Gießener jamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <925
Dienstag, den September
Nummer 70
Sprüche.
Don Richard von Schaukak.
Sogenannte Aufrichtigkeit ist meist das letzte und stärkste Mittel zur Äebervorteilung deS Mißtrauischen.
Die meisten leben von einer Hand in di« andere, nienvals auf eigene Faust.
Die Menschen nennen den gescheit, den fte mit einiger Anstrengung verstanden zu haben meinen?
Man mutz den Menschen, auf die man jeweils ohne Beziehung angewiesen ist, immer wieder nachweisen, wer man ist, obwohl sie's ja doch nie erfahren.
DeLft.
Bon Wilhelm Scharrelmann.
Als ich Kind war, stand im Hause meiner Großmutter, vorsorglich hinter den Scheiben eines Glasschrankes verborgen, eine alte Delfter Base. Sie war freilich längst gesprungen, und der Bogel, der auf ihrem Deckel hockte und an einer Beere naschte, hatte bereits seinen Schnabel eingebüßt, aber das blaue Rankenwerk ihrer Wände und die geschwungene Schönheit ihrer Form leuchtete nur um so stärker aus dem geheimnisvollen Dunkel der Borten, auf welchem alte Zinnkannen und Teller, dicht aneinander gerückt, sich um die alte Base drängten.
Damals hörte ich den Namen Delft zum ersten Male, und der Respekt, mit dem er ausgesprochen wurde, ließ eine Borstellung von der alten Stadt in mir erwachsen, in der alle Dinge ein märchenhaftes Gewand trugen. Sa, über der ganzen Stadt lag ein Rauch von dem weichen Blau ihrer alten Teller und Krüge, ihrer Basen und Kannen, und hinter verträumten Fenstern wuchsen leuchtende Tulpen in blauen Töpfen. Die Straßen waren einsam und still, und nur zuweilen ging ein reicher alter Holländer, der sich dort zur Ruhe gefetzt hatte, in goldbestickten Pantoffeln über die Gasse, ein buntes Käppi auf dem greisen Kopf und eine abenteuerlich geformte Pfeife mit langem Rohr und einem zierlichen Tonkopf würdevoll in der Hand. In stillen, alten Gärten lagen Teiche, blau wie Delfter Schalen, und in Käfigen, die vergoldete Stangen hatten, zwitscherten fremdländische Bügel, mit einem Gefieder, rot wie Harlemer Tulpen mit schwarzen Hauben, wie Beghinen sie.trugen.
Wenn man heute nach Delft kommt' und an die Träume feiner Kindheit denkt, erschrickt man zuerst. Aber die alten Gassen sind da und die Grachten, die die ganze Stadt durchziehen. Die Häuser sind klein und bescheiden und haben nichts von dem üppigen Gepräge der alten Bürgerhäuser an der Ketzers- und Heerengracht in Amsterdam. Dafür riechen aber die Grachten nicht so, wie in dieser Stadt der Brücken und Kanäle, und der selige Sommerhimmel, der in sie hinabschaut,. gibt ihnen ein Stück seiner Ruhe und seines Friedens.
Das Schönste ist die „Oude Kerk". Sie ist unter Benutzung frühmittelalterlicher Daureste wunderlich genug ergänzt und zusammengeschweitzt. Aber die warme und ehrwürdige Schönheit ihrer alten Mauern umschließt, wie in fast allen holländischen Kirchen, einen unsäglich nüchternen Raum. Trotz der sommerlichen Schwüle in den Gassen friert einen drinnen, als wäre man in einen Keller geraten. Eine weite hallende Leere empfängt uns, und der Küster in seinem schwarzen Rock und seiner gämlichen Miene kommt uns entgegen, als erwarte er uns als Trauergäste zu einer Beerdigung. Alles erinnert hier an den Tod, und der Fußboden scheint ein einziger Friedhof zu sein. Uralte Grabplatten mit abgetretenen Inschriften reihen, sich eine an die andere. Drei faustdicke alte Bibeln liegen auf den Lesepulten der Bänke, und von den hölzernen Tonnengewölben der Schiffe und den weihgekalkten Mauern hallt der Schritt wider, wie in einem Totenhause. Rur hier und da glüht in der farblosen, weihen Oede des Raumes eine der bunten Scheiben in den alten Glasfenstern auf wie eine Alpenblume an einer Gletscherwand ...
Aber der Küster läßt einem nicht lange Ruhe. Man soll, statt in eigner Weise zu gucken, die offiziellen Sehenswürdigkeiten bewundern, vor welche alle Fremden geführt werden. Kostbare alte Marmorgräber sind da, auf denen die lebensgroßen Gestalten alter holländischer Admirale liegen, die man nach ihren heldenhaften Siegen und weltweiten Seefahrten hier
zur Ruhe brachte. Ellenlange lateinische Inschriften bewahren ihren Aamen und ihr Schicksal. Aus weißem Marmor errichtet, wirken die Prunkgräber dieser handfesten alten -Haudegen kalt und prächtig zugleich. Bon neuem überkommt einen Frösteln . . . Aber dann ist das von ihrem Gemahl, Ritter und Gouverneur von Bergen vp Zoom errichtete Grabmal der Elisabeth von Marnidax...
2ch weiß nicht, wer sie war, will es auch gar nicht wissen . . . Aber das Antlitz der ausgestreckten Gestalt und die betend emporgehobenen Hände sind von rührender Schönheit, rührend bescheiden auch die letzten Worte ihrer Grabschrift: „Es ist verdienstvoll genug, einem Mann gefallen zu haben, was seine so teure Liebe bezeugt" . . .
Auch dem Naturforscher Leeuwenhoek, dem größten Sohne Delfts, ist hier ein Denkmal errichtet. „Hat jeder, o, Wanderer," heißt es in seiner Grabschrift, „überall Ehrfurcht vor hohem Alter und außerordentlichen Gaben, so setze hier ehrfurchtsvoll den Fuß auf: Hier liegt in Leeuwenhoek die greise Wissenschaft begraben . . .“
Hinter einem mittelalterlichen Toreingang träumt ein alter Beghinenhof, und die Gassen und Grachten liegen bei der warmen Schwüle des späten Aachmittags in der bezaubernden Ruhe der Kleinstadt. Rur im Hafen herrscht ein Leben, so rege und bunt bewegt, als habe jede Motorschute die Aufgabe, die alte Stadt wach zu halten, daß sie nicht einschläft. Alle paar Minuten müssen die Ziehbrücken zu den Hafeneingängen emporgewunden werden. Dann reicht der Brückenwärter mit einem Bambusrohr dem Schiffer den Klingelbeutel auf das langsam passierende Schiff hinab, das Brückengeld darin in Empfang zu nehmen. Da streben sie nun hinaus, die Schalken und Ewer, Kähne und Böcke, in die stillen, von keinem Windhauch bewegten meilenlangen Grachten hinaus, die in einem gewaltigen Retz das ganze Land durchziehen.
Es wird Abend. -Unmerklich dunkelt es. Hinter der alten Kirche blüht schon der Mond auf . . . Aber bis zur Rächt ist es noch lang. Das ist die Stunde, in der Jungholland auf die Gassen drängt. Alle Straßen sind von der Jugend erfüllt und fast alles ist zu Rad. Gruppenweise zu zweien und dreien radeln die Meisjes durch die Gassen, begrüßen Bekannte, flirten, lachen und scherzen. Die Räder scheinen ihnen angewachsen zu fein. Nirgends wie in Holland fährt man so selbstverständlich und geschickt. Haarscharf geht es zuweilen an den Steineinfassun- gen der Grachten entlang.
Aber dann kommt die Nacht und die Gassen werden still und immer stiller. Die Wiesen vor der Stadt sinken in die grünfamtenen Träume ihrer Weiten, und der Himmel leuchtet wie eine alte Delfter Schale.
Sizilianische Briefe.
Bon Fritz Dietirich.
IX.
Taormina.
Catania ist mir sehr lieb geworden. Es hat den vornehmsten Rhythmus von allen sizilianischen Städten. Die Frauen tragen hier keine altjüngferlichen Riegel vor ihren Blicken. Sie laufen auch nicht wie ein lebendiger Bric-st-brac herum. Schwarze seidene Tücher, leicht übers Haupt gelegt, wehen ihnen nach. Ihr Gang ist schön, wie ans einer Gluckschen Arie geschöpft. Vielleicht ist das Matz des Geschmacks, das ich hier überall bemerkte, eine jener einsamen Säulen des alten Hellas, die von dem gewaltigen Staub der vielen Herrschaften nicht verschüttet werden konnten.
Als wir nach Taormina fuhren, drängten sich die Reize der Landschaft noch dichter zu einer unnennbaren Summe zu- sammen. Eine unerhörte vereinsamte Schönheit lag das Land, brach für das augenblickliche Europa, das an der Klippe der Technik scheitern mutz. Die Höhenzüge, traten der See, der Wieg« aller Schönheit, näher. Die Ebene mutzte sich immer mehr verjüngen und ihre Zitronen- und Orangenbäume enger zusammen» stellen. Der silberne Taktstock des Windes ging darüber hin. O dieser rauschsüße Luftgeschmack nach all den keuchenden Fu- marolen und schweselschwitzenden Gesteinen! So trächtig ist das Land von bedeutsamer Schönheit, daß die Sag« kommen mußte, um sich hier eine denkwürdige Station zu schaffen. Hinter Aci Castello liegen die sogenannten Zhklopeninseln unweit vom Strand. Sie sollen di« ungeheuren Steinwürfe des geblendeten Polyphem sein, die verfehlte plumpe Wut gegen die takttsche List.


