Ausgabe 
3.1.1925
 
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wieder absahren. Zurück nach Neusüdwales, wo seine Lebens­arbeit lag und auf ihn wartete.

Vorher aber galt es noch, den Rektor aufzusuchen, seinen alten Rektor. Zweiter Swck, ja, zweiter Stock, rechts hinten.

Leise hatte er das Klassenzimmer 46 wieder geschlossen, war noch eine Treppe aufgestiegen und klopfte hinten rechts.

Herein!"

3a, das war des Rektors Stimme.

Er war eingetreten und sah den weißgewvrdenen alten Rektor schreiben, an langen Bügen schreiben. Er kannte diese Bögen, die Qualifikationslisten der Schüler, die die Schule in ihren Aktien behielt. Der Statistik halber, und man konnte nie wissen, ob nicht vielleicht später der oder jener...

Sie wünschen?" Gleichmütig sah der alte Rektor auf. Wie war sein gutes altes Gesicht verrunzelt. Wie war sein Scheitel licht geworden. Aber die Augen, die blauen Augen hinter der goldrandigen Brille waren noch die gleichen.

Ein ehemaliger Schüler von Ihnen, Herr Rektor, hat wir aufgetragen, einen Gruß zu bestellen."

Sv, so, einen Gruß, einen Gruh?"

3a, einen Gruh von Fritz Wackernagel, Herr Rektor." Wackernagel Wackernagel Fritz warten Sie Wackernagel, ja, ja, weih schon, weih schon

Er hat mir gesagt, dah er kein guter Schüler war

Hm, kein guter Schüler? Ra, es ging es ging absolvierte dreiundneunzig, glaube ich warten Sie Warten Sie"

Er hatte doch hinaufgereicht an den Registraturschrank und einen blauen Akt hervorgeholt. Darin blätterte er.Ahlig Franz Äser manu Heinrich Blissinzer Karl warten Sie warten Sie Blissinger Karl da ist er ja schon Wackernagel Fritz . . .

Er war ganz versunken in die Qualisikativnsliste.

Der Fremde räusperte sich.3m Lateinischen, glaub ich, war Fritz Wackernagel nicht besonders, Herr Rektor?"

3m Lateinischen? Kaum genügend kaum genügend"

And im Griechischen, glaub ich, war er auch nicht viel besser?"

3m Griechischen? Kaum genügend steht da, kaum ge- nügeitd. 3a, ja, und in der Mathematik, da steht auch! ein Kaum genügend. Aeberhaupt, überhaupt. . ."

Aber in der Geographie, sagte er mir"

3a, in der Geographie und im Deutschen, da war er gar nicht übel. Sehen Sie, das rih ihn wieder heraus, damals/ in der Abiturientenprüfung. Trotzdem er da die dumme Geschichte hatte mit der Reliefkarte. Aber er hat es wieder in Ordnung gebracht das muß man sagen aber. . . Er sah erschrocken auf.

Entschuldigen Sie, ich erzähle Ihnen da ich weih nicht es war dumm von mir vielleicht wissen Sie gar nicht..."

Des fremden Mannes Augen glänzten.

Doch, doch, Herr Rektor. Ich weih alles, altes. Bor mir har der Fritz nie ein Geheimnis gehabt. Ich weih recht gut, dah er die schöne Reliefkarte, aus die er ganz versessen war, einen Tag lang in seinem Zimmer ausgehängt hatte"

Leihweise, bitte, leihweise

And daß Sie dann, Herr Rektor"

Ich? Rein, nein, da hat er Ihnen etwas vorgeflunkert, der Wackernagel; das hat er alles selbst ins rechte Blei ge­bracht, jawohl, ganz von selbst. And übrigens, das muh ich Ihnen sagen, ich habe ihn sehr gut leiden mögen, den Wackernagel, ttotzdem er fein Sitzfleisch hatte damals und es knapp zuKaum genügend". Er machte eine ergänzende Bewegung über die Qualifikationsliste.And Sie kennen ihn also? Aird einen Gruh an mich hat er Ihnen hat er Ihnen? So, so, so? And wo ist er denn? Wie ging wie ging?

Er war ganz lebhaft geworden, der alte Herr.

Der Wackernagel? V, dem geht es gut. In Australien Mt er jetzt und kauft ein Bergwerk um das andere."

Der Wacker hm, der Wackernagel Fritz?" And ungläubig ging sein Blick wieder über dis Qualisikationsliste «US dem Jahre achtzehnhundertunddreiundneunzig."

3a, der Wackernagel, Herr Rektor. And ein gehöriges Stück Glück hat er auch gehabt, der Mensch."

And da erinnert er sich noch nach zwanzig Jahren an fein altes Gymnasium wirklich, das ist das ist"

3a, und den alten Schulhof, Herr Rektor, hat er mir «Mfgetragen, den muh ich noch besonders von ihm grühen."

Den alten Schulhof, so?"

Des Rektors Augen betonen plötzlich einen anderen Ausdruck.

3a, ich hab' ihn angesehen, Herr Rektor, beim Herauf­gehen. Es ist ein wundervoller Schulhof, ein Schulhof mit Bach und Rasen und mit Hügeln."

Hat was, mein Herr, hat was! Mit dem ist's vorbei. Den haben sie uns gekündigt. Jetzt nach dreißig Jahren, mein Herr. Verbauen wollen sie ihn. Hohe Häuser, hohe Miets- kasernen. And wir mitten drin und ohne Hof. Da ist unser Schulhaus auch geliefert. And das alte Frundsbergghmnasium muh hinaus vor die Stadt, wissen Sie, aus der Frundsberg- stratze in die Pariser Straße oder so was oder so was . .. ."

Er war aufgesprungen und hatte bei derPariser Straße" zweimal kräftig auf den Tisch geschlagen. Dann aber besann er sich.

Entschuldigen Sie, mein Herr, daß ich mich vergesse. Sie sind ein Fremder, und was kann Ihnen schließlich an unfern alten Schulhof an unferm alten Schulhof . . ."

Des fremden Mannes Augen glänzten.

Aber sehen Sie," fuhr der alte Rektor wieder fort, sehen Sie, ich bin ein alter Mann, und das Haus und der Schulhof, die sind mir beide ein wenig an das Herz gewachsen. And ich weih auch, die Jungens dah die Jungens. Run, wenn sogar der Wackernagel, der Wackernagel Fritz, aus seinen Bergwerken in Australien nun, sagen Sie mal selber?"

Der Fremde war auch aufgestanden und an das Fenster getreten. Das ging auch auf den Schulhof hinaus. Gelb sah der Kies herauf und Wintergrün der Rasen, weih der Schnee am Rande des Wassers, und der Bach erglänzte . . ."

Herr Rektor," sagte er, und seine Stimme schwankte ein wenig,Herr Rektor seien Sie nicht böse ich habe die Hvsgrundstücke da brunten vorgestern selber gekauft aber bauen will ich nicht darauf, wissen Sie, sondern hier habe ich einen Pachtvertrag einen neuen Pachtvertrag aus zwanzig Jahre er ist nicht schlechter und nicht besser als der alte unterschrieben ist er auch schon von mir, vom Schulrat nur Ihre Anterschrift fehlt noch, Herr Rektor...

Der Rektor hatte in freudigem Schrecken seine goldene Brille abgenommen und war dem Fremden dicht vor die Augen getreten, dem Fremden, der das alte Schulmännlein um Hauptlänge überragte.

Entschuldigen Sie Sie haben mir ja Ihren Rumen nicht genannt ich weih ja gar nicht wirklich, ich weih ja gar nicht

Seine zittrigen alten Hände hatte der Rektor halb erhoben. So wie er es immer machte, wenn er einem Jungen die väterliche Meinung auseinandersetzte.

Nochmals seien Sie nicht böse, Hrr Rektor ich bin der Wackernagel selber."

Da sagte der Rektor gar nichts mehr, sondern kritzelte seinen Namen unter das Schriftstück, das der alte Schüler auf dem Schreibtisch ausgebreitet hatte. And während er mit der rechten Hand unterschrieb, griff die Linke nach der Qualifikationsliste des Wackernagel Fritz aus dem Jahre 1893. And dieweil bann der Fremde den unterschriebenen

Berttag faltete und in die Brusttasche schob, hatte der Rektor an den Rand der Qualifikationsliste noch einen Vermerk gesetzt, mit tiefgebücktem Kopf, langsam und deutlich schrei­bend: Weihnachten 1923: Wir haben uns in dem Schüler doch geirrt. NichtKaum genügend", sondernGenügend". Wissen Sie," sagte er lächelnd während des Schrei und ohne aufzusehen,wissen Sie, mehr als eine halbe Note Korrektur erlaubt die Satzung unserer hohen Schulbe­

hörde nicht."

Aber als er aussah, sah er nur noch, wie sich die Tür­klinke von drauhen bewegte Fritz Wackernagel hatte sich davongeschlichen.

Technische Rundschau.

Von Dr. Albert Neuburger.

3m Jahre 1897, als die erste Kunde von Marronis gelungenen drahtlosen Versuchen die Welt durcheilte, gab der berühmte englische Physiker Ayrton seiner Begeiste­rung mit den prophetischen Worten Ausdruck:Einst wird kommen der Tag, wenn wir alle vergessen sind, wenn Kupfcr- drähte, Guttaperchahüllen und Eisenband nur noch im Mu- seum ruhen, dann wird das Menschenkind, das mit dem Freunde zu sprechen wünscht und nicht weih, wo er sich befindet, mit elektrischer Stimme rufen, welche allein jener