— 350 —
Hannibals Abschied von Italien.
Von Friedrich Freksa.
■Um die -Zeit, da die Sonne am höchsten stand, langten Gisko nnd Bomilkar, die Gesandten Karthagos, im Feldlager Hannibals an, das sich auf der Halbinsel Bruttium am südlichen Ufer des Sabatus befand- Voll Staunen steckten die beiden Greise ihre mit weißen Binden umwundenen Häupter aus den Sänften und betrachteteil die Bewohner der -Zelte und Baracken, die sich neugierig in die Lagergassen drängten, um den großen Zug von Reitern in silbernen Rüstungen, nackten, mit Goldringen geschmückten Schnelläufern und schwarzen Wedelträgern anzustarren-
Die Lagerbewohner waren Krieger mit breiter Brust und verbrannter Haut, so daß es schwer war, den Europäer vom Numider und Aethopier zu unterscheiden- Auch waren die Haare dieser narbenzerrissenen Männer zumeist schon grau und nur am Schnurrbart unterschied man den Gallier von den griechischen Söldnern. Denn die Bewaffnung war gleich: fast alle trugen sie die in blutiger Schlacht eroberten Panzer römischer Legionäre, die aus daumenstarken Kupferringen geschmiedet waren.
Das waren die Veteranen, die sechzehn Jahre lang der Schrecken Italiens gewesen waren. Alle Strapazen des Krieges hatten sie überdauert, denn sie waren die Gewaltigsten jenes unüberwindlichen Heeres, das am Trasimenus und bei Cannae hunderttausend römische Krieger vernichtete.
In diesem Feldlager herrschte nicht das laute, sorglose Treiben, wie es sich sonst in den Heeren von Soldtruppen findet. Zu lang war die Gewohnheit des Krieges geworden, zu viele Schlachten hatten diese Männerhaufen zusammengeschweißt. Sie redeten zueinander in den rauhen Tönen einer Lagersprache, die sich aus allen Idiomen der Mittelmeerküsten zusammensetzte, aus Griechisch, Iberisch, Panisch, Gallisch, Rumidisch. Ausdrucksvolle Gebärden vermittelten fehlende Worte. Der üührer der Gesandtschaft, ein weißköpfiger Numiderhäuptling, mit dünnem, großem Barte und einem Körper, der aus blauem Stahl geschmiedet schien, zeigte den beiden Karthagern den Markt oer rn der Mitte des Lagers lag. Zur Rechten waren die Deutestucke aufgestapelt, befanden sich die Zelte der Sklavinnen, zur Linken wurden Korn, Fleisch und Früchte feilgehalten.
Gisko und Bomilkar staunten, als sie sahen, wie wenig Manner diese gewaltigen Schätze bewachten. Der Rumiderhäupt- ling erllärte ihnen, daß Gold und Silber geringen Wert in den Augen der Krieger hätten, die diesen Tand bei jedem Sturme in Hülle und Fülle eroberten.
Eine Gruppe von Söldnern, die bis zum Gürtel nackt waren, und deren Leiber von Muskeln strotzten, drängten sich herzu. In dem rauhen, wilden Idiome der Heeressprache machten sie Bemerkungen, über die sie ein wildes Gelächter anschlugen.
Die beiden Greise zogen die Köpfe hinter die Vorhänge der Sänften zurück. Doch bei den Zelten der Sklavinnen ließen sie abermals Halt inachen, denn selten hatten sie eine so große Menge schöner Weiber gesehen. Müßig lagen oder standen sie
uncher, alle nackt und nur mit Blumen geschmückt. Hinter ihnen waren die mit Zelten bedeckten Wagen aufgefahren. Der Platz, auf dem sie sich aufhielten, war gegen die Sonne geschützt. io daß sie ihre Helle Haut behielten.
Der Rumiderhäuptling erWrte: „Da der Besitz so vieler schöner Weiber zu Streit, Mord und Tücke führt, so erließ der Feldherr den Befehl, daß jedes Weib, das gefangen würde, der Zustimmung von zehn Kriegern bedürfe, um im Lager zu bleiben. Die anderen werden verkauft oder meöergehauen. Was aber die Weiber des Lagers angeht, so muh ein jeder Soldat, der eine begehrt, sie gleichsam vom Eunuchen, unter dessen Hand sich die Weiber befinden, zu einem für alle gleichen Preise kaufen. Wird ein Krieger seines Weibes satt, so gibt er sie wieder in die Hände des Obereunuchen zurück. Doch ist es verboten, sie in die Zelte der Rkänner zu führen, niemals dürfen sie ihren Platz verlassen. Rach drei Jahren aber, während denen sie im Lager gewesen, .wird über jede wieder Abstimmung gehalten, und nur, wenn sie wieder zehn Sttmmen gefunden, darf sie bleiben. So nahm der Hst^er ein Ende, der das Lager zu verwüsten drohte, ’öenrt schmählich empfindet es der Krieger, ein Weib zu lieben, das unter so vielen nicht zehn gewinnt, die es begehren."
»Als wäre aus dem Samen des Kriegers ein neues Volk st» erscheint mir dieses Lager," sagte Boinilkar leise *u ®l¥£- Dieser senkte feinen alten Kopf schwer zum Zeichen der Deistlmmung.
„ .Durch eine Reihe von kostbaren Zelten, die mit Purpur und Gold geschmückt waren, gelangten sie endlich! zu einem kleinen einfachen Zelt, dessen Gestalt kreisrund war. Das Tuch war aus der fernsten Kamelhaarwolle gesponnen. Es glich denr Zelte ernes der großen aftikanischen Häuptlinge des Atlas.
_. Dfi beiden Genannten ließen sich aus den Sänften heben. Ein Sklave eilte, sie anzumelden, kam aber mit der Nachricht zuruck, daß der Gebieter schlafe.
- Der Rumiderhäuptling kraute feinen dünnen Bart und meinte^ die Hitze Ware groß. Nichts auf dem Felde und auf der römischen Selle regte sich. Alle Krieger wachten. Das wäre die Gelegenheit, so sich der Feldherr Ruhe nähme. Und- die Gesandten sollten das ehren uiid warten.
, Disko schüttelte seinen mächtigen greifen Kopf und
Beftanö darauf: „Im Augenblick müssen wir ihn sprechen!" k«ner der Sklaven oder Krieger Miene machte, schlug er^ selbst die Zelttur auf und trat, Bomilkar nach sich ziehend, 0 «lte ??U12 toar ansefüllt mit Beute und Rüst stücken. Sn der Ecke befand sich ein kleines Schlissen und davor ein kleiner, ein Fuß hoher Tisch mit den Resten eines kargen Mahles: Oliven, gebratene Rüben und ein Stück gedörrter Fisch
regelmäßige Atemzüge drangen aus dem Rebenraum. Gisko hob die Zeltwanö zurück und sah den Feldherrn zusammen- gekauert imt untergeschlagensn Deinen auf einem Kissen hocken. Sn die rechte Hand hatte er das Haupt gestützt, der rechte Ellenbogen ruhte auf dem Schenkel, während die linke Hand in den langen, schwarzen Bart gewühlt war, den schon zahlreiche Silberfaden durchzogen. Gestalt und Gesicht waren von dem Weichen, Weißen, numidischen Reitermantel völlig verhüllt.
...Aber sobald die beiden das Zelt Betraten, hörten die reget» mäßigen Atemzüge auf, und sie sahen, daß sich das Auge, von dem der schützende Mantelzipfel gefallen war, auf fie richtete.
war ein so grauenvoller Blick, baß die beiden Gesandten erbebten. Ockergelb war der Augapfel, die Iris aber bestand aus einer gleichmäßig graublauen Masse, die unbeweglich- und starr war wie Schiefer.
Plötzlich sank bas Manteltuch von der anderen- Seite des Gesichtes herab, das grauenvolle Auge wandte sich ab und den belden Besuchern bot sich das edelste Profil. Ein schwarzes, kluges Auge sah sie forschend mit Harem Blicke an. Ernst und gewaltig war der Anblick dieser Gesichtshälfte mit den mageren Backen, der hohen Stirn und dem vom Eisenhelme kahl genebenen Schädel. Richts von der Starrheit der anderen toten Gesichtshälfte war zu spüren.
Mit gleichmütiger Stimme, in der aber Kälte und Abneigung zu hören waren, begann Hannibal also:
„Ich erkenne euch beide, Gisko und Bomilkar! Seid gegrüßt! Warum schicken euch die Suffeten zu mir? Habe ich euch nicht genug erbeutete goldene Fingerringe von toten römischen Rittern gesandt? Wieviel Scheffel waren es doch? Oder seid ihr gekommen, um mir zu sagen, daß die reichste Stadt des Erdkreises zu arm sei, mir die erbetenen dreißig Elefanten und zwanzigtausend Söldner zusenden? Oder wollt ihr meinen Rat befragen, wie das Volk zu besteuern sei, während-die Reichen, die Suffeten eure Sippen, möglichst steuerfrei bleiben? Sagt also schnell an Gisko und Bomilkar, weshalb habt ihr euch aus Karthago her- gemacht? Es ist besser, daß ihr bald wieder von hier scheidet, denn die Luft des Lagers ist rauh und meine Krieger sind karthagischen Senatoren, die sie oft genug darben ließen, nicht wohl gesinnt." t
Die beiden Gesandten senkten ihre grauen Köpfe. Endlich Begann Gisko: „Nicht unsere Schuld ist es, daß dieser Krieg so lange dauert. Du selbst hast ihn begonnen, du brachest den Frieden, als du ld.en Ebro überschritten, als du die Waffen von Spanien durch Gallien gen Rom trügest! Nicht unser Krieg ist
JMMMtat, tagen sich gewältig. Die Kerzen erloschen aus Wangel an Sauerstoff, so drängte sich die Menge um den Kata- faH. Kein Zar wurde so begraben. Solange es Gedemüfigte und Deleidigte und Hoffnung auf Erden gibt, wird man sich um ihn drängen. Um Vincent gähnt die Leere. In feinem Kellerloch grinsen undenkbare Schocken. Da malt man. Zypressen lodern entsetzt zum Himmel. Wolken schreien, von Furien gejagt. Da greift der Maler zrnn Messer. Vincent malt Sonnen und wird wum Mörder. Dostojewski malt Mord, und fein Leben geht in die Sonne. Es ist ja nicht wahr, daß er unglücklich war. Nur verrückte Dialektiker können dergleichen ersinnen. Nie hat es einen Glücklicheren gegeben. Wie hätte er sonst den Gipfel der Dichtung erreicht und wäre bis zum letzten Atemzug gestiegen? Das Glück bricht durch fein Schickfal wie Licht durch purpurnes Glas. Nicht einmal Vincent darf unglücklich genannt werden.
Sie starben mit ähnlichen Worten auf den Lippen. Aus Dowojewskis Herzen floß langfam das Blut und düngte die Erde seiner Heimat. Vincent schoß sich eine Kugel in den Leib, und seine Kunst kam ins Museum.
Keiner von beiden scheint das Schicksal unserer Welt — wenn davon zu reden erlaubt ist — aufhalten zu können. Auch Dostojewski nicht, der stärkste Kämpfer gegen das Unheil. Das bleibt abzuwarten. Beide haben das Unheil kommen gesehen. Auch Vincent. Die Glut ihres heißen Menschentums ist noch nicht in die Menge gedrungen. Noch ergötzt man sich an ihren Bildern und Geschichten, und die gewaltige Lehre ihrer Schicksale bleibt ungehört. Sie heißt: Zusammen! Und wenn schon das zu eindeutig klingt, so nenne man fie Glut. Wenn es einen Ausweg aus unserer aller Katorga gibt, eins ist sicher: keine wohltemperierte Aesthetik, kein Wissen, fein Verstand wird uns vor der Vereisung retten, eher noch die Wildheit irgendeines Dämons. Nie und zum wenigsten in diesem Augenblick kann Betrachtung die Glut des Erlebnissis ersetzen. Hüten wir uns vor dem Don- wort der Apokalypse, das Dostojewsfi am Schluß seiner „Dämonen "wiederholt: Ich kenne dich und deine Taten, du bist weder falt noch heiß. O, wenn du doch kalt oder heiß wärest! Dieweil du aber nur lau bist und nicht heiß noch kalt, so speie ich dich aus meinem Munde.


