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beherrschenden
sich oll dessen werden. Hier lieben würdigen
Nation ist.
Wer zu sehen und zu fühlen versteht, kann an einem Sonntag in Kew Gardens bewußt
Formen.
Bald öffnet sich dem Blick eine endlos dünkemde Perspektive. Aeber die Themse hinaus gliedert sich die parkartige Landschaft dem Garten an und läßt jede Begrenzung vermissen. Bald tritt ein Blickpunkt scharf gefaßt in die Erscheinung und fesselt das suchende Auge; sei es die hohe chinesische Pagode, die Chambers um die Mitte des 18. Jahrhunderts errichtete Und die durch mächtige Libanoncedern so malerisch gerahmt wird, fei es Queen's Cottage, die ein wenig später vom dritten Georg .gebaut wurde; sei es der Wasferturm aus dem Jahre 1848. Dieser wurde von Decimus Burton erbaut, dem Architekten des weltbekannten großen Palmenhauses, das fast 140 Meter lang ist. Es ist in seinem höchsten Teile nur wenig über 20 Meter hoch, wirkt aber als Gesamtbau ausgezeichnet.
weil jeder Engländer gerade in Kew Gardens etwas der Allgemeinheit Gehörendes, ein Wahrzeichen des britischen Weltreichs sicht, dessen Wichtigkeit auch durch diesen nationalen botanischen Garten zu ihm spricht. Mag die Weltanschauung des Engländers auch insular und englisch anmuten, sie ist geboren aus einer Welt- stimmung, die die einer in der Tat die Welt
wird ihm England in seiner Glorie in einem Spiegel gezeigt. Er staunt über englische Größe und wundert sich doch über englische Gebundenheit. Aber das grundsätzlich Konservative, das jedem sich bemerkbar macht, der durch Jahr
zehnte hindurch solche Stätten englischer Hochkultur, wie Kew, beobachten kann, ist eines der Hauptfundamente der englischen Weltmacht. Ruhiges Beharren in dem als richtig Erkannten. Alles Reue bricht nur langsam sich Bahn, ist es aber als gut befunden, gliedert es sich zwanglos und fest ein.
Ich sah Kew Gardens zum ersten Male zur selben Zeit vor genau zwanzig Jahren. Es ist heute, was es damals war. Aeberall die gleiche Ordnung und Gediegenheiti; ruhige stetige Entwicklung. Manchmal möchte man, daß ein neuer Geist einzöge, mit vielen alten Aeberlieferungen gebrochen würde. Ließe sich nicht mit den vorhandenen Mitteln unter den gegebenen Bedingungen kulturell und ästhetisch Ehr erreichen? Gewiß, Aber es drängt den Engländer auch hier nicht so sehr zu Höhepunkten, als zu einem das tonttnentate Mittelmaß beträchtlich überragenden Durchschnitt, der langsam aber dauernd sich hebt. Wenn man auch das Höchste vermißt, man muh das, was man sieht, bewundernd achten.
Ein Frühlingssonntag in Kew Gardens. >
Bon Camillo Schneider.
der Geschichte des englischen Gartenbaues und auch der englsschen Botanik gibt es kaum einen stolzerenRamen als | Kew Hier breiten sich im Westen von London die Rohal Bo tanic Gardens längs der Themse nördtich von |
Borort Richmond und gegenüber von Brentfor . arrip^ng - stand auf den 238 englischen Ackern, die letzt zum Dotaullchen Garten gehören, Richmond Lodge, em Somm«sch Georg U mit arostem Tiergarten. Dieses Terrain und Kew Horch, em nut groyein mrin,J oon Wales, wurden nach der
ehemaliger Sitz des Prinzen von -an , twroinf und seit
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KiSÄrsÄ“-« d-°«« von Sir William Hoober. dessen noch bedeutender Sohn Srr
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Mittelpunkt für den Gartenbau und die (wenigstens shstematis^) Botanik des Britischen Weltreiches. Außerdem, und das Nicht zum geringsten, eine öffentliche Stätte, die ieben Pflanzenfreund an sich zu Men versteht. An jedem schonen Sonntage vor allein aber an einem schönen Maiensonntage, wallfahrtet die blumenhungrige Menschheit der Großstadt nach Kew. Wenn man Kew Gardens an einem solchen Tage sieht, so versteht man die Leidenschaft und Liebe der 2-Mner fur Blimiem Ist sie bei dem Engländer auch nicht so offensichtlich so ist sie doch kaum minder stark. Gartenkultur und Bluiuenliebe smd auch ihm tief eingewurzelt, And mutz der Bewohner der menschendurchhasteten und ruhelosen ^sta^ nicht tief auf- atmen, wenn er die weite Parkmsel der Ruhe betritt, ote
inter ^ihm liegt die Enge die bedrückende ^Umklammerung der menschentötenden Stadt, ^w. schwellen^ Rasenflächen in vollstem Jugendgrun breiten sich vor ihm aus Baum und Dusch, erquickt durch einen Regenschauer, freuen sich der, ach, so seltenen Sowie und bilden wundettwlle Silhouetten in wechselndem Grün gegen den * ioolkenschwangeren Himmel Unter ihnen, verstreut über das lowende Gras, glitzern
allen Farben die Edelsteine der Blumen. Rote Rhododendren leuchten auf, flammengleich in der Sonne gegen dunkle Kiefern und Cedern. Orangene Azaleengruppen aus dem Pontus wetteifern mit ihren Geschwistern aus dem Himalaya und mit Kaempfers Rhododendren aus Japan. Dor den noch blutenlosen Rhododendrengruppen längs des Hauptweges zum großen Palmenhause schmiegen sich farbige Tulpenbeete gegen das
Eine ganz andere architektonifche Sprache spricht wieder das große Demperate House, das ebenfalls von Burton entworfen wurde und den Glashauscharakter bei weitem nicht so gut zum Ausdruck bringt. Es ist dazu zu hausmäßig, gehört aber immerhin zu den besseren Schöpfungen der Glashausarchitektur. Gerade Anfangs Mai, auch schon Ende April in günstigeren Frühjahren, ist es farbenreich wenn die mächtigen Rhododendren aus dem Himalaya und aus Java darin erblühen, die im Freien sich hier um London nicht halten würden. Ihnen gesellen sich Kamelien, Baumfarne, härtere Palmen, Araukarien und andere seltene Radelhölzer aus fernen Zonen, die uns an längst vergangene Erdperioden erinnern. Das Mittel- haus oben im Innern auf der Galerie zum Wandeln, ist einem Spaziergange in einer fremden Pflanzenzone gleich, so mächtig streben die Riesengestalten dem Desucher entgegen.
Doch immer wieder sind es die Szenerien im Freien, die uns am meisten fesseln. Stunden kann der Besucher verbringen im Rockgarden, der vom ersten Frühling bis in den Dorsommer so blumenfrvh ist, Diele Zwiebelgewächse aus dem nahen und fernen Orient und vom Kap, die in Mitteleuropa nicht gut aushalten oder leider zu wenig angepflanzt werden, beginnen den Reigen der helläugigen Frühlingskinder; Tulpen in ganz abweichenden Farben und Formen, Traubenhyazinthen, Rarzissen in einer Mannigfaltigkeit, die uns immer aufs neue in Erstaunen setzen. Jxien vom Kap; seltene Schwertlilien aus dem Orient, ganz abweichend von den Iris, die wir kennen; reizende Kaiserkronen oder Schachbrettblumen; Märzbecher von den Dalearischen Inseln, die unsre Levkojen so überstrahlen, wie die Orchideen der Tropen, die Kuckucksblumen unserer Wiesen. Ihnen folgen dann die allbekannten Alpenpflanzen, wie die Blaukissen, Aubrietia, die Schneekissen, Iberis, das Steinkraut, Alhssum, zahllose Steinbrecharten, Frühlingsenziane, und daneben allerlei schöne Fremdlinge aus China, dem Himalaya, den Alpen Reuseelands und den Anden Südamerikas.
Südamerika tritt gerade jetzt durch seine Pflanzengäste im Garten recht in Erscheinung. Es blühen zwei Berberitzen, Berberis Darwin», die diesen klingenden Ramen mit Stolz trägt, und ihr Abkömmling Berbstemophhlla. Sie bilden dichte, immergrüne tief» dunkle Hecken und Gruppen, die bis Witte Mai sich in Gold und Orange Neiden. Doch das Gold der heimischen Hülsen, Alex, wetteifert erfolgreich mit ihnen und ebenso das satte Gelb einiger Ginsterarten. Diese Symphonie in Gold ist ein Vorläufer des Hohen Liedes der Rhododendren, das ihr folgt. Das Alpenrosental in Kew ist berühmt. Reben ihm liegt der nicht minder durch I seine satten Farben Ende Mai überraschende Azaleen-Garten. Aus seiner Dlütensonne kann man leicht in das Dämmer der Dambusdschungel flüchten, denen es allerdings an Rahrung zu fehlen scheint. Die Bambusen lehren uns auch, daß das Klima in Kew nicht so mild wie das der Westküste Englands ist. Spätfröste sind allzu häufig. Auch die rußige Rähe der Stadt macht I sich geltend. Die Radelhölzer wollen, mit Ausnahme von Zedern I und manchen Kiefern, im allgemeinen nicht gedeihen. Das Klima dunkle Grün «ist in diesem Teile Englands durchaus nicht günstig, wie wir
Der erste Frühlingsflor der Rarzissen ist eben _ beendet. I tn Mitteleuropa oft annehmen. Wir könnten bei uns fast all das Di- wilden Hyazinthen, die blue bells, blühen noch überreich. I ziehen, was hier wächst, und vieles, was hier versagt. Ans fehlt Zu ihren Häupten ballen sich die japanischen Kirschen zu rosa- I nur die englische Erfahrung und Pflanzenliebe.
farbenen Wolken und ihre weißen gefüllten Schwestern unserer j Sie tritt uns in Kew auf Schritt und Tritt entgegen. Sie heimischen Kirsche sind nicht minder schön. I zeigt sich in dem Reichtum an schönen Einzelheiten, in der
Der Besucher der den Hauptweg entlang geht, weiß nicht, I Mannigfaltigkeit der Ausgestaltung. Auch in der Rücksicht, mit der wohin er seine Schritte zuerst lenken soll. Auf allen Seiten 1 die Masse der Besucher die Pflanzen behandeln, liegt sie ver- wiiikt und lockt es Dem jungen Blühen im Freien gesellt sich ! borgen. Fälle von Dandalismus sind sehr selten. Schon deshalb, die Fülle in den Glashäusern. And der Weiche Rasen ladet ir ~ »--’•«-*--- x-■» *— ™f-
ibn überall ein; über ihn zu wandeln, ist ein Genuß für sich. Der Wea ist nur Rotbehelf bei zu großer Rässe. So breitet sich die belebte Menge über die weite Fläche, stößt und drängt sich nicht auf doch allzuengen Pfaden, und ent jeder genießt mit weit größerem Behagen die entzückende Amwelt.
Man verliert das Gefühl, oder besser es kommt garmcht in einem auf, in einem „botanischen" Garten zu sein. Alles wirkt parkmäßig, landschaftlich. Freilich ist die Fülle der Gesichte erstaunlich Immer wieder lockt uns Reues und Fremdes. Doch Die Kennzeichnung des Fremden ist diskret, die Etiquetten drängen sich nicht mit wissenschaftlicher Steifheit auf. Wer fie sucht, findet sie. Wer nur die Formenschöne und den Dlütenreiz liebt, ohne nach dem Woher zu fragen, den stören die Ramenfchilder kaum. Er freut sich der Vielheit im Großen, des reichen Einzellebens im Rahmen der alles beherrschenden
Echriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Sieben.


