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ich vte Sache in Ordnung gebracht habe und klingeln werde." 3n dem großen Weihnachtszimmer stand in der Mitte
der hohe, dunkle Lannenbaum, rundum an den Wänden war aus weißgedeckten Tischen allerlei Buntes, Lustiges aufge- haut, und über all dem lag es wie ein Duft von Kerzen, Kuchen und Kindheitserinnerungen. Aber Heinz Hansemann ließ mir keine Zeit, sentimental zu werden. Ich muhte ihm die Trittleiter halten und meine ganze Aufmerksamkeit dem „Engelreihen" widmen. Zarte Gebilde, aus rosa Wachs geformt, hingen diese Engel, mit bunten Seidenschnüren nur spärlich bekleidet, an silbernen Ketten von einem Goldreif herab, der ziemlich schief auf der Spitze des Baumes befestigt war. Heinz erklärte mir eifrig den Mechanismus.
„Die Sache ist sehr einfach. Der Reif muh nur ganz genau im rechten Winkel zur Tannenbaumspitze befestigt werden, dann dreht er sich infolge der von den Lichtern aufsteigenden Wärme, und die Engel schweben rund um den Weihnachtsbaum. Es ist eine Ueberraschung für Anna und die Kinder — findest du die Idee nicht reizend? Aber vorerst hängen die verflixten Dinger anhaltend schief und denken nicht daran, sich vernünftig zu drehen."
Ich beteiligte mich mit Rat und Tat eifrig bei der Lösung des Problems und kletterte sogar oben auf die Leiter, obgleich ich an Schwindelanfällen leide, und mein Hausarzt mir alles Steigen untersagt hat.
„Jetzt hängen sie noch bedeutend schiefer als vorher", sagte Heinz. „Ich muh die Sache mal ganz allein in Ruhe deichseln. Ditte, geh du zu meiner Frau und hilf ihr die Kinder in Ordnung halten — da schreit ja Wohl wieder eins. Mit den Engeln will ich schon allein fertig werden."
Ich ging also in das Eßzimmer, wo Frau Anna und ihre sechs Kinder sich seit längerer Zeit in der Geduld übten. Das Kleinste sah artig auf Mutters Sch oh und sang Weih- nachtslteder nach eigenen Melodien. Aber die sechsjährigen Zwillinge Hans und Heinz hatten erklärt, sie möchten Line Weihnachtslieder mehr hören und könnten wirklich nicht länger artig sein. So vertrieben sie sich die Zeit mit einer regelrechten Rauferei. Der Sextaner Fritz hatte sich ein Buch geholt und hielt sich die Ohren zu, um ungestört lesen zu tonnen, und die beiden Aeltesten, der angehende Backfisch Hilde und der Terttaner Siegfried, räkelten sich auf dem Sofa.
Frau Anna begrüßte mein Kommen als eine Hilfe in der Rot. Ich tat, was ich konnte, um die Stimmung zu retten. Ich sang sehr laut und sehr falsch allerlei Weihnachtslieder und erzählte eine uralte Geschichte nach der anderen. Aber meine Bemühungen hatten wenig Erfolg. Die Situ- ation wurde immer kritischer. Da, gerade als auch das Kleinste anfing, liebenswürdig zu werden, klingelte es dreimal, und Heinz Heinemann schob die Flügeltür auf. Gott sei Dank, die Engel drehten sich! In rasendem Galopp sausten sie um die Spitze des Tannenbaums herum!
Es war wirklich sehr hübsch, als nun dir Kinder ins Weihnachtszimmer drängten und mit strahlenden Augen unter dem Lichterbaum standen. And jetzt setzte sich Frau Anna ans Klavier und stimmte an: „Stille Rächt, heilige Rächt", und all die hellen Stimmen fielen ein. Es wurde mir dabet gerade so recht weihnachtlich gut und weich ums Herz — als auf einmal irgend etwas Heißes, Brennendes auf meinen Schädel niederfiel, just dahin, wo er sich keiner starken Behaarung mehr erfreut. And jetzt schrie die Kleine auf und zeigte auf einen Tropfen rosa Wachs, der da eben Heiß aus ihr Händchen gefallen war, und nun regnete es Wachsflecke aus der Höhe hernieder.
„Die Engel — um GotteSwillen, es sind die infamen Engel", — rief Heinz Hansemann. „Sie schmelzen bei der Hitze, und infolge der Zentrifugalkraft bekommen wir die Lalgflecke. Auslöschen — sofort alle Lichter auslöschen."
Mit dem Gesang und der Feierlichkeit war's gründlich vorbei. Alles rannte, sprang, pustete und löschte die Weihnachtskerzen aus. Es dauerte aber noch eine gute 'Weile, «he die Engel sich zu einem gemäßigteren Tempo verstanden Und das Tröpfeln einstellten. Als sie dann müde und aufgeweicht da oben baumelten, zeigten sie so seltsame und verwegene Körperformen, daß Frau Anna In ein herzhaftes Lachen ausbrach und uns alle damit ansteckte. Rur Heinz Hansemann wird versttmmt und zeigte sich persönlich gekränkt. Er hatte die meisten Lalgflecke davongetragen und wollte den Erfinder des Engelreigens auf Schadenersatz verklagen.
„Kommen Sie, lieber Doktor," sagte Frau Anna, „jetzt will ich lHnen zeigen, was wir den Kindern beschert haben.
Ich gebe mir viele Mühe, jedes wirklich nach seiner Eigenart zu beschenken. Das ist gar nicht so einfach — unsere Kinder sind so verschieden veranlagt! Unser Aeltester ist der geborene Techniker. Sie sehen hier auf seinem Tische nur Dampfmaschinen und Eisenbahnen. Und unsere Tochter ist ein ganz modernes Mädel — Sport und Lektüre sind da die Hauptsache."
Frau Anna hatte wirklich liebevoll gesorgt und Geld genug ausgegeben. Trotzdem schien der geborene Techniker nicht zufrieden. Er drehte die neue Dampfmaschine auseinander und behauptete, es sei eine ganz altmodische Konstruktton. Diese Ansicht äußerte Hilde auch über ihre neuen Schlittschuhe, die sie morgen gleich umtauschen wollte. Dasselbe Schicksal war den geschenkten Büchern zugedacht, weil sie durchaus nicht der Geschmacksrichtung und geistigen Entwicklung des sehr modernen Backfisches entsprachen.
Der Sextaner Fritz war zufriedener veranlagt. Er fand sein Aquarium „famos" und dessen Bewohner, besonders den Feuermolch „erstklassig". Leider sollten wir uns nicht lange am Anblick dieses zufriedenen Gemütes erfreuen: das Kleinste kam jämmerlich weinend angelaufen und versteckte sein Köpfchen in Mutters Rockfalten. Es stellte sich heraus, daß dies Kind Angst hatte — eine geradezu entsetzliche Angst vor zwei großen Eharakterpuppen, die ihm beschert worden waren.
Geradezu unheimlich ruhig waren bisher die Zwillinge gewesen. Sie hatten im Weihnachtszimmer eine Ecke ganz für sich allein, und alle Spielsachen waren dort doppelt vertreten, da sich sonst der Eigenart dieser Kinder entsprechend, um jedes Stück ein Kampf entwickelt haben würde. Die beiden hatten sich dort in aller Eile und Stille ganz umgezogen und kamen jetzt, bekleidet mit ihren neuen In- dianeranzügen, zum Vorschein. Frau Anna war nicht weniger stolz auf diese Kostüme: sie hatte sie selbst verfertigt und unglaublich viele Hahnenfedern darauf festgenäht. Leider liehen die Jungens uns keine Zeit, diese mütterliche Handarbeit zu bewundern. Sie schwangen ihre Tomahawks und gingen zum Angriff aufeinander los. Es sah wirklich aus, als ob sie sich gegenseitig skalpieren wollten, und die Hahnenfedern flogen wild durchs Zimmer. Bei diesem Anblick vergaß der Hausherr seinen Groll auf die Engel. Er riß die Kämpfenden auseinander, konfiszierte die Tomahawks und machte seiner Frau bittere Vorwürfe, weil sie diesen Kampfhähnen so gemeingefährliche Geschenke gemacht hatte.
Glücklicherweise explodierte in diesem kritischen Moment die Dampfmaschine. Das allgemeine Geschrei ließ die Zwillinge ihren persönlichen Kampf und Kummer vergessen, sie liefen einmütig zu Bruder Siegfrieds Weihnachtsplatz. Da war dann das schönste Feuerwerk zu sehen. Die Dampfmaschine und verschiedene andere Geschenke brannten lickter- loh. Ich dachte an den Zeitungsartikel, der das Ende dieser blühenden Familie unter dem Tannenbaum schildern würde — ich dachte an den nächsten Feuermelder — ich dachte vor allem an meine eigene Rettung. Aber Frau Anna hatte schon mit starkem Arm das Aquarium gefaßt und den ganzen Inhalt über das Flammenmeer ausgegossen. Das half. Es entwickelte sich ein hustenerzeugender Qualm, aber das Feuer war gelöscht, der Wasserschaden allerdings, wie es ja in der Regel nach solchen Ereignissen der Fall ist, ein ganz beträchtlicher. Der Besitzer des Aquariums heulte und machte energische Ersatzansprüche geltend. Es blieb eine interessante vorerst nicht zu beantwortende Frage, ob der Feuermolch verbrannt sei oder irgendwo in der Freiheit sein Leben weiterfriste. Fritz war der Aeberzeugung, daß ein Feuermolch ein für allemal feuerfest sei, und suchte den verlorenen Schatz in allen Ecken, während die Dienstboten unter Frau Annas energischer Leitung mit Eimern und Tüchern anrückten, um den Wasserschaden möglichst zu beseitigen.
Der Hausherr bot mir eine Zigarre an und wir ließen uns recht ruhebedürftig in den bequemen Lehnsesseln am Kamin nieder. Leider waren die Zwillinge, die für musikalisch galten, mit Trommeln, Trompeten und Drehorgeln beschenkt worden. Diese Marterinstumente holten sie jetzt rache- lustig herbei und gebrauchten sie so kräftig und anhaltend, daß von der ersehnten 'Ruhe nichts zu spüren war. Aeber- dies fing der Techniker an, die geretteten Eisenbahnschienen auf dem Fußboden aufzubauen, der Backfisch probierte die neuen Schlittschuhe auf dem Parkett, und die Kleine fuhr ruhig ihr altes Mariechen in der Schiebkarre spazieren, gegen Tisch- und Menschenbeine an.
Das war alles ja sehr hübsch, wirkte aber auf die Dauer doch ziemlich angreifend. Ich wenigstens war ganz


