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Giacomo Pueeini.

Von Rud-off Kastner.

Puccini folgt der modernen Tendenz, hält jedoch an der Melodie fest, die weder alt noch modern ist..

Der greise Verdi über Puccini.

Diesen weisen Ausspruch des größten Opernmeisters, den das fruchtbare 19. Jahrhundert neben Wagner gezeitigt, kann man in der Tat als Motto einer Wertung Puccinis gelten lassen. Selm eigentlich unerwartet schneller Tod seht zwar unter dieses an Erfolgen ganz ungewöhnlich reiche Leben Len Schlußpunkt. Aber wir haben insofern noch keine Handhabe für eine umfassend ab­schließende Beurteilung von Puccinis Schaffen, als ein offenbar sehr wichtiges neues Werk noch des ersten Erklingens harrt. Die

schsn müsse, vis den Boden verschließe, dass er mit seiner Erde dos Wasser nicht trübe, und die das Eis erhärte, daß esirt seinem Innern nur wenige klare Tropfen abgeben könne.

Von dem Stege liefen die Kinder durch die Gründe fort und näherten sich immer mehr den Waldungen.

Sie trafen endlich die Grenze des Holzes und gingen in dem­selben weiter.

Als sie in die höheren Walder des Halses hinaufgekommen waren, zeigten sich die langen Furchen des Fahrweges nicht mehr weich wie es unten im Tale der Fall gewesen war, sondern sie waren fest, und zwar nicht aus Trockenheit, sondern, wie die Kin­der sich bald überzeugten, weil sie gefroren waren. An manchen Stellen waren sie so überfroren, daß sie die Körper der Kinder trugen. Aach der Aatur der Kinder gingen sie nun nicht mehr auf dem glatten Pfade neben dem Fahrwege, sondern in den Ge­leisen und versuchten, ob dieser oder jener Furchenaufwurf sie schon trage. Als sie nach Verlauf einer Stunde auf der Höhe des Halses angekommen waren, war der Boden bereits so hart, daß er klang und Schollen wie Steine hatte.

An der roten UnglückssLule des Bäckers bemerkte Sanna zu­erst, daß sie heute gar nicht dastehe. Sie gingen zu dem Platze hin­zu und sahen, daß der runde, rot angestrichene Balken, der das Bild trug in dem dürren Grase liege, das wie dünnes Stroh auf der Stelle stand und den Anblick der liegenden Säule verdeckte. Sie sahen zwar nicht ein, warum die Säule liege, ob sie umgewvr- fem worden oder ob sie von selber unrgefallen sei; daß sahen sie, daß- sie an der Stelle, wo sie in die Erde ragte, sehr morsch war, und daß sie daher leicht habe Umfallen formen; aber da sie einmal lag, so machte es ihnen Freude, daß sie das Bild und die Schrift so nahe betrachten konnten, wie es sonst nie der Fall gewesen war. Als sie alles den Korb mit den Semmeln, die bleichen Hände des Bäckers, seine geschlossenen Augen, seinen grauen Rockund die umstehenden Tannen betrachtet hatten, als sie die Schrift ge­lesen und laut gesagt hatten, gingen sie wieder weiter.

Abermals nach einer Stunde wichen die dunklen Walder zu beiden Seiten zurück, dünnstehende Bäume, teils einzelne Eichen, teils Birken und Gebüschgruppen empfingen sie, gefetteten fte weiter, und nach kurzem liefen sie auf den Wiesen in das Muls- dvrfer Tal hinab. t , ..

Obwohl dieses Tal bedeutend tiefer liegt als das von Gschard, und auch um so viel wärmer war, daß man die Ernte immer um vierzehn Tage früher beginnen konnte als in Gschaid, so war doch auch hier der Boden gefroren, und als die Kinder bis zu den Loh- und Walkwerken des Großvaters gekommen waren, lagen auf denr Wege, auf dem die Räder oft Tropfen herausspritztmi, schöne Eistäselchen. Den Kindern ist das gewöhnlich ein sehr großes Vergnügen, , '

Die Großmutter hatte sie kommen sehen, war ihnen entgegen» gegangen, nahm Sanna bei den erfrorenen Händchen und führte sie tn die Stube. t .

Sie nahm ihnen die wärmeren Kleider ab, ste ließ tn dem Ofen nachlegen und sragte sie, wie es ihnen in dem Hinübergehen gegangen sei. _ ...

Als sie hierauf die Antwort erhalten hatte, sagte ste:Das tst schon recht, das ist gut, es freut mich gar sehr, daß ihr wieder- gekommen seid; aber heute müßt ihr bald fort, der Tag ist turfo und es wird auch kälter, am Morgen toctr es in Millsdorf ntcht gefroren."

In Gschaid auch nicht," sagte der Knabe.

Siehst du, darum müßt ihr euch sputen, daß euch gegen» Abend nicht zu kalt wird," antwortete die Großmutter.

Hierauf fragte sie, was die Mutter mache, was der Vater mache und ob nichts Besonderes in Gschaid geschehen sei,

Aach diesen Fragen bekümmerte sie sich um das Essen, sorgte, baß es früher bereitet wurde als gewöhnlich und richtete selber den Kindern kleine Leckerbissen zusammen, von denen sie wußte, daß sie eine Freude damit erregen würde. Dann wurde der Färber gerufen, die Kinder bekamen an dem Tische aufgedeckt wie große Personen und aßen nun mit Großvater und Großmutter, und Äs letztere fegte ihnen hierbei besonders Gutes vor. Aach dem Essen streichelte sie Sannas unterdessen sehr rot gewordene Wangen.

(Fortsetzung folgt.)

Wenigen, die einen Einblick tn es hatten, deuten Vielsagendes über seinen Stil, seine ganz besondere Eigenart an. Es handelt; sich trat eine abendfüllende, dreiaktige tragische OperTuran» d o t. Sie ist nach Gozzis Märchen komponiert in einer völligen modernen Text-Umarbeitung durch zwei italienische Poeten. Puc» cinis Vorliebe für die exotische Musik, bereits in derDutterflh" so ungemein zart bewährt er hat dazu phonographische Platten japanischer Originalmelodien eines iZokohamaer Freundes ver­wendet dürfte sich auch in derTurandot" nicht ohne chinesisch« Weisen haben genügen lassen. .

In Kürze wollten die Wiener Staatsoper und dte Mailänder Scala das neue Werk des hohen Sechzigers aus der Taufe heben, Puccini selbst freute sich unendlich auf die Proben. Run werden ernst die Totenglockett aller Kirchen Italiens über seine Bahre hinklingen, Und- späterTurandot" vielleicht einen neuen Nach­ruhm verkünden.

Puccinis Musik hat sich wie ein glühender Tonstrom seit Mer Jahrzehnten durch die ganze Welt ergossen, Millionen Menschen erfaßt.Boheme" undTosca" haben eine unerhörte, auch heute noch lange nicht zu Ende gewirkte Popularität und nid>t nur in Italien und Deutschland erlangt. Caruso, die Tetrazzme, -oat* tistini und die Jeriha schwelgten jahrelang durch alle Opern Eu­ropas und Amerikas in den sinnlich aufglühenden, entflammenden Arien und Ensembles des Meisters.

Dieser Siegeszug puccinischer Musik, der jenen der sogenannten veristischen Opern von Mascagni und Leoncavallo weit fy.den Schatten stellt, findet seine Erklärung in einer künstlerisch befrie­digenden und einer bedenklichen Ursache. Die erste ist eben in der dominier enden melodischen Veranlagung Puccinis zu erblicken und sie hat inButterfly", inBoheme" ihre schönsten Auswirkun­gen gefunden. Das Bedenken setzt beiTosca" und bet öem21100» chen aus dem goldeiten Westen" ein. Auf die große DeliebthÄr Tvscas in seinen Opernhäusern braucht das gesamte europäisch« Kunstpublikum nicht gerade stolz zu sein; daß jahrelang dieser Stoff und diese Musik spannend nacherlebt werden (em wchig« Kritikerkollege nennt sie treffend- einmal Folterkammermusik j, ist kein Ruhmeszeichen für die Geschmacksrichtung dieser Epoche und gewiß reines für Puccini selbst Wobei noch immer der packende dramatische Fluß, das enorme Raffinement der onch^ strafen Farbenpalette zu bewundern bliebe. Der Ruhm der^vsca hat auch manche deutsche Opernkomponisten nicht ruhen lass«», einige d'Albert-Opern, SchillingsMona Lisa", Erich KorngoldS Tote Stadt" im schlechten, seineBiolanta" im allerbesten Sinn«, sind von Puccini wesentlich beeinflußt. .

Puccinis Tat aber wird es bleiben, daß- er in einer Zeit un­entwegter, unfruchtbarer Wagner-Aachtresterei, die durchwegs cm dem überragenden Genie des Vorbildes zersplittern mußte, daß Puccini in dieser Epoche symbolischer Heuchelei und mancher fos­siler Papiermusik --womit ganz sicher nicht die wenigen be­

deutenden originalen Erscheinungen des Musikdramas der letzten zwei Jahrzehnte gemeint find! dem Theater gegeben was des Theaters ist. Frei ausströmende Opernmelodte, die Gefühle, Vetoen« schaffen Seelisches unkompliziert singt, die bet aller Beherztheit auch psychologische Zartheit (siehe den zweiten Butterfly-, den ersten Boheme-Akt) hat. Die in wenigen Konturen einen Charakter, eine Situation, einen Konflikt unzweideutig zu umreißen versteht. Zu dieser von Verdi im entsprechenden Abstand hinsichtlich Größe des Einfalls und der fortzeugenden Konzeption ererbten Begabung kommt Puccinis stets zutreffender, vielsagender Jn- strumentalsah, ein Orchester, das von flimmernden, satten Far- ben glüht. Hier seht ja auch die Massenverführung derTosca ein ... Im Harmonischen und- Rhythmischen ist Puccini, weit mehr als feine Landsleute Mascagni-Leoncavallo, Weltbürger und ganz besonders von der französischen Jmpressionistik der Debussy, Du- kas Ravel fruchtbar beeinflußt. Ganz ähnlich wie ferne längeren italienischen Zeitgenossen, die sich indes gänzlich von der geschlos­senen langperiodigen Melodie und ebenso merkwürdig von ihrem Jtalienertum zugunsten eines verwässerten, deutsch-franzoslschsn Musik-Intellektualismus völlig gelöst haben!

Puccini entstammt einer alten italienischen Musikerdynastle in ßucca. Er hat, von Königin Margherita gefördert, am Mailänder Konservatorium studiert. Die Scala seiner Erfolge beginnt erst relativ spät. Die 1893 erschieneneManon", die bedeutend tra­gischer und aggressiver gefaßt ist, wie die französische Massenets, schlägt noch nicht recht durch. Erst 1897, als Vierzigjähriger, fällt Puccini der große Erfolg zu:Boheme" beginnt ihren Siegeslauf, 1900 kommtTosca", 1904Butterfly" an die Reihe ein Triumph größer als der andere. Dann folgt, erst nach dem Kriege, das nicht durchweg von Glück begünstigte Einakter-Trio, aus dem der entzückend leichte, geistreicheGianni Schicchi", diese alt-floren- tinische Musikkomödie, durchhält erfreulichster artistischer Gegen­satz zurTosca". Und stilistisch zugleich Verfeinerung des schon inBoheme" vor fast dreißig Jahren begonnenen, damals so sen­sationell wirkenden musikalischen Konversationstones.

Puccini war persönlich ein nobler Weltmann von höchster Bildungsstufe, stets begierig, seiner Zeit auch in anderen Kunst- erscheinungen gerecht zu werden, seinen Horizont zu vertiefen. Mit seinem Tod verliert jedenfalls Europa einen seiner größten Künst­ler dieser Zeit.

Hchriftleituna: Dr. Friedr. Wilb. Lanae. Druck und Verlag der Brübl'icken Univ.-Buck- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.