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M stch befolgen teilt oder nicht, äußerst weitherzig ist. 3n kleineren Städten in Kleinasien und in der ländlichen Bezirken ist das Fasten nahezu allgemein und in der vorgeschriebenen Form stellt es an die Willenskraft des einzelnen eine überaus große Anforderung.
Der Kaiser Alexander tanzt.
Von Kurt Joachim Baum.
Alles ist dagewesen. Die Lanz-Rekorde unserer Zeit sind durcharrs nicht so verwunderlich und neu, als temperierte Geister gerne glauben möchten. Aach ernsten Zeiten folgt Taumel immer und überall und im Jahre 1815 wurde Terpsichore bestimmt nicht weniger gehuldigt als heutzutage.
Man weih, dah Lord Eastlereagh trotz all der Dalle, welche er in Wien zur Zeit des Kongresses Gelegenheit hatte zu be- suchen, zwei Stunden allabendlich in seinem Hause tanzte, mit seiner Frau, mit seiner Schwester und, wenn er keine Partnerin mehr fand, — mit Stühlen. — So seltsam uns die Tanzlust seiner Lordschaft schon erscheint, er wurde noch bei weitem übertroffen von einem Kaiser, der vermutlich den Rekord im Lanzen schlug.
Der kluge Spötter Fürst von Signe prägte das berühmt gewordene Bonmot vom tanzenden Kongreß*). Man sagt, dah Kaiser Alexander I. von Auhland, der, wie die Wiener spöttelten, an „dansomanie" gelitten hat, das Mort auf sich bezog und den achtzigjährige^'. Fürsten deswegen zur Rede stellte. Entschieden hatte er kein Recht dazu. Sean-Gabriel Ehnard, der kühl beobachtende Sekretär der Genfer Vertreter, erzählt von einer Unpäßlichkeit des Kaisers, die ihn befiel, nachdem er 40 Rächte hintereinander bis vier und fünf Ähr morgens durchtanzt hatte. Welche Leistung! —
Er wäre töricht, sonderlichen Anwandlungen nachzugehen, wenn man von einer derart hemmungslosen Sucht sich zu vergnügen hört. Die positive Arbeit leisteten die Diplomaten und die Monarchen hatten Zeit und Geld und fühlten sich wahrscheinlich durch das seltene Leben unter ihresgleichen bewußter Mensch, als in der Einsamkeit des Throns; und Kaiser Franz I. von Oesterreich war ein liebenswürdiger Wirt. Sein Fleiß, mit dem er all die Bälle, Maskeraden und Konzerte besuchte, um seinen erlauchten Gasten zu gefallen, verdient Bewunderung, toemt man bedenkt, dah er, der krank und schwächlich war, die Feste verachtete. Liebe für sein Volk und Güte, die ihn befähigte, Mängel seiner Persönlichkeit vergessen zu machen, erschlossen ihm die Psyche seiner Zeit.
Rach ungeheuren Anstrengungen war es den Verbündeten gelungen, die Macht Napoleons zu brechen. Run, da der Usurpator die Rolle eines Robinson Krusve auf Elba zu spielen genötigt worden war, wich auch der Alp von den Gemütern, die in der steten Furcht vor dem Diktator der ungezwungenen Lebensfreude solange hatten entbehren müssen. So wurde der mit dem ersten Pariser Frieden am 30. Mai 1814 in einem Artikel des Friedensvertrages beschlossene Wiener Kongreß, der doch in erster Linie der Politik, der Neuordnung der europäischen Verhältnisse hatte gelten sollen, zu einem imposanten Stelldichein der Rotabilitäten aller Länder dieser Zeit, die weniger den ernsten Willen in sich fühlten, sich der gewaltigen Verantwortung gemäß mit den nach Lösung schreienden Problemen zu be- schöstigen, als den naiven Trieb im Taumel rauschender Veranstaltungen die überstandenen ernsten Zeiten zu vergessen.
Die grenzeirlose Gastfreiheit des österreichischen Hofes kam den Wünschen seiner hohen Gäste voll entgegen mit einer Pracht der Aufmachung, wie sie vielleicht bis dahin nicht gesehen wurde, und die Gesellschaft, die aus aller Welt nach Wien geeilt war, um das von Geist und Hoheit, Gold und Anmut strahlende Gemälde zu genießen, um teilzunehmen an dem großen Friedensfest, um Interessen zu vertreten — fremde oder eigene — sie war, wenn irgendwer den Anspruch hatte, berechtigt, die höchsten Ehren zu erwarten. Allein die Hofburg barg in ihren Mauern zwei Kaiser, zwei Kaiserinnen, vier Könige, eine Königin, zwei Kronprinzen, zwei Erzherzoginnen und drei Prinzen. Die Zahl der übrigen hervorstechendsten Persönlichkeiten, die damals in Wien Quartier genommen hatten, ist genau kaum festzustellen. Man sah die buntbestickten -Uniformen und die schönsten Frauen aller Länder, Europas Blüte, die internationale Welt der Macht, des Witzes und der Grazie.
Die Wiener hatten alle Hände voll zu tun. Das Geld lag auf der Straße und die Fleißigen verstanden es, das Gold der reichen Gäste zu gewinnen. Dabei war der Bevölkerung Ge° tegenheit gegeben, um billigen Preis die Reste von der kaifer- nchen Tafel zu erstehen; daß diese „Reste" auch verwöhnten Gaumen mundeten, ist leicht zu glauben, wenn man hört, daß diese kaiserliche Tafel täglich fünfzigtausend Gulden kostete! Die Dienerschaft, die den Erlös aus den Verkäufen selbst behalten durste, erfand natürlich neben diesem auch noch andere Geschäfte, Sv wurden Kerzenreste angeboten, die derart reichlich von den dielen Festen üßrigblieben, dah mancher Wiener, der vielleicht bisher nur spärliche Beleuchtung kannte, sich einen märchenhaften Lichterglanz im Hause leisten konnte. Das Handwerk aller Zünfte
*) „Le congrös Raufe, mail il ne marche Pas" — Der Kon- C-ef? tanzt, aber er kommt nicht vorwärts,
fand den besten Absatz, erklärlicherweise den höchsten das der Schneider. — Nachdem sich die Herrscher gegenseitig mit allen erdenllichen Orden dekoriert hatten, beliebten sie sich Regimenter zu verleihen, und da man es sich zur Ehre machte, sogleich im vollen Glanz der Uniform des jeweiligen Regimentes zu erscheinen, war es den Schneidern, deren Händen die Eitelkeit der Majestäten ausgeliefert war, Wohl möglich, reichen Lohn zu ernten. Dah mit dem wachsenden Bedarf die Preise stiegen, war wiederum Veranlassung für die Beamten, auf eine Erhöhung ihrer Bezüge zu dringen. Man zahlte selbstverständ- lich. Wien war fröhlich und der Kongreß und Kaiser Alexander tanzten. —
Reiterkavalladen durchquerten die Stadt. Dreihundert Equipagen vermittelten den Verkehr von Salon zu Salon. Am Hofe jagten sich die Feste. Was irgend ungewöhnlich war, jeder noch so exzentrische Einfall, der geeignet schien, Abwechslung in die bunte Folge der Veranstaltungen zu Bringen, wurde von den Vergnügungskomitees genehmigt und die Gefährdung eines einmal gefaßten Vorhabens erregte fast größeres Snteresse bis in die höchsten Kreise als die Geschäfte der Diplomatie.
Mitten im Winter standen in Ben Sälen, wo die Festlichkeiten abgehalten wurden, ganze Bäume in Blüte oder mit köstlichen Früchten beladen. Lebende Bilder wurden gestellt, bei denen die aus der fürstlichen Gesellschaft verpflichteten Akteure den nach Wien strömenden Berufsschauspielern wenig nachgaben. Geschmack und Laune triumphierten; und das Ballet verschrieb man sich natürlich von — Paris.
Aus der Fülle der bedeutenden Veranstaltungen ragen einzelne so hoch über das alltägliche hinaus, daß man dem Grafen de la Garde, der in der Niederschrift seiner Erlebnisse als Kongreßbummler gerade ihnen weiteste Beachtung schenkte, gebannt in feinen Schilderungen folgt.
Dem alle Herzen bewegenden Wunsche entgegenkommend, den endlichen Frieden zu feiern, wurde unter freiem Himmel das militärische Friedensfest mit allem Pomp der weltlichen! und geistlichen Mächte Begangen. Sm Zentrum eines Rasenplatzes war ein mit Trophäen geschmückter Tempel errichtet worden, um den sich die Majestäten mit ihren Hofstaaten, die Diplomaten und hohen Militärs, der Klerus, die verschiedensten! Regimenter und die staunende Bevölkerung Wiens gruppierten. Der Erzbischof von Wien zelebrierte die Messe. Und Vie stolze Versammlung sank in den Staub vor dem Lenker der Schlachten. Größer, ergreifender als dieses Bild kann keines der rauschenden Feste gewesen sein.
Die Redouten im Kaiserpalast bildeten den Gipfel der gesellschaftlichen Zusammenkünfte. Hier mag Sean-Baptiste ÖfaBet seine Studien getrieben haben, bis er das berühmte Gemälde vom Wiener Kongreß vollendete. — Der Tag des kaiserlichen Karussells, der mit größter Spannung erwartet wurde, führte die erlauchten Gäste neben anderen Geschicklichkeitsbeweifen der Paladine ein Turnier vor Augen. Da Kaiser Alexander infolge seiner -Unpäßlichkeit verhindert war, dem Feste Beizuwohnen, wurde die Veranstaltung ein zweites Mal gegeben. Lady East- lereagh, die Gattin des tanzlustigen Diplomaten, verstieg sich bei dieser Gelegenheit so weit, den Hosenbandorden ihres Eheherrn in Brillanten gefaßt als Diadem auf dem Kopf zu tragen. — Honny sott qui mal h Benfe! Man mußte sich bemerk- bar machen, wenn man in dieser Fülle auserlesenster Persönlichkeiten beachtet werden wollte. Und daß der schönen Frauen, die nicht nur im Glanz der Kerzen strahlten und den Blick der Potentaten magisch auf sich lenkten, genug in Wien versammelt waren, bewies die Schlittenfahrt.
Unter der Leitung des Oberstallmeisters von Trautmanns- dorf, von einem Kavalleriedetachement, einer Schwadron kaiserlicher Retter, zwei unförmlich grossen Orchesterschlitten und vierundzwanzig jungen mittelalterlich gekleideten Pagen begleitet, flogen die Schlitten der Notabilitäten über den Schnee. Die feurigen Rassepferde, das Läuten der filbernen Glocken, das Spiel der Trompeten und Pauken, der Reichtum an Seide und Samt und Gold und Perlen und Pelzen und kostbaren Decken berauschten das Volk, das jubelnd die Potentaten begrüßte.
Der Kaiser von Oesterreich führte die liebenswürdige Elisabeth, Kaiserin von Rußland, der Kaiser Alexander die Prinzessin Gabriele Auersgerg (la Beaute, qui inspire seul du vrai fentiment, wie der Kaiser sie nennt), der König von Preußen die „teuflisch" schöne Gräfin Sulie Zichh, der König von Dänemark die Großherzogin von Sachsen-Weimar, die Hermelin trug, eine Pelzart, die damals in Oesterreich nur Herrschaften kaiserlichen Geblütes zu tragen gestattet war, der Großherzog von Baden die Gräfin Lanzanzky, der Kronprinz von Württemberg die Fürstin von Liechtenstein, der Kronprinz von Bayern die Gräfin Sophie Zichh, der Prinz Eugen die Gräfin Apponyi .....wer zählt die Namen!
Denkwürdig und vielleicht am bewegtesten von den zweihundert Tagen des Kongresses ist jedoch vor allem der 7. März 1815.
Man stellte gerade lebende Bilder unter dem Protektorat der Kaiserin Ludowica; „les noees de Psyche" hieß das „Tableau" Der ganze Olymp wurde dargestellt und man hatte gerade dieses Fest mit jeder erdenklichen Ausstattung bedacht. Die höchsten Herrschaften vergnügten sich, die Göttlichen selbst zu spielen. Da, als das Fest seinen Höhepunkt erreicht und die


