Gießener zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (925 Samstag, den z. Januar Nummer \
Kaum genügend.
Von Fritz Müller.
Eben hatte die alte Frundsbergerstratze widerhallt vom Gelärm der Gymnasiasten, die in die Weihnachtsferien zogen. And schon fünf Minuten später war alles still vor dem großen grauen Hause, das sie das Frundsberggymnasium hießen.
Aber halt — da ging nochmals die Mitteltür auf. Der alte Pedel Mittermaier streckte Len Kopf heraus, hielt mit dem linken Fuß die Tür fest und begann umständlich zwischen Tür und Angel zu schnupfen. So eifrig war er bei der Sache, daß er übersah und überhörte, wie ein Mann die sieben ausgetretenen Treppenstufen zum Portal heraufkam:
„Erlauben Sie, ist Herr Rektor Ritz noch oben?"
Der Rektor vergaß aufs Riesen, so war er erschrocken.
„3a, Herr Rektor Professor Doktor Ritz ist noch im Amtszimmer," sagte er.
„Danke," erwiderte der Fremde und war schon in der Halle.
„Zweiter Stock rechts hinten," rief ihm der Pedell noch nach.
„Weiß schon, weih schon, Herr Mittermaier. Halten Sie sich gar nicht auf!"
Zum zweitenmal vergaß der Pedell aufs Riesen, und die schon gehobenen Aasenflügel nahmen enttäuscht die normale Stellung wieder ein.
„Hm," sagte der Pedell, schüttelte den Kopf und schob im Weitergehen die schwarze Amtsmappe aus der linken Achsel unter die rechte, „hm, woher weiß der fremde Mensch — hm, woher weiß der fremde Mensch . . .?"
Der Pedell Mittermaier hatte nämlich die Gewohnheit, seine Sätze nicht fertig zu machen. Dafür wiederholte er von der Mitte ab die erste Hälfte. Das war dann grab so gut, behauptete der Rektor Professor Doktor Ritz. Denn von diesem hatte er die merkwürdige Angewohnheit angenommen. Wenn man dreißig Oahre lang beisammen ist, kommen solche Angleichungen von selber.
Der Fremde hatte inzwischen nur die ersten Onnenstufen eilig erstiegen — solange ihm nämlich der Pedell nachsah. Dann hielt er ein und ließ sich Zeit. Er schaute auf die Stufen und konstättsrte mit einem Lächeln, daß sie alle rechts mehr abgenutzt waren als auf der anderen Seite.
Auf dem ersten Treppenabsatz blieb er stehen und sah zum Fenster hinaus. Da lag der Schulhof. Er machte geschwind die Augen zu.
„Woll'n mal sehen," dachte er für sich, „ob ich's noch weiß. Also, da kommt zuerst ein Stteifen gelber Kies —“
Er sah mit überdachten Augen hinaus, um nicht weiter schauen zu müssen, als der Stteifen breit war. Richtig, da lag der gelbe Kies.
und dann kommt ein Rasenstück —“
und dann ein Vach, ein wirklicher Vach in einem Schulhof; sie sollen mir einmal ein zweites Gymnasium in Deutschland zeigen mtt einem Bach im Schulhof —“
Richtig, da glitzerte auch der Bach herauf mit einem dünnen Rand von Schnee. And darüber führte eine Brücke zum großen Turn- und Spielplatz des Gymnasiums. — Himmel, das war ein Schulhof.
■ And dann sah er sich selbst mit den Kameraden darauf, damals. Dort in der Ecke stand wieder der lange Gunzel- mann mit den Händen auf den Knien. And da drüben präparierten sie immer noch geschwind den Tenvphon in der Zehnuhrpause, ach ja, ach ja. . . And der kleine Hügel überm Bach stand ja auch noch da. Wo sie kämpften in den unteren Klaffen. Mtt zusammengebiffenen Zähnen kämpften auf Tod und Leben um den Besitz des Hügels, jeden Samstag nachmittag.
Dann ging er sinnend weiter.
Da lag die Flucht der Klassenzimmer. Ein jedes kannte er. 3n einem jeden hatte er gesessen, der Reihe nach, neun volle 3ahre lang. Er machte eins auf. „IIIIB“ stand auf der Tür. And er wunderte sich wieder wie damals, daß es vier Striche waren und nicht eine I vor einer V.
Dort stand das Katheder — ja, ja, das Katheder. And er seufzte ein ganz klein wenig. And es waren noch vierzehn Bänke, und der Alexander hing noch an der Wand, und die Pallas Athene mit dem Speer in der Hand, und der Zeuskopf mit seiner Lockenfülle, alles, alles . . .
Die alte Schiefertafel sah ihn an wie damals, halb unvermeidlich und halb drohend. Ein Gesicht hatte sie, ein richtiges Gesicht. Das Gesicht der Wissenschaft, der unerbittlichen, blickte aus den feinen, schiefrigen Abblätterungen hemnter auf ihn.
Er setzte sich in eine Bank. Ratürlich war sie viel zu klein. Die Knie stteßen oben an. Aber das machte nichts. Ganz brav und sttll faß er eine Weile da und sah auf den schwarz lackierten Schultisch hinunter. Das war ja doch sein Platz von damals. And da — da, unter der Lackschicht sahen noch verschwommene Konturen durch. Kaum daß sie noch zu sehen waren. Aber er fühlte sie auswendig noch. Ein ,,A' und daneben ein „L". Anna Leutwein, ja, so hieß sie, seine erste stille Liebe, von der das blonde Mädel nie etwas erfahren hat. Trotzdem sie in dem Rachbargmnd- stück wohnte überm Frundsbergbach, gleich neben dem Schlachtenhügel, wo er seine Siege erftritt. 3awohl. Jawohl, unter ihren Augen erftritt.
Richt, daß er schüchtern war — o nein, im Gegenteil. Doch an dem Tage, wo er sich ein Herz genommen hatte, sie zu grüßen, ward sie krank. And war in einer Woche weg- gestorben . . .
„Wackernagel! Die Odyssee, Seite sechsundneunzig, zweiter Absatz, beginnen Sie!"
Er fuhr zusammen bei der. Kathedersttmme aus der Vergangenheit. Er, der Mann mit einem schwarzen Vollbart, fuhr zusammen in der Quartaschulbank, wett er ungenügend präpariert hatte in der Odyssee.
Aber schon lächelte er wieder wehmütig. Was doch die Erinnerung für Stimmen heraufbeschwören kann. Wie oft war er noch da drunten in Australien nächtens aus dem Bett aufgefahren, wenn er seine mündliche Prüfung im Traum mit Ach und Krach zum xten Male bestand. Wem, die sechzehn blitzenden Brillengläser durchdringend auf ihn gerichtet waren. Weiß der Teufel, so hatte er selbst in Australien nie geschwitzt am Mittag, wie damals in dem kühlen Prüfungssaale.
Rein, nein, Lorbeeren hatte er keine geerntet in diesem grauen Hause, sicher nicht. Eine Kette von schwierigen Passagen waren ihm die Klassenübergänge. And er sah den Rektor, wie er ihm mehr als einmal auf die Schulter klopfte:
„Mit knapper Rot, Wackernagel, mit knapper Rot . . ." „3a, warum war er denn um Himmels willen herge- gangen, jetzt nach achtzehn 3ahren? Was hatte ihn getrieben, eine Stätte aufzusuchen, die ihm keine Kränze flocht? — Er lächelte wieder.
Als er vor acht Tagen angekommen war, von Hamburg her, direkt vom Schiff, hatte das „Lokale" durchgelesen im „Tageblatt", langsam kostend, wie man Mutters beste Speise kostete, wenn man aus den Ferien kam. And da war sein Auge hängen geblieben an einer kleinen Rotiz:
„Das alte Frundsberggymnasium wird wahrschenlich an die Stadtgrenze verlegt werden müssen. Den großen Schulhof der gepachtet war, will der Besitzer der Bebauung zufühven."
Der große Schulhof: — And bann hatte er lange über das Zeitungsblatt hinausgeschaut und geträumt. Herumge- ttieben hatte es ihn bann in der Stadt acht Tage lanK dahin, dorthin, und morgen — richtig — morgen mußte ec


