Ausgabe 
1.8.1925
 
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Auch gedeiht sie nur unter selbständigen Wikern und gehört auch Hur für freie Leute. Der Sklavenleib ist für die menschliche Seele Bur ein Zwinger und Kerker.

Trrrnerrschsr GÄdanKsnschstz.

4 Vvlksnot.

Ein fesselnder Krebs nagt an unseren edelsten Teilen, wir siechen und quinen schon eine schreckliche Zeit Sind wir, das alte, ehrwürdige Mittlervolk Europas, untergegangen, so mag unsere grausenvolle Leidensgeschichte am Scheidewege der Zu­kunft nachgeborene Völker warnen. Hollen wir aber stter und starr das Ende abwarten? Sollen wir die Hände in den Schoß legen? Sollen wir dumpf und stumpf unS vom Zeitstrome tragen lassen? Haben wir keine andere Wehr und Waffen als Seufzer: Ach! und Weh? Sind wir gebunde ? Opfertiere, so sich obendrein mit ihrer Geduld, Gelassenheit und Ergebung brüsten? So mögen wir Mummenschanz halten, wenn das Wterland In Todes» krampfen zuckt, und mit Sing und Sang jubelnd zum Hochgericht tanzen, wo das Volk unter Ungeheuern verblutet. Wenn es so weit gekommen, dann mögen die zuschauenden Zeitgenossen der Sterbensnot und des letzten Ringens unseres Volkstums sich trösten, wenn sie die letzten Gräber füllen, daß sie als Dlutopfer und Blutzeuge für die Menschheit fallen. Roch dürfen wir Uns nicht ergeben! Roch dürfen wir nicht verzweifeln! Roch sind wir nicht verloren! Roch sind wir zu retten! Aber nur durch uns s e l b st. Dem Deutschen kann nur durch Deutsche geholfen werden. Wir brauchen zur Wiedergeburt keiner fremden Geburts­helfer!

F. L. Jahn, Selbstverteidigung, 1824.

Turnerjugend.

Ratur und Volkstum sind der Grund und Boden, auf dem allein der deutsche Mensch, der das Vaterland braucht, wachsen kann. Ratur und Volkstum sollen die Leitsterne für unsere Jugendturnerschast werden.

Darum sind wir in erster Linie Turner und machen durch Turnen unseren natürlichen Leib stark, und geschickt, darum gehen wir hinaus in Wald und Heide, darum fuhren wir in Sitten, Ernährung und Kleidung ein natürliches Leben.

Darum wandern wir auch hinaus in die deutsche Landschaft und lernen deutsche Menschen aller Klömme kennen, darum singen wir deutsch« Volkslieder und tanzen deutsch« Reigentänze, darum freuen wir uns deutscher Sage und begeistern uns an den Taten deutscher Geschichte, darum wollen wir ein deutscher DruderbRnd werden.

Plnser Jungtum aber soll uns den fröhlichen Glauben geben, daß wir schaffen, was unsere Sehnsucht ist: die sittliche Erneue­rung des deutschen Menschen. Dieser Glaube soll hell und stark über den Tagen unserer künftigen Arbeit leuchten.

St. Edmund R.e uendorff, der Jugendwart der D. T., beim zweiten Turner-Jugendtreffen in Marburg, 1924.

Dr. Ferdinand Goetz an seine Turner.

Drum ihr Jungen und auch ihr Alten, die ihr turnt, laßt uns jeden Augenblick daran denken, daß nur dann die Turnerei ihre Segnungen entfalten kann, wenn wir fürs ganze Leben Turner sind und werden, daß auf flüchtige Begeisterung gar nichts, auf zähes Festhalten aber alles anrommt. Laßt uns Turner nicht nur auf dem Turnplätze, sondern in jeder Lage des Leben sein, brav und zufrieden im Familienleben, treu und geschickt im Beruf, mutig und entschlossen im Dienste der ewigen Rechte des Menschen und des Vaterlandes! Rur wollen gilt's und etwas besser werden, dann ist die ganze Zukunft unser!

Körper und Seist.

Es genügt nicht, den Leib zu stärken, sonst wären Riefen und Herkulesse die besten Männer,' ein starker Leib soll schön und echt die Seele erblühen, und darum muß der Turner auch nach geistiger Veredelung streben.

Goetz, Deutsche Turnzeitung 1862.

Geist und Körper, innig sind sie ja verwandt: ist jener froh, gleich fühlt sich dieser frei und Wohl, und manches Uebel flüchtet vor der Heiterkeit.

I. W. v. Goethe, Prolog.

Es handelt sich nicht bloß darum, daß wir in den Turn­vereinen aus di« körperliche Entwicklung hinwirken, sondern auch darum, daß wir den Geist des rechten, echten, deutschen Turnens entwickeln und Hervorrufen, auf daß er recht und echt und frisch dlerbe und nicht bloß erhalten bleibe für uns, sondern hinaus­getragen werde auf das ganze Volk!

A. Virchow, Die Ausgabe der Turnvereine.

Schafft eine tüchtige, kerngesunde Jugend, dann schasst ihr ein kerngesundes Volk.

E. Hartwich Reden.

Haltet euern Leib wie ein kostbar gülden Gefäß, um der Perle der Seele willen, di« in ihr ruht.

E. Hartwich, Reden.

Eines freut mich am meisten, dünkt mir das höchste an unserer Sach«: es ist das gleichmachende, wenn ihr wollt, demo­

kratische Element, daß alle sich fühlen als Brüder, als Kämpfer für eine große Sache, fürs Vaterland.

Th Georgii, Euler und Lameh, Turnzeitumg 1846.

Turnen und Spiel.

Gin Turnspiel geht um Sieg und Gewinn, aber niemals utn Gewinnst.

F. L. Jahn.

Die Spiel« sollen die Blumenbänder sein, durch welche de« Erzieher die Jugend an sich fesselt.

Guts Muths.

Ein« turnerische Ausbildung der Jugend bringt in die ganze Schule heilsame Frische und Belebung, Ausgleichung und Gleicht gewicht in die Schulbeschäftigung.

Spieß, Gedanken über Einordnung des Turnweseus in das Ganze der Dolkserziehung, Basel 1842.

Wir wollen dem Geiste den Leib als ein freiestes Werkzeug ausbilden, zugleich mit ihm und für ihn.

Spieß, Gedanken ustv.

Wohl ist mit deutscher Erziehung das Turnen deutsche Volks» fache und als solch« fest und treu im Auge zu behalten.

* Spieß, Das Turnen.

Sizilianische Briefe.

Don Fritz Diettrich

II.

Palermo und Monreale.

Wir wohnen in der Via Terra delle Mosche, einer schmalen Gasse, die alle Reize sizilianischen Stratzenlebens freigebig ent­hüllt. Aus Drähten, die sich von Balkon zu Balkon über dis Straßen hinweg oder die Häuserreihe entlang spannen, werden zu jeder Tageszeit Wäschestücke zum Trocknen ausgehängt. Es liegt eine ungezwungene Festlichkeit in diesem Alltagsbild Jedes flatternde Hemd, jede Windel, jedes Tischtuch geben der Gasse jene verehrungswürdige heitere Friedlichkeit, die natürlich auch die Herzen dieser Menschen vorrviegend erfüllt. Das gutmütige Pathos ihrer Stimmen hallt ununterbrochen aus ihren Werk­stätten herauf. Sägen, Hämmer, Hobel und Feilen konzertieren! durcheinander. Dazwischen klingen die geworfenen Soldimünzen, mit Denen die Kinder spielen. Gin« alte höckrige Frau sitzt neben einem Brief eschrelber und haucht diesem ein paar zahn­lose Worte in die bezahlte Feder. Ein Lahmer ruft laut in langen lamentierenden Kadenzen seine Leidensgeschichte aus und fängt die Kupfermünzen, die rechts und links aus den Fenstern fliegen, mit artistischer Geschicklichkeit auf. .Unvermeidliche Dreh­orgeln werden alle Augenblicke durch die Gasse geschoben und prägen unablässig immer denselben importierten französischen Schlager dem musikalischen Gedächtnis ein. So unerschöpflich ist der Spielraum der Einfälle für die Einheimischen wie für die Fremden hier, daß man sich leicht vorstellen kann, aus einem solchen Winkel das Gestirn einer neuen europäischen Dramatik auftauchen zu sehen, vorausgesetzt, daß dieser selten« lebendige Schwung zur rechten Zeit seine schicksalhafte Schwer­kraft findet.

Die Quatro Canti sind vier nach innen abgestumpfte Straßen­ecken, di« den belebtesten Platz der Stadt umschließen. Dieser ist sozusagen die gute Stube von Palermo. Doch in bestem Sinne gute Stube, denn die Fassaden ft eigen in festlichem, dreihundert- jährigem Barock empor und tragen in den verschiedenen Stock­werken grandiose in Rischen eingebaute Statuen. Die Intimität dieses Platzes lädt zum Verweilen ein, und das läßt sich der instinktsichere Südländer nicht entgehen. Jeder Tag sieht hier wie ein Feiertag aus. Gruppen von Männern, die wie Bienen­schwärme mitten im größten Verkehr zusammenhalten, sieht man hier zu jeder Stunde. Viele Hände schwingen debattierend durch­einander und müssen ihre tägliche Ration Geste,; in die Luft schleudern. Alles neigt in dieser Stadt irgendwie zum Dolce far niente: Kutscher, Beamte, Arbeiter, vor allen Dingen von Wohlhabenheit besonnte junge Leute. Rur die Handwerker zeich­nen sich vor allen anderen Volksgenossen durch Ausdauer, Genügsamkeit und Gründlichkeit aus.

Der Dom hat mich verdrossen. Mit ihm haben alle Zeit­alter gespielt. Und so haftet denn dem zerbauten Mischmasch das Spielerische an, manche Einzelschönheit im Innern ver­bergend, hauptsächlich Die abgemessene Pracht der Rormannen- und Staufengräber. Die Renaissance-Kuppel ist das einzige Stück Architektur daran, das sich aus diesem schlechtausbalan­cierten Stilkonglomerat unzweideutig heraushebt als ein Ganzes, würdevoll Geschlossenes, doch nicht Hinzugehöriges.

Tief innerlich und nachhaltig war der Eindruck, den auf uns die Chiesa della Martorana hinterlieh. Schon der Glockenturm befestigt das Gefühl, daß die Rvrinannen es waren, die die Anfänge des gewaltigen Gottessturmes der Gotik in sich trugen, den sie später in Rordfrankreich zur höchsten Steigerung brach­ten. Schon bei dieser 1143 erbauten Kirch« ist Der Turm in zwingende gotische Form gebannt und in Stockwerke gegliedert. Die runde arabische Kuppel war schon damals für Sizilien end-