Ausgabe 
3.10.1925
 
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Gießener jamilienblätter

NnterhalLmgsbeUage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1925 Samstag, den 3. Oktober Nummer 79

Gruß an den Thüringer Wald.

Von Friedrich Lienhard.')

Du vielgloüige Rinderherde im Tal der wilden Gera, durch den Abend läutend wie die Wasser jenes rasche» Wildbachs, in dem wir so ost und lustig gewatet! Ihr Klänge der Elfenlieder, in amnutigem Neckspiel in mir nachhallend, als wäre der Wind dm Thüringer Wald entlanggelaufen und hätte holdselige Erinnerungm aufge­scheucht und zusammengetrieben zu melodischem Lerdengeläut! ...

Ihr Nebelgestalten, weißgrau anrauchend an dm Venetanerstein, auf dem die Löhenwanderer Rast hieltm, verwundert Hinausschaumd in die kochende, dampfende, wogende Tiefe, aus der sich kreisende Schatten erzeugten, emporwirbelten, auflösten: Wolfram von Eschenbach, Walther von der Vogelweide, Leinrich von Ofter- dmgen, Boten und Läufer des Rennstieges, Landgrafen der Wartburg, braunwangige Ritterstaum, singende Knappen, Federfilzhut auf leichtsinnigem Lockenkopf! ...

Ihr lehtm verwittertm Himbeersträucher cun Rmnstieg, dm wir entlang zogen mit nassem Schuhwerk und überttopstem Loden- mantel, mutterseelenallein wir zwei auf deinm Kuppm entlang, von Nord nach Südm, von Ruhlas Landgrafenschmiede bis zur Luther- feste Koburg!

O Thüringer Wald, schön zu durchfingen im sommerlichm Blau deiner Gebirgskämme, schöner noch im Nebelrauch und Blätterfall und Rauhreff eines königlich-einsamm Lerbstesl Sei mir gegrüßt, geheimnisvoller, wildschöner, unerschöpflicher Wald!

Friedrich Lienhard.

Zum 60. Geburtstage am 4. Oktober.

Von Franz Alfons Gayda.

Als Friedrich Lienhard 8m 4. Oktober 1865 in der Wald­verlorenheit der Vogesen im dörflichen Idyll Rothbach im Elsaß den glaubensstarken, wahrhaft gottesfürchtige« Eltern der Vater war ein trefflicher, charakterfester Dorfschuuehrer von jenemguten alten Schlag" als erstes Kind geboren wurde, war es natürlich, daß der Iiingling ein Geistlicher werdm sollte. Der Friede der Land­schaft, des umgebenden Lebens, die echte Religiosität in der Familie und eigene innerliche Seelenstinunung wirkten zusammm, um diesen Beruf als verehrungswürdig und gegeben zu erachtm. And wen» die poetischen Neigungen den Studentm der Theologie nach schweren inneren und äußeren Kämpfen schließlich doch überwindm sollten, so blieb dmnoch im gesamten Lebenswerk des Dichters und Dmkers ein hier mehr, dort stark ausgeprägter religiöser Ton als Träger der Lebensmelodie. Der Dichter selbst hat dieser Wesenheit seines Schaffens oft Ausdruck gegeben, wie er sich auch als Priester am Wort, an der Seele, am Volks- und Menschmtum von Anfang empfunden hat. Als Priester auch der unsichtbaren Kirche Gottes und Christi. In seltenem Maße erfüllt sich an ihm das tiefe Wort eines ähnlich gearteten Schaffenden unserer Zett (Paul Steinmüller): Alles war Beruf, das Löchste aber ist Sendung.

Zu dem Bewußtsein seiner Sendung, in den Besitz seines eigenen Tones gelangte LieWard durch den Zusammenprall mit dem in Berlin airbrechenden Naturalismus der neunziger Jahre. Die bloße Zivilisationskultur, der immer mehr herrschende Materialismus und dre Mechanisierung des Lebens im 19. Jahrhundert: das alles fand in diesem Naturallsmus den vollendeten künstlerischen Ausdruck. And der Zusainmenstoß des in Berlin als Sauslehrer tätigen jungen Drchters mit diesem Zeitgeist war umso heftiger und entscheidender, als er an Ort und Stelle erfolgte, und als sich hier zwei unversöhnliche, wesensfremde Clemente trafen: Leimat, Wald und Berge, Natur­verwurzelung, Sage und Märchen, Sehnsucht >md Geschichte, Vater­land und ^,rad»tton, tiefe erlebte und gestaltete christliche Religiosität - mtt der hermatlosen, steinernen und naturfremden Großstadt, wurzellosen internationalen Sttömungen aller Art, mtt der Nüchternheit der Zahl, des absoluten Kampfes um das tägliche Brot, mit den politrschen und sozialen, antinationalen Sttömungen, mtt emem Gerste, der letzten Endes unfruchtbar, weil negativ-kritisch war.

Aber dieser Kampf gab dem suchende» unb ringende« Dichter Plötzlich alles: Ziel und Weg und die Erkenntnis der Mittel zu jenem Kampf um die Durchsetzung, Verbreitung und Geltung des deutsche» Idealismus, den Friedrich Lienhard erfolgreich bis auf den heutige« Tag geführt hat. lieber die Kunst das Leben, und höher als die Seele auf diesem wesentlich deuffchen Erkenntnisgrunde touf Lienhard sein in Gefühl und Forrn selten reines, wenn m der Form auch oft etwas konventionelles, harmonisches Lebenswerk. Die offizielle Kritik, vorzugsweise Berliner Richtung, hat fast durchweg eine

) Aus dem Thüringer Tagebuch, (Greiner & Pfeiffer, Stuttgart.)

negativ-kritische Stellung zum Schaffen Lienhards eingenommen und so fft dieser Tag des 60. Geburtstages des Dichters ein besonders gegebener Anlaß, öffentllch sestzustellen, daß diese Kritik von einem gänzlich falschen und gerade hier unzutteffenden Standpuntt aus­gegangen ist. Lieber die einzelnen Leistungen und künstlerischen Schwächen eines Schiller hinweg bleibt das ungeheure geistige Feuer, das aufteißend«, hinreißende und ewigkeitsdurchwehte gewaltige Ethos dieser einmaligen Persönlichkeit rmvergängliches Erlebnis der ganzen Menschheit. Größer als der Künstler Schiller, größer als die Kunstvollendung der einzelnen Werke war die göttliche Sen­dung, war die ethische Vollendung im geistigen Menschen Schiller. Aeber die Äunft das Leben!

So hätte die Kritik bei Lienhard schauen müssen auf das werk­schaffende Element: das Ethos hätte erst nachgehen müssen dem Willen dieses Kunstschaffens und von dem so gewonnenen Standpuntt aus die Leistung bewerten müssen. Bet Lienhard steht die Kunst im Bunde mit der Religion, mehr noch, mit dem deutschen Genius. And die Formen der Kunst sind ihm zumeistAusdrucksmittel für den deuffchenIdealismus, den er zwar nicht neuschaffend fortftihren konnte, aber in dessen Geist er seiner Generation und den kommenden deutsch- bewußten Generationen zahlreiche künstlerisch und menschlich wertvolle Gaben schenken konnte. Seine besonders erfolgreichen Romane: Oberlin",Der Spielmann", der elsässische RomanWefl- mark", die tu der Leintat- und Volkskunde-Bewegung führenden WanderbücherWasgaufahrten" undThüringer Tagebuch" werden durch die bedeutsamen mtt» bildenden WerkeWege nach Weimar" undDer Meister der Menschheit" in dem Ziel der Beseelung, Verinnerlichung und Erstarkung im deutschen Ge­danken glücklich und weithin wirksam ergänzt. In den Gedichten, die unter dem TitelLebensfrucht" gesammelt erschienen sind, finden sich reife, künstlerisch vollendete und wundervoll beschwingte Verse Lieder, die in der deutschen Jugendbewegung Seimattecht gewonnen haben. Aber auch der Dramatiker Lienhard schuf Werke von künstlerischer Kraft und geistiger Fülle, deren Bühnenleben ihre Bühnensicherheit unbedingt offenbaren würde allen voran seien hier fünf besonders abgerundete Leistungen vernrertt: Odysseus auf Ithaka, Wieland der Schmied, Leinrich von Ofterdingen, Till Enlen- spiegel und Münchhausen.

Innerhalb der literarffchen und künstlerischenRichtungen" und Bewegungen" der letzten Jahrzehnte steht Lienhards Werk auf besonderem Platz, erlangte es die Geltung als Sitter, Bewahrer und Mehrerdes Reiches", schuf es an der notwendigsten deutschen Auf­gabe dieser notvollen Zett: an der deutschen Seele. Aeber die literan- schen Kämpfe und Wertungen hinaus bildete sein Schaffen und Wirken (auch als Lerausgeber der bedeutenden deutschen Kultur­zeitschriftDer Türmer") eine große Gemeinde vorzüglich jener Deutschen, die in bester deutscher Aeberlieferuna wurzem und gegen den mörderischen Zeitgeist jene Kräfte und Säfte suchen, die immer wieder aus dem Geffte des deuffchen Idealismus strömten und einzig fähig sind, Deutschland den Deutschen wiederzugewinnen. So über­wand das lebendige und lebengestaltende Element, wie bei jeder echten und bedeutenden Persönlichkeit, die verstandesmäßige und oft vor­eingenommene Kritik. Aber geistige Führer vom Range eines Lienhard besitzen wir nicht allzu zahlreich darum ist zu wünschen, daß sein Schaffen immer weitere Volkstteffe ergreift, daß sein ge­sundes, schöpferisches Echos immer mehr lebendig werde in Laus und Familie, in der Jugend und im öffentlichen Leben. Vorzugsweise der deuffchen Familie kann sein Werk wertvolle Kräfte geben, während ein Teil der deutschen Jugendbewegung schon lange Lienhard als ihren Meister und Führer ins seelische Gebiet, zur Kraft der Sülle, zum Glauben an das Licht und die Größe, gefolgt ist. Der Dichter, der das Wort von der Notwendigkeit der Reichsbeseelmtg geprägt hat, ist auch ein starker Seifer dieser Aufgabe geworden. Zu den großen ethischen Anregern Lerder und Leinrich von Stein, Carchle und Emerson dürfen tote auch Friedrich Lienhard stellen, der aber noch ein bedeutendes Mehr »nitvringt kn der ost wundervollen poe­tischer» Durchdringung, in der phllosophischen und geschichtliche» Durchbildung, in der Vielsatt der künstlerischen> schriftstellerisch«« Ausdrucksmittel für seine edlen Absichten.

Die Sttahlungskrast seines Schaffens wird »och lange wirksam sein, sei» Kampf um die Erfüllung der deuffchen Mensche« mit den beiden einzigen Kräfte«: Geist und Gemüt wird Früchte ttage» wie er bisher geholfen hat, die Macht des Naturalismus zu schwäche» »mb den Weg für den ausbrechenden Neutdeallslnus zu bereitem DieGesammelten Werke", die soeben in einzelnen Reihen in würdiger Ausstattung zu erscheinen beginnen geben einen tunfassenden Einblick in die vielgestaltige, hochgessimmte, heldische Geistesnrelt eines Dichters und Ethikers, den tote ehren sollten durch Anteilnahme, durch Verbreitung von Werk und Idee. Das Leben fragt nicht nach den verstandesmäßigen und papierenen Maßstäben nörgelnder und