner vor beutelustigen Maurenbanben dort verborgen hatte. Auf dem Transport nach Mauresa aber, einer kleinen Ortschaft in der Aähe, widersetzte sich plötzliche das Standbild und ließ sich nicht weiterbringen, damit kundtuend, daß es hier in einer Kirche verehrt zu werden wünschte. An dieser Stelle steht noch heute das „Kreuz des Wunders", ein uraltes, verwittertes Steinkreuz mit der nur noch schwach leserlichen Inschrift: „Aqui se niza inmovil la Santa 3magen" — „hier machte sich das heilige Bild unbeweglich". Dieses vom Alter geschwärzte, aus Holz geschnitzte Standbild der Maria mit dem Kinde genießt als „Königin des Berges" bei den zahllosen Andächtigen große Verehrung. Wunderbar anziehend und fesselnd wirkt dieses so alte Bildwerk noch heute auf den Beschauer. Ein rührend lieblicher Ausdruck, mit hoheitsvoller Unschuld und süßer Innigkeit gemischt, verklärt die Züge dieser Mutter Gottes. Ein Rückblick in der stillen, dämmerigen Kathedrale, auf dies von heimlichen Sonnenstrahlen umzitterte, hehre Antlitz ist von unvergeßlicher Wirkung. Vor dem Hausaltar dieser prunkreichen Kirche hing einst Ignaz von Loyola, dem rauhen Kriegsdienst entsagend, seine Waffen auf und weihte sich ganz dem Dienste Christi und der Jungfrau. Hier, in der tiefen Zurückgezogenheit des Klosterlebens faßte er den Entschluß zur Gründung des Jesuitenordens. Leider wurden schöne Teile des alten Klosters samt seiner Bibliothek 1814 durch Feuer vernichtet. Ein herrlicher, gotischer Kreuzgang und kleinere Ruinen blieben erhalten. Das neue Kloster wurde um 1500 erbaut. Ein kleiner mit Platanen bepflanzter Vorplatz mit wunderbarer Aussicht wird als Marktplatz benutzt. Chorgesang von Hellen Knabenstimmen verrät, daß das Kloster auch eine Schule für geistliche Musik enthält. Die Hospederia des Klosters gewährt jedem Wanderer drei Tage lang freie Unterkunft, doch zahlt man nach Belieben in die Sammelbüchse. Wer nach sechs Ähr abends eintrifft, mutz sich sein Bett selbst zurecht machen und sich selbst Wasser holen, — eiskaltes Quellwassev aus einem laufenden Brunnen. Die Pilger bringen sich die Lebensmittel selbst mit, der Fremde ist auf das vornehme Restaurant angewiesen, das hier, in dieser mystischen, grandiosen Umwelt, wie eine grelle Dissonanz wirkt! — Auf einem Rundgang über den Vorplatz des Klosters, den das Mvnumento de la Immaculata schmückt, an der Kapelle der Apostel vorbei, kann das Auge sich nicht satt sehen an dem weiten, berauschend schönen Blick, über mehrere spanische Provinzen hinweg! Dreizehn kleine Einsiedeleien trifft man am Wege. Im Goldglanz der Sonnenpracht recken sich im Hintergründe die Schneehäupter der Pyre- näenkette, vom Maladetta bis zum Canigon, empor. Sonnenschein ist ausgegofsen über dem Firn ihres höchsten Gipfels, dem Mont Perdu. Im Gegensatz dazu rechts das bläulich schimmernde Mittelmeer. Wie von Kinderhand aus Spielzeugschachteln aufgebaut, liegen „Städte dort und Dörfer" in der weiten Ebene, und durch Oliven- und Weinpflanzungen schlängelt sich das Silberband des Llobregat. Bercelona, die unheimlichste der Städte Spaniens, leuchtet von fern, mit ihren weißen Mauern, Hellen Häusern, als habe sie nie das Krachen der Bomben erschüttert! Hier oben aber war Friede, eine wundervolle, ungetrübte Friedensstimmung ausgegossen über Berg und Tal, über „die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten" zu unseren Füßen!
Ein Blick in ein gtiefe, schauerlich zerMftete Schlucht, di« Bälle mala, tut sich uns auf. Die Sage schildert, wie mit donnerndem Krachen in wildem Schmerz der Fels zerbarst und das Herz des Berges aufrih in dem Augenblick, da Christus am Kreuz den letzten Seufzer verhauchte. In diesem Abgrund stürzt der Torrente de Santa Maria über gewaltige Felsterrassen hinab in den Llobregat.
Zwischen großen, grauen, oft spiegelblanken Felsblöcken grünt und sprießt in unersättlicher Lebensfülle der frühlingshafte, spanische Blumenreichtum. Dunkle Steineichen und niedriges Buschwerk, Monte bajo genannt, wird belebt von roten Äelken und Winden, gelben Christusröschen und hier und da grüßt wie ein verschlagenes Seelchen mit Heimatgruh das liebliche blaue Auge unseres deutschen Leberblümchens. Aus den Blüten der Rosmarin- und Lavendelbüsche kocht die Sonne betäubenden Wohl- geruch. In seltsamem Kontrast zu den heißen Sonnenstrahlen wcht
aus den Felsenritzen und -spalten dem Wanderer eine eiseskalte Luft entgegen, Slnvermittelt bricht mit einer Welle scharfer Abendkühle 'die Aacht herein und um V28 Slhr ist bereits alles in Finsternis gehüllt. Fxüh am andern Morgen weckt das Klosterglöcklein zu neuem Schauen! Wie in früherer Zeit, so übt auch heute noch der Berg seine ungealterte, befruchtend« Macht auf die Kunst aus, besonders auf die Gestaltungskraft, welche in der religiösen Gemütssphäre wurzelt. Sie hat einen herrlichen Ausdruck gefunden in der Schaffung des Weges, der zu der Grotte der Jungfrau führt, eines höchst romantischen Pfades, der, sich den kapriziösen Dergformen anpassend, rechts von den zyklopischen Winden des Berges, links von schwindelerregenden Abgründen begrenzt, in Windungen hinuntersteigt zur Felsenhöhle, zur Cueva de la Virgen, in welcher die heilige Statue der Maria von den Hirten aufgefunden worden war.
Am Anfang des Weges sprudelt die „Wunderquelle", von welcher die nimmermüde Sage berichtet, daß ein hartherziger Edelmann eine auf seinem Besitz entspringende Quelle vor durstigen Wallfahrern absperrte. Sofort erbarmte sich die Jungfrau deren Not, lieh den Quell vertrocknen und den neuen Wunderquell dicht am Portal entspringen.
Don Zeit zu Zeit, stets dem Standort meisterhaft angepatzt, stehen an diesem Wege herrliche, weiße, lebensgroße Warmor- figuren und -gruppen, oder Schreine mit Mvsaikbildern auf Goldrand, die Lebens- und Leidensgeschichten Christi darstellend. Reiche, spanisch« Familien haben sie gestiftet, die besten spanischen Bildhauer und Maler haben sie ausgeführt, mit einer staunenswerten Lebenswahrheit.
An der Grotte öffnet uns ein uralter, eisgrauer Priester mit altmodischem, klirrenden Schlüsselbund umständlich und feierlich die Gitterpforte. Die hehre Einsamkeit der gewaltigen Umgebung, das Gefühl gänzlicher Weltabgeschiedenheit nimmt die Seele völlig gefangen, und auf der Talfahrt hält uns noch lange die wunderliche Mischung von Wirklichkeit und Phantasie, von Wahrheit und Dichtung, von Mittelalter und Neuzeit, im Dann, die sich in diesem Derge zu so selten reiner Harmonie vereinigt hat.
Der Schatz.
Don Eduard Mörike.
(Schluß.)
„Die eine für dich, die andere für mich", antwortete das Mädchen mit geheimnisvollem Lächeln, „lrstr tragen sie auf eine Nacht."
„Aber wozu, um Gottes willen?"
Sie legte ihren Finger auf den Mund: „Für jetzt nicht wefter, Franz; du bist ein Mann, und da, wo ich mich hingetraue, wirst du dich hoffentlich nicht scheuen." — So kamen wir stillschweigend überein, daß vorderhand nicht mehr die Rede davon sein solle.
Der nächste schöne Morgen reizte uns zu einem kleinen Ausflug in die Gegend. Wir hatten uns noch unzählige Dinge zu sagen. Sinter anderem wollte ich wissen, warum sie sich mir denn nicht gleich am ersten Abend, als ich kam, entdeckte? ja, wie sie es nur übers Herz bringen können, den ganzen folgenden Tag fo grausam Komödie mit mir zu spielen? — „So? Meint der Herr," entgegnete sie, „man hätte nicht auch Lust gehabt, ihm etwas auf den Zahn zu fühlen? Im ganzen habe ich mir freilich all die Jahre her nie eigentliche Sorgen wegen deiner gemacht. Desonders hielt ich mich an das, was wir gelegentlich durch. Reisende erfuhren. So kam einmal der Vetter, als eben Kirmes war zu Iünneda, mit einem lustigen Messerschmied an «inen Tisch im „Rößlein" zu sitzen, der war nicht weit von hier zu Haus, kam erst von Achsurth her und wußte gar manches von dir; darunter war mir denn das Wichtigste und Angenehmste, daß sie dich dort den kalten Michel hießen. Die Dafe wollte dies nicht eben tröstlich für mich finden, ich aber sagte gleich: bei mir wird er schon auftauen. Nun mutzt du aber wissen, Freund, ausdrücklich hatte Frau Sophie mir gesagt, du müßtest mich bei unserm Wiedersehn von selbst erkennen: dies sei die erste Probe, wie tief dir Aennchen noch im Herzen fitze. Sind daß ich's nur gestehe, mir wollte schon anfangen bange werden, weil du so gar vernagelt warst; ja meinen Ohren traute ich kaum, als mir der Mensch, anfing, von seinen Liebschaften da vorzuprahlen! Sieh, hätt' ich mir nicht alle diese Faxen so ziemlich, zurechtlegen können, es wär' ja wahrhaftig mein Tod gewesen! Etwas muß aber doch daran sein, dachte ich, so arg er auch aufschneidet, ganz leer ging es nicht ab, dafür soll er mir jetzt ein bißchen zappeln."
Sinter so fröhlichen Gesprächen waren wir, stets auf der flachen Höhe des Gebirgs fortschlendernd, bis an die gutsherrlichen Weinberge gekommen. Wir setzten uns auf eine kleine Mauer und blickten, über die Rebstöcke weg, hinuntm in den sogenannten Schelmengrund. Di« Gegend stel mir auf, ja, ich war ganz verblüfft - beim auf und weder war ja hcer das Tälchen wieder, das ich in jener N-^ht gesehen, wo es vom Herbstvergnügen der Waidefeger widerhällte! Wie sonderbar! Alles traf zu, die Eiche abgerechnet, von welcher nichts zu sehen war. Ich säumte nicht, die Sache gleich Josephen zu erzählen, die sich höchlich darüber vernahm. Zwar hielt auch sie den


