Ausgabe 
3.11.1925
 
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Gießener Kmilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (925 Dienstag, -en 3. November Hummer 88

SteLnUlopfer.

Von Hans Franck.

Triff, was ich in wunden Händen halte, von der aufgeteilten Erde, Hannner!

Morgens bet ich: Mühsal! abends: Jammer!

Triff den Stein, der mir geworden! Spalte, was nicht wert ist, sich als ganz zu brüsten!

Viel zu lange hat es lau gewittert.

Os ist an der Zeit, daß es rings splittert.

Unsre Widersacher woran wüßten

Herr sie uns, wem: wir sie nicht zerschlügen?

Wähnt ihr Räkelnden in euren Wagen, daß den Sturm ich wie ein rissiges Riff fürchte? Will mir euren Anblick sparen !

Schützt euch nicht mein Strohschirm bei den Haaren riß ich euch herunter. Hammer, triff!

DoftojewfkL und van Gogh.

Von Julius Meier-Graefe.

Die Lebens- und Leidensgeschichte des großen Men­schen und Malers Vincent van Gogh hat Julius Meier- Graefe in einem sich zu höchster Dichtung aufschwingen- den Werk dargestellt, das zunächst in einer großen, teuren, nur wenigen zugänglichen Ausgabe erschienen war. Run wird die lange ersehnte Volksausgabe von Vinc e n t vom Verlag R. Piper u. Eo. in Mün­chen veröffentlicht. Der Verfasser hat ihr ein neues Vorwort vorangestellt, das eine eindringliche Parallele zwischen Dostojewski und van Gogh enthält.

Wir wissen von einem Menschen ohne Aesthetik, der auch solche Worte hatte wie van Gogh und die Fähigkeit besaß, sie auszusprechen. Er lebte noch in der Zeit van Gogh, aber unter anderen Vreiten, sehr weit entfernt von ihm. Mncent hat nicht einmal seinen Flamen gekannt. Dem gleicht er wie der verlorene Sohn seinem Vater. Dieselben Gründe, wo solche Worte wachsen, dieselbe unsinnige Liebe zur Menschheit, die über alles, selbst die eigene Dialektik hinweggeht, dieselbe rauhe Demut, dasselbe ur­sinnige Christentum. Die Aehnlichkeit ist so überraschend, daß ich einmal allen Ernstes in der holländischen Pastorenfamilie nach Ähnen-Beziehungen zu der Rasse des anderen zu suchen begann. Van Gogh mußte russisches Blut haben. Anders vermochte sich mein Verstand das Vorkommen eines zweiten Christen in unserer Christenheit nicht zu erklären.

Auch Dostojewski hat die heilige Glut, die seine Dürftigkeit leuchten macht, aber glüht stärker, von einer reicheren Erde ge­zeugt, um ein Unendliches größer, mit dem Auge des Sehers begabt. Er sieht die beginnende Vereisung der Welt, die Vincent nie begriffen hat und in seiner noch einfältigeren Demut für seine eigene Häßlichkeit und Schlechtigkeit nahm. Dostojewski er­obert sich leidend die Erkenntnis, und nachdem er sie hat, richtet er seine ganze Glut gegen den drohenden Feind und erringt die gewaltige Einheitlichkeit seines Kämpfertums, aus dem wir keine Bilder wegdenken können. Der Dichter nähert sich dem erlösenden Christ, und seine Dichtung wird werktätiges Christentum. Hier gibt es keine Verzichte. Dostojewski hätte nicht, wie Vincent mit letzter Besinnung sagte, lieber Heiligengestalten als Kohlköpfe malen wollen, sondern malte tatsächlich Heilige mit den Zügen von heute. Er erneute die Legende, und mit ihrer Vollendung fällt die letzte Scheidewand zwischen ihm und den anderen, und der Dichter eines Volkes, der Prophet, der Vater eines Volkes, und der Dichter der Gegenwart steht vor uns.

Dazu gehört außer der Kraft Dostojewskis noch etwas an­deres, das ein Vincent, wenn er sich verhundertfacht hätte, nie erreichen konnte, am wenigsten als Maler. Rußland gehörte dazu. Weil es dergleichen nicht für ihn gibt, daher ider fort­währende, kraftverzehrende Berufswechsel, daher das Drama. Dostojewski bleibt immer in demselben Beruf, und der Beruf rückt ihm nicht näher als er erlaubt. Vor allem Russe, dann erst Dichter. Die vollendete Dichtung ist vollendetes Russentum. In jedem Augenblick ist er bereit, den Roman hinzuwerfen, nicht um das Schreiben aufzugeben nie denkt er daran sondern um eine andere Schriststellerei, die schneller zum Volke führt, Journalistentum, Zeitungsmache, Korrespondenz zu treiben. Lart pour lart? Rur der verfaulte Westen kann solche Formeln er­sinnen. Allenfalls Hütte den ehrgeizigen Jungen solche Doktrin

gelockt. Sehr bald schmilzt seine durch Erlebiris vergrößerte Glut das Glashaus abstrakten Künstlertums, und die Eigensucht weicht der Demut des Helfers. Je weiter Dostojewski sortschreitet, desto mehr Tendenz nimmt er auf. Ganze Romane werden der Tendenz geopfert. Immer, selbst in den reifsten, bleibt ein volkstümliches Stück Handlung, dieses Gerippe aus Hintertreppe und Film, das jeden Leser, ob hoch oder niedrig, umklammert. Und erst wenn der Leser gepackt ist, füllt er ihn mit unerhörter Dichtung. Die Tendenz verlangt schließlich solchen .Umfang, daß sie in das All- menschliche, das Allkünstlerische übergeht.

Vincent wird den entgegengesetzten Weg getrieben. Wenn er endlich nach allen Jrrgängen zur Kunst kommt, umschlingt er sie mit dem krampfhaften Griff des Schiffbrüchigen um die treibende Planke. Alles, was ihm versagt wurde, Lehren, Priesterbestuf, Vaterhaus, Liebe zu Frau un6 Kind, Freundschaft, Bruderschaft, alles bürgerliche und geistige Dasein, Alltag, Festtag, alles steckt in der treibenden Plamke. Roch wehrt er sich gegen naheliegende Folgen des Berufes und verbietet sich die Kritik der Malerei von Künstlern, deren Gefühle zu ihm sprechen. Er geht noch weiter als der andere und verehrt oft Genossen der bescheidensten Art. Er kämpft gegen die Abstraktion, gewinnt die denkbar einfachste Form der Malerei und bildet sich ein, sie könne Armen und Einfältigen zugänglich werden. Die Angst um die fliehende Zeit reißt ihn Hin, und die Krankheit droht. Die Kunst ist der letzte Hort gegen das Unheil. Da hört die Malerei auf, Mitte! zu sein. Da werden Bilder zu Schreien, die man mit letzter Kraft melodisch machen möchte. Da wird Kunst nicht Weg zu Gott, sondern Gott selbst. Lart pour lart.

Richt Menschenschicksale, sondern Geschicke von Kulturen stehen hier einander gegenüber. Die Breiten-Differenz bedeutet nicht viel. Man kann sich den vaterlandsfrohen Russen als Vorgänger des vaterlandslosen Holländers denken, der zum tanzenden Punkt im Chaos wurde, und alles andere folgt von selbst. Außer diesem einen Unterschied gleicht sich das übrige in dem Leben beider. Dostojewski hat Vincents Los voraus- gesehen, und Vincent hat von Dostojewskis Schicksal entscheidende Seiten erlebt. Zusammen! ist das glühende Verlangen beider. Mensch, laß mich zu dir! Mag ich schlecht und häßlich, magst du klein und dumm sein, umarme mich, laß mich dich umfangen! Ist unsere Hingabe vollkommen, mutz sie zu einer Wiedergeburt führen.

Vincent wirbt um drei Frauen, die er liebt ober zu lieben glaubt. Auch Dostojewski hat um drei Frauen geworben und ist mit zweien beispiellos unglücklich gewesen. Mit der dritten, die unverhältnismäßig jünger als er war, hat es bis an sein Ende eine ideale Ehe geführt. Vincent war in einem finsteren Augenblick seines Daseins, als alle bürgerlichen Möglichkeiten erschöpft waren, genötigt, sich die dritte von der Straße zu holen, gleich dem Mörder Raskolnikoff, dem die Reinheit einer Dirne aufging. Sonja gab dem Mörder das Zusammen und führte ihn zur Auferstehung. Die Dritte Vincents gab ihm ihre .Unreinheit und machte ihn krank. Seitdem verzichtete et auf die Ehe.

Dostojewski, dessen verhaßter Vater von aufgebrachten Leib­eigenen getötet wurde, hätte der Vater sein können, nach dem den Pastvrenfohn verlmrgt. Hier, nur hier, nicht in dem protestan­tischen Pfarrhaus, gab es die Atmosphäre, die der Rastlose suchte. Gr kam so gut wie der andere in fein Sibirien. War seine Katorga weniger furchtbar als das Zuchthaus in Omsk? Es fiel dem Rusten nicht leicht, Ketten zu tragen und mit dem Mordgesindel, mit dem man ihn einsperrte, fertig zu tverden. Wenn aber Mncent die Memoiren aus seinem Totenhaus ge- schrieben hätte, würde man Omsk für einen Luftkurort halten. Mit dem Mordgesindel gab es immer noch zu dikutieren, und ein Dostojewski lernte eS. Es gehörte nicht einmal Genie dazu. Rach und nach entdeckt man Menschen unter den Kettenbrüdern, womöglich Kinder. Und wäre es nur die Kette, schon gäbe es Verbindung. Eines Tages entdeckt man fein Volk in der Katorga, und der Fund stählt Leib und Seele, entflammt den Entdecker. In der Katorga Vincents hausten Verrückte, und das einzig mögliche Zusammen mit ihnen war die Umnachtung des Tiers.

' Dies der Unterschied. Die beiden Katorgas bestimmen genau die Schicksale der beiden Verschwörer, den unpersönlichen Unter­schied zwischen Ost und West. Rur hier scheiden sie sich. Alles andere, zum Beispiel, daß den Russen epileptische Anfälle zwan­gen, sich einzurichten, daß Vincent mit einer etwas weitergehenden Krankheit zu rechnen hatte, das bedeutet nicht viel. 2tber der Unterschied zwischen den anderen, die sie umgaben. Grauenhafter Unterschied! Man zögert, das Unpersönliche des Gedankens zu Ende zu denken. Sie regen sich doch noch bei Dostojewski, die