Ausgabe 
2.5.1925
 
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Gießener Zamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang (925 Samstag, den 2. Mai Nummer 55

Von Frühlingsnächten nnd Ramazan in Ltambnl.

Brief au» Konstantinopel, den 15. April.

In mondheller Frühlingsnacht in leichtem Karl auf dem Mattgrünen Bosporus mit den silbrigen Wogen dahinzugleiten mag für manch einen ein großer Genuß erscheinen. Ich rate damit, lieber bis zum Sommer zu tourtet; denn zumeist weht hier ein rauher Wind vom Schwarzen Meer, das die Alien nicht mit Unrecht das Ungastliche nannten, und bis Ende Mai ist es in den flächten, zumal auf dem Wasser, empfindlich kühl, Ich selbst ziehe vor, wie alle friedlichen Bürger, des Rachts zu schlafen. Leider wird auch das jetzt meist zur Unmöglich­keit gemacht, denn wir sind jetzt hier mitten im Ramazan, im im Fastenmvnat.

Es scheint schon an sich der Begriff der nächtlichen Ruhe­störung in Stambui nicht bekaimt zu sein. Da ist zunächst der Bekdschi, der Rachtwächter des Viertels. Mit einer schweren eisenbeschlageiren Keule schreitet er die ganze Rächt seine Straßn und Gassen ab. Die Keule sieht ganz gewaltig aus, ist jedoch anscheinend nicht als Wache gedacht. Der brave Mann, wurde sich auch sicherlich schwer hüten, die Diebe laufen meist von selbst weg, und daß ein Bekdschi mit seinem Übermäßig dicken Knüppel in einen nächtlichen Streit eingegriffen hätte, habe ich bis jetzt noch nicht gehört. Die eisenbeschlagene Keule dient zzur Zeitangabe. So alle 25 Schritt macht der Wächter Halt und haut lauthallend so oft mit ihr auf das Straften» Pflaster, als es der Stundenzahl entspricht. Da er nun leider alla tutiEa, nach türkischer Uhr, rechnet, kann ich so oft ich auch davon aufgeweckt werde, doch nicht viel damit anfangen. iVel- leicht dient es auch nur dazu, daß die bösen Diebe wissen, in welcher Gegend sich der Bekdschi gerade befindet.

Sanght war!, wen schände'^» nicht, wenn der brave Bekdschi in der Rächt mit diesem Schreckensrufe die Gassen durcheilte und alle die vielen jetzt längst verschwundenen Straftenhunde heulend darin einstinnnten. Dabei brannte es vielleicht in Arnaut- Mh, einem 10 Kilometer entfernten Vororte. Bei einer so großen Ausdehnung der Stadt und bei dem unglaublichen Leichtsinn, mit offenem Feuer umzugehen, brennt es fast jede Rächt wenigstens einmal irgendwo. Setzt ist feit einem Jahre dieser nächtliche Fenerrus verstummt, doch wurde kürzlich im Stadtrat allen Ernstes der Antrag gestellt, den guten alten Brauch doch wieder einzuführen.

Daß der Verkäufer auch des Rachts gellend laut tu den Straften seine Waren ausruft, wird man bald gewohnt, regel­mäßig kommt bis 2 Uhr nachts der Simitschi mit frischen Ärengebi vorbei und morgens ab 3 Uhr ruft der Salebdschi, der Saleb ähnlich unserem Haferschleim verkauft. Auch die großen Scharen der Katzen, die nächtlich in Rudeln zu Dutzenden auf den Dächern sich ergehen und jetzt in vielstimmigem Ehore ihre Frühlingslieder singen, stören mich eigentlich faum mehr.

All das war wirllich nicht so schlimm. Aber jetzt ist Ramazan, der Fastenmonat, und damit kJ er Gläubige für das Fasten während des langen Tages hinreichend gerüstet ist, geht in jedem Bezirk des Rachts ein Mann mit einer Trommel­pauke herum, um zzu den verschiedenen Rachtmahlzeiten zu Wecken. Rwt wohne Ich leider gerade an der Grenze zweier Stadtbezirke und werde daher jedesmal doppelt wachgetrommelt. Anfangs habe ich den bösen Wunsch gehegt daß das Trommel­fell doch einmal platzen möge. Das ist dann auch wirklich eingetreten, und dann kam der Mann, um bei denreichen Leuten einzusammeln, und da habe ich für die neue Pauke tüchtig zahlen müssen. Jetzt glaubt er, daß er mich zum Danke besonders taut zu wecken hat. So habe ich mich dann in mein Schicksal ergeben und liege wach und warte bis der Kanonen­schuß das Rahen der Morgendämmerung kündet, für den Mos- lin das Zeichen, daft das große Tagesfasten beginnt, für mich die Erlösung, daß ich einige Stunden ungestört schlafen kann.

Der gläubige Mvslim ist im Fastenmonat nicht zu be­neiden. Von der Morgendämmerung sobald man einen schwarzen Faden von einem weiften unterscheiden kann bis daß der Gomtenball hinter dem westlichen Berge schwindet, ist ihm jeglicher Genuß versagt. Keine Speise, nicht einmal ein Trunk Wasser, ja man soll eS unterlassen, selbst den Speichel herunter- zuMucken, an einer Blume zu riechen wäre Sünde und die größte Entsagung für jeden Orientalen, man darf den ganzen Tag nicht rauchen Da man nun ohne zu rauchen wtrKich

schlecht arbeiten kann, so begimten die Behörden erst um 2 Uhr ihren Dienst, die Geschäfte ruhen nach Möglichkeit am Vor­mittag und auch die Straften erscheinen recht menschenleer, da man die erste Hälfte des Tages verschläft. Die türkischen Speise- Häuser sind geschlossen und in den Kaffeehäusern sieht man ver drieftliche Gesichter. Man sitzt umher, hat Langeweile, fchnürt den Riemen enger, wenn der Magen knurrt und schaut nach dem Stande der Sonne, läßt die Perlen des Tesbich (dem Rosenkranz ähnlich) durch die Finger gleiten, wartet auf bet Abend, auf den Kanonenschuß.Top atilbi rufest dann die Kinder,'die Kanone hat geschossen" und von den Minarets ertönt das Allah ek 5er, Gott ist groß, erst dann darf matt sich allen Genüssen hingeben.

Und bas besorgt man auch in reichlichem Blaße. Ist Rama­zan. eigentlich Fastemnonai oder Freudenmonat!, bei Sage das erste, bei Rächt das letzte. In früheren Zeiten war es der Monat des Gastgebens. Da saßen bann gegen Abend bie Gäste vor den dampsfenden Schüsseln mrb warteten auf das gegebene Zeichen. Jetzt ist es auch darin etwas einfacher geworden. Zur zweiten Stunde nach Somtenuniergange, sobald die Farbe des Abendrotes völlig verblaßt ist, wirb dann in den Moscheen das Gebet verrichtet. In den kleineren findet man selbst heute kaum einen teeren Platz. Zumeist sieht man Männer, berat der Frau soll, nach einem Aussprache, ihr Heim als Moschee dienen. Rach der überreichlichen Magenfüllung erscheint mir dies Abendgebet schon allein gesundheitlich von hohem Wert, denn die vorge- schriebenen Gebetsbewegungen stellen ein Stiftern der besten gym­nastischen Hebungen dar. Auch tritt man stets gewaschen zum Gebet in Die Moschee, zum wenigsten sind die Füße zu reinigen

Hernach sind die Straften überfüllt. Von der Haghia Sophia den Diwan Jolu heraus zum Seraskierplatz und von da bis zm Moschee Fathich, des Eroberers, wogt eine freudige Menscherv- menge. Die Galerien der Minarets der vielen Moscheen sind allabendlich festlick beleuchtet tmb kaum herrlicheres gibt es hier zu sehen, wenn zwischen den schlanken Minarets an langen Sellen schwebend in riesigen kunstvoll verschlungenen arabischen Zeichen von zitternden Lichtlecn geformt, irgendein kurzer Vers des Korans hoch am Himmel geschrieben erscheint. Die eine Mosche- sucht mit der anderen darin zu wetteifern. Die Kaffeehäuser sind überfüllt, man trinkt einen Schekerli, einen süßen Mokka, raucht das Rargileh, ißt Süßigkeiten im Uebermaß und verdirbt sich dabei den Magen, und schaut dem Strom der Menge zu, Etei vorSeiflukt. Die Männer in Fez ober Kalpal, recht viol Frauen, nur wenige noch verschleiert. Ob das wohl gerade die hübschetc sind, oder die häßlichen, die fick nicht vom Schleier trennen können! Dazu viele Kinder, die Semen trägt der Baker auf dem Arm. Man geht zum Dar-ul-bedai, zum türkischen ^Heater, oder erfreut sich an den Späßen des Kara göz, des uralten türkischen Schattenspiels. Auch der Märchen und Anekdotener­zähler erfreut sich einer großen Zuhörerschaft. Kommt jedoch bei spannendste Teil der Erzählung, so unterbricht er auf eine Weile und sammelt erst seinen Para ein, und fährt erst bann weiter fort

Der Fastenmonat feiert das Gedenken, daß Allah den Koran vom Himmel herab den Gläubigen gesandt hat. Da der arabische Monat nach dem Monde gerechnet wird, so verschiebt sich jahr- lich die Zeit des Ramazan um fast 14 Sage, und wird also i« den nächsten Jahren immer mehr in die Zeit der kürzeren -rage der Wintermonate fallen. Der Ramazan beginnt, sobald der neue Mond erblickt wird. Man könnte das ja leicht errechnen, wie es im Kalender geschieht, aber es kommt fcirauf an, daß der Mond wirklich gesehen wird. So kam es in diesem W W, daß irgendein frommer Mann von seinem Miparel den Mond einen Tag früher sah, als das nach dem Kalender üverhmipc möglich war. Es genügt da für diese erstaunliche Tatsache drei Zeugen beizubringen... und das Fasten beginnt eben um einen Tag früher. Und will das UMck, wie eS im letzten sichre ge­schah, daß am Monatsende dichte Wolken den Himnml tw- bängen, so daß man die beginnende Sichel des nächsten Mondes nicht erblicken tarnt - inschallah!. so Gott will, dann fastet man eben noch einen Tag länger. ~

Ob nun toirklich alle das Gebet so strerige acyter! 3n Mott- stantinopel die Mehrzahl sicherlich «richt. In der Oef^nllichttc jedoch gilt eS als Schande, das zu zeigen, rmd wirklich sicht inan faum, ober doch nur sehr selten landen öffentlich Mich nur rauchen. Und zu Haufe Krim es ja jeder halten wie er will Gerade beim Mohammedaner habe ich stets haft

man bartn. wie weit der eiMelne die Vorschriften der RÄtmv'r