- 139
Bilder den begeisterten Beifall der königlichen Zuschauer gc- funden hatten, wuchs ein Gerücht wie ein Gespenst in die ahnungslos fröhliche Stimmung der Nacht. Auf dein Olymp, in den Garderoben und im Zuschauerraum raunte man sich's zu: „Der Usurpator ist entflohen! Von Elba entflohen und in Frankreich gelandet!" Man bemühte sich, die allgemeine Be- stürzung zu verbergen, man lächelte so ungezwungen wie nur möglich, man tat, als ob die Botschaft ^gar nicht ernst zu nehmen sei und hörte den Kaiser Alexander dem Kaiser Franz heimlich einen Scherz erzählen. Der Scherz hieß: „Ich verfüge über dreihunderttausend Mann, die der Koalition jederzeit zu Diensten stehen."
Aegyptens Meisterwerk.
Von Emil L udwig.
Im Gewirr von hundert Wüstenhügeln, Jnselfelsen,, Lehm« mauern, alles in blendenden! Gelb, das Sand und Stein dein Blau des Himmels hier entgegenstrahlen, plötzlich fängt' dunkelgrün eine kleine Oase an, deren gärtnerische Wege gleich den künstlichen Ursprung andeuten. Wein, Tropenhäuser prallen aus dem Grün der Tamarinden, kleine Kioske ziehen den Telegrapyendraht in ihre Zelle, stille Ordnung summt um den Fremden, nach dem Gestümmel des Basars. Noch eine kurze Allee, eine Lichtung: da schlägt sich der Blick an einer ungeheuren Mauer. Turmhoch schrofft sie sich empor, nach zwei Seiten sperrt sie Blick und Bild kilometerlang. Die einzige Gerade inmitten des barocken Linienfeldes, das die Stromschnellen jedes Flusses erzeugen, die Menschenhand hat sie gezogen, und reite ich in ihrem Schatten bis an das nähere Ende, ersteige die Mauer auf eisernen Treppen: schnurgerade durchschneidet sie nun, von oben gesehen, ein Damm von Stein, die Warm-Wüstenlandschaft.
' Das ist der Staudamm von Assuan, das einfachste Kunstwerk, und ich habe in Aegypten nichts Größeres gesehen.
Demi hier liegt wahrhaft das Herz des Landes. Größer als die barocke Laune des Phramidenbauers, kostbarer als die ehrwürdigen Formen der Königsthrone, reicher als die überfüllten Grabmäler, monumentaler selbst als die Riesensäulen des Ammontenrpels: hier ist ein Ende des zweiten Jahrtausends nach Christus, ein Meisterwerk aus Menschenhand hervorgegangen, das drei Jahrtausende imperialistischer Üebertreibungen in den Schatten stellt. Vergebens suchten Ramses und die Seinen vor und nach ihm Pinsterblichkeit durch Sklavenarbeit, die ihre Gräber schuf: die Ströme ihrer Phantasie rauschten vom Blut und Schweiß der Hunderttausende, und dreißig Jahre zogen diese Scharen Blöcke zum Pyramidenbau für einen.
Hier haben ein paar tausend Hände nach dem Plane eines oder eines Dutzend Menschen in vier Jahren ein Werk vollbracht, das Millionen nährt. In diesem Zeichen, an solchen Punkten richtet dies Jahrhundert seine Meisterschaft auf: Technik wird Humanität, auch wenn Geschäftsgeist sie hervvrgerufen hat.
Was sollen Zahlen uns Laien bedeuten, sie stehen gewiß im Drockhaus, wo alles steht, und wenn ich sage, dies ist die größte Talsperre der Welt, an zwei Kilometer lang, an 50 Meter hoch, hat etwa 180 Schleusentüren und kann 9 Millionen Tonnen Wasser in der Flutzeit durchlassen, so ist wenig entschieden. Aber diese Talsperre speichert nichts auf, um es als Kraft zu verwenden, sie läßt das Ersparte nicht arbeiten, nur warten, nur parat sein, und der Stausee ist nicht bloß das, was ich hier südlich des Dammes erblicke — es ist der Nil 220 Kilometer weit.
Donnernd rauscht es inmitten dieser Riesenbrücke, dort sind fünf Tore geöffnet, jedes speit 15 Kubikmeter Wasser in jeder Sekunde aus. Jetzt eben steigt der Ail, langsam wird sich dies Steigen vermehren, bis im Juli die Regengüsse in den Bergen Abessiniens den Blauen Nil, gefährlich und furchtbar zugleich, anschwellen lassen: dann kommt der Augenblick, wo ein Wink des Ingenieurs alle Tore öffnet, dann strömt ein paar Wochen lang alles hinab, was Aegyptens Leben bedeutet. Noch heute, wie in antiker Zeit, gibt an einem Julftage der König in feierlichem Schiffe das Zeichen, oberhalb Kairos, das Band zu durchschneiden, das nur symbolisch die Wasser sperrt; dann befiehlt ein Funkspruch allen Schleusen, sich zu öffnen, und der ärmste Fellache zwischen Sudan und Delta sieht seinen letzten Kanal sich füllen.
Denn das System durchrieselt ganz Aegypten. Da die Wüste rings das Land regenlos macht, da aber der größte Mutz des Erdteils, der zweite des Erdballs und noch dazu der fruchtbarste, wie zum Ersah, dies selbe Land durchströmt, war der Gedanke jedes Aegypters, vom Baumwollkönig bis zum nackten Nubier <tm Katarakt, auf diese Flut gerichtet; sie zu meistern, war di« Schicksalskunst. England hat es vollbracht, gewiß mit Benutzung aller internationalen Errungenschaften.
Jetzt, während ich von der Riesenbrücke aus herunterschaue, sind nur 3 von den 18 Systemen und auch diese nur mit je ein paar Schleusentoren geöffnet; um so kunstvoller wirkt diese wohlberechnete Sparsamkeit, und die 5 Wasserspeier unter mir, 5 schäumenden Pferden gleich, tragen die gedämmte Kraft mutig zu Tale, ein großes Bassin, etwa in der Mitte der unteren Front des Dammes, ist nur zur stündlichen Messung da; läuft es über, so genügt ein einziger Stein, um es festlich in das Strombett abzuleiten. Alles ist auf einen Liter berechenbar,
und als man einmal für irgend einen Herzog alle Schleuss sperrte, war in 15 Sekunden der, Raum am Stäudamm trocken. Wenn Gott nur eine Viertelstunde schliefe und die Brunnen versagten, wären wir alle übermorgen tot.
Ja, sie sind Miniaturgötter, diese Ingenieure, besonders, weil sie cs nicht prätendieren. Sie rechnen einfach: dies Land war im Sommer immer überflutet, dann trocken; verteilen wir das Kapital, so lebt es das ganze Jahr gut. Kommt der Blaue Nil mit seinen abessinischen Regengüssen im Juli angestürmt, so lassen wir alles durch, der Schwamm Aegypten saugt sich voll; dann stoppen wir und sparen. Diese Erwägung, einfach wie alle großen Dinge, konnte dennoch erst vor 20 Jahren hier klassisch gelöst werden. Jetzt erst hat dies Land, das eigenllich den Schlammgott Abessiniens verehren müßte, plötzlich eine zwei- und dreimalige Ernte und konnte, als es Sir Ernest Cassels Anleihe für den Damm auf fünf Jahre ausgenommen, sie schon im zweiten aus den sprunghaft steigenden Ernten bezahlen.
Noch mehr: Es wächst, das schmale Fruchtland zwischen den Wüstm, das zwischen ein und zwanzig Kilometer breit ist, Hunderttausende von Morgen Wüste hat in zwanzig Jahren das Geheimnis des Staudammes in Fruchtland verwandelt; sorgsam vorbereitet, nach Versuchen auf Salzgehalt des Bodens, erst Riedgras, dann Klee, dann Korn oder Baumwolle pflanzend, hat man der Wüste neues Land abgewonnen, und Faustens letztes Streben ist nirgends größere Wahrheit geworben: Was die uralte Legende an den Wänden der Königsgräber darstellt: wie der Tote in Earu, dem Jenseits, weiter lebt und pflügt, um dann sieben Ellen hohes Korn zu ernten, das freilich ist diesseits noch ein Traum, aber ein Stück davon beginnen die kleinen Götter der Technik zu verwirklichen.
Denn dies ist das Erstaunlichste: Der große Damm ist nur der Vater, nilabwärts folgt ein System von fünf Talsperren, deren nördlichste schon vor 80 Jahren versucht und dann von den Franzosen vor etwa 40 Jahren beendet wurde. Von hier aber lausen Kanäle und Kanäle in das Land, und wieder schmalere und immer kleinere, und schließlich endet dieses Shstent in den schmälsten Gäßchen, wo sagenhafte Handmaschinen wie Anno Ramses noch heute das Wasser auf höher liegende Felder leiten. Dort steht, an einem Aufbau aus 3 Palmenstämmen und 2 Rädern, der Bauer wie einst, und mit verbundenen Augen dreht der Stier das Rad langsam und leise knirschend vom Morgen bis zum Abend, damit die Tvnkrüge, die darauf festgebunden sind, in der ununterbrochenen Folge eines Baggerwerkes das Wasser in den etwas erhöhten Kanal heben; in ein Stück ausgehöhlten Palmenstamm, der das kleinste Reservoir Aegyptens darstellt.
So führt, von dem Regen der äquatorialen Berge über das mächtigste Stauwerk mit seinen Rollen, Krahnen, Toren, mit seinen unsichtbaren Logarythmen und deut immer vervollkommneten Rechnen seiner Hüter, die aus der Stärke des Monferus da oben die Wassermenge vorausberechnen — über dies und die fünf anderen Talsperren hinweg führt sein Gedanke, feine leitende Hand die Kraft Aegyptens bis zum Wasserrade des Fellachen, und was ein hellfehender Mensch ersann, vollendet ein dtnnpfer, in künstliche Nacht versenkter Stier. Jahrtausende sind so verhunden, und der unerweckte Dauer am NU macht nichts als sein Ahn unter Pharao und erntet doch dreimal so viel wie jener.
Was ist, im Anblick so großen menschlichen Wirkens, der Tentpelrest von Theben, was der Thron des Tutankamen, der unter Glas nur wenig anders wirkt als einer von jenen, die seit Jahrzehnten daneben aufgebaut sind! Gott helfe denen — so könnte man Goethes Wort an Lavatvr variieren — die er mit der Archäologie geschlagen hat, „ich freue mich, daß er mich mit der Physik segnete!"
Wie lange haben wir gewisse Werte unterschätzt, um andere zu übertreibeit! Wie komisch wirkt die Affektation eines Schwerindustriellen, der hier Statuen der sechsten Dynastie zu lieben vorgibt und in Wahrheit Geld gut darin anlegen will. Gr sucht die Trümmer auf, die jedes Lokalmuseum hier bis zur Ermüdung sammelt, und ich den Staudamm.
Aber ich wette, es ist im Himmel mehr Freude über einen reuigen Romantiker als über zehn ägyptisterende Stahlmagnaten.
Mar Saba.
Bon Paul Duchartz.
In der Steinwüste.
Etwa drei Stunden von Jerusalem entfernt liegt inmitten der steinigen judäischen Gebirgswüste, in unheimlicher, grausiMr Einsamkeit das griechische Kloster Ma« Saba. Der unwirtlich Weg dorthin führt über Steingeröll, steile Bergesabhänge, durch enge Täler und wilde Schluchten. Gr wird wegen der dort herumstreifenden, räuberischen Beduinenhorden und des halsbrecherischen Geländes als unsicher und lebensgefährlich bezeichnet.
Meine Begleiter waren drei Deutsche und zwei Dänen. Wir bewaffneten uns jeder mit einem Revolver und traten von Jerusalem aus den Fußmarsch durch die wilde Judawüfle zum Kloster Mar Saba an. , , „ . .,
Bald verlor sich der Pfad in eine wegelose, wildromantische Gegend Beschwerliche, schmale Saumpfade ziehen sich in schwin-


