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Bom Dahtchof Taormina holte uns ein altes waMges Post- etto die Schlangentvindungen der fünf Kilometer langen Straße xum Städtchen herauf, das 200 Meter über dem Meere liegt Der Abend ging wie ein feuriger Riefe nach Westen. Der Hauch feines Atems machte aus dem zärtlichen Geflvck weißer Wollen mächtige Korallenriffe, die ihre Spiegelbilder auf der feier- stillen Meeresfläche suchten. Der Aetna, der grandiose Llmfasser der ganzen Skala vom Schrecken zur Schönheit, schien bald wie ein Prophet, der sich zu neuen Zornesausbrüchen sammelt, in feiner eigenen, seiner Lava wüste stehend, bald ungetvappnet wie ein alter Schiller Gpikurs, der lächelnd einen schönen Traum «X Ende spinnt, indes in seine mächtigen Hände der Landschaft Früchte wie goldene Tropfen fallen. Zur Rechten tauchte jetzt die Ducht mit der bekannten Jsola Della auf. Die hält sich noch unter Wasser durch eine schmale Furt am schönen Lande heim­lich fest Die beiden Felsenkaps rechts und links davon betreuen ste xvie zwei große Brüder.

Es ist einfach unmöglich, die Simultanität der Köstlichkeiten in klare berichtende Worte zu fassen. Meine verwirrten Blicke hielten sich auf dieser Fahrt oft am langen Dlütenstengel einer Agave ausruhend fest. Oft lieh ich sie in einer bestimmten Richtung mit Vogelflügen am Himmel hinziehen. Oft übersetzte ich mir den belanglosen Tratsch, mit dem sich ein englisches Ehepaar die Auffahrt verkürzte. Ost schloß ich die Augen und ließ nur das Erlebnis der Blumendüfte in mich eingehen. Denn ich war wie ein Kind, das vor einen glanzvollen Weihnachtstisch geführt wird, auf dem jedes Geschenk feine Erwartungen um ein Viel­faches übertrifft.

Am nächsten Morgen gingen wir nach! dem berühmten griechischen Theater, das allerdings nur noch! seinem Rainen nach griechisch ist. Die Römer haben es vollständig umgebaut und feine unnachahmliche Würde durch Zutaten, die dem Luxus entgegenkamen, zerstört. Auch die Bühne wurde damals kompli­ziert. Einmal, weil sie die feinen Fäden, die von ihr zur kul­tischen Handlung hinübergingen, nicht mehr zu halten fähig war, andererseits, weil die Phantasiearmen Römer viel Ausstattung, d. h. durch künstliche Mittel gestützte Illusionen in allen Stücken verlangten. Dieses i«genannte griechische Theater machte keinen Eindruck auf mich. Die Sachlichkeit hat mich stets vor Irrwegen schmalziger Romantik bewahrt, älebrigens ist jeder berechtigt, .Urteile über verfallene Bauten anzuzweifeln. Man müßte vor allen Dingen mit der Unsitte aufräumen, ein Gebäude, nur weil es uralt oder kaum noch erhalten ist, mit kritischem Zuckerkant zu überschütten, älnd warum sollen den Schuttplätzen gewesene« Epochen soviel unnötige Kräfte der Bewunderung zugestanden werden? Weder den Alten noch rms ist damit gedient 3ene hätten es als Lächerlichkeit empfunden, und wir hemmen oder versauern unser frisches Lebensgefühl damit.

Die Lage des Theaters jedoch ist über alle Zweifel er­haben. Und es scheint mir, daß sie es fertiggebracht hat, daß diese nicht gerade überwältigende architektonische Leistung der Römer im Reiselatein gelehrter Bücher so unverständlich hoch gewertet wird. Man sieht von hier das Meer zur Rechten und zur Linken. Die Wellen werfen ihr weißes lachen der Küste zu. Der Aetna schuf dieser Landschaft, die ihre Fruchtbarkeit und ihre Blxrmen wie zur Besänftigung des unheimlichen Riesen trägt, eine Grundstimmung. Das Städtchen ist aus lauter Lhrik, die sich auf Felsrhythmen natürlich aufbaut und sich mit reichen Gartenbildern schmuckhaft füllt. Das Visuelle übersteigt hier stets das Akustische. Der Rorden ist viel mehr in unseren Ohren. Der Süden überflügelt sofort unseren Blick und spielt sich wenn wir andächtig um ihn werben, in einem unvergänglichen Bilde aus.

In vielen Schattenwinkeln des Theaters kauerten Maler aus allen Winkeln Europas. Sie malten Trümmer mit Land­schaftsstaffage und bemühten sich (ohne Ausnahme!), auf einem Wege vorwärts zu schreiten, auf dem sie sich selbst und ihre Mühe ad absurdum führen. Und dabei kommen in jedem dieser Gärten tagtäglich so viele Blumen zur Welt, die ihre Schönheit hinüberretten möchten in Malerei, um die ihnen zugedachte Zeit zehntausendfach zu überdauern. Ich sah Trompetenblumen, eine Windenart, die in feierlichem Violett an Hauswänden nieder- hingen, mit rosatonigen Saftmalen, wie jungfräuliche Scham Ich sah Kakteen, die aus der robusten Saftigkeit ihrer Blätter kontrasthaft eine wundervolle Blüte als zartesten Liebesausdruck hervorzaubern. Ich sah immer wieder in die hymnische Dlüten- verfchwendung der Oleanderbüsche hinein, mit denen jeder Wind­hauch heimlich buhlt. Wie Tänzerinnen werfen sie sich weit hintenüber in scherzhafter Weigerung, ohne die jeder Kutz zu einer Kupfermünze zusammens chmilzt. Das alles sah ich hier in Taormina und mußte an Emil Noldes Dlumenaquarelle denken, die jeder Blüte ihren Mythos schaffen. Bor allen Dingen sah ich von feinen gelben Kakteenblüten eine vor mir, die ganz glücksesiges wunschverhaltenes Reigen ist.

X.

Anale.

Bon Taormina Abschied zu nehmen, wird wohl manchem recht schwer geworden sein. Auch mir hatte die Schönheit des Städtchens das Herz angeschlagen und aufklingen lassen. Den­noch ist mir eine Stadt wie Catania, wo man das sizilianische

Leben kn ursprünglicheren Formen genießen kann, Heber. 3n Taormina ist es bereits einseitig destilliert und dreht sich um den Fremden und seine älnterkunft, um die Altertümer und ihre Behütung. Es gibt gerade in solchen Städten für mich einen Zeitpunkt, wo ich nicht mehr fähig bin, daS Dolce far niente feiner Bewohner zu lieben. Dann fühle ich, daß jeder einzelne von ihnen die lange Kette der Bettler und Mufeums- kustoden im Blute hat. Richt das meditierende Element wie beim östlichen Menschen läßt ihn die Arbeit meiden. Sondern b-ee Pure Leichtsinn, den die Ratur noch! fördert Der Sizilianer hat weder staatliches noch, metaphysisches Denken. Er hat etwas vom witternden Tier an sich das seine klar ausgebildeten In­stinkte spielen läßt. Wie anders doch wir Deutschen! Wir sind aus lauter Zwischenklängen. Wir haben metaphysisches Denken, das mit staatlichem Denken kämpft oder verwächst. Wir haben dazu die Instinkte. Wir haben in uns These und Antithese. Rur haben wir keinen Leichtsinn, wie der Sizilianer, jenen ein­zigen Wellenbrecher aller Tragik.

Hat jener göttliche Leichtsinn im Blute des Sizilianers auch primären Charakter, so vermag er doch nicht die furchtbaren Wunden, die die Naturgewalten schlugen, zu verblümen. Dies spürte ich bei unserer Ankunft in Messina. Die Dunkelheit brach gerade die zarten Anne abendlichen Lichtes und zeigte uns mit düsterem Finger das noch immer nicht geschlossene Buch furcht­barster Vernichtung durch das Erdbeben im Jahre 1908. Die vielen Holzbaracken ziehen sich die schwermütigen Straßen ent­lang. Nur selten sieht mau Steingebäude, die über dem Erd­geschoß Stockwerke tragen. Die Menschen gehen unfroh und gedrückt. Ich mußte an deutsche Bergleute denken, denen der feine Kohlenstaub bis in die Poren der Seele dringt. Die paar elektrischen Lampen, die dünn verstreut über der Stadt dingen, konnten das Medusenantlitz .welches schweigsam und beständig aus dem Dunkel schaute, nicht verscheuchen. Die Steine trugen iwch Millionen und Abermillionen von Blutstropfen und Tränen, und solche Last macht alles in der Runde stumm Rur ein paar Kinder ließen ihren Jubel über den Kanälen der Verzweiflung tremulieren. Die schöne Berglandschaft, die die Stadt in der Ferne urnzirkt, gab ihnen Recht und wird sie ermuntern, den Riesenschmerz ihrer Eltern zu überioinden.

In derselben Nacht kehrten wir von Messina nach Palermo zurück. Der Zug fuhr am Meer entlang. Das lag groß und feierlich da und hatte seine Hände wunschlos zusammengelegt, befreit von wellender Begierde. Gin Riesentiegel geschmolzener Geheimniffe war's, minütlich heimliche Bedrohung zeugend. Fern blitzten Leuchtfeuer, die Zeigefinger der Schiffahrt. Sterne gingen in einer Wolkenwand schlafen, älnd nur der Rhythmus der Gifenräder lief gegen den der rätselten Sinn dieses Rachtbildes und schreckte lautfchreiend zurück, wenn plötzlich neben den Gleisen bizarre Felsgebilde sich ins Finstere reckten.

Vor Eefalu wurde es hell. Der Osten spielte auf der Farbenorgel. Erst kamen überschleierte Flüette-Töne in Rosa und Orange. Dann fiel der Schleier des Verhaltenen, und heißes Gold griff von Wolke zu Wolke in schnellem Wachstum Unten auf der Meeresfläche begann in schönem Creszendo die Chroma­tik der Wellern Droben zwischen den glühenden Melodien bauten sich grüne Töne auf, die bald wie die der Wiesen, bald wie die alter Kupferdächer waren. Mitten in dieses präludierende Farh- getooge trat schließlich die Sonne, vereinfachte das Landschafts­bild und wies Farbe um Farbe ihren vorbestimmten Platz an in der großen Symphonie des Tages.

Und nun will ich von unserem Abschied von Sizilien schreiben, der nicht gleichgülttg und gewichtlos für uns war. Wer schlüge da nicht fein Herz ganz auf die Seite des Landes, das so bs- feligend in allen Gliedern weiterschwingt. Das Auge dankt noch dem schattenden Orangenbaum, die Haut der Sonne, die ge­spannten Muskeln dem Meer. Den dunklen Mächten danken meine Schritte, die prüfend über den gekrümmten Rücken lauern­der Gefahren wandelten. Die ganze Schauderlandschaft, die in mich einzog, wird sich nach und nach zu Visionen umschnrelzen! und früher oder später in Vers und Prosa Heimat suchen.

Indessen: Ein Stück Wehmut sprang in mir los, als daS Schiff langsam aus der schönen Bucht lief. Gin Gewitter über­warf sich gerade mit der Erde. Furchtbar zeterte der Wind. Die Passagiere, die erst an der Reling gestanden hatten, liefen tote gackerndes Hühnervolk durcheinander und schlüpften in die Ka- btnen, teils aus Sorge um die nationale Bügelfalte, teils aus Sorge um die hellen fleischfarbenen Strümpfe. So blieben unsere letzten sizisianffchen Eindrücke unversehrt von verschieden ge­stimmten Menschen. Wir übersprangen mit unseren Blicken die abertausend Wellen und umfaßten den Monte Pellegrino zum letztenmal. Auch die Bucht von Mondello mit ihren frühen Lichtern schied von uns und glitt wie ein besternter dunkle« Teppich mehr und mehr in dm Hintergrund. Als das Land unseren Augen nur noch wie ein grauschwarzes unbestimmtes Floß erschien, konnten wir noch eine Zeitlang das Leuchtfeuev im Hafen von Palermo aufblitzen sehen, das uns bei der Ab­fahrt wie ein weißer Ritter erschien, der von Zeit zu Zett einen glühenden Blick durch sein geschlossenes Visier schickt. Dann wurde es schnell Nacht. Das Gewitter hatte mit dem Dunst aufgeräumt, und so konnten tote unser Schweigen in