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Herrlichkeit des Farben - Zusammenklangs kann man mehr ahnen als sehens weil das Bild sehr gedunkelt ist und autzerdem sehr ungiinstig hängt. Der Rock Marias ist karminroter Goldbrokat; er ist mit weißem (jetzt meist schmutzig gelbbraunem) Pelz gefüttert, vorn ist er mit einer goldenen Agraffe zusammengehalten. Die Agraffe ist mit roten Edelsteinen besetzt. Aeber dem Rock befindet sich ein Mantel von blauer Farbe, dessen Futter purpurviolett ist. Der Mantel ist mit einem gelben Bande eingefaßt.
Man hat viel über dies Bild geschrieben: über die mystische Bedeutung der in dem Bilde enthaltenen Pflanzen und Gegenstände; über die Komposition, besonders die Linienführung des Bildes; über seine Lichtlinien und Lichtstreifen, über die Schattenpartien und die geniale Vermeidung der Anruhe. Der Gesamteindruck ist — gerade im Gegensatz zu den grausamen Bildern seiner Kreuzigungen — die liebliche, stille Jnmgkert der Harmonie zwischen Mensch und Ratur; ein unpathetisches, undämonisches Frommsein.
Man hatte mir erzählt: es wäre der Pfarre Stuppach ein gewaltiger Eichenwald zum Preis für das Bild geboten worden; aber Stuppach hätte abgelehnt. Ich hörte einen Maler den Kaufpreis des Bildes auf vier Millionen Mark abschätzen. Dann sprach man wieder davon, daß der angebotene Eichenwald den Stuppacher Eigentümern des Bildes nur nicht groß genug gewesen wäre — und so zerplatzte wieder einmal eine romantische Anschauung vom Menschen in ein Nichts. Auch lachte man über vier Millionen und meinte, es wäre heute nicht möglich einen 150 000-Mark-Käufer zu finden. Wie dem auch sei: ein Bild hat ein abgelegenes Dorf weltberühmt gemacht — und man staunt fast, daß der Fuhrmann in der Schenke zu Stuppach ebenso saftige Anekdoten erzählt, wie seine Genossen in den andern Schenken des Landes. —
Jaques Dalcroze.
Zum 60. Gevurtstag des Begründers der rhythmischen Gymnastik.
Als Komponist ein Begabter unter vielen, hat sich der Schweizer Jaques Dalcroze als ideenreicher Neuschöpfer und wegsicherer Pfadfinder auf dem von ihm erstmalig betretenen Neuland der rhythmischen Gymnastik einen Namen gemacht, der den Anbruch einer neuen Epoche der Kultur des Tanzes im Dienste musikalischer Ausdeutung bezeichnet.
Dalcroze ging von dem Gedanken aus, die künstlerische Jugenderziehung durch Beeinflussung der leichtempfänglichen Phantasie des Kindes und rhythmisch geregeltes Gebärdenspiel zu reformieren. Diesem Zweck dienten zunächst seine zahlreichen dem kindlichen Vorstellungs- und Empfindungsvermögen vorzüglich angepaßten „Chansons rvmandes et enfantines", nach denen die Kleinen launige und ernste Szenen singend darzustellen hatten. Ms Dalcroze zum erstenmal die kleinen Zöglinge seiner musikalischen Elementarschule dazu anhielt, ihre Schritte nach dem Rhythmus der gesungenen Melodie zu regeln, dachte er wohl kaum daran, daß er mit diesen Elementarübungen die Fundamente einer Erziehungsmethode legte, die in der Folge in der „belebten musikalischen Plastik' seiner rhythmisch-gymnastischen Reform gipfelte. In ihrem Grundwesen läuft diese Reform darauf hinaus, Musik unter Inanspruchnahme aller Mittel des mimischen und plastischen Ausdrucksvermögens des menschlichen Körpers in sinnlich-belebte, vom Geist der Schwere befreite Tanzkunst und Formenschönheit aufzulösen, um so den seelischen Gehalt der Musik durch bewegte Rhythmik und den edlen Schwung der plastischen Schönheitslinie zu bildkräftigerer Wirkung zu bringen. Dieses letzte Endziel auf dem Wege der systematischen Erziehung zum Verständnis und zur Erschließung des musikalischen Gehaltes wurde von Dalcroze in mehr als zwanzigjähriger intensiver Arbeit auf Grund einer reichen pädagogisch,en Erfahrung und der klaren Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen Musik und Dewegungskunst erreicht. Es konnte nur erreicht werden von einem Pädagogen seines Schlages, dem auf Sch,ritt und Tritt der schöpferische Künstler führend und beratend zur Seite blieb.
Dalcrozes neuartige mufikalifche Formgebung im Rahmen charakteristischer Tanzgestaltung weist, wie ihr Schöpfer in dem enzyklopädischen Handbuch, seines Systems ausführt, dem Körper die Vermittlerrolle zwischen Ton und Gedanken zu, so daß der Körper geradezu das mittelbare Ausdrucksinstrument unseres Fühlens und Denkens wird. Demzufolge soll schon das Kind in der Schule nicht nur richtig und im Takt singen und spielen lernen, nein, es soll vor allem dazu angehalten werden, Musik nicht ausschließlich mit dem äußeren Ohr zu hören, sie vielmehr in sich aufzunehmen und seinem ganzen Wesen anzugleichen. Kurz, die Musik soll sozusagen in einem seelischen Zentrum auf- gespeichert werden, das seinerseits wieder durch die im Raum waltende Bewegung verstärkte Antriebskraft erhält. Dalcrozes „belebte Plastik' schlägt damit den umgekehrten Weg der vor ihm geübten Tanzkunst ein, die Musik durch das Pathos der raumgestaltenden Geste zu illustrieren suchte. Die musikalische Melodie löst hier die plastische Gebärde aus, die ihrerseits wieder als Melodie im Raum rhythmisch dahinflieht.
In seiner „Methode der rhythmischen Gymnasttk', einem Meisterwerk der musikalisch-choreographischen Pädagogik, hat
Jaques Dalcroze eine bis ins Kleinste aus gearbeitete Theorie seines Reformwerkes aufgestellt, die er dann in der feinen Namen tragenden Dildungsanstalt Hellerau bei Dresden als Leiter und Begründer der Anstalt in die Praxis umsetzte. Ungezählte Schüler der Hellerauer" Anstalt, die soeben ihren Sitz nach Schloß Laxenburg bei Wien verlegt hat, zeugen für die künstlerischen Werteigenschaften der Dalcrozeschen Erziehungsmethode zum und durch den musikalischen Rhythmus und wirken heute überall als Lehrer im Sinne des Meisters, dessen lyrisch, plastische Kunstreform sie weiter auszubauen bemüht sind.
Jaques Dalcroze, der französischer Abstammung ist, wurde am 6. Juli 1865 in Wien geboren. Schule, Universität und Konservatorium besuchte er in Genf, kehÄe aber dann nach Wien zurück, um bei Robert Fuchs und Anton Bruckner Komposition! zu studieren. Nachdem er in Paris bei Delibes seine Studien beendet hatte, folgte er im Jahre 1892 einem Ruf als Theorielehrer an das Konservatorium zu Genf. Hier fand er als Dichterkomponist vaterländischer Festspiele den Beifall seiner schweizerischen Landsleute und gewann sich mit einer Reihe von Opern, Kammermusikwerken, Violin-Konzerten, Klaviersachen und Liedern auch in der weiteren musikalischen Welt den Ruf eines begabten geschmackvollen Tonsetzers. Im Jahre 1898 betrat er dann mit feinen Kinderliedern und den schon erwähnten „Chansons rvmandes et enfantines" den Weg, der ihn zum Ausbau seines bahnbrechenden Erziehungsshstems führte. Wesen und Entwicklung, Aufgaben und Ziele dieser Grziehungsreform hatJaques Dalcroze in seiner gehaltvollen „Methode der rhythmischen Gymnastik" in mustergültiger Weise erläutert. Während des Weltkrieges hat er sich leider in die polittsche Arena begeben und dabei eine Haltung eingenommen, die in Deutschland mit Recht sehr verstimmt hat. Doch selbst die schärfste politische Gegnerschaft kann nicht hindern, die sachlichen Verdienste anzuerkennen, die er sich als Begründer der rhythmischen Gymnastik und als führender Pädagoge auf diesem Gebiet erworben hat.
Der „Berg des Heils".
Bon E. Seeger.
Von jeher haben Sage und Legende ihren ewig grünen Kranz gern um Stätten gefloßen, die sich durch ihre besondere Lage ober Gestaltung auszeichneten. Fast unverständlich wäre es erschienen, wenn sie an dem gewaltigen Dergmassiv des Montserrats, das sich wie eine gigantische Burg aus der katalonischen Tiefebene Spaniens weit von Barcelona erhebe, vorübergegangen wäre. Dieser wilde, fast unzugängliche Bergstock mit seinem seltsamen, eigenartigen Formenreichtum reizte geradezu die Phantasie, und so begreift man ohne weiteres, daß die blühende Einbildungskraft des Mittelalters, die Tempelburg des „Heiligen Gral" und damit die Heimat Lohengrins und Parsivals auf seinen zerklüfteten Gipfel verlegte. „Montfalval" und „Mont- salvage", „Berg des Heils" und „wohl bewahrter", auch „wilder Berg", nennt ihn Sage und Dichtung, „Montserrat" und „Montserrats", „gesägter Berg", nennt ihn das Volk, wegen seiner Einkerbungen. Wuchtig, wie von Eisenhand gefügt, steil aufsteigend, ohne Zusammenhang mit anderem Gebirg, wie ein alter Recke, so ragt er empor, der Berg, von welchem der Schwanritter Lohengrin singt: „Im fernen Land, unnahbar Euren Schritten, liegt eine Burg, die „Montsalvatsch" genannt!" And Parsival, der reine Tor, reitet durch die Wälder an seinem Fuße, bis er zur Gralsburg gelangt, jener von Gold und Edelstein schimmernden Kempelburg, die das höchste Kleinod barg, eine köstliche Schale aus Jaspis, durch deren Kraft sich der Phönix aus der Asche stets neu verjüngte. Bei dem Sturze Luzifers war der Stein aus dessen Krone gefallen, aber Engel hielten ihn schwebend in der Luft, bis er mit Christus auf die Erde und in den Besitz des Joseph von Arnathia kam. Aus dieser Schale reicht der Heiland in der Nacht, da er verraten ward, das Brot, in ihr sing Josef das Blut aus der Seite des Gekreuzigten auf, wodurch sie Kräfte des ewigen Lebens gewann. Wer sie unverwandt anfchaute, der alterte nicht; Antrennbar sind die Namen der Gralkönige Titurel, Amfortas und Parsival mit dem wunderbaren Berge verknüpft, an dessen Eigenart die Dichtung sich so geschickt angeschmiegt hat.
Die Sage läßt den Dergesgipfel aus Onyx bestehen und schildert ihn so glatt und glänzend wie den Mond. In der Tat ist das Gestein glatt und blank, von den Wassermassen der Ar- zeit poliert und geschliffen, so daß der Fuß kaum einen Halt findet. Nagende Wassermengen haben auch die grotesk geformten Kuppen, Spitzen und Zacken hervorgebracht. Durch das unvermittelte Aufsteigen aus der Ebene erscheint der Berg höher als er in Wirklichkeit ist. Seine Höhe beträgt nur 1300 Meter. An den Rändern der beiden Talseiten erheben sich die ca. 100 Meter hohen Bergkegel der „Pennafos", der „Wächter" des „Heiligen Gral" der „Coball Bernat", der wie ein mahnender Riesenfinger gen Himmel ragt, der „Totenkvpf" (Calavera) die „ Finger, (Dedos) und die „Flöten", (Flautos) auch „Prozession de los Monjes", Mönchsprozession genannt, ferner der „Schwalben- f elf en“ und die „Roca de las Onze", der „Elfuhrfelfen", der der Einwohnerschaft der Ortschaft Mvnistrol am Fuß des Berges als Sonnenuhr gilt, — nach seinem Schatten werden um 11 Ayr die Ähren gestellt. Bon diesem Städtchen aus geht eine Zahnradbahn, el ferrocarril cremallera, zu dem m 890 Meter Höh«


