Gießener Knnilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang (925 Samstag, -en 4. April Nummer 21
Vorfrühling.
. ®t>n Sophie Kindt-Wieber'j.
- Dem wird ein wunderlich Geniehen, Das selig Herz und Sinn berauscht, Der, eh' noch alle Blüten spriehm. Den schlummertrunk'nen Lenz belauscht. Noch huscht es leicht in weihen Flocken Dahin durch herben Märzenhauch, Doch gold'ne Sonnenstrahlen locken .Und kosen um den kahlen Strauch
Die Amsel schüttelt das Gefieder, Probiert ein schüchtern Trillerlein. Dann aber schweigt sie lieber wieder. Es scheint doch nmh zu früh zu fein!
Aur Weidenkätzchen pelzgemäntelt, Verlieh sein schützend Winternest, Von lust'gen Dienen schon umtändelk, Begehrt ein frühes Osterfest.
Die stille Woche im DolKsbrauch.
Keine Woche des Kirchenjahres ist für den Volksglauben so voll von Wundern und Geheimnissen, von Gegensätzen der Stimmung und erschütternden Erlebnissen, als die Woche, die dem Osterfest, der Auferstehung Christi, vorausgeht. Sie heißt die stille Woche, die große Woche, die Kar- und Marterwoche, aber nicht nur Trauer und Trübsal geht von ihr aus, wie es da» altdeutsche Wort chara, Klag«, andeutet, sondern ein lieblicher Vorklang von Frühlingshoffen und Festesjubel klingt schon in vielen Bräuchen auf, und die ganze reiche Skala festlicher und bedeutungsvoller Eindrücke ist in dem Wechsel der Stimmungen, in der Vorbereitung des Leibes und der Seele für das kommende große Fest angeschlagen. Mit Palmsonntag findet die Fastenzeit ihr Ende. Die stille Woche wird durch diesen frohen und schmuckreichen Tag wie durch eine Helle Fanfare eingeleitet. Es ist ein Frühlingssest, dessen altheidnischer Jubel sich hier mit der Erinnerung an den Einzug des Herrn nach Jerusalem vermählt, Die „Palmen", die grünen Zweige von Tannen, Wacholder und Buchsbaum, die Blütenkähchen der Meide oder des Haselstrauches, vertreten die Stelle des uralten Matbaumes, den die Germanen zu Frühlingsairfang errichteten, und die Zweige der Palmen werden auch wohl besenartig zusammengebunden, auf hohen Stangen befestigt, mit Aepfeln, Eiern, Goldflitter, mit Bändern. Schleifen und Brezeln geschmückt. Die in der Kirche geweihten Palmen behalten ihre segensreiche Wirkung das ganze Jahr; sie werden in Stuben und Stallen angebracht, auf Felder und Weinberge gesteckt, schützen gegen Gewitter und Hagelschlag, und wer von den Kätzchen ißt, bewahrt sich vor Krankheit. Heitere Umzüge werden abgehalten, die Kinder ziehen von Haus zu Haus, singen ihre Sprüche und erhalten Geschenke. Dabei wird wohl auch mit dem Palmbufch geschlagen, der als „Lebensrute" segensprndende Kraft hat. Die volkstümlichste Prozession am Palmsonntag war früher der Umzug mit dem Palmesei. Jetzt wird das wackere Grautier, das den Heiland getragen, kaum noch herumgeführt, sondern steht vielfach als ehrwürdiges Bildwerk in den Museen; nur in allerlei Scherzen und Spähen hat sich der Name erhalten. Aach diesem lieblichen Präludium beginnt nun die stille Woche, in der „die Glocken nach Rom gehen" und an ihre Stelle die Knarren, Ratschen und Tassel treten, die dem Gottesdienst eine eigentümlich verhaltende Stim- mung verleihen. In früherer Zeit war nicht nur Danz und Musik in dieser Woche verboten, sondern alle Gewerbe standen still; auch im Haushalt wurde nur das Notwendigste getan. Reichlich wurden Almosen verteilt, und diese Tage waren der stillen Einkehr, dem Aacherleben der Passion geweiht. Wenn es in der Karwoche regnet, so glaubt das Volk, daß die Natur um den sterbenden Erlöser weine. Alle Tage der Woche hatten ihre Namen. So heißt der Montag der faule Montag, dann kommt der scheiwe Dienstag, dann der krumme oder krummbucklige Mittwoch, also genannt, weil an diesem Tage daS Urteil über den Herrn ausgesprochen und damit das Recht
Mit gütiger Erlaubnis der Verfasserin den» soeben erschienenen Bande „Lieder und Vallädm" entnommen
„gekrümmt" wurde. Der „krumme Mittwoch" ist ein besonder«! Unglückstag, ganz im Gegensatz zu dem folgenden Gründonnerstag.
Am Gründonnerstag lebt mitten in der Trauer der Karwoche FrühltngSfr«lde und Hoffnungsglauben auf. Im Mittelalter war dies der Tag, an dem die aus der Kirche Ausgeschlossenen, die während der Fastenzeit in Bußgewändern cm der Kirchentür stehen mutzten, mit Frühlingsgrün geschmückt, wieder ausgenommen wurden. Sie hießen daher die „Grünsn", und der Donnerstag war der „Tag der Grünen". Gewiß ab« lebt in dieser Bezeichnung auch die Frühlingsfreude am jung« Grün nach Dafür spricht die Sitte, an diesem Tage etwaS Grünes zu essen, entweder die Kräutersuppe aus neunerlei Kräutern oder .Spinatkrapfen" oder „Laubfrösche", mit Gemüse gefüllte Rudeln usw. Dor allem aber besitzen die Eier, die am Gründonnerstag gelegt werden, besondere Segens kraft; sie heiß« auch Antlaß- oder Eblaßeier, eben weil sie den, der sie itzt, feiner Sünden ledig machen. Der Gründonnerstag ist ein Tag deS Friedens und der Versöhnung. Verfeindete Nachbarn trinken sich freundlich zu, wenn sich da« ganze Dorf am Abend im Wirtshaus versammelt. Vorher wird an diesem Tage etwas gesät und gepflanzt, denn daS bringt Garten und Acker Fruchtbarkeit, sonst ist alle Arbeit untersagt. Auch am Karfreitag, dem düsteren Tag der Trauer und Butze, ist jede nicht unbedingt notwendige Arbeit verboten. Doch beschäftigt man sich auch an diesem Tage kurze Zeit mit den Obstbäumen, den Beeten und auf dem Acker, badet und wäscht das Vieh, um die geheimen Kräfte dieses Weihetages auszunutzen. Sonst werden die Gräber der Lieben besucht und der Abgeschiedenen im stillen Gebet gedacht, denn der Karfreitag ist voll von Wundern und Bübereien. Die klugen Schäfer und alten Frauen sind an diesem Tage viel beschäftigt, denn sie vermögen mit geheimnisvollen Sympathiekuren alle möglichen Krankheiten zu heilen. Auch das Osterwafser zeigt jetzt schon feine gesundheitsfördernde Kraft. Wer sich am Karfreitag di« Nägel schneidet, lebt mindestens noch ein Jahr, wer an diesem Tag die Haare sich schneiden läßt, bleibt das ganze Jahr von Kopfschmerzen verschont. Die Obst- bäume, die man am Karfreitag schüttelt, tragen besonders reichlich. An diesem Tage wird auch die Wünschelrute geschnitten. Durch strenges Fasten erhöht man die Wunderwirkung dieses geheimnisreiche» Feiertages. Der stille Sonnabend dient dann der letzten Vorbereitung auf die Wunder und Freuden des Osterfestes, das in der Nacht zum Sonntag beginnt.
Casanova.
Don Emil Ludwig.
In Saragossa entführt der natürliche Sohn eines Granden ein vornehmes Mädchen aus dem Kloster, und wird ein Jahr später vom Papst in Rom amnestiert. Ihr Sohn muß 50 Jahre später Rom wegen Erstechens eines Offiziers verlassen urrd stirbt auf einer Seefahrt mit Columbus. Sein Sohn, wird durch Satiren gegen einen Medici unmöglich, mutz fliehen, wird begnadigt und stirbt bei Eroberung Roms, verarmt, an der Pest. Sein Sohn wirb Oberst des Königs von Frankreich, dessen Sohn verschwindet mit 19 Jahren, wird Schauspieler in Venedig, heiratet eine 16jährige Schusterstochter „und neun Monate darauf — am 2. April 1725 — wurde ich geboren". Diese Ahnenreihe der Casanovas enthält in drei Jahrhunderten alle äutzereir Elemente, aus öeroen sich das Leben dessen aufbaute, der unter allen am wenigsten geleistet hat und d och den unbekannten Namen in die .Unsterblichkeit trug.
Denn wo findet sich noch einmal ein Name von solcher Verbreitung. der nicht mit irgendeiner Kunst verbunden wäre, und wären es der Diogenes drei oder vier Apercius. Könige und Künstler, Weise und Verbrecher, Priester, Propheten urrd Feldherren sind ins Pantheon eingezogen; keiner aber kann sich rühmen, daß er keine großen Taten, keine Werke, Seine Lehren, keine Verbrechen vollbracht hat und dennoch, ein historischer Mensch, den unsere Urgroßeltern noch kennen könnten, zum Mythus wurde, sogar in einem knappen Jahrhundert, denn Don Jüan hat nie oder nur im Dämmerschein der Sage gelebt
Daß Casanova gelebt hat, war sein ganze» Derdienst: Da» ist es, waS ihm niemand nachmachen kann, die ganze Welt hat es erfahren, niemand hat ihm den Ruhm bestritten, alle Sprach«' haben sein Leben beschrieben, er ist weltberühmter, al» ®oet$H


