Ausgabe 
26.7.1924
 
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Schriftleitung: 3. B.: Heinz Gorrenz. Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv^Buch- und Steindruckerei, 2L Lange, Dieben.

Herr Grundschöttel besann fich auf eine «lteBü-Ne mit Mayonnaise, öffnete sie und erhielt das Daraus begossene Gericht prompt zurück: Es schmecke verdorben! Der Hausknecht, ern ver- triebeirer, adeliger Balte, der ehemals viel und leidenschaftlich Mayonnaise verzehrt hatte und plötzlich von einem Heißhunger befallen tvurde, alte Erinnerungen aufzufrischen, ah davon. Gr starb noch in derselben Nacht, obschon der Badearzt an diesem Tage gerade abwesend war. , ,s

Für dieses Missgeschick, das den bewahrten Ruf desHotels Riviera" erschüttert hatte, entschädigte nun die l,Ede Frau, von der die ganze Strandpromenade sprach, Herrn Grundschöttel ein wenig. Ihr Name klinge sehr ausländisch, sagte Herr Grund- schöttel, er könne ihn selber nicht lesen. Sie sprach schlecht Deutsch, sana leise Lieder in einer fremden Sprache, wenn ste sich aus- kleidete, ah alle Speisen schrecklich gepfeffert und las alte eng- ^^Die°ewigen Gespräche, Diskussionen, Rätselspiele, die alle die schöne, fremde Frau zum Mittelpunkt hatten, langweilten nach ein wenig am Strande, älnd eines Zages, als eine Justiz rattn aus Breslau mich direkt apostrophierte:Sie sind doch früher so viel gereist, Doktor, Sie sollten doch wissen, wo so was her- kvmmt ..." entgegnete ich mit jener ruhigen Sicherheit die mich zuweilen auszeichnet, wenn ich Ausserordentliches frech erfinde. Aber ich sagte es schon gestern abend. Waren Sie nicht da­bei? Rein? Run also, es ist eine äljavanda vom oberen &CmS® as ist sie?"Bon w o ist sie?"Wie heisst sie?" 7* Die Fragen schwirrten aus den fünf zunächstliegenden Strand- körben^ ich selbst dieses im Finderglück des Augenblicks

gebildete WortUjavanda" sehr schön und sehr indisch fand, er­klärte nun, daß die Liedlingsfrau eines indischen Raias am oberen Ganges und nur hier nach dessen Tod eine Mjavanda genannt würde. ,

Solcher äljavanda liege dann die Verpflichtung ob, ohne je- mals wieder selbst die Liebe oder gar die Herrschaft mnes Mannes zu dulden, auf Reisen zu gehen, soweit es der Nachlass des toten Raja, der meist sehr erfreuliche Edelsteine und gemünztes Gold aufweise, irgend erlaubte und nach Möglichkeit ^andersgläu­bige Wanner, also Heiden im indischen Sinne, durch ihre Reize zu fesseln, zu verderben, ja, nach Möglichkeit in den Tod zu aSe$>iefe Erzählung, über deren Keckheit ich mich selbst wunderte, schlug fabelhaft ein. Die meisten zeigten sich ehrlich erstaunt über solch schreckliche Mission einer pljavanda, von der ste ehrlich be- bekannten, bisher noch nie gehört zu haben. Andere wiederum stimmten meiner Erzählung zu mit der Versicherung, dass ste sehn­liches bereits früher gehört und bloss wieder vergessen hatten. Und der Friseur, der vor vielen Jahren auf dem Dampfer einer Hamburger Linie als Bord-Coiffeur einige Reisen nach Ostasien mitgemacht und von Borneo ein paar Proben Malay isch, aus Po- kvhama em paar obszöne Postkarten und aus Hongkong Blatwr-* narben milgebracht hatte, erzählte am anderen Morgen beim Ra­sieren, dass er persönlich in Kalkutta solch satanisch schone Uia» vanda gekannt habe, die in unschätzbaren Witwenschleiern gerade ausgezvgen sei, um europäische Prinzen zu angeln und 8U ^Jch wurde damals durch ein Telegramm plötzlich nach Hause gerufen. Erfuhr nur noch dah die Ujavanda be^ts mit dem Zuge vor mir mit vielen Koffern abgereist sei Angeblich nach Paris Sie habe zwar nicht alle ihre Schulden bezahlt, aber ver­schiedentlich Angestellte des Hotels mit Geschenken belmcht deren reeller Wert gering, die aber durch ihre Herkunft die Beschenkten erfreut hätten. #

In diesem Sommer habe ich nun wieder das kleine Seebad aufgesucht. Da mein altes Hotel mittlerweile einKinderheim

geworden ist, in das ich doch nicht recht passte, zog ich ins »Hotel Riviera". Sch bekam ein hübsches Balkonzimmer im zweiten Stock und, als ich meinen Namen auf den gelben Zettel geschrieben hatte alsbald den Besuch des Hotelwirtes Josef Grundschottel.

Er sagte, ob ich verwandt oder gar identtsch sei ,mit dmn Schriftsteller, der ... älnd nun folgten einige gezuckerte Freund­lichkeiten, die für den Herrn Geheimrat von Goethe, Exzellenz, seinerzeit in Karlsbad ausgereicht hätten. Einen gewissen her- ben Beigeschmack erhielten diese ungehemmt sprudelnden Lob- sprüche dadurch, dah Herr Grundschöttel als einzige Lesefrucht seines Winterschlafes mir ein Buch von Richard Voh zuschrieb, in dessen TitelDrei Menschen" der eine Mensch auch nicht von Voh war. t . .. .

Herr Grundschöttel äußerte ferner, rch werde mich tn diesem Hause gewiss ausserordentlich wohl fühlen: ja, vielleicht sogar ein­mal dieses Aufenthaltes in einem späteren Buche erfreuliche Er­wähnung tun. Denn immerhin er wolle ja nicht sagen: es sei ein künstlerisches oder gar literarisches Haus jedoch, es habe hier, was mich sicher interessieren tverde, im Vorjahr ein Journalist aus Gelsenkirchen gewohnt, der beabsichtige, evtl. auch Theater­stücke zu schreiben und, immerhin es sei doch hier vor ws- nigen Jahren der tragische Roman passiert .oder solle er sagen:

es habe sich hier jene romantisch« Tragik begeben, die einen Schriftsteller von meinem Rang ... älnd nun wäre wieder der alte Herr aus Weimar schamrot geworden, wenn er gehört hätte ...

Es gelang mir, Herrn Grundschöttel noch rechtzeitig in die Fülle der Sriperlative zu fallen; und ich gestattete mir die Frage, was sich denn hier eigentlich begeben habe.

Oh, mein Herr, Sie wissen das nicht? Sch dachte, Mrad« das hätte den Herrn hierher und in mein Haus ... Man suM doch schließlich Stoff in Ihrem Beruf ... Aber das trifft sich gut. Der Herr kann gerade morgen einer mrhebenden Feier bei­wohnen. Auf unserem kleinen Friedhof ...

Auf dem Friedhof? Ist jemand gestorben?

Nein, der Herr braucht nichts zu befürchten. Es tont' schon vor vier Jahren ja. Da ist allerdings ... ein Freund von mir ich nahm ihn damals gastlich auf, eine alte Jugendfreund-- chast, ein baltischer Flüchtling wir schätzten uns sehr, itatr beiden und gerade morgen jährt sich's zum vierten Male, datz

Aus dem Dunkel der Erinnerungen tauchte plötzlich der bal­tische Hausknecht und die verhängnisvolle Mayonnaise auf. Aber Herr Grundschöttel lieh mich nicht zu Worte kommen. Es Ware auch schade gewesen. Ich hätte sonst nicht erfahren, dah ...

Hier wohnte nämlich damals eine der schönsten Frauen der Welt Oh, hätte ich gewuht, wer sie war, was sie bezweckte! Aber so Ich wuhte natürlich damals nicht, was eine rsta<- vanda ist '.. Aber dah sie, diese stattliche Frau mit den Märchen- äugen sie ging nur in reich mit Edelsteinen benähten indischen Schals von unermesslichem Wert hätte ich gewuht, dah sie eine pljavanda sei, vH keinen Augenblick hätte sie unter meinem Dach bleiben dürfen! ... Sie wissen, die äijavandas hEN das schreckliche Gelübde getan man sagt, einen Schwur im ^empel, die Finger auf den Nabel des Buddha gelegt als Opfer für den verstorbenen Fürsten, den hochseligen Gatten, sieben Europäer edelsten Blutes durch Liebe zur Raserei und zum Selbstmord zu tretoen ...

Do? And warum gerade sieben?

Das scheint die heilige Zahl im Orient. Die ssebenErb- fänden, nicht wahr, der siebenarmige Leuchter, die sieben Weife« und so ..." , _. e.u

Aha. älnd hat nun die Dame wie nannten Sie sie?

"Die äljavanda ja. Hier hat sie den ersten meutern hochadligen, armen Freund, den Baron von Illings, umgarnt ... Unten im Zimmer Nummer dreizehn die Nummer scheint ein Zufall es ist jetzt die Kvfferkammer, aber Sie können sie be­sichtigen Da hat sich der Unglückliche drei Kugeln in die Schlafe^.. Am selben Tage war sie verschwunden spurlos, wie durch eine Wand, ja. Niemand hat sie gesehen, wie sie ... Auch ihr Ge­päck nicht Sie hatte äuherst merkwürdiges Gepäck. Nur einige Edelsteine lieh sie zurück. Nicht sehr wertvoll, aber immerhin... Gerade morgen jährt fjch der schreckliche Tag zum vierten Wata. Ich veranstalte seit zwei Jahren immer eine kleineEriimerungs- feier vom Hotel aus. Mit Lampions ziehen wir abends, zum Grab meines Freundes. Sch spreche dort einige Worte. Wir lo­schen die Lampions und gehen dann still ins Hotel zurück. Dort wird dann meistens int Weinzimmer der Abend bei einer kalte« Ente oder bei besseren Rheinweinen beschlossen ganz den Er­innerungen gewidmet..."

Hm also, so eine ArtWeither" war Shr Freund?

Werther? Das ist das richtige Wort! Ein Oberlehrer Chemnitz machte mich schon einmal darauf aufmerksam Sch habe das Buch dann selbst gelesen. Eine merkwürdige Aehnlichkett. Schriftlich hat mein Freund freilich nichts hinterlassen; während der Werther immerhin ... Aber ich dachte schon oft, wenn so ein­mal der richtige Mann käme ich selbst Hache leider kern auS- gesprochen schriftstellerisches Talent, auch zu wenig Zeit, nicht wahr--Aber ein solcher Stoff gewissermaßen ein indischer

Werther .. Vielleicht auch für den Film. Sch würde gern dis Räume zur Verfügung stellen; sowohl Nummer 9, wo die äha- vanda wohnte und ihre Pläne geschmiedet hat, als auch Num­mer 13 ...

Die Kvfferkammer?" _

Ja Ich sagte schon, die war früher damals das Zimmer meines unseligen Freundes, des Barons, der ... Ein solcher Ro­man oder ein solcher Film vielleicht beides! tonnte, ganz abgesehen von der Ehre, meinem Hotel--schliesslich, man ist

ja auch Geschäftsmann, nicht wahr? Es würde dem Haus von einem gewissen Nutzen sein, der Frequenz, meine ich. Das Publi­kum will nun einmal das Romantische. Sie verstehen--

Ich verstand. Auch als ich am nächsten Abendohne Lampion, das hatte ich dankend abgelehnt auf dem «einen Friedhof tm Mondschein unter einer ällme stand und der merkwürdigen Feier beiwohnte, bei der Herr Grundschöttel einige Worte murmelte, verstand ich nicht Herrn Grundschöttel, aber die Situation.-__

Meine kecke Erfindung in einer gelangweilten Morgenstunsq am Strand und eine schlechte Hummermahonnaise und ein ame­rikanisch geschulter Wirt hatten sich zusammengefunden. Oder am Ende ich werde noch selber irre, wenn ich tn meiner Erinnerung die Lampions schwanken sehe sollte doch etwas Wahres der pljavanda sein? Vielleicht gibt's wirklich in Indien ...?