Ausgabe 
1.8.1925
 
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gültig aufgesprungen. Durch die Endlichkeit ihrer Logik brach die Anendliusteit des Gefühls. Wollte doch die frühe wie die späte Gotik Finger zum Herzen Gottes sein, nicht wie die ara­bisch« Architektur ein Gewölbe vorstellbarer Anendlichkeit geben. Wundervoller Knabengesang hing, als wir ins Innere der Wartorana traten, wie sichtbarer Schmuck um die byzantinischen Mosaiken. Die Kerze, die aus dem Herzen des Krippenkindes stieg, das zarte Antlitz der Gebärerin, der Palmenschwung der niederfahrenden Engel, die Heerhafte Geschlossenheit der Apostel­gestalten, alles trat unter der Süßigkeit der Gesänge wie leben­dige Gegenwart hervor. Selbst die Kinder, die oft eine Johr- ümrktstollheit in den Kirchen heraufbeschwören, saßen eingefangen vom geheimnisvollen Hauch der Melodien. Es waren Melodien aus SchumannsDichterliebe", die sich hier ganz selbstverständ- lich in der Rolle des Sanctus Denedictirs und Agnus Dei hin- «tiifanden. Die arabischen Kuppelgewölbe mit den reichen In­halten Der Mosaiken standen nicht rechtwinklig auf dem musika­lischen Erlebnis, sondern betonten in jeder Hinsicht die Verwandt­schaft aller hohen, wenngleich fremdländischen Kunstformen.

Die Cappella Palatina hat einen schönen mathematischen Him­mel im Innern. Anverfälscht, rein arabisch, wie das Tropfgestein einer Märchengrotte wölbt sich diese wundervolle, holzgefchnitzte Decke. Die Farben sind nur noch zu ahnen. Sie sind in ein altertümliches Braun hineingeöunkelt und lassen einzig der Phan- tofte die Beschwörungsformeln, sie neu zu beleben Die Gestalt Christi, in edlem byzantinischem Mosaik, blüht in einsamer Hoheit an Der Rückwand der Cappella. Daß sich eine kleine Seit er­dreistete, ein unglaublich wertloses Porträt Des verstorbenen! Körrigs Dittorio Emanuele als elenden Kontrast unter die byzan­tinische Mcsaikherrlichkeit Christi einzubauen, bedeutet nichts Außergewöhnliches für Italien, wo oft genug das geistige Ele­ment mit Dem chauvinistisch-orgiastischen in einem Topf zu- sammengebraut wird.

Monreale, ein ansehnliches Städtchen, liegt einige Kilometer von Palermo entfernt am Dergeshang. Anten weitet sich Das Dal, mit seinen Zitronen- und Orangenplantagen. Dazwischen t Gruppen Heller Häuser eingestreut, wie verstohlenes leicht- ges Gelächter. Der Dom ward uns zum höchsten Erlebnis, keine andere Kirche Italiens, einschließlich St. Pietro in wettinachen konnte. Die Mosaiken sind hier schon geladen mit Dem Anfangsgeist Der Gotik. Zwar hält noch eine ferne Gebundenheit an antikes Maß die Gestalten zurück, über ihre natürliche Größe hinauszuwachsen, und läßt sie noch außerhalb des extatischen Orchesters stehen. Doch manchmal wittert eine rhythmisierte Baumgruppe, die Szene der Verklärung Christi, die Krönung König Wilhelms II. durch Christi den nahen euro­päischen Gottessturm wie von fern. Anmöglich, Die Fülle an gleichmäßig hochwertiger Kunst hier nacheinander aufzuführen. Anmöglich schon allein den symbolischen Reliefs im Blattwerk Der Säulen eine zeilenkurze Würdigung zu geben. Der Eindruck schweigt sich ins Innere eines jeden, der dieses Bauwerk er­lebt hat und wird nur in manchen Stunden seines Lebens wfeder auferstehen als gute Tat, als hoheitsvolle Wendung.

Duft und Kraft des Sonntags.

Don Reinhold Braun.

Duft und Kraft meiner Kindheitssonntage habe ich im Herzen behalten. Sie bleiben mir heimlich Geleit durch mein ganzes Leben. Friedrich Lienhard.

Duft des Sonntags!

Am die Schönheit des Sonntags muß es fein wie um die einer sich erschließenden Murn«. Es muh immer wunderbares Sich-Auf- tun sein, je älter wir werden. Die Sonntagsfeierkunst gehört als ein sehr wichtiges Stück zur Lebenskunst und damit -Meisterschaft. Wer vorwärts kommen will in dieser Kunst, muß sich innerlich immer tiefer erwecken lassen von dem Leisen und Feinen, dem Wunderbaren, Göttlichen, dem Glanze früher Morgen, von Dlülen- wind und Wälderrauschen, vom Lichte, das um Abendberge spielt. Mer rächt ein Schatz Heber im eigenen und fremden Gemüte sein kann, dem bleibt der Sonntag immer eine halbangelehnte Tür: nur durch einen Spalt schaut er hindurch. Der letzten, höchsten Schönheit, des vollen Segens wird er nie teilhaftig.

Jede Kunst ist dann nur Kunst, wenn sie Offenbarung wird. Das gleiche gilt von der Sonntagsfeierkunst.

Wie Duft und Glanz einer göttlich schönen Blüte muß es über uns strömen, unfern ganzen Menschen erfüllen, uns wie eine himm­lische Musik durchschwingen, unser Bestes wie in einem Kristall fangen.

Duft des Sonntags! Das will heißen: Schmelz auf goldenen Falterflügeln, Zartheit, Zärtlichkeit aus keuschen Herzen, ein immer wieder wünderseliges Renes, es will heißen: volle Reinheit Leibes und der Seele, Licht der Andacht, offenes Tor fein, das in Blüten steht.

Dust des Sonntags: alle Sinne sind lebendig, Göttliches und Edelschönes.zu empfangen,zu schmecken und sehen, wie freund­lich der Herr ist!" Einmal den Verstand, den nüchtern, zerfasern- den, nicht den Herren sein lassen! Die Seele fei des Sonntags Königin, die wache, lichterblühte Seele.

Duft des Sonntags! das heißt: mit dem Gemüt des Kindes vor der Gottesblüte stehen und staunen und alle Schönheit trin­ken und sich freuen!

, . Wer so den Duft des Sonntags schon in der Kindheit Tage tnnkt, dein ward ein Gutes mitgegeuen fürs ganze Leben, das ihn unangreifbar mM und immer Quell am Wegs ist, ihm tönen die Gloaen, die Anvergängliches erhaben läuten.

Kraft des Sonntags!

Das ist dann nur. das selbstverständlich ganz organisch aus solcher Sonntagsschönheit Blühende und uns Segnende.

Solch ein Sonntag wird aus allen Poren wie ein Frühlings- laitd erlöste Kräfte in die Seele schenken und den Leib. Des Lebens Elemente sind befreit von allem Alltag und Staub der grauen Straße, der Erschütterung durch Technik und wilde Jagd der Zeit.

Die große Stille waltet, reines Licht und Weite. Höhe und die Aufgeschlossenheit des Herzens.

Der Reichtum aller Tiefe hebt sich an das Licht.

Wir sind gesammelt zu dem Arsprung. Wo Arsprung ist, ist Kraft und ist Geburt. Wo Arsprung ist, ist Größe des Ge­fühls, Ergriffenheit und wahre Schönheit, ist der reine Strom des Göttlic^n. Wo Arsprung ist, ist Heimat, unvergänglich, weihe­voll und alle Gnaden spendend.

Der Schutz von der Kanzel.

Von Conrad Ferdinand Meyer.

(Fortsetzung.)

Fünftes Kapitel.

Der General hatte einen Pfad eingefchlagen, der sich dicht am Afer um die Krümmungen der Halbinsel schlängelte, und hier erblickte er bald Dahel Wertmüller, Die, auf einer ver­witterten Steinbank sitzend, Das seine Profil nach der jetzt abend­lich dämmernden Flut hinwendete. Ein aufrichtiger Ausdruck tiefer Betrübnis lag auf dem hübschen und entschlossenen Ge- sichtchem

Was Dichtest und trachtest du?" redete er sie an.

Sie antwortete, ohne sich zu erheben:Ich bin nicht mit Euch zufrieden, Pate."

Der General lehnte sich an Den Stamm einer Eiche und kreuzte die Arme.Womit habe ich es bei Euer Wohlgeboren verscherzt?" sagte er.

Das Fräulein warf ihm einen Blick des Vorwurfs zu, Ihr fragt noch, Pate? Wahrlich Ihr handelt an Papa nicht gut, der Euch doch nur Liebes und nichts zuleide getan hat. Was war das wieder für ein Spektakel vergangenen Sonntag! Durch Eure Verleitung hat er Den ganzen Nachmittag mit Euch auf Euerm Au-Teiche herumgeknallt. Welch ein Schauspiel! Aufflatternde verwundete Enten, im Moor und Der Beute watende Jungen, Der Vater in großen «Stiefeln und Das ganze Dorf als Zuschauer!" ...

Es beurteilte die Schüsse," warf Wertmüller ein.

Pate" Das Mädchen war von seinem Sitze aufgesprungen und seine schlanke Gestalt bebte vor Anwillen,ich meinte! bisher, Ihr hättet trotz mancher Wunderlichkeit das Herz am rechten Flecke. Aber ich habe mich geirrt und fange an zu glauben, hier sei bei Euch etwas nicht in Ordnung!" und sie wies mit einer kleinen Gebärde des Zeigefingers nach der linken Drustseite des Generals.Ich hielt Euch," fügte sie freundlicher hinzu,für eine Art Rübezahl...so heißt doch der Geist des Riesengebirges, von dessen Koboldstreichen Ihr so lustig zu er­zählen wißt?"...

Dem eS zuweilen Spatz macht, Gutes zu tun und Der, wenn er Gutes tut, dabei sich einen Spatz macht."

So ungefähr. Doch wie gesagt, wenn Ihr ebenso boshaft seid, wie der Berggeist, von Wohltat ist dabei nichts sichtbar. Ihr werdet den Vater noch ins Verderben stotzen. Wären unsere! Mythikoner im Grund nicht so gute Leute, die ihren Pfarreü decken, wo sie können^ längst wäre in Zürich gegen ihn Klage erhoben worden. And mit Recht: denn ei» Geistlicher, der wachend und träumend feinen andern Gedanken mehr hat als Halali und Halalo, mutz jeder christlichen Seele ein tägliches Aergerms fein. Das wächst mit den Jahren. Neulich da der Herr Dekan seinen Besuch meldete und zur selben Zeit der Bote eine in Der Stadt angekaufte Jagdflinte dem Vater zutrug, mußte ich ihm dieselbe unkindmh entwinden und in meinen Kleiderschrank verschließen, sonst hätte er noch ein schrecklicher Gedanke den ehrwürdigen Herrn Steinfels aufs Korn genom­men. Ihr lacht, Pate? Ihr seid abscheulich! Ich könnte« Euch darum hassen, daß Ihr, der seine Schwäche kennt, ihn noch stachelt und aufreizt, als wäret Ihr sein böser Engel. Nächstens wird er noch einmal mit geladenem Gewehr die Kcmzsl besteigen! ... Ich freute mich, da Ihr kämet, und nun frage ich: Reift Ihr bald, Pate?"

Mit geladenem Gewehr die Kanzel besteigen?" wiederholte Wertmüller, den dieser Gedanke zu frappieren schienLa, la, Patchen! Der Vater ist mir der erträglichste aller vchwarzröcke und du bist mir die liebste aller Figuren. Ich will dem Alten! eine Genugtuung geben Weißt du was? ich gehe morgen bet Euch zur Kirche bad rehabilitiert den Vater zu Stadt und Lande."

Rahe! schien von dieser Aussicht wenig erbaut.Pate," sagte sie,Ihr habt mich aus der Taufe gehoben und das Ge­lübde getan, auf mein zeitliches und ewiges Heil bedacht zu sein