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2ch meinerseits war freMch insgeheim in meiner Hoffnung ein wenig getäuscht; die Mutter aber legte vor freudiger Verwunderung ihre Hände zusammen. „2I<§ Gott!" rief sie aus, „es ist die Wahrheit, ja, am Ostersonntag, mittags zwölf Ahr, hast du zum erstenmal das Licht der Welt erblickt I" Sie pries Und segnete mich „Mein Sohn", sagte sie, „du wirst im Leben viel Glück haben, wenn du dich christlich hältst und auf die Weisungen in diesem Büchlein merkst." Sie unterließ auch nicht, mir meine Pflichten wiederholt ans Herz zu legen, als sie mir bald darauf mein Wanderbündel schnürte, darin das wunderliche Schatzkästlein den besten Platz erhielt.
Ich könnte gerade nicht sagen, daß ich die nächsten Jähre einen absonderlichen Segen von diesem seltenen Besitztum spürte, obwohl ich gar bald die sämtlichen Sprüche von vorn und von hinten auswendig wußte; ja zu einer gewissen kritischen Zeit, wo ich gerade angefangen hatte, Wirtshaus, Tanzboden, Kugelbahn öfter als billig zu besuchen, da waren es, wie mir deuchte, nicht sowohl die hundert Reguln als vielmehr die Erinnerung an meine gute Mutter, die Vorstellungen meines ehrlichen Meisters, was mich bald wieder ins Geleise brachte. Hier sei es übrigeirs gelegentlich bemerkt, daß mir von allen Arten der Versuchung just die am wenigsten gefährlich war, die sonst in jenen Jahren die allergewöhnlichste ist, die Neigung zu dem weiblichen Geschlechte. Es hatten deshalb meine Kameraden das ewige Gespött mit mir, ich hieß ein kalter Michel hin und her, und weil ich doch zuletzt um keinen Preis der Tropf sein wollte, der nicht wie jeder andere brave Kerl sein Mädchen hätte, nahm ich etlichemal einen tüchtigen Anlauf, kam bei ein Stück Drelij oder Vieren herum, darunter ein Paar Goldfasanen, die redlich ihren Narren an mir fraßen; allein es tat nicht gut; nach vierzehn Tagen wollte ich schon Gift und Galle speien vor lauter Langerweile und heimlichem Verdruß. Kurzum, auf diesen Punkt schien Wohl mein Schahkästlein recht zu behalten — „Dein erstes Lieb, dein letztes Lieb." Ich konnte dieses Wort lediglich nur auf eine Kinderliebschaft mit einem guten armen Geschöpfe beziehen, das ich als das Opfer eines frühzeitigen Todes von Harzen beweinte.
(Fortsetzung folgt.)
Der unsichtbare Doge.
Don Alfred Richard Metzer.
Venedig, Ende Mai 1925.
Wie war das doch noch in Berlin gewesen, in der letzten Nachmittagsstunde, schon mit Reisemantel und Koffer im Auto? Sprung zu einem befreundeten Antiquar in der Bernburger Straße herauf und Fund eines Manuskriptes von Richard Dehmel: „Der Wille zur Tat", „Glossen zu den schönen Worten des Gabriele d'Annuazio", Wiener „Zeit" — aus Tagen, da Dehmel noch in der Pankower Parkstraße 25 wohnte, aus Tagen des Friedens und eines anderen d'Annunzio, dessen letzte „Taten" uns Karin Michaelis enthüllte.... Gang durch den Schlafwagen und Lächeln ob der Desillusionierung: Käthe Haack, die Blonde, fährt ja gar nicht wie in der „Aeberfahrt" der „Tribüne" als Selbstmörderin auf dem Toten-Ozeandampfer ewig hin und her, sondern leibhaftig mit ihrem Gatten Heinrich Schroth und ihrem Töchterchen in die bayerischen Berge, die beim Morgengrauen ihre schneeige Silhuette rasch in die aufstrahlende Sonne gegenständlicher schieben. Vorher die Lektüre des vielleicht nie veröffentlichten Manuskriptes: die erste Desillusionierung, was d'Amrunzio angehet, und daneben die Hoffnung auf die Illusion, I aus der heraus Dehmel sich zum Schlüsse an den Dichter Hugo j von Hofmannsthal wandte: „Dir aber endlich, du mein deutscher Landsmann, Dichter wie ich, Dir rufe ich dieses zu: — Auch ich bin durch Venedig gegangen und habe den „immerwährenden unsichtbaren Dogen" erlebt. Aber ich fand ihn nicht im stickigen Lärm der Gassen und Kanäle. Doch eines Nachmittags stieg ich auf den Glockenturm und in dem Augenblick, als ich hinaustrat und jenseits der Kuppeln des Markusdomes die sinkende Sonne über das Meer die sterbenskranke Farbenpracht herbststiller Wälder ausgießen sah, und jenseits des Meeres die eisigen Gipfel der istrischen Alpen aufglühen sah: in diesem Augenblick fing ■unten auf der Piazza die Militärkapelle zu spielen an: den ^rauermarsch aus der „Götterdämmerung" — und Tränen über- toaltigten mich. Da sah ich ihn, den Geist des unsichtbaren Dogen; aber es war kein lebendiger Geist, es war ein Spukgeist trau» S kein „Herr" mehr des geflügelten Löwen. Nur uns
Gebildeten erscheint er noch, nicht mehr der wimmelnden Menge dort unten, und keiner hat ihn Rarer geschaut als jener deutst^ Dichter, der mit todsiecher Brust „das Herz Venedigs durch die Stille bluten hörte: Graf Strachwitz in den klagenden Terzinen:
„Mich aber packt ein innerstes Erbeben, Seh' ich um dieses wimmelnde Gewürme Die alte Pracht ihr fürstlich Haupt erheben.
Wie dumpfer Vorwurf tönt der Mund der Türme And von dem Meere durch des Löwen Mähne Ergeht ein Wehen längst verbrauster Stürme."
Am Brenner schon die italienische Grenze: Brennerv mit ™ - ^bischen, theatralisch aufgeputzten Carabinieri. Sterzing Brixen, Klausen, Waidbruck, Bozen — deutsches Land, da Herr uLaltyer von der Vogelweide geboren ward, da Herr Oswald von uvolkenstem auf seiner Burg die letzten Minnilieder sang, ita-
liemssch und mit aller Brutalität italienisiertl Wahnsinn - ein drÄsATÖstlich durch das Gebirge, durch Kes ^Hlachtfech des großen Krieges gen Bassano, über Castel- franco in die Ebene, der Adria zu, über der Vollmond liegt. In Mitternacht in die Gondel, durch Venedigs dunkelste Wassergafsen, über den schon schlafenden Eanal Grande zum Hotel... Aufwacyen am ersten Morgen: durch die Sonne, durch das Geschrei der Gondoliere an den Traghetti: Gondola, gondola! die Fremden einzufangen. Die Fremden.... ^lch, warum wird so ein Feuilleton heute noch nicht durch Funk- spruch durch alle Länder, alle Städte gegeben, reiselustigen Menschen den letzten Wetterbericht und die wechselnde Fremden-
8_u melden! Die da hier lauten müßte: Regen im Gebirge, heltste Sonne über der Lagune, verhältnismäßig wenig Deutsche, 016 J-nrr .^nr.^r hauptsächlich nach Rom gehen. Die Fremden vielleicht sind sie in ihrer Gesamtheit hier längst der „immerwahrende unsichtbare Doge" geworden, in einer Stadt, die immer wieder merflDürbig konservativ anmutet (felbft v>as ven stets gern gekauften furchtbaren Kitsch der Reiseandenken aus Glas, Mosaik, LWer anbetrifft!), in der nur einige Marmortafeln an Unglück- lupe österreichische Zufallsbomben des Weltkrieges gemahnen und in der die Zeit seit dem Untergang der Republik von San Marco stillgestaiiden zu sein scheint: ein verzaubertes Labyrinth der Steine und zugeschütteten Kanäle, der Kirchen und Klöster, der Kunstwerke aus Jahrhunderten — um das einzige große Zentrum
Piazza herum, auf der man sich morgens taubenfütternd photographieren lassen muß, auf der man abends wie in dem schönsten Festsaal der Welt lustwandelt oder bei Florian (wie schon Casanova, Gozzi, Goethe, Rousseau, Canova, Lord Byron, Müsset, Madame de Stael) die köstlichsten Eisgetränke schlürft, zu den Klängen. der Marinekapelle, die noch immer Richard Magnerliebt, fein „Rheingold", seinen „Einzug der Götter in Walhall , aber auch die „Dollarprinzesfin". Acberhaupt diese bei uns fast ganz schon vergessene „Dollarprinzessin" — aus allen (SafeS und Offerten springt sie uns hier schmeichlerisch an, wie um zu zeigen, daß sich Venedig von der letzten Moderne noch immer fern hielt.
Wirklich ganz fern hielt. . . .? Dor einem halben Jahr wußteii alle Zeitungen der Welt zu vermelden: die Gondeln werdeii abgeschafft! Noch alle sind sie wie früher vorhanden, heute mit dem gewiß nicht zu teuren Stundentarif von 12 Lire. 2lber sie haben inzwischen eine schnellere und (was unangenehm wichtiger ist) lärmvollere Konkurrenz erhalten, die neuen Auto- Motorboote, neben denen die alten Daporetti, die kleinen Lokaldampfer, eine ganz stille Angelegenheit sind. Der unsichtbare Doge zeigt hier den Pferdefuß und fängt sich Old England und Amerika ein, die immer noch den größten Teil des Fremdenzulaufs stellen. Dennoch — man soll in Venedig nur Gondel fahren; man rechne diesen Betrag gleich in die Tagesausgaben ein, wenn man sich nicht den reizvollsten Zauber dieser Stadt entgehen lassen will. Hier auf dem Wasser, zwischen den bröckelnden Prospekten der alten Palazzi, wird man am leichtesten zeitlos und aller Moderne enthoben; hier empfindet man noch am ehesten Äwas vom Geisteshauch des „immerwährenden unsichtbaren Dogen", der — seien wir ehrlich und wenn es selbst des Prosai- schen letzte Prosa ist — ein hervorragender Kaufmann war und vielleicht noch^ immer diesen tiefsten Schmerz nicht verwinden kamr, nicht frühzeitig genug vor dem äußeren Untergang aus vieler Stadt eine stramme Aktiengesellschaft gemacht zu haben, seine Nachkommen noch heute mit beträchtlichen Prozenten an den Bergnügungsgewinnen dieses Anternehmens nicht beteiligt zu wissen! Aus der Erkenntnis solcher materiellen Trivalität heraus kann man leicht, wie die Dichterin Else Lasker-Schüler, zu der Verzweiflung kommen: die „Wasserschüssel Venedig" schleunigst für immer zu fliehen, in letzter Desillusionierung vor einem „Spukgeist traurigster Art".
So gebildet in allen Zeiten und Arten der Kunst- und Kulturgeschichte du aber, lieber Leser, fein mögest — vielleicht aber erlebst du just im „stickigen Lärm der Gassen", in der „wimmelnden Menge" des Fisch- oder Gemüsemarktes, in einer Calle, Nuga, Rughetta ganz stark den Geist des „unsichtbaren Dogen" —, tote ich in der schnellen Dämmerung eines Abends, da ich mich von Santi Giovanni e Paolo (oder venezianisch gesprochen: San Zanipolv) und dem ewigen Ruhm des Reiterstandbildes Bartolomeo Colleonis in das Zickzack von Ramo und Corte von der Salizzada weg verfuhren ließ in die Viertel der Matrosen und Armut, da plötzlich Grauen mich befiel; Mischen Stein und Wasser, zwischen bettelnden und grinsenden Masken so allein zu sein, daß ich mich an eines Mädchens goldene Augen hielt, an ihren plappernden Mund, der den Führer machen wollte, an diese ganze Engelhaftigkeit wie aus einem Bilde von Bellini oder Carpaccio — hier um die älteste Kirche San Giovaimi in Dragora herum, was „im Schlamme" heißt und allwo am nächsten Tage, just zu derselben Stunde, ein mordblankes Messer und Todesschrei ward. . . And um dieses erlebten Grauens willen stand ich und stehe ich nun immer doppelt beglückt und seliger befreit wieder an der Riva degli Schiavoni, den Blick verloren über die blaue opalisierende Fläche der „Laguna Viva", hinter der schon wie Sterne die ersten Lichter des abendlich festlichen Lido aufblitzen und aus der immer wieder das ersteht von dem Graf Strachwitz unvergänglich schrieb: : j .
„And von dem Meere durch des Löwen Mähne Ergeht ein Wehen längst verbrauster Stürme» , ,,


