Wahrlich eine Alt tert reue sondergleichen. Damit Sie aber nicht zum irrenden Ritter werden, will ich Ihnen die Richtung geben. Die rotgelockte Dame, die Sie zu — beschirmen so freundlich waren, ist meine Tochter."
„Pflegetochter, wenn ich recht gehört?"
„Sehr richtig.' Also diese meine Pflegetochter wird Daronin von Steinberg, das habe ich so bestiinmt. And der hübsche Doktor, den Sie auch unter Ihre Flügel zu nehmen scheinen, ist für mich da, nur für mich. Ich habe nun einmal die Marotte. Jetzt sind Sie au fait, wünsche guten Appetit. Es gibt heute Suppe L la Britanniere. Schämen Sie sich." Kokett zog sie ihm den Schirm aus der Hand und hüpfte leichtfüßig fort. Sprachlos blieb der Dichter iin Regen stehen. Allmächtiger Gott, nun ist die auch verliebtl Rein, das muh wahr sein, in Romanen bringt man ein Männlein und ein Fräulein leichter zusammen. Wenn der Graf jetzt nicht hilft, Ponto, wir find mit unserem Latein zu Ende.
Graf Peter aber half immer. Seine schlaue Cousine glaubte es sehr listig angefangen zu haben und hatte Daran Otto klar- gemacht, sie hätte Müllners Dlitz dem Nachtwächter beigefügt, weil da nur zwei Personen, Rita und er, beschäftigt > wären. Er solle mir recht eifrig proben. Das hatte leider Detter Peter im Billardzimmer gehört und das übrige von dem Liebhaber herausgeloÄ.
2m niedlichen Theater, wo es von gemalten Genien nur so flatterte, rumorte der Graf schon mit dem Frühesten. 2m Halbdunkel der Dühne, im Durcheinander von Kulissen und Versatzstücken hatte er Jean Paul erzählt, wie sein herzoglicher Ohm von einer Wandertruppe hier sogar den Don Juan habe aufführen lassen, zum Beweise deS hatte er noch aus einem Winkel das weihe Holzroß des Komturs hervorgezogen. Dana hatte er die gesamte Dienerschaft zusammengetrommelt, dem Oberhofmeister der Tante bewiesen, daß er keine Spur von ästhetischem Sinn habe, und endlich im ter . Poltern und Püffen eine ganz räsonable Szene mit Häusern, Gärtchen und Drumien-
dach komponiert.
Drei Ahr nachmittags, jetzt kann's lesgehen. Die Fäuste in die Seiten gestemmt, zwei Weinflaschen in den Rocktaschen, übersah er zufrieden sein Werk. Auf der kleinen Stiege zur Garderobe schlürfte ein tastender Tritt. Der Graf machte ein Gesicht, als beobachtete er eine Mausefalle, die sich schließen soll.
„Sind Sie eS, Daronchen? .Famos, daß Sie früher kommen."
„Es ist nur meiner Mutter wegen, lieber Graf. Zur Auf- führung wird sie bestimmt Migräne haben, und da heute ihr guter Tag sein wird..."
„So will sie ihren Sohn bewundern, natürlich. Rur immer heran, sie soll den Chorus abgeben wie in der antiken Tragödie."
„And dann wünschten Sie selbst, daß ich... Derteufelt
dunkel hier."
Er stolperte über ein Rasenstück und stand dann glücklich
neben dem Grafen:
„Kennen Sie Ihre Rolle schon? Wenn nur die vielen Stichwörter nicht wären!"
„Kleinigkeit, Liebster, ich habe die meine kaum angesehen. Man wartet eben auf Inspiration. Dorsichiig, Sie fallen in den Brunnen! — Wissen Sie, weshalb sch Sie früher bat? Sehen Die hier: vin blaue de Mursault de la cöte d’or. Was meinen Sie? Ich habe mir di« kleine Aufmerksamkeit erlaubt."
Der Baron glotzte ihn bedenklich an. „Ja, ist beim heute Geburtstag?"
„Rein, aber Namenstag, liebster Schatz, obendrein noch der Ihrer kleinen Partnerin. ES leben die roten Locken!"
„Aber, aber... Ich sehe jeden Tag im Kalender nach. Heute steht Esther da."
„Ganz recht, so heißt sie ja. Da meiner Cousine der Name zu mosaisch war, machte ?te flugs Rita daraus, vielleicht ist's auch nur eine ku rische Abkürzung."
„Was Sie sagen! Da muß man ja gratulieren."
„Hm, ja. So ein bißchen angratulieren, memettoegen. Geben wir uns erst die rechte Stimnnrnig. Das machen wir so. Die mit Ihrem langen Pedal herauf aufs Pfech, ich hier auf den Brunnenrand, die Rasenbank sei unser Tisch. Was wir lieben!"
Der Pfropfen knallte, die Gläser khmgen.
„Rauchen Sie?"
.Her damit, weil es nun doch AameirStag ist.'
sind ein fidekeS altes Haus. Lind die Rollen Blitz ist Ihnen ja angepaHt tote eine Jockey-
gelernt? Die im Hose!"
„O — die!"
„So nehmen Sie die starke Zigarre hier. Brennt sie?^Sitzen Sie gut? Haha,
Baron Otto drückte schwärmerisch alle fünf Finger seiner Rechten an die Brust und stürzte ein Glas herunter.
„Also verliebt find Sie?" forschte der Verführer und stützte die Ellenbogen auf und kniff die Augen zusammen.
„Wird also nichts zu machen sein, die Kleine muß dran. Ich ziehe mich zurück, wenn auch mit gekucktem Herzbeutel. Ohne die roten Locken können Sie gar nicht leben?"
„Je nun,“ meinte der Baron huldvoll und schlenkerte mit den Deinen.
„Die Daronesse ist hübsch und Mama will es so. Heiraten muh man doch. Otto, sagt meine Mama, das kommersieren und kommittieren schickt sich nicht für dich. Du spielst als Student eine miserable Figur!"
„Küß' die Hand, Frau Baronin," warf der Graf dazwischen. „Sie haben da eine sehr intelligente Mama. Auf Ihr Wohl!"
„Otto," sagte sie, „dir fehlt das harmonische Gleichmaß, du nruht heiraten. Ich habe für dich gewählt. Und — sehen Sie. liebster Graf, wenn nun einmal so ein Herz in Flammen steht..."
„Do brennt es!" ergänzte Graf Peter mit wundervoller Logik.
„Löschen wir."
„Aber, ich bitte Sie — schon die zweite Flasche! And mein« — meine Stichwörter?"
Der liebenswürdige Wirt ließ keinen Einwand bestehen, ob auch der andere sich schon fester in den Sattel fetzte und mit weinseligen Augen den blauen Rauchwolken folgte. Anbezahlbar, wenn solch eine Landratte einmal feucht wird, dachte der Graf stillvergnügt und brachte sein nächstes Glas der Chassepot. Otto lächelte dumpfiffig; die verdiene es ganz besonders. Mama sage immer, er solle von ihr Manieren lernen. Dann machte er die Bemerkung, daß die Kulissen schief ständen und die Zigarre vortrefflich sei. Der Graf fand das ganz in der Ordnung und proponierte als ganz besondere Aeberraschung, die Chassepot als lebende Scharade aufzuführen.
„Das macht man so. Erste Silbe: Sie stürzen wie ein gehetzter Hase über die Dühne, ich verfolge Sie mit gespanntem Hahn, chasse. Sehr gut, nicht? Die zweite Silbe bitten wir uns vom Koch aus und stellen einfach einen Topf auf den Tisch pot"
Otto wollte bersten vor Lachen: „Das Ganz« aber, das Ganze?" forderte er neugierig.
„Wir heben einen Pfeilerspiegel aus und rennen damit gegen die Gräfin, als liefen wir Sturm auf ihr Herz. Sie erkennt sich selbst. Grotzartigss Tableau!"
Verstohlen wollte er eben unter homerischem Gelächter des Barons die dritte Flasche Hunter des Brunnenhäuschen hervor» alngen, als er sich von oben herab umarmt fühlte. Sin schallender Kutz war nicht mehr abMveHvrn: „Bravo, Graf, bravo! Sie — Sie sind ein guter Mensch wir müssen uns duzen. Beide sind wir gute Menschen' Liebster, bester Peter."
Mit einiger Mühe mackste sich der Graf los und den andern wieder sattelfest: „Rur keine Extravaganzen, Daronchen, sonst kalken Sie vom Stengel. DaS Du überlegen wir un3 noch. Es könnte doch sein, daß wir uns einmal in die Haare geraten und es wieder zurücknehmen möchten. Ich nehme aber nie etwas zurück."
„Ich auch nicht, ich auch nicht. Zum Henker alle Philister,
die nicht trinken und lieben, wir dieser Jean Paul! Verdammter Kerl, stört Ständchen und — und — und singen werde ich doch."
Die Wirkung schien großartigen zu werdsn, als Vetter Peter wünschen mochte. Gr hatte nur noch Zeit, dem Sangss- lustigen vom Pferde zu helfen und R'otz und Aaschen hinter die Kulissen zju schieben. Denn jetzt drang Tageslicht auf die Bühne. Aus der Damengarderobe traten Wilhelmine und Rita, Feuerbach mit Binzer und Jean Paul stieg die Stufen herab.
„Stramm, Baron, stramm! Esther kommt. Zum Teufel, gondeln Sie nicht fo mit den Deinem, Sie treten mir die Häuser ein.“
„Beisammen sind wir, fanget an," deklamiert Feuerbach und drückt sich die Aachtwächterperücke fester.
„Alles hübsch fertig, Detter?" forscht Wilhelmine ahnungslos. „Ich habe mir erlaubt, den Doktor mit,Möringen. Er vergeht etwas von der Sache. Run?" So einsilbig hat fit den Vetter nie gesehem And der Baron? Probt er schon? Genial fallen die blonden Haar« über feine stark gerötete Stirn, er Hat die Hellebarde des Nachtwächters ergriffen und hantiert an ihr herum tote an einer Laute. „Esther, Esther," flötet er und beginnt nun nach einigen mi^lückten Ansätzen im höchsten Tenor:
Nimm, tooS Götter nur verstehen, Nimm der Liebe ganzen Schmerz: Nimm, was Götter nicht verschmWten, Rtmm ein ganz gebrochsmeS Herz.
Es läßt sich nicht leugnen, mon ange ist betrunken. Aus dem dunklen Zuschauerraum Hingt ein schwacher Schrei, dort ist die Baronin eben im Begriff, ihr harmonisches Gleichmaß zu verlieren. Ernüchtert fordert der Baron stürmisch das erste Stichwort. „Am Gottes willen, schaffen Sie ihn fort,“ flüstert Wilhelmine dem Vetter zu.
Mutter und Sohn schwanken fort zu verschiedenen Seiten.
Was nun? Wilhelmine übersteht sofort die Situation, nertröä zerknittert sie das SouMerbuch in der Hand. Der Doktor scheint betreten, verlegen starrt Feuerbach in feine Rolfe, Jean Paul hat die Hände über der Weste gefaltet, boshaft blitzen ferne Brillengläser im Zwielicht. Da ist der Graf wieder zurück. Der Baron schlafe, die Baronin fei für Heute nicht mehr zu sprechen.
(Fortsetzung folgt.)
Hchriftleitung: Dr, Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


