— W -
Schriftleitung: Dr, FrieLr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brübl'kchen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange- Vieh««.
Der Fährmann von Niederhausen.
Von Heinrich Dechtolsheimsr, (Fortsetzung.)
„Du hast recht," sagte der Mann, „die Dicht zwickt mich in den Deinen, and mit dem Fuhrwerk kann ich nicht mehr fo recht umgehen." . 1
„Der Hannes Wild," erwiderte die Frau, „ist ein braver Mensch, mit dem kriegen wir keine Last, der tut, was toir wollen,"
„Schaffen kann er," war die Antwort, „aber er ift sonst recht überzwerch, Staat kann man mit so einem Lochtermann nicht machen. Die Leute lachen, wenn er so breigedreht daherkommt und so langsam spricht. Er hat aber, das mutz man gelten lassen, ein schönes Vermögen, Frau, rede du einmal mit der Christine und frage sie, wie sie gesinnt ist."
Damit stand Peter Wenzel auf und ging, tote es am Sonntagnachmittag feine Gewohnheit war, zum Kartenspiel in das Wirtshaus,
Die Rachbarsleute hatten wahrgenommen, daß Metz längere Zeit bei Wenzel verweilt hatte, und mit dem Instinkt, den man in solchen Dingen in einem Dorfe hat, hatte es sich ichlwll herumgesprochen: Der will eine Freievei machen, Sogar bis zu Nikolaus Sachs und feinem jungen Freunde war diese Nach- richt gedrungen. Michel wollte gerade nach Hause gehen, um die Pferde zu füttern, als der Müller von Oberhausen, der m Riederhausen gewesen war, dem Fährmann die Kunde zurief, Da war Michel ganz bloß geworden, wie geistesabwesend ftarrte er vor sich hin. Soeben noch lagen die jenseits der Rahe ansteigenden Höhen in ihrem grünen Schmucke vor ihm, und der Fluß schimmelte im Lichte der nach Westen hinübergleiten- den Sonne, das Wasser rauschte, als sänge es em schönes Volkslied, und nun war dem Jüngling alles schwarz und düster, und tote Totenklage tönte es ihm aus den vorüber- gleitenden Wellen entgegen.
Dem Fährmann war die Bewegung seines jungen Freundes nicht entgangen. „ , „ ...
„Michel," sagte er, „ich sehe, daß du ein Auge auf die Christine hast. Glaube doch nicht, daß der alte Wenzel. awch wenn er ein guter Kerl ist, dir seine Tochter gibt. Du bist ein armer Kneckt, und sie ist eine reiche Bauerntochter. Geld will zu Geld, und eher läuft die Rahe nach Oberhausen, als eine Bauerntochter einen Knecht nimmt, Sei kein Narr! Wenn ich jung wäre wie du, ich ginge gleich nach Amerika, dort liegt das Geld auf der Gasse. In zehn Jahren bist du drubeiV ein gemachter Mann, und wenn du dann wieder nach, Rieder- Hausen kommst, fo lachst du die reichen Bauern aus
Der junge Mann erwiderte kein Wort auf die Rede seines Freundes, er sagte nur: „Ich muß jetzt in den Stall, gute Rächt, Rikela," , . - , ™
Auch Christine hatte unterwegs schon gehört, daß der Makler bei ihren Eltern gewesen sei, und die Freundinnen, bei denen sie weilte, hatten scherzhaft gesagt: „Zu deiner Hochzeit mußt du aber uns alle einladen. Sag uns doch, wer dem Hochzeiter ist.
Christine hatte gelacht; denn sie hatte gedacht, daß der Makler dem Vater etwas habe abkaufen wollen, dann aber wurde sie bedenklich und unruhig. Die anderen fangen ein gefühlvolles Lied vom Schatz, der em Reiter ist und Abschied nimmt, um in den Krieg zu ziehen, da verließ sie still die Stube und eilte nach Hause.
Sie traf die Mutter in der Küche beim knisternden Feuer. Mutter, was hat der Metz gewollt?" fragte sie hastig.
Die Mutter war etwas verlegen, wußte nicht recht, wie sie diese Frage beantworten sollte. Dann setzte sie sich auf den Küchenschemel und sagte: „Christinchen, der Vater kann nicht allein die Arbeit besorgen, es muß ein lunger Mann in das Haus, du kannst eine gute Partie machen,"
Wer ist es, Mutter?"
"Es ist dem Vetter Wild von Obermoschel sein Hannes, er ist ein braver und sparsamer Mensch."
„Mutter, den überzwerchen Hannes, über den die Leute ihre Spässe machen, den soll ich nehmen? Das könnt ihr mir nicht antun. Ich müßte mich ja schämen, wenn ich mit dem über Land ginge, Voriges Jahr war er auf dem Kreuznacher Markt, da haben einige Spaßvögel gesagt, er müsse eine Person heiraten, die dort die Harfe spielte. Da haben sie der Person Geld gegeben und sie hat sich im Tanzzelt dicht neben den Hannes gesetzt und gesagt, er sei ihr Hochzeiter. Da hat er sich so geschämt, • baß er geweint hat, bis der Johann Michel Günther von Feil gekommen ist und den Spaßvögeln gesagt hat, sie sollten ihre Dummheiten mit dem armen Kerl lassen."
.Christinchen, der Hannes ist ein guter Mensch. Wenn auch die Leute manchmal über ihn lachen, das hört auf, wenn er eine tüchtige Frau hat. Er kriegt ein schönes Vermögen, lauter gute Aecker hat sein Vater und drei Morgen Wald, und seine Mutter gibt ihm so viel Getüch mit, daß seine Frau ihr Lebtag nichts mehr anzuschaffen braucht," _ , _
„Mutter, lieber gehe ich in die Rahe, als daß ich den Hannes nehme."
„Wie gemahnst du mich, du irrst ja. so, als ob die «n anderer tm Kopfe stecke."
Christine, die blassen Angesichtes vor der Mutter gestanden hatte, wurde bei diesen Worten glühend rot, doch die Mutter nahm nichts davon wahr, da gevade aus einem Topfe das kochende Wasser überlief, und sie den Deckel abnehmen mußte. Die Tochter eilte in ihre Kammer und war an diesem Abend nicht mehr zu sehen.
Ein seltsames Zusammenleben der Menschen, die im Hause waren, begann mit diesem Tage. Kaum ein Wort redete Christine mit Michel, so daß die Eltern glaubten, sie sei stolz geworden und halte sich für zu gut, dem Knechte ein Wort zu gönnen, lieber den Antrag des Valentin Metz wurde im Hause nicht mehr geredet, die Arbeit drängte, unb alle waren von früh Äs spät bei der Arbeit. Jeden Tag galt es, Klee zu mähen und Dickrübenblätter für das Vieh nach Hause zu bringen, Im Wingert wurde das Unkraut ausgehackt, nachdem man schon früher die Reben mit Stroh ober Bast an die Pfähle geheftet hatte. Wer auf der Landstraße durch das Rahetat ging, sah. wie die Leute an den BerghLngen im grünen RebgMnde arbeiteten, hörte, tote der Karst auf dem steinigen Boden klirrt«, wie die jungen Burschen dort sangen ober einander über weite Entfernungen zuriefen. Weiter unten und im Tale waren Frauen auf den Aeckern, um Klee zu schneiden, Männer hackten Kartoffeln, die Gänseherde zog auf Feldwegen einher, und der Fluß zog langsam dem Rheine zu. Im Schilf schnatterten die Enten.
Frühzeitig kam in diesem Jahre die Kornernte: denn die Sonne hatte feit Pfingsten mit Hellem Glanze geleuchtet, und anhaltender Regen war ausgeblieben.
Die Leute des Peter Wenzel banden Gerste auf einem Acker, der an der Landstraße nach Aorheim liegt. Es war Samstagabend, und die Glocken hatten schon den Sonntag eingeläutet, aber noch durfte die Arbeit nicht rußen; denn man wollte das Getreide Über den Sonntag nicht ungebunden auf dem Felde liegen lasten. Michel Klee und ein Taglöhner banden die Garben mit starken Strohseilen zusammen, Christine und die Dienst- magd trugen das geschnittene Getreide herbei und legten es auf die Seile. Peter Wenzel rechte die liegengebliebenen Aehren zusammen, Allmählich wurde es dämmerig, aber noch war man nicht am Ende des Ackers angelangt. Auf der Straße hielt der Erntewagen, nun lenkte ihn Wenzel über die Stoppeln, weil man mit dem Binden fertig war und laden konnte. Der Tag- Löhner gabelte die Garben, die ihm die Magd reichte, hinaus aus den Wagen, und Wenzel setzte sie zurecht.
Michel und Christine waren etwas abseits von den anderen mit dem Binden der letzten Garben beschäftigt, Es fing an zu dunkeln, die Mondsichel stand über Len Höhen der rechten Flußseite, es war still, nur ein Erntewagen knarrte auf der Straße vorüber. Da, in der Ruhe und Feierstimmung des Abends faßte sich Michel ein Herz und sprach zu dem Mädchen: „Christine, im Dorfe erzählen die Leute, baß du den Obermoscheler Hannes heiraten sollst," „
„Ach, Michei." sprach sie, „wie ist mir das Herz so schwer. Der Hannes ist ja kein böser Mensch, ober ich kann ihn nicht aus- stehen mit seiner ungeschickten Art und seinen langweiligen Gesprächen. Mit einem solchen Manne kann ich mein Leben nicht zubringen." „ , <
„Christine, ich hatte gemeint, daß ich dir nicht gleichgültig sei. Sieh, ich bin ja nur ein armer Bursche, und meine Eltern waren geringe Leute, aber ich kann schaffen, und dann, du bist mir lieber als alles. Mit dir ging ich bis ans Ende der Well. Wir hatten einen Kapitän in unserem Regiment«, der hatte die Brust voller Orden, der Marschall Reh hat ihm bei der Besichtigung die Hand gegeben, er war der Sohn eines Holzhauer- aus Pfalzburg bei Zobern."
„Ich weiß, Michel, daß du alle Arbeit verstehst, der Vater hat schon oft gesagt, daß er dir das ganze Gut anvertrauen könne. Wir zwei könnten miteinander glücklich und zufrieden leben. Was helfen die Aecker, was hllft das Geld? Der Franz Höfer aus Ebernburg hat sechzig Morgen Aecker gehabt und hat bare fünftausend Gulden mit in die Ehe gebracht und ist ein so schrecklicher Trinker geworden, daß man ihm alles versteigert hat. Und die Eva Kilz von Aorheirn, die so viel Geld geerbt hat, ist am Nervenfieber gestorben."
„Christine, ich weiß, tote wenig Werk das Geld hak. MU zweihundert Mann ist meine Kompagnie bei Leipzig in das Gefecht gezogen, und, als wir uns am vierten Tage gesammelt haben, waren es nur noch dreißig. Alle anderen sehen die Heimat nicht mehr, es waren Söhne reicher Eltern unter ihnen, der Sohn eines Weinhändlers aus Neustadt an der Hardt, und der Sohn eines Notars aus Bingen." .
Der Erntewagen, der zur Hälfte beladen war, fuhr naher heran, und das Zwiegespräch der beiden war beendet. Im Abenddunkel bewegten sich die arbeitenden Menschen um bat Wagen, bald war er belaßen. Wichel faßte das Zu--der-Hand- Pserd am Zaume, und heimwärts ging die Fahrt, In tiefem Schweigen ging Christine neben ihrem Vater her,
(Fortsetzung folgt)


