Ausgabe 
2.6.1925
 
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Wie Goethe, Gottfried Keller Fritz Reuter, Gerhart Haupt­mann und andere namhafte Dichter hatte auch Mörike Reigung und Talent für die bildenden Künste, ja er war außerdem noch wie E. Th. QI. Hoffmann außerordentlich musikalisch. Sein Biograph E. v. Sallwürk sagt von ihm:Er war Künstler durch und durch, Dichter, Maler, Musiker. Daß er keine Ge­mälde oder Kompositionen hinterlassen hat, hebt dies Ülrteil nicht auf. Seine Sprache bedient sich nur der Worte; aber sie stellt Bilder von abgeschlossener Anschaulichkeit vor unser Auge, und seine Seele erklingt im Lied mit zauberhafter Musik, so daß sich in seiner Dichtung die drei Künste in einer höheren, gemeinsamen Form verschwistern. Richt ohne Grund lieben ihn deshalb vor allem Maler und Musiker." Es sei dabei auf die wundervollen Illustrationen seines Freundes Moritz von Schwind zu einigen seiner , Dichtungen hingewiesen sowie auf die vielen schönen Vertonungen seiner Lieder, von denen die Kompositionen Hugo Wolfs wohl am bekanntesten sind.

Die Ratur ist dem Dichter ein beseeltes Wesen, mit dem er Zwiesprache hält. 3a, er lebt in ihr, er erfühlt ihr geheimstes Leben in Baum und Strauch und Blume. In großartigen Per­sonifikationen vermag er sie bildhaft darzustellen.Die Weh- mouthsfichte verhängt mit schwarzem Haar den Spiegel des Teiches."Frühling läßt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte."Gelassen stieg die Rächt ans Land, lehnt träumend an der Berge Wand."O holde Rächt, du gehst mit leisem Tritt auf schwarzem Samt, der nur am Tage grünet."

Dort, sieh', am Horizont lüpft sich der Vorhang schonl Es träumt der Tag,, nun sei die Rächt entfloh'n;

Die Purpurlippe, die geschlossen lag, Haucht, halbgeöffnet süße Atemzüge: Auf einmal blitzt das Äug', und, wie ein Gott, der Tag Beginnt im Sprung die königlichen Flüge!"

Einzigartig ist die Melodik feiner Sprache. Mit Meisterschaft handhabt er die Kunst der Lautmalerei und der Verwendung wechselnder rhythmischer Formen. Inhalt und Form stehen bei ihm stets in vollendetem Einklang, gehören organisch zusammen. Meisterhaft beherrscht er auch den Bolksliedton (Das verlassene Mägdlein",Soldatenbraut",Schön Rotraud",Ein Stündlein wohl vor Tag"). In der Ballade bevorzugt er das ülnheimliche, Dämonische (Die Geister am Mummelfee",Die traurige Krö­nung"). Wie kein anderer Dichter weiß Mörike auch den hauch­zartesten Stimmungen sprachlichen Ausdruck zu geben. So, wenn er auf dem Frühlingshügel im Sonnenschein ruht:

Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen, Sehnend, Sich dehnend

3n Lieben und Hoffen. ' <i.

Frühling, was bist du gewillt?

Wann werd' ich gestillt?

Die Wolke seh' ich wandeln und den Fluß, Cs dringt der Sonne gold'ner Kuß Mir tief bis ins Geblüt hinein;

Die Augen wunderbar berauschet, Tun, als schliefen sie ein.

Rur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet."

Riemals verfällt er in rhetorische Deklamation oder ge­braucht abgegriffene Phrasen. Immer gibt er sich natürlich. Seine psychologische Genauigkeit in der Wahl der Ausdrücke ist erstaunlich. Durch eigenartige Wortzusammensetzungen, malende Beiwörter, neue Wortformen sucht er die letzten Ausdrucks­möglichkeiten herauszuholen. Er gebraucht Ausdrücke wie:süß schläfernde Gefühle",urbemooste Wasserzelle",balsamreiche Schwüle",Goldglockenton",Schmerzensglück',Purpurschwärze" windebang".

Trotz aller romantischen Verträumtheit zeigt Mörike doch besonders in seinen Raturliedern eine scharfe Beobachtungs­gabe, eine große Klarheit und Energie der Auffassung und Darstellung.

Lied, Idylle, Märchen sind die Domänen Mörikes. Daria liegt eine gewisse Einseitigkeit. Lind doch: welche Mannig­faltigkeit von Stimmungen und Tönen lebt in der begrenzten Welt seiner Dichtung! Ein köstlicher, schalkhafter Humor, im schwäbischen Volkstum wurzelnd, einetaufrische, leuchtende Heiterkeit spricht besonders aus seinen Idyllen und Märchen, für die er antike Versmaße bevorzugt, die er meisterlich be- Sie find Heimatkunst im echtesten Sinne des Wortes Bucher- ilnd Gelahrtenduft, Gerani- und Resedaschmack, auch em Ruchlein Rauchtabak" aus der Studierstube des schwäbi­schen Pfarrers durchweht sie, und vom Ofen herab blinzelt der emeritierte Turmhahn.

Vergebens werden wir allerdings in Mörikes Dichtung nach der Darstellung leidenschaftlich aufrüttelnder Probleme nach schrillen Dissonanzen suchen. Rur Schönheit und Har­monie leuchtet uns entgegen.Was aber schön ist, selig scheint m ihm selbst. Freilich, um mit den Worten der herrlichen Totenklage seines Freundes Fr. Th. Vischer zu sprechen:Das Leben braucht ia noch andere Kräfte, nüchterne, eiserne; auch das Reich der Muse verlangt andersgeartete Kräfte noch als die deinen, verlangt Kräfte mit Adlersehnen und mit breiterem Schwünge der Fittiche. Aber darum möchten wir nicht und können wir nicht missen die Geister mit weicher, träumerischer, mit sanfter Bewegung der Schwingen, die Geister, deren Träume

aber darum keine hohlen Träume sind, sondern tiefe Träume, die zurückgehen zu den alten Völkerträumen. den uralten Phan­tasien, womit ahnende Völker sich das Rätsel der Welt zu dmlten gesucht. Wir können sie nicht entbehren, damit nicht alles sei der Drang, der Qualm, der Lärm, der Dunst die Hitze und das Geschrei des Marktes, des Tages, damit'noch sei eine Stille, ein Friede, eine Betrachtung, eine Sammluna und eine Einkehr in die eigene Brust." Gottfried Keller hat einmal gesagt, der Defekt unseres allgemeinen Dildungs- zustandes sei daran schuld, daß Mörike ein so Keines Publikum vabe. Es, spricht für unser Zeitalter, daß Mörike trotz der Zeitlosigkeit seiner Dichtung seit etwa zwei Jahrzehnten in weitesten Kreisen als der bedeutendste deutsche Lyriker nach Goethe gilt.

Der Schatz.

Don Eduard Mörike.

. 3 ersten Gasthofe des Bades zu K* verweilte eines Wends «ine kleine Gesellschaft von Damen und Herrn im großen Speisesaale, der nur noch sparsam erleuchtet war. Der Hofrat Arbogast, ein munterer, kurzweiliger, obgleich etwas eigener Wann von imposanter Gestalt, schon in den Fünfzigen, schickte sich an, eine Geschichte zu erzählen.

Er war, durch rätselhafte Umstände begünstigt, vom Gold­schmied aus sehr schnelle zur Bedienung des damals sogenannten königlichen Schatzmeisteramtes in Achfurth gelangt, und eine Zeitlang gingen im höhern Publikum seltsame Sagen darüber, indem man nicht umhin konnte, die Sache mit einer auf keinen Fäll ganz grundlosen Gespenstergeschichte, welche den Hof zu­nächst anging, in Verbindung zu bringen.

Run wurde man auch gegenwärtig wieder durch eine lustige Wendung, die das Gespräch genommen hatte, von selbst auf diesen Gegenstand geführt, und da man dem Hofrat mit allerlei Spaßen und Anspielungen stets näher auf den Leib rückte, versprach er der Gesellschaft auf die Gefahr hin Genüge zu tun, daß man -Unglaubliches zu hören bekommen und sich am Ende, ganz gewiß bitter beklagen würde, als wenn er sie mit einem bloßen Kindermärchen hätte abspeisen wollen. Es ist einerseits schade", fügte er bei,daß meine Frau sich heute so früh zurückgezogen Hat. Da das, was Sie ver­nehmen sollen, ein Stück aus ihrem wie aus meineni Leben ist, so könnten wir uns beide füglich in die Erzählung teilen, Sie hatten jedenfalls sogleich die sicherste KvntroNe für meins Darstellung an ihr. Auf der andern Seite gewinnt aber diese vielleicht an Unbefangenheit und historischer Treue."Rur zu! nur angefangen!" riefen einige Damen.Wir sind nicht allzu skrupellos, und die Kritik, wer Lust zu zweifeln hat, steht nachher jedem frei."

Wohlan! In Egloffsbronn, einer der ältesten Städte des Königsreichs, lebte mein Vater, ein wackerer Goldschmied. Ich, als der einzige Sohn, sollte dieselbe Kimst dereinst bei ihm erlernen, allein er starb frühzeitig, und für das größte Glück war es daher zu halten, daß mich Herr Vetter Christoph Orlt, der erste Goldarbeiter in der Hauptstadt, umsonst in die Lehre aufnahm. Ich hatte große Lust an dem Geschäft und war so fleißig, daß ich nach fünf Jahren als zweiter Gesell in der Werkstatt saß.

Mein gutes Mütterlein war indes auch gestorben. Wie gern gedacht' ich ihrer, wenn ich in Feierstunden oft an meinem Eckfenster allein zu Hause blieb, mit welcher Ehrfurcht zog ich dann zuweilen ein gewisses Angebinde hervor, welches ich einst aus ihrer Hand empsing! Es war am Tag der Konfirmation. Ich hatte nach der Olbendkirche mit den andern Knaben und Mädchen einen Spaziergang gemacht wie das I? bei uns ist, daß die festliche Schar mit großen Blumen­sträußen <m der Brust zusammen vor das Tor spaziert und war nun eben wieder heimgekommen, da holte meine Mutter aus dem Schrank ganz hinten ein Keines wohlversiegeltes Paket hervor, worauf geschrieben stand:Franz Arbogast am Tage seiner Einsegnung treulich zu übergeben." Die Blutter versicherte mir, sie wisse nicht, woher es eigentlich, komme, ich sei noch ein kleiner Bube gewesen, als sie es eines Morgens auf dem Herd in der Küche gefunden. Mir klopfte das Herz vor Erwartung; ich durfte den .Umschlag mit eigenen Hände« erbrechen, und was kam heraus? Ein Büchlein, schwarz in Korduan gebunden, mit grünem Schnitt, die Mütter schnee­weiß Pergament, mit . allerlei Sprüchen und Verslein, von einer kleinen, gar niedlichen Hand fast wie gedruckt beschrieben.

Der Titel aber hieß:

Schatzkästlein, zum Rutz und Frommen eines

Jünglingen,

so als ein Osterkind geboren ward, in 100 Reguln allgemeiner Lehr, nebst einer Zugab

für sondere Fäll in Handel und Wandel;

. > - > wahrhaftig abgefasfet

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't-* ' ' Dorothea Sophia von R,