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Die Dritte.
Eime heitere Erzählung aus dem Künstlerleben.
Von Heinrich Gienliewicz.
(Fortsetzung.)
Wenn ich wenigstens ihren Schatten durch das Fenster erblickt hätte, wäre ich beruhigt, so aber ergreift mich von neuem die Wut.
Was ich mit diesem Ofirzynskt bei der ersten Begegnung machen werde, weiß ich noch nicht.
Zum Glück ist er ein Mensch, der sich der Verantwortung nicht entzieh«: wird. Aber an weichem Punkte soll ich ihn anfaffen? Der Artikel ist wahrlich höllisch geschickt verfaßt. Ostrzynski leugnet ja, daß der Larfner ein verkleiderte Maler gewesen sei, er nimmt scheinbar Eva in Schutz, und verrät das ganze Geheimnis an Lelena. Augenscheinlich ist er bestrebt, Eva in den Augen Selenas zu kompromittieren, zugleich rächt er sich an mir wegen Kazia und macht mich überdies noch lächerlich. * , „ _ . ,.
Sätte er doch wenigstens nicht auch gesagt, mein Verstand sei
M Z I . j £ f» t
8 Nun ist es geschehen ... In Selenas Augen bin ich lächerlich gemacht. Denn sie liest den „Papierdrachen".
Achl welch eine Geschichte und welch ein Verdruß für Eva! Wie muß dieser Ostrzynski triumphieren! Es muß entschieden was getan werden, aber ich will Reporter des „Papierdrachen" werden, wenn ich weiß, was da zu machen ist.
Es kommt mir der Gedanke, Eva um Rat zu ftagen. Sie spielt heute . . Ich werde in das Theater eilen und sie nach Beendigung der Vorstellung sprechen.
Ich habe noch Zeit dazu. . .
Eine halbe Stunde später bin ich in ihrer Garderobe.
Eva wird gleich beendet haben; indessm sehe ich mich um ...
Unsere Theater zeichnen sich bekanntlich nicht durch luruttöse Einrichtung aus. Ein Zimmer mit weißgetünchten Wanden, z^i Gasflämmchen, die im Windzug flackern, ein Spiegel, ein WasA tisch, ein paar Stühle, in einer Ecke eine Chaiselongue, wahrscheiMch Privateigentum der Diva - das ist ihre Garderobe Vor dem Spiegel eine Menge von Toilettenutensllien, ewe Schale nicht zu Ende getrunkenen schwarzen Kaffees, Dosim mit Schminke und mit Puder, Augenbrauenstiste, einige Paar Landschuhe, die noch die Form der Lände behalten haben, dazwischen zw« falsche Laar- zöpse; an einer Seitenwand ein Stoß Kleider, weiß, rosa, dunkel, leicht und schwer. Auf der Erde stehen zwei Körbe voll mit Tolletten-
dem Kampf des Nebels, des Sturmes und der Sonne zu. Tief dunkelblau leuchtete Enzian überall zwischen d«n Grau des Gesteins, lieber die Gletscherbrüche des Schlattenkees' jagten die Wolkenschatten. Die „Schwarze Wand" drüben wurde für einen Augenblick zum Teil sichtbar. Doch der Nebel siegte. Dicht und grau, alles verhüllend, alles bedeckend zogen immer neue Massen heran. Schon fielen die ersten Tropfen.
Am Nachmittag desselben Tages noch stiegen wir von der Prager Lütte zu Tal. Der Steig führte immer an der Seite des Schlattenkees' hm und so bot jede Ecke einen neuen eigenartigen Ausblick auf die gewaltigen Eisabbrüche, mtt denen dieser Gletscher ins Tauerntal htnabstürzt. Die Geschlossenheit des Bildes wurde noch verstärk durch den Nebel, der immer nur einen Ausschnitt aus dem Ganzen frelließ. Baw brach der Gletscher in riesigen senkrecht übereinandergestellten Stufen ab, bald spaltete er sich in wild zerklüftete Grate und Zacken, llnd dieser ganze Formenreichtum war übergossen von den leuchtendsten grünen und blauen Farbtönen, die noch gesteigert wurden durch die eigenartige Lichtwirkung des darüberlregenden Nebels. Am Ende des Gletschers gähnte eine haushohe dunkle Löhle im Eis, das Gletschertor, aus dem der Gletscherbach herschoß, um donnernd über die Felsabstürze zum Talboden hinabzufallen.
Gegen Abend, gerade als der Regen durch unsere Windjacken durchzudringen begann, kamen wir in Inner-Gschlöß, der ersten Alm- fledlung im Tauerntal an, wo wir übernachteten.
Am nächsten Morgen hingen noch einige Helle Wolkenfetzen um die dunklen Massen der Berge, aber über «ns strahlte die Sonne vom dunkelblauen Simmel. Der Bach rauschte, die Glocken des weidenden Viehes klangen und die Almhütten uns gegenüber leuchteten in einem satten Braun. Vor ihnen spielten Kinder mit jungen Schweinen. Auf einmal riß der Wolkenvorhang im Talhintergrund auseinander und das strahlende, göttliche Weiß der Firnfelder des Schlattenkees' lag breit und ruhig da, eingebettet zwischen riesige Felshänge und oben begrenzt durch die Tiefe des südlichen Simmels. Lange noch hatten wir diesen Blick nach dem Talhintergrund, wenn wir uns beim Weitermarsch noch einmal umdrehten. Nicht weit von Inner-Gschlöß lag zur Seite des Wegs ein seltsames Bauwerk. Einen haushohen Felsblock, der einmal mit Donnergepolter von einer der Talwände heruntergekommen sein mußte, hatte man ausgehöhlt, mit Fenstern versehen und den Raum zu einer Kapelle gestattet. Allmähllch wurde das Tal immer breiter unb der Bach immer größer. Wir kamen in das Reich bet das ganze Jahr bewohnten Siedlungen. Noch einmal mußte fich der Bach zwischen hohen Felswänden hindurchzwängen, dann ttat er in ein weites Talbecken ein. Ueberall verstreut lagen Löfs, bis hoch hinauf. Oben noch zwischen dem Grün der Wälder und der Matten leuchtete das dunkle Gold reifer Getteidefelder. Eine weiße Burg lehnte fich an den Sang. Die heiße Lust flimmerte über der Weite des Tales und über den Läufern von Windisch-Matrei dem Ausgangspuntt so vieler Fahrten ins Lerz der Tauern.
leuchtende Gletscher, die dicht mtt Wottm verhangen waren. Sie sahen aus wie Salonmöbel, die gewöhnlich verhängt find und bei denen nur bei festlichen Gelegenheiten die Aebrrzüge weggenonm« werden. Nach langer Fahrt landeten wir, mit allen Schikanen durchgeschüttelt, in Rosental im Pinzgau. Nach der Pause stiegen wir noch zur Ruine, die über dem Orte am Lana liegt, und legten uns ins Moos. Gegenüber aus der anderen Talseite führten zwei enge Seitentäler zu den Gletschern hinauf, die im roten Abendlicht glühte«, das Unter- und das Obersulzbachtal.
Am nächsten Morgen schritten wir durch das taufeuchte Gras zum Eingang des Obersulzbachtals. Langsam stiegen wir immer höher Über den rauschenden Bach empor, noch immer im Schatten der gegeirüberliegenden Wände. Wir kamen an großen Almen vorbei, die sich hoch die Länge hinaufzogen. Langsam rückte der vergletscherte Talabschluß immer näher, lieber Schutthalden und Felsabfiürze stiegen wir dann mühselig in der sengenden Sonne zur Kürsinger Lütte hinauf, die, wie das bei einem so ersehnten Ziele immer ist, erst auf- tauchte, als wir davor standen. Unterwegs hatten wir Arbeiter überhott, die Balken zum Lüttenneubau hinaufschleppten. Sie hatten teilweise bis 100 kg auf dem Rücken. Welche Leistung das war, kann man aber nur voll würdigen, wenn man fich vorstellt, daß der Steig zur Kürsinger Lütte stellenweise in Felsstufen fast senkrecht emporführt und in seinem letzten Stück wegen seiner Äusgesetzthett durchweg mit Drahtseil gesichert ist. Dazu die Gbtthitze.
Oben auf der Lütte (2550 Meter) kamen wir gerade recht zum Schweineschlachten. Der Wirt war eben mit einem anderen Manne beschäftigt, dem Schwein mit einer Schöpflelle die Borsten abzustreichen. Drüben auf dem Neubau hantterten die Maurer. Aber dieser Alltag wurde erdrückt durch den Sintergrund vor dem er sich «bspielte. Da verschwand alles vor der ewigen Gewalt des blau- glänzenden Eises und des weiten, reinen Weißes der Firnfelder. Tief unter uns breitete sich der wildgezackte, den spitzen Giebelreiben der Zelte vergleichbare Gletscherabvruch der „Türkischen Zeltstadt^ aus. Ringsum aber glitten die riesigen Gletscher von all den stolzen Riesen der Venedigergruppe zu Tal. Fast impoMerender wie die elegante Spitze des Großvenedigers wirkte von hier aus der gegen- überliegende „Große Geiger".
Als wir am anderen Morgen um 3 Ahr von der Lütte ausbrachen, war der Simmel sternklar. Ein frischer Wind kam von den Gipfeln herunter. Bei Laternenschein tasteten wir «ns langsam über die Geröllhalden zum Zwischensulzbachthörl hinaus. Allmähllch wurde es Heller und wir konnten die Eisbrüche des Sulzbachkees' tief unter uns deutlicher erkennen. Die Sterne verblaßten, und als wir auf dem Gletscher Seil und Steigeisen anlegten, färbte die Morgenröte den Sorizont und die Wolken, die allmählich aufftiegen. Noch waren die Gipfel frei. Der hartgefrorene Schnee kMrschte unter unsere« Füßen. Der Gletscher stieg zunächst langsam an. Wir kamen ganz gut vorwärts, denn Spalten waren nur sehr wenige da. Dann aber kam ein steiler Firnhang, der zur Venedigerscharte emporleitete. Er war an und für sich ganz harmlos, aber uns fiel er sehr schwer. Das Gepäck drückte stark, wir hatte« Atembeschwerden, Ohrensausen und Lerzklopfen. Die Bergkrankheit hatte uns gepackt. Langsam, ganz langsam kamen wir vorwärts. Wieder ein paar Schritte und dann mußten wir wieder stehen bleiben, um Atem zu schöpfen. Von rechts her grüßte ganz nah der wächtengekrönte Gipfel des Großvenedigers. Wilde Eisabbrüche, in den wundervollsten blauen und grünen Tönen leuchtend, zogen fich von ihm zu uns herüber. Der Berg schien zu grinsen: „Seht ihr wohl, da könnt ihr nicht durch, da habe ich euch den Weg durchs Cis versperrt und hier könnt ihr auch nicht hinauf, weil euer Körper nicht will". Diese Serausforde- rung ließen wir uns aber nicht gefallen. Wir nahmen unsere Kräfte zusammen und standen dann bald oben auf der Scharte und ließen uns den Wind um die Nase blasen.
Nachdem wir vergeblich versucht hatten, ein paar Bissen zu essen, ließen wir unser Gepäck an der Schatte zurück und stiegen langsam weiter zum Gchfel. Wir waren so schlapp, daß es uns selbst zu viel war, den Photo-Apparat mitzunehmen. Der vorher harmlose breite Grat verengerte sich plötzlich kurz vor dem Gipfel, so daß er einem ins Anendliche abfallenden Sausdach sehr ähnlich sah. Wir waren ftoh, daß wir die Steigessen hatten. Unterhalb des Gipfels mußten wir noch einen Augenblick warten, um eine absteigende Partie vorbeizulassen. Dann über eine schmale Firnschneide hinüber und wir standen oben auf der Lberhängenden Gipfelwächte (3660 Meter), durch die ein paar Schritte vor unseren Füßen ein tiefer Spalt lief. Nun wäre die Reihe zu lachen an uns gewesen. Aber das durfte der Berg doch nicht zulassen. Er hatte eben an dem Tage aus irgend einem Grunde ichlechte Laune. Er sorgte daher dafür, daß im Nu sämtliche Gipfel ich in graue Motten hüllten. Nur der höhere Rivale, der Großglockner, gehorchte nicht. Frei ragte seine spitze Pyramide wer die Wollen hmaus. Doch schon bließ uns der Sturm die ersten Schnee- !locken ins Gesicht und auch die Gipfel der nächsten Umgebung ver- chwanden im Nebel. Wir machten also, daß wir zur Schatte zu unseren Rucksäcken kamen. Und dann liefen wir mehr, als wir gingen, über das Schlatterkees zur Prager Sütte. Vei jedem Schtttt sanken wir tief in den weichen Schnee, Spalten stellten sich uns entgegen und nmßten übersprungen werden und der Nebel braute sich immer dichter zusammen. Doch wir hatten Glück. Etwas müde, aber ftoh, schnallten wir unsere Steigeisen am Ende des Gletschers ab und rollten das Seil ein. Ein paar hundett Meter entfernt, manchmal tm Nebel verschwindend lag in den Felsen ein schmuckes hohes Saus, die „Neue Prager Sütte" (2810 Meter).
Arn die Mittagszeit lagen wir draußen, unterhalb der Sütte, zwischen den Felsen, um vor dem Winde geschützt zu sein, und sehen


