Gietzener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1925 Dienstag, -en Dezember Nummer 96
Der Dichter.
Von Rainer Maria Rilke*).
Du entfernst dich von mir, dir Stunde, Wunden schlägt mir dein Flügelschlag. Allein: was soll ich mit meinem Munde? mit meiner Rächt? mit meinem Tag? Ich habe keine Geliebte, kein Haus, keine Stelle, auf der ich lebe.
Alle Dinge, an die ich mich gebe, werden reich und geben mich aus.
Zu Rainer Maria Rilkes fünfzigstem Geburtstag am 4. Dezember 1925.
Eine entwicklungsgeschichtliche Studie von Friedrich v. Oppeln-Bronikvwski
Der fünfzigste Geburtstag eines Dichters ist an sich ein belangloses Datum, aber wir haben unS gewöhnt, solche Gedenktage zu einem Rückblick auf ihr Schaffen zu erwählen, mag nun ihre Entwicklung früh oder spät begonnen haben, mögen sie „auf der Höhe des Lebens" stehen, die man auf das fünfzigste Jahr festzusetzen pflegt, oder mag ihr Bestes und Reifstes ihrem Alter Vorbehalten sein. Bei Rilke ergreife ich diesen äußeren Anlaß um so lieber, als ich seit über zwanzig Jahren ein Verehrer seiner Kunst bin und es in der Rachkriegszeit immer stiller um Rilke geworden ist, seine eignen Gaben immer seltener geworden sind.
Was wir seit 1918 auf allen Gebieten des Lebens und des Geistes erfahren haben, das Sturmlaufen gegen Staat und Gesellschaft, Kultur, Kunst und Schrifttum der Vorkriegszeit, bas Hat sich — uns Aelteren noch wohl erinnerlich — schon vor einem Menschenalter ganz ähnlich zugetragen, als das Geschlecht, das den Aaturalismus, Impressionismus, Sozialismus und andere Ismen auf seine Fahnen schrieb, gegen die „Gründerperiode", die „Epigonen", den „Kapitalismus" anstürmte und ganz Deutschland in zwei lärmende Heerlager spaltete. Die unausbleibliche Reaktion dagegen vollzog sich im Schoße der „Jungen" selbst durch eine Sezession, die aus dem Schlagwortgeschrei, dem „Philosophieren mit dem Hammer", dem uferlosen Kritizismus herausstrebte. Wie in den Tagen der Romantik entstand eine Sehnsucht nach Verinnerlichung und bleibenden Werten, und mit Rovalis sah man wieder „die höchste Aufgabe der Bildung" darin, „sich seines transzendentalen Jchs zu bemächtigen", in mystischer Vereinigung mit 6em All-Einen das sichre Lebensgefühl wieder zu gewinnen, das in dein zersplitternden Wirken und Denken verloren gegangen war.
Diese Bewegung war zweifellos ebenso einseitig wie die, aus der sie sich ablöste, nur in entgegengesehtem Sinne. Statt eines polternden Revolutivnismus war es eine Abkehr von der Außenwelt, eine ästhetische Selbsterlösung von Zwecken und Stoffen, eine Reigung zur Absonderung und Einsamkeit, ein frauenhaftes Rach-Jnnenleben, ein „Wohnen im Gswoge" kosmischer Kräfte, wir Rilke es nennt, 5fcer in dieser Einseitigkeit lag auch ihre Kraft.
ES ist nicht verwunderlich, baß Oesterreich in dieser Bewegung durch Hofsmannsthal und Rilke markant vertreten war. Diele Bewohner eines alten, morschen StaatsgebäudeS, Erben einer alten, überreifen Kultur, waren geborene Zungenlöser der Reuromantik. In Rilke besonders wurzelt tief das Bewußtsein, der „Letzte" eine» alten Geschlechts zu sein, in dem sich alle Kräfte der Vergangenheit vergeistigt ausleben. Dieser Gedanke kehrt in Vers und Prosa bei ihm immer wieder, am eindrucksvollsten in dem Gedicht „Der Sänger singt vor einem Fürstenkind":
„Das ist der Sinn von allem, was einst war, Das es nicht bleibt in seiner ganzen Schwere, Daß eS in deinem Wesen wiederkehve, I« dich verwoben, tief und wunderbar."
Zwar fehlt auch nicht die Schwermut darüber, daß er ein „Letzter" sein muß, daß alles von ihm Ererbte and Erworbene „heimatlos" ist, daß eS „fällt" und „wie auf eine Welle gestellt ist". Aber gerade diese Seelenstimmung, das Bewußtsein, daß er das Ende einer langen Kette ist, verleiht ihm die Richtung ins Kosmische, läßt seine Seele sich ins All ergießen, „sich wie ein Feierkleid über die sinnenden Dinge breiten".
„And da weiß ich. daß nichts vergeht, Keine Geste und kein Gebet."
*) Aus „Das Buch der Bilder" (Insel-Verlag, Leipzig 1923).
Ein zweites Element seiner Herkunft — und somit eine Voraussetzung seiner Kunst — ist der slawische Einschlag des Böhmen. Das reine Slawentum Rußlands wirkte auf ihn wie eine Offenbarung. Moskau war ihm „die Stadt seiner ältesten und tiefsten Erinnerungen: es war Heimat". Rußland ist für ihn „das Land, wo die Menschen Einsame sind, jeder mit einer Welt in sich, jedes voll Dunkelheit wie ein Berg; jeder tief in seiner Demut, ohne Furcht, sich zu erniedrigen, und deshalb fromm. Menschen voll Ferne, Angewißheit und Hoffnung: Weichende". Auch feinen Kritikern ist dies slawische Element in ihm aufgefallen, besonders in feiner an Chopin gemahnenden Bersmufik. „Diese unendliche Weichheit und Süße, diese schmeichelnden Rhythmen, verträumt und versonnen und dann wieder ritterlich prunkvoll, bisweilen ins Grausame gesteigert („Karl XH. in der Akraine") sind gewiß slawisches Erbgut" (R. Freienfels).
Aus seiner Kindheit stammt schließlich auch sein gefühlsmäßiger Katholizismus mit seinen Madonnenbildern und Engelliedern, seinen katholischen Kultsymbolen,' der romanischen Auffassung des Dichters als eines geweihten Priesters:
„ . . . Denn so tun die Ganzen:
Erst wenn, wie hingefällt von lichten Lanzen, Die laute Menge stumm ins Knien glitt, Erheben sie die Herzen wie Monstranzen Aus ihrer Brust und segnen sie damit."
Religiöse Mystik durchflutet alle seine Werke, besonders das „Stundenbuch", das sich ganz in den Formeln und Gefühlen eines — individuell vertieften — „mönchischen Lebens" bewegt. And dies Leben, das Leben eines Einsamen, Armen, Heimatlosen, hat er selbst gelebt, freilich nicht im Kloster, sondern in der Welt, im Großstadtgetriebe wie in der Stille des Landlebens, aber stets wie ein Mönch,
„Ein Blasser, allem Abgelöster, Der in das Leben aus der Zelle sieht And der den Menschen ferner als den Dingen" steht.
So hat er Rußland, Italien, Aegypten durchstreift, vor allem aber hat es ihn immer wieder nach Paris gezogen, wo fein Roman „Laurids Drigge", eine kaum verhüllte Selbstbiographie, spielt und wo er als Künstler die stärksten Anregungen durch den Bildhauer Rodin erfuhr, der, wie er schreibt, „mich alles gelehrt hat, was ich vorher nicht wußte, und alles, was ich wußte, hat er mir geöffnet durch sein stilles, in unendlicher Tiefe vor sich gehendes Dasein, durch sein großes Versammeltfein um sich selbst und sein wachsendes Altern, in dem alle Dinge zusammengeschlossen sind". And er vergleicht Rodiirs Schaffen mit „der großen Geduld und Güte der Ratur, die mit einem Richts beginnt, um still und ernst den weiten Weg zum Aeberfluß zu gehen". Diese Worte sind ahxß das Motto für Rilkes eignen künstlerischen Werdegang, der eine dauernde Selbstvertiefung ist.
Seine Jugendgedichte „Larenopfer" sind noch fast solch ein „Richts", aber er ist schon hier der „Schauende", für den jede Gebärde, jeder Eindruck etwas Entscheidendes besitzt: nur hat fein Schauen sich noch nicht nach innen gewendet. Dies geschah erst in der Sammlung „Traumgekrönt", einem romantischen LebenSbankerott, der sich in die Welt hinaus projiziert und auch sie zerstört wähnt, aber in der Stille Der Einsamkeit Genesung findet. Ein Mensch mit seiner äleberfeinentng, seinem scheuen Rach-Jnnen-Leben, wäre im Getriebe des Lebens zermalmt worden; er war zur Einsamkeit bestimmt, und seine Welt war nicht die Wirklichkeit, sondern die Kunst. Die Novelle „Die Letzten" stellt — tragisch aufgesteigert — die Bewußtwerdung dieses Fatums dar. Der junge Malcorn, der sein Geschlecht bis auf Die alten nordischen Heerkönige zurückleitet, lebt „zwei Leben, eins nach vorn und eins tief zurück in die Vergangenheit". Jenes Drängt ihn zu sozialer Betätigung; dieses läßt ihn jählings erkennen, Daß er dem Leben im Grunde ganz fernsteht. In Dem Augenblick, wo der Brustkranke unter der Last seiner praktischen Aufgabe zusammenbricht, will er Künstler werden, aber da ist es zu spat. Der Dichter selbst hat die Konsequenz seines Geschöpfes gezogen. In der Erkenntnis, daß er sich den Menschen nicht unmittelbar widmen tarnt, erzieht er sich „zu tieferem Handeln", um der Welt etwas geben zu können, „versammelt" sich um sich selbst und stellt diese vertiefte Persönlichkeit Dann aus sich heraus.
Schon in seiner zweiten GeDichtsammlung mit dem verheißungsvollen Titel „Advent" tritt dies Ziel ihm Deutlich vor Augen: j ' „ v >


