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fertig, so ging et spazieren überall iit den benachbarten Dörfern hatte er Freunde, die er besuchte, auf jeder Kirchweihe tanzte er bis zum Morgengrauen, Der Vater war über das Verhalten des Sohnes sehr ärgerlich und fragte ihn oft, ob er denn nicht für das Examen arbeiten wolle. Da nahm Ludwig einen Anlauf zum Studieren und ging in sein Zimmer. Das Studieren begann damit, daß er gemächlich die lange Pfeife stopfte, sie in Brand setzte und dann das kleine Zimmer mit dickem Qualm erfüllte. Dann griff er zu den Büchern, aber es waren kein« Lehrbücher der Physik und Botanik, sondern ein« Beschreibung des Lebens und der Taten des Schinderhannes, oder ein Boman von Hackländer. Das Ende vom Lied war, daß er im Examen durchfiel, da entzog ihm der Bater kurz entschlossen die Mittel zum Studium und stellte ihm zweihundert Gulden in Aussicht, aber nur für den Fall, daß er auf der Stelle nach Amerika gehe. Da fand Ludwig bei einem Pfarrer, der in einem benachbarten Dorfe eine Privatschule leitete, eine schlecht bezahlt« Stelle und konnte im Lande bleiben.
Mit Amerika aber machte die Tochter Angelika Ernst. Bei einem Besuch bei der Tante in Worms hatte sie einen jungen Seifensieder kennengelernt. Der junge Mann war Angestellter eines Geschäftes und bereiste Rheinhessen, um Seif« aller Art abzusetzen. So kam er auch nach dem Marktflecken, in dem der Distriktseinnehmer wohnte, und fand, da er Grüße von der Tante aus Worms zu überbringen hatte, leicht Zutritt im Hause. Es dauert« nicht lange, so entdeckte die Mutter, daß der Seifensieder seine Freundschaft von der Tante auf di« Richt« übertragen habe. Da war der Distriktseinnehmer wütend geworden und hatte gesagt: „Ich bin Großherzoglicher Beamter, der in zwei Jahren, am Geburtstag des Grohherzogs, wenn die Beamten die Orden bekommen, das „Philippchen" kriegt, und soll meine Tochter einem Seifensieder geben! Daraus wird nichts, ich bjn Herr im Hause und dulde nicht, daß der Wormser Leichtfuß noch einmal in mein Haus kommt."
Sein Widerspruch half nichts, Angelika ließ nicht von dem jungen Manne, und als dieser nach ^Nordamerika auswanderte und ihr sagen lieh, daß er in Boston eine gute Stellung gesunden habe, entschloß sie sich, ihm nachzufolgen. Es gab heftige Auftritte im Hause, aber sie endigten damit, daß Angelika sich eines Tages auf dem Schiffe „Margaret Evans" einschkffte und nach der neuen Welt reiste. Gin halbes Jahr später sandte sie ihre Bermählungsanzeige.
So war es im Hause ziemlich still geworden. Verdrießlich ging der Distriktseinnehmer einher, lang« Zeit fand er kein Gefallen mehr am Kartenspiele und war grob gegen seinen Gehilfen. Manchmal schimpfte er diesen mächtig aus. Wenn Ida das hörte, ging sie in fein Amtszimmer und sagte: „Vater, warum bist du denn so böse? Es ist ja heute so schönes Wetter, und wir essen Karthäuser Klötze. Bater lach' doch einmal und zanke den armen Friedrich nicht so!" Da wurde der Vater in der Regel still, sprach mit dem Kinde eine Weile und sagte dann: „So, jetzt geh wieder zur Mutter und spiele mit deinen Puppen!"
Anterdessen war Ida in die «chule gekommen. Sie fjatte mit ihrem Studium weit mehr Erfolg als der Bruder Ludwig mit dem seinen. Spielend leickst lernte sie kleine Verse auswendig, sie schrieb eine deutliche Schrift und, wie es sich für die Tochter eines Großherzoglich-Hefsischen Distriktseiniiehmers geziemte, so war sie. fix und fertig im Rechnen. And wie gern ging sie zur Schule,' denn da fanden sich so viele Kinder zusammen, mit denen sie spielen konnte. Da war die Sophie Reff, die Tochter des Bürgermeisters, ein großes und dickes Mädchen, das stets von der Mutter so viele Aepfel mit in die Schule Bekam. Da war ferner Lieschen Peter, deren Vater der Aktuar war, der jeden Morgen so gravitätisch nach dem Friedensgericht« ging. Ein merkwürdiges Mädchen war das Lieschen, sie konnte kein S, kein Z und kein Sch ausfprechen. Wenn die Sonn« schien unb die Kinder am Sonntag mit kleinen Schirmen auf di« Straße gingen, sagte sie: „Tophi«, pann deinen Sonnentirm auf!" In die Schule ging auch ein großer Junge, der, wenn ihm die Mädchen auf der Straße begegneten, di« fürchterlichsten Fratzen schnitt und die Kinder mit Sand und Kalk bewarf, da sagte Lieschen zum Lehrer: „Herr Lehrer, der Guttav macht immer Gesichter gegen mich und wirft mich mit Tand." Eines Tages wurde sie zum Kaufmann Meisenheimer geschickt, um Einkäufe zu machen. Als Ida Wendel sie fragte: „Was holst du denn?", gab sie zur Antwort: „Ich hole Tucker rmd Timt, wir backen Kuchen." Ein sehr geziertes Kind war die Franziska Meis-sn- heimer, die Tochter des Kaufmanns, der in feinem Laden so ziemlich alles feilbot, was am Orte nur gebraucht wurde: Kleiderstoffe, Futterarttkel, Kolonialwaren und landwirtschaftliche Geräte. Franziska wurde von ihrer Mutter immer fein gekleidet, trug weiße Schürzchen und Ringellocken und sprang nie mit den anderen Kindern auf der Straß« herum, weil sie sich um keinen Preis der Welt schmutzig machen wollte. Dadurch kam es, daß die Kinder oft zu ihr sagten: „Du bist ein AeffchenI" Endlich gehörte zur Schulklasse noch die Fanny Morgenstern, eht Kind, das schwarze Locken hatte. Ihr Vater, der Isidor Afargen- fiern, trieb Viehhandel. Oft konnte man ihn im fangen, blauen Mittel durch die Straßen gehen sehen. Fanny wollte Beim Spielen
Ccbrlftleitung: Dr. Fttebr. Wilh. Lange. — »ruck und Verlag der
immer toimnanOteren, was sich 64« übrigen Kinder nicht immer gefallen ließen.
Wendel hatte auswärtige Dermin«, da er Steuern in jeder Gemeinde seines Bezirks erheben mußte. Acht Sage vorher ging der Polizeidiener mit der Schelle durch das Dorf und laS alsdann, nachdem sich das Publikum um ihn gesammelt hatte, auf der Straße vor: „Es wird bekanntgemacht, daß am Rathaus eht Mann mit Dieburger Geschirr ist. Di« Wingert« werden vom 16. September an geschlossen, und darf sie niemand mehr ohne Erlaubnis des Bürgermeisters betreten. Dem Johaim Peter Christmann ist ein Hund entlaufen und wird gebeten, denselben! zurückzubringen. Montag, den 10. September, erhebt der Valentin Lorenz XXVII. im Gasthaus von Wilhelm Schworm die Pacht von seinen Aeckern. Dienstag, den 11. September, nachmittags vort 2 bis 6 Ahr, wird im Gasthaus von Konrad Eller daS dritte Ziel der Steuer erhoben." War diese Bekanntmachung erfolgt, so kratzten die Leute alles Geld, das sie nur auf treiben konnten, zusammen, um bi« Steuer zu bezahlen. Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien der Distriktseinnehmer mit feiner Aktentasche, in der er das Tagebuch und die Steuerliste trug, und mit der großen Geldtasche, die er umgehängt hatte. Einmal hatte er sein Töchterchen Ida, die gerade Schulferien hatten dabei mitgenommen, das hatte dem Kind« große Freude gemacht. Aeber Stock und Stein war sie auf dem Hinwege neben beim bedächtig einherschreitenden Vater einhergehüpft, Blumen hatte sie am Straßenrande gepflückt, und für alles, was den beiden auf dem Weg« entgegenkam, ein aufmerksames Auge gehabt. Im Wirtshause, wo der Vater die Steuern erhob, hatte sie neben feinem Tische gestanden, die Steuerzettel aus der Hand der Zahler entgegengenommen und sie schön ordentlich übereinander gelegt. Zwischendurch unterhielt sie sich mit den Leuten, und diese lobten das Kind wegen seines artigen und freundlichen Wesens. Am Abend wanderten die beiden friedlich miteinander nach Hause. Allmählich wurde es so, daß Wendel das Kind, wenn es nur irgend anging, auf diesen Dienstgängen mitnahm.
Anaufhaltsam gingen di« Jähre ihren Gang. Als im Juni 1871 die Soldaten des Marktfleckens wieder in die Heimat kamen, war Ida zweiundzwanzig Jahre alt. Don dem Schicksal, das keinen verschont, war auch ihre Familie getroffen worden Zuerst starb di« Mutter, dann tourbe der Vater augenleidend, und ehe ein Jahr verging, hatte sich die traurige Tatsache herausgestellt, daß er erblindet war. Im Anfang hatte man ihm einen Vertreter , gegeben, nun wurde er in den Ruhestand versetzt. Es war ein Glück, daß das Haus, in dem er wohnt«, sein Eigentum war, so wurde er nicht in die Lage gedrängt, daß er sich eine Mietwohnung suchen mußte. Anter keinen Amständen wollte er auch seinen Wohnort wechseln. Die Tochter in Alrichstein hatte geschrieben, er solle mit Sira zu ihr kommen, dagegen hatte sich der Vater mit aller Entschiedenheit gewehrt.
„In den Vogelsberg soll ich ziehen," hatte er gesagt, „wo sieben Monat« lang Winter ift In Alrichstein ist einmal am Johannistag ein jüdischer Handelsmann erfroren. Dort liegt der Schnee bis Ostern meterhoch dort verstehe ich auch nicht die Sprache der Leute, das weiß ich von der Zeit, da ich in Lauterbach einmal einen Einnehmer vertreten habe. Rein, keine sieben Gäule bringen mich nach dem Vogelsberg, in Rheinhessen bin ich geboren, in Rheinhessen will ich sterben."
„Sei nur zufrieden, Vater," hatte Ida gesagt, „du brauchst nicht nach dem Vogelsberg zu gehen, wir zwei bleiben beieinander"
„Ja, du hast recht," erwiderte der Alt«, „wir bleiben hier beieinander, die anderen haben mich verlassen. Der Wilhelmine ist es auch nur um meinen Ruhegehalt zu tun, der Ludwig ist ein Taugenichts und kann sich selbst kaum ernähren, und bi« Angelika sitzt in Amerika bei ihrem Seifensieder und läßt nichts mehr von sich hören. Hier kann ich doch an das Grab der Mutter gehen. Du bist mein gutes Kind, wenn ich dich nicht hätte, so ginge es mir in meinem Alter schlecht."
Wendel war, nachdem er fein Augenlicht verloren hatte, geistig noch regsam und verlangte nach .Unterhaltung. Wie alle alten Leute, so wachte er morgens sehr früh auf, er kleidete sich dann an, kam mit schweren Tritten di« Treppe herunter und rief nach seiner Tochter. Sehr interessierte er sich für Politik, namentlich für alles, was im Hessenlande vor sich ging. Deshalb muht« ihm Ida besonders die „Darmstädter Zeitung" vorlesen, keine Ernennung, keine Versetzung in den Ruhestand durfte sle dabei übergehen. Die Gesellschaft, mit der er einst Karten gespielt hatte, war sehr zusammengeschmolzen, aber noch lebten der Arzt und der Friedensrichter. Zu btefen waren einige junge Männer gekommen, die abends in einem Nebenzimmer des Gasthauses zmn „Ochsen" zusammenkamen. Sie spielten Karten, zu- meist aber besprachen sie bi« Ereignisse der großen und Seinen Mett. Don Bismarck redeten sie und vom Reichstag, von Ludwig Bamberger, der 1849 bei denen war, di« von Wörrstadt ans die Freifcharen nach der Pfalz geführt hatten und der nun als nationallibevaler Reichstagsabgeordneter den Wahlkreis Alzch- Bingen vertrat. Sie sprachen von Kaiser Wilhelm und dem deutschen Kronprinzen, erzählten sich auch die Ortsneuigkeiten.
(Fortsetzung folgt.)
Vnchl'fchen Univ.-Buch- und Steindnrcketei. R. Lang«, Sieb««.


