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»Tief in das Leben greifen Lind durch das Leid Weit aus dem Leben reifen, Weit aus der Zeit."
»Das schnellste Tier, das euch zur Vollkommenheit trägt, ist Leiden", sagt Meister Eckehart; auch für Rilke wird das Leid zur treibenden Kraft. „Wir, denen aus Trauer so oft seliger Fortschritt entspringt — konnten wir sein ohne sie?" fragt er noch in seiner letzten Dichtung, den „Duineser Elegien" (so genannt nach dem jetzt zerstörten Schloß Duino der Fürstin von Thurn und Taxis, in der sie entstanden sind). Indem er das Leid bejahte und es in den Dienst seiner Kunst stellte, übev- wand er die Lebensangst, die seine Anfänge kennzeichnet, wenigstens teilweise und zeitweise.
„Alle Angst ist nur ein Anbeginn, Aber ohne Ende ist die Erde, Und das Bangen ist nur die Gebärde, Llnd die Sehnsucht ist ihr tiefer Sinn", heißt es in seiner nächsten Gedichtsammlung „Mir zur Feier'"). Die Erfüllung dieser Sehnsucht bringt das „Buch der Bilder", das seine Lyrik in ihrer reifen Bildlichkeit zeigt. Anfangs befällt ihn zwar auch hier wieder die Weltangst, aber bald findet er den ersehnten „Fortschritt":
„Lind wieder rauscht mein tiefes Leben lauter, Als ob es jetzt in brettern Äsern ginge.
Immer verwandter werden mir die Dinge
Lind alle Bilder immer angeschauter;
Den: Namenlosen fühl' ich mich vertrauter." ...
Der Künstler ist über den Menschen Herr geworden; sein 2ch hat sich in die „Dinge" ergossen, sich in ihnen objektiviert. Ein pantheistisches Allgefühl durchpulst fortan seine Werke; in der Hingabe an die ewigen, unzerstörbaren Kräfte, die die Welt durchfluten, findet er das sichere Lebensgefühl,
„Kann mir einer sagen, wohin
Ich mit meinem Leben reiche?
Ob ich nicht auch noch im Sturme streiche Lind als Welle wohne im Teiche, Ob ich nicht selbst noch die blasse, bleiche, Frühlingsfrierende Birke bin?"
Die Natur aber ist nur die Offenbarung Gottes, und das gleiche Gefühl der -Unzerstörbarkeit der Kräfte im Wandel der Formen erfüllt Rilkes religiöse Lyrik. Diese neue Frömmigkeit, dieser schon im „Advent" erstrebte „kapellenlose Glaube", baut sich in seinem Herzen und in seiner bildhaften Kunst An» dachtsstätten, in denen er seine eignen Liturgien singt, auf seine Weise zu Gott betet.
„Ich weist, so oft mein Denken mißt, Wie tief, wie lang, wie weit, Du aber bist und bist und bist, Umzittert von der Zeit.
Mir ist, als wär ich jetzt zugleich Kintz, Knab' und Mann und mehr. Ich fühle nur, der Ring ist reich . Durch seine Wiederkehr."
So betet Rilke in seinem „Stundenbuch", seiner ersten zusammenhängenden größeren Dichtung, die, ganz aus religiösem Gefühl geboren, aber aus den mannigfachsten Elementen gemischt, noch einmal alle Krisen der Lebensangst und WÄt- flucht bis zur Weltvrrnrinung durchläuft, um schließlich nach apokalyptischen Weltuntergangsvisionen einen neuen Himmel und eine neue Erde zu prophezeien. ES bedürfte eines Äufsatzes für sich, um von dieser schweren, oft schmerzvollen Mystik ein auch nur annäherndes geistiges Bild zu geben; hier sei nur darauf hingewiesen, daß die geistigen Krisen der Gegenwart, auf die der Anfang dieser Studie hinwies, und von denen Rikke sich bisher abseits gehalten hatte, hier nun doch in religiöser Gewandung in seine Kunst eindringen, und daß er sich im „Stundenbuch" endgültig mit ihnen auseinandersetzt.
Auch die „Neuen Gedichte", inhaltlich und stilistisch eine Fortsetzung vom „Buch der Bilder", weisen dies neue Element der Auseinandersetzung mit der Welt und ihren Erscheinungen! auf. Aus dem subjektiver! Lyriker ist hier ein „Schauender" geworben, der Länder und Kulturen durchwandert. Griechentum und Christentum, Mittelalter und Renaissance, Reiseeindrücke und modernes Leben, Stilles und Geräuschvolles drängen zur Gestaltung heran und werden alle mit gleichem Dildnerernst geformt. Etwas Nordisch-Strenges, Erarbeitetes macht sich geltend, an Stelle des Melodienreichtums früherer Werke tritt immer mehr Bild und Plastik.
Der innere Umschwung, der sich schon am Ende des „Stundenbuches" mit seinen Anklängen an die antike Orphik ankündigte, vollzieht sich dann in Rilkes beiden letzten Gedichtsammlungen!,
*) Neuerdings unter dem Titel „Frühe Gedichte", aber von dem unermüdlich nach Vollendung Ringenden nochmals durchgefeilt und bisweilen stark verändert. Sämtliche Dichtungen Rilkes sind würdig ausgestattet im Inselverlag zu Leipzig erschienen, , , , ;
den „Sonetten an Orpheus" und den schon genannten „Duieneser Elegien", beide nach dem Weltkrieg erschienen, und mit diesem inneren geht auch ein formaler Wandel Hand in Hand, eine Anlehnung an die gegebene Kunstform des Sonnets mit seinen festeren Bindungen, schließlich ein Verzicht auf den Reim und die „freie“ Gestaltung des antiken EpenverseS. Statt biblischer Bilder benutzt der Dichter jetzt fast durchweg solche ans dem dionysischen Kult. Die Zerreißung des Orpheus durch die Mänaden wird zum Symbol des ewigen „Stirb und Werde". Durch den Tod des göttlichen Sangers wird sein Sieb in das All ausgegossen; es erfüllt die Natur und tönt unsterblich im Sängermund fort., Statt der düsteren Weltuntergangsstimmuirg der Apokalypse herrscht eine stille, herbstliche Bejahung, die im Fallen der Frucht, im Sterben der Natur nur eine Metamorphose des Lebens sieht.
„Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert, Drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt. Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter Dir, wie der Winter, der eben geht.
Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter, Daß überwinternd dein Herz überhaupt übersteht."
Die Sprachmusik ist hier, wie man sieht, nicht geringer geworden, sie schlägt nur andere, stillere Töne an. Diese Gedichte erinnern an die zartesten Schöpfungen der griechischen Anthologie. Nur Hölderlin Hat bisher Verse von dieser süßen Reife, diesem reinen Wohllaut in deutscher Sprache gemeistert. Als Vollendeter überschreitet Rilke die Schwelle des fünfzigsten IahreS.
Sebftbildnis aus dem Jahre 1906.
Von Rainer Maria Rilke').
Des allen lange nötigen Geschlechtes Feststehendes im Augenbogenbau.
Im Blicke noch der Kindheit Angst und Bläu und Demut da und dort, nicht eines Knechtes, doch eines Dienenden und einer grau.
Der Mund als Mund gemacht, groß und genau, nicht überredend, aber ein Gerechtes Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes und gern im Schatten stiller Wiederschau. Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt; noch nie im Leiden ober im Gelingen zusammengefaht zu dauerndem Durchdringen, doch so, als wäre mit zerstreuten Dingen von Fern ein Ernstes, Wirkliches geplant.
Der fremde Manu.
Von.Rainer Maria Rilke").
Ein fremder Mann Hai mir einen Brief geschrieben. Nicht von Europa schrieb mir der fremde Mann, nicht von Moses, weder von den großen, noch von den kleinen Propheten, nicht vom Kaiser von Rußland ober dem Zaren Iwan, dem Grausen, seinem fürchterlichen Dorfahven. Nicht vom Bürgermeister oder vom Nachbar Flickschuster, nicht von der nahen Stadt, nicht von den fernen Städten; und auch der Wald mit den vielen Rehen, darin ich jeden Morgen mich verliere, kommt in feinem! Briefe nicht vor. Er erzählt mir auch nichts von feinem Mütterchen oder von feinen Schwestern, die gewiß längst verheiratet find. Vielleicht ist auch fein Mütterchen tot; wie könnte es sonst sein, daß ich sie in einem vierseitigen Briese nicht erwähnt finde! Er erweist mir ein viel, viel größeres Vertrauen; er macht mich zu feinem Bruder, er spricht mir von seiner Not.
Am Abend lommt der fremde Mann zu mir. Ich zünde keine Lampe an, Helse ihm den Mantel ablegen und bitte ihn, mit mir den Tee zu trinken, weil das gerade die Stunde ist, in welcher ich täglich meinen Dee trinke, ilnb bei so nahen Besuchen mutz man sich keinen Zwang auferlegen. Als wir uns schon an den Tisch setzen wollten, bemerke ich, daß mein Gast unruhig ist; sein Gesicht ist voll Angst, und seine Hände zittern. „Richtig", sage ich „hier ist ein Bries für Sie." Lind bann bin ich dabei, den Tee einzugietzen. „Nehmen Sie Zucker und vielleicht Zitrone? Ich Habe in Rußland gelernt, den See mit Zitrone zu trinken. Wollen Sie versuchen?" Dann zünde ich eine Lampe an und stelle sie in eine entfernte Ecke, etwas hoch, so daß eigentlich Sommerung bleibt im Zimmer, nur eine etwas wärmere als früher, eine rötliche. Hub ba scheint auch das Gesicht meines Gastes sicherer, wärmer und um vieles bekannter zu sein. Ich begrüße ihn noch einmal mit den Worten; „Wissen Sie, ich habe Sie lange erwartet." ühtb ehe der Fremde Zeit hat zu staunen, erkläre ich ihm. „Ich weiß eine Geschichte, welche ich niemanbem erzählen mag als Ihnen, fragen Sie mich nicht warum, sagen Sie mir nur, ob Sie bequem sitzen, ob der Tee genug süß ist und ob Sie die Geschichte hören wollen."' Mein Gast mußte lächeln. Dann antwortete er einfach: „Ja." „Auf alles drei: Ja?" „Aus alles drei."
") Aus „Neue Gedichte" (Insel-Verlag, Leipzig 1923).
’) Aus „Geschichten vom Heben Gott" (Im Insel-Verlag.
Leipzig 1925). -


