Gießener Zainilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Eietzener Anzeiger
Jahrgang(92$
Samstag, Öen 20. Dezember
Nummer 65
Gedanken zur Weihnacht.
Don Reinhold Braun.
Dur keine gespielte Kindlichkeit, sondern sich von dem Kinde ergreifen lassen.
Ellen Key.
Christkindlein trägt di« Sünd«n der Welt, damit Christoph das Kind über Wasser hält. Sie haben es Beiß' uns angetan, es geht mit uns von vornen an. Goethe.
Lasset uns vom Kind zur Weihnacht ergriffen sein!
Eine solche Forderung ist zwar ganz unzeitgemäß; aber sie ist weihnachtlich deutsch und tut not für eine rechte We h- nachtsgesinnung. Denn wer sich an diesem Feste nicht auf seine Seele und alles, was ewigen Wert hat, besinnen kann, hat nie gefühlt, was deutsche Weihnacht bedeutet.
Lasset uns vom Kinde ergriffen seink
Du Sternenkind, ich bin im Staube worden blind; mit deiner Klarheit leucht' mich an, daß ich die Sterne sehen kannl
Haben wir nicht alle ein wenig verlernt, in dem Wirbel der Zett und dem Staub unserer Lebensstraße in die Sterne zu schauen? Sind wir nicht alle inwendig zu schwer geworden und zu dumpf durch die Rot der Tage? Unser Blick ist immer wie von Nebeln verhängt, und wenn wir meinen, wir haben eine Stunde freien Ausblicks, dann türmt sich Plötzlich vor uns ein Jähes und Schroffes auf, daß wir ganz in seinem Schatten stehen. Wir haben auch viel von unserer innersten Klarheit verloren, und viel von der Klarheit untereinander.
Weihnacht will ttotz alles Geheimniffes und Wunders als ein Fest sternenvoller Höhe und seliger Klarheit genossen werden.
Wir können uns unserer Fesseln nur entwinden, wenn das Kind über uns Macht gewinnt, wenn wir von ihm ganz ttef ergriffen werden. Wir werden dann inne, welch eine Gewalt das Kind hat, dieses herrlich Urtümliche unserer Seele, dieses Aufbrechen Gottes in uns, dieses Erstrahlen des Lichts über uns. Einmal ganz klein werden vor dem Kinde, einmal Mensch sein, ehrlich, Gutes wollend, innig zur Freude und echten Lust, gläubig und verttauend. Fort mit aller falschen Scham und allem Eigendünkel. Fort mit aller kalten Wissenschaft, fort mit allem Sianbeswesen. Sich von dem Sternenkinde bei der Hand nehmen lassen und sinnen und fühlen und denken und Liebes tun.
Ob das wirllich so schwer ist? Cs gehört dazu nur ein bißchen Willen zur eigenen Seele und ein klein wenig natürliche Frommheit.
Du wirst tausendfälttg gesegnet sein.
Du Armutkind,
ich suchte Ding', die eitel sind;
mein' Seel' ward arm; mein Haar ward bleich, aus deinen Wundem mach' mich reich!
Sind wir nicht alle zu sehr dem Plunder der Welt verfallen? Sind wir nicht arm geworden in all den rasenden Blendungen der Zeit? Sind wir nicht in tausend Halbheiten versttickt, in der Jagd nach dem Glück? Sind unsere Tage nicht von Feigheiten erfüllt um äußerer Vorteile willen? Das alles muß uns zur Weihnacht klar werden. Wir müssen uns scheiden von den Anwertigkeiten der Welt und einmal deutlich fühlen, wo eigentlich die Werte liegen. Wir müssen uns gleichsam umschwingen lassen von der Fülle unvergänglichen Lebens, And das Kind der Weihnacht will uns helfen, daß wir des wahrhaftigen Reichtums inne werden. Das Armutkind ist der König der Höhe und wirft Gold und Silber über uns aus seinen Sternenreichen und weist uns mitten durch die rauhe Wirklichkeit hl..durch den Weg zu den leuchtenden Quellen und zu den Kämmen» der wirklichen
Kostbarkeiten. Je näher wir uns ihm zuneigen, desto mehr werden wir inne des Segens der seligen Armut. Lieber leere Tische und volle Herzen als umgekehrt.
Lasset uns so ergriffen sein vom Kinde der Weihnacht. Du Gütekind, ich jagt' mein Straß' gleich Winterwind!
Durchglühe mich mit deiner Sonn' und weck« meines Herzens Bronn'!
Wenn wir so zur Höhe und zum echten Reichtum« erwacht sind, dann strömt von selbst die Liebe in uns auf In ihrer unerschöpflichen immer wieder unerhörten Gewalt.
3a, ist es nicht so, daß wir unsere Sttaße daherjagen wie ein eisiger Winterwind, daß wir einander stoßen und drängen und nichts mehr von Wärme wissen? Gleichen nicht viele unter uns im Innersten einer Eiswüste, an deren Rand nur die Phrasen wie bunte lockende Blumen blühen? Wo ist das Ganzdurchglühtsein, wo ist das Sonnesein bis in den Kern hinein. O lasset uns erschüttert werden von dem Kind der Weihnacht, lasset es uns in uns hineinnehmen, daß es mit seinem Zauber und der Sonne seiner wunderbaren Liebe und der Kraft seiner göttlichen Herbmft Gärten erblühen lasse in unserer Seele, herrlich und schön wie der erste Frühling, und daß die Bronnen unserer Tiefe aufklingen mit dem 3ubel der Erlösten.
Ach, ein großes Ziel, eine große Forderung. Gewiß, sie ist nicht leicht inmitten der harten Wirklichkeit erfüllt zu werden. Aber schon sich aufschwingen in dem Willen zu dem großen Ziele und glühen in der Inbrunst der Forderung an seinem schwachen Teile zu erfüllen, bringt wunderbaren Segen. Wenn wir zur Weihnacht uns nicht selber einmal aus unserer Halbheit und Schwachheit aufrecken und nichts fühlen von dem, was die Weihnacht will, und welches unsere Aufgabe als Mensch, und was das wahrhafttg« Glück ist, dann können wir nicht mehr als die wirklich Lebenden gelten. Schritt für Schritt, aber lächelnd in der großen Ergriffenheit und mächtig in Treue und Liebe,
Lasset uns vom Kinde ergriffen fein*
Stille Nacht.
Don C. Prteh.
Hansemaims hatten mich so herzlich eingelaßen, den Weihnachtsabend ganz still im Kreise ihrer Familien zu verleben, daß ich nicht nein sagen konnte. Angenehm war mir die Aussicht freilich nicht. Ich hatte einige Angst, daß mein sonst wohlgeordnetes Iunggesellengemüt durch den Einblick in anderer Leute Familienfreuden doch wieder gewisse Regungen von Neid und Sehnsucht verspüren könnte. Frau Anna war ohnehin so hübsch und gesund, und ihr Mann verdiente so viel Geld, daß sie sich mit gutem Gewissen auch heutzutage den Luxus von sechs sehr lebendigen Kindern leisten konnten und von dieser Lebenshöhe mit einigem Mitleid aus andere Sterbliche herunterzublicken pflegten. Da mir aber nichts anderes übrigblieb, als die fteundlich gemeinte Einladung anzunehmen, beschloß ich, mich im voraus mit möglichst viel Gleichmut und einigen feingefüllten Bonbonnieren zu versehen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Punft sechs Ahr wurde beschert, der Keinen Kinder wegen, schärfte mir Frau Anna noch einmal ausdrücklich am Telephon ein.
Sie bewillkommnet« mich schon auf dem Flur. „Nett, daß Sie da sind, lieber Doktor. Sie müssen aushelfen, die Kinder zu unterhalten. Heinz ist natürlich wieder nicht fertig mit dem Aufbauen. And die Kleinen sind schön müße von aller Vorfreude."
„Nein, du mußt mir helfen", sagte Heinz Hansemann, der eben aus der Tür des Salons trat. „Die verfluchten Engel wollen sich nämlich nicht drehen — so eine alberne Erfindung ist mir noch gar nicht vorgekommenl Laß du bte Kinder nur ruhig weiter Weihnachtslieder singen, Anna, btt


