Nachdem der Schlüsse! fertig war, wurde ein Kessel gearbeitet, in dem sollten kräftige Tränklein gebraut werden, sagte der Meister und lachte dabei. (Zelte lieh sich das nicht anfechten, sondern schlug kräftig und geschickt mit seinem groben SHlaghammer, den er in beiden Händen hielt, auf die Stellen, die ihm der Weister mit seinem Keinen Vorschlaghammer bezeichnete.
Nachdem der Kessel fertig war, und mit kunstvollen Verzierungen reichlich versehen, wurden viele hundert Pfeile geschmiedet. die hatten die Eigenschaft, sagte der Meister, so weit zu fliegen, bis sie auf Beute trafen, und dann sogleich im Leibe des wurchen Wildes steckend, zu ihrem Schützen zurückzukehren.
Als nun die Pfeile fertig waren, befahl der Schmied seinem Lehrling, auf die Hagd zu gehen, denn der Vorrat an Fleischspeise sei aufgezÄhrt. (Zelte zögerte einen Augenblick, denn er liebte die Tiere des Waldes und mochte sie nicht töten, der Schmied aber wurde zornig und befahl ihm aufs neue, zu tun, wie er gesagt hatte. «Wenn du mir eine gute Mahlzeit bringst, wie ich sie liebe," sagte er, und über sein schwarzes Gesicht flog ein häßliches Lächeln, „dann sollst du sogleich Erlaubnis haben, dein Meisterstück, das Veil, zu schmieden." Da ergriff denn (Zelte ohne weitere Widerrede Vogen und Pfeil und kletterte an den zackigen Felskristallen empor zum Schornstein, stülpte seinen Hut von Butter wieder auf, den er der groben Hitze wegen dort aufgehängt hatte, kroch hindurch und stand nun auf dem Gipfel des Berges. Einen Augenblick blendete ihn das ungewohnte Tageslicht, bald aber blickte er voll Sehnsucht auf das Meer und zu den Inseln hinüber, die waldbedeckt vor ihm lagen. Endlich entschlotz er sich un£> schob, ohne irgendwie zu zielen, einen Pfeil ab.
Es währte nicht lange, so hörte er das laute (Zammern einer Knabenstimme, die von der nächsten Insel herübertönte. And in gerader Richtung durch die Luft kam ein Knabe geflogen, der doch keine Flügel hatte. Gin paar Schritte unter (Zelte faßte er Fuß und stürmte nun, wie in rasenden Schmerzen umherspringend, den unwegsamen, glatten Fels hinauf, auf dem nicht einmal der Fuß eines Moses Platz fand. Zu (Zeltes Füßen stürzte der Knabe nieder. (Zelte bückte sich ihn aufzuheben. Da sah er. daß ihm der Pfeil des Schmiedes im Herzen steckte, und er erkannte nun deutlich, welcher Art das Wildbret war, von dem der Schmied sich nährte. Doll Entsetzen und Grauen beschloß er, nie wieder in die Höhle des Schmieds zurückzukehren, sondern lieber zu versuchen, mit der Kunst, die er bei dem Schmsted erlernt hatte, mit einejm reineren Feuer als dem, das in dem Blutsee flamMte. das Beil, dessen er bedurfte, zu schmieden. Er zog den Pfeil aus dem Hjer^ zen des Knaben und warf ihn mitsamt dem Bogen ins Meer, wo er unter greulichem Zischen in dem Wirbel versank, der den Felsen umtobte.
(Zelte lud den Knaben, den er für tot hielt, auf feine Schultern und wollte nun den Felsen hinabklettern, um auf irgend eine Weise sich der Insel zu nähern, von der der Knabe gekommen war, um ihn zu seinen Eltern zu tragen. Rach seiner Zickzackart überlegte er keineswegs, sondern ging frisch darauf los. Bei den ersten Schritten aber glitt er aus und sank gerade in den wilden Strubel hinab, der ihn zwar aus der Tiefe, in die er beim Sturze gesunken war, wieder empvrtrieb, ihn aber rettungslos im Kreise umherwirbelte. Schon glaubte er sich verloren, da bemerkte er, daß sein Hut von Butter, der ihm vom Kopfe geglitten war, im Meere zerging, und dah der gefährliche Strudel sich glättete, als habe man Oel auf die Wellen gegossen.
Wohlgemut schwamm nun Helte hinüber nach der Insel, immer den Knaben auf seinem Rücken tragend. Wie groß aber war seine Freude, als das Kind sich zu regen begann und, sobald Helte das Land erreicht hatte, unter Lachen und Verwundern feinen Eltern entgegenlief, die ihn voll Angst gesucht hatten. Dia heftige Erschütterung hatte wohl sein Blut toieter in Wallung gebracht, und die Dutterwogen hatten sich dann heilsam auf die Wunde gelegt, daß sie sich schloß.
Die Eltern des Knaben, als sie hörten, was sich zugetrageni hatte, waren voll Dank gegen Helte und führten ihn tiefer in die Insel hinein, wo eine verlassene kleine Schmiede stand, auf deren Herde das Feuer erloschen war. Dort richtete sich Helte eine Werkstatt ein, reinigte die leere Feuergrube von Würmern, Spinnweb und Staub, fegte und scheuerte und mauerte den Herd und arbeitete so hart die ganze Nacht hindurch, daß ihm am Morgen von der großen Anstrengung das helle Feuer aus den Fingernägeln sprang und sich von selber auf dem Herde entzündete.
Gestärkt durch dieses Wunder ging Helte sogleich ans Werk und hatte nach wenigen Tagen das Beil vollendet, das war so schnell und scharf, dah es im Nu eine Klafter Holz zu spalten verstand, dabei zu glätten und zu schlichten wußte, dah es eine Lust war. Denn es war ja in dem Feuer aus Mannesnagel geschmiedet worden, in dem Feuer, das nützt.
Helte brannte nun vor Verlangen, sein Werkzeug an der Eiche erproben zu können. Daher sah er tagelang am Strande und wartete auf ein vorübersegelndes Schiff, das ihn aufnehmen und zu der finsteren Eiche führen könne. Gullas Haar hielt er dabei beständig in der Hand. da es an seinem Herzen glänzend geworden war und sich lockig um seinen Arm wand, kam neugierig ein Schlänglein herbeigeschossen, die das goldene Ding für ihres-
Schrittleituna: Dr. Friede Wilb. Lanas. — Druck und Verlas der
gleichen hielt und mit ihm spielen wollte. Helte gab gut acht, woher das Tier gekommen war. und entdeckte eine Felsenspalte, die ihnr, da er näher hinzutrat, groh genug zu sein schien, um hindurch zuschlüpfen. Das tat er und gelangte auf diese Weis« in einen langen, dunklen Gang, der in unregelmäßigen Windungen tief hinabsuhrte und zuletzt unter dem Meere durchzugehen schien, denn Helte hörte das Wasser über sich brausen und wogen. Anerschrocken ging er weiter, ohne zu wissen, wie lange er so fortwanderte und ob es etwa Nacht geworden sei und wieder Tag. Manchmal war es so heiß da drinnen und voll schwefliger Dünste, dah er zu ersticken meinte, ein andermal wehte ein unterirdischer eisiger Hauch zu seinen Fähen und erstarrte ihn. Auch die Farbe der Dunkelheit wechselte. Erst war sie purpurn und furchtbar, dann schwarz und stumpf. In diesem Schwarz entdeckte Helte beim Schimmer von Gullas Haar, daß der schmale Gang sich zu einer Grotte ausgeweitet hatte. In dieser Grotte sah auf einem blauen, durchsichtigen Steine ein Dettelweib. Helte erkannte, daß es die Alte war, die an der finsteren Eiche gestanden hatte. Hetzt trat ihr Gesicht jünger und lichter als damals, und die gütigen Augen schienen größer geworden.
„Guten Tag, Zickzack," sagte sie freundlich, „da hast du ja das Veil, das mit der Kunst des Schmiedes geschmiedet wurde."
„Ha," sagte Helte und hielt einen Augenblick an, „kannst du mir vielleicht den Weg zur finsteren Eiche zeigen?"
„Das kann ich" sagte die Alte, „denn ich weih Bescheid mit allen Wegen. Ich bin die Gefahr, die Schwester des Todes, in dessen Königreich du dich befindest. Schließe nur die Augen und gehe diesen Weg weiter, so weit er dich führt. Aber hüte dich, dah du nicht auf schaust, denn sonst kommst du nicht zum Ziele, das du dir vorgenommen hast, du dummer Zickzack." And Ye lächelte ganz seltsam vor sich hin.
Helte aber hielt sich nun nicht länger aus, sondern schloß gehorsam die Augen und wanderte weiter.
Eine seltsame Wanderung war das! Wieder wußte er nicht, wie lange er wanderte und ob es Tag war oder Nacht. Einmal sah er vor den geschlossenen Augen die finstere Eiche stehen, fo deutlich, daß er schon stolperte über ihre Wurzeln, die bis hier herunterreichten. Er ergriff sein Beil, zum Glück aber gedachte er seines Versprechens und öffnete die Augen nicht, sondern hieb nur blind darauf los. „Das war gut, Zickzack," hörte er da neben sich die Stimme der Alten, „jetzt ist die finstere Eich» gefallen und es herrscht Licht und Fröhlichkeit im Eichenstädtchen."
Helte ging weiter und sah den gewundenen Fluh. Das schönst« Doot stand darauf bereit und winkte mit dem Segel. Schon wollt« er es besteigen, da gedachte er seines Versprechens und ging mit geschlossenen Augen weiter.
Danach sah er die Feuerbuchstaben der großen Welt, zu der er sich hingesehnt hatte und um deretwillen er alle diese Gefahren bestanden hatte. Aber er gedachte seines Versprechens und wanderte mit geschlossenen Augen weiter.
Er hörte das Brüllen seiner Kuh und fühlte Wiesengras unter seinen Fähen. Aber er gedachte seines Versprechens und ging mit geschlossenen Augen weiter.
Endlich spürte er es feucht, wie von Nebeldünsten, und eine sühe Stimme, die wie das Zwitschern der Schwalbe klang, rief ihm zu „Willkommen zurück, lieber Zickzack." Da aber konnte Hell« sich nicht länger halten, er öffnete die Äugen.
„Willkommen zurück, lieber Zickzack," sagte Gulla noch einmal und reichte ihm ihre Hand über den Graben hinüber.
Da sprang Helte mit einem Satze über den Graben und sagte:
„Lieber will ich hier im Nebel mit dir umkommen, als noch einmal von dir gehen, um in der großen Welt das Feuer zu suchen, das wärmt und erlöst." Dabei umfaßte er die (Jungfrau und küßte sie von ganzem Herzen. Als er sich aber satt geküßt hatte und aufschaute, da gewahrte er, daß die Sonnentochter vor ihm stand, stolz und herrlich, wie er sie nie gesehen hatte, ganz in goldene Gewänder gekleidet, von goldenem Gelock umflutet, das wie ein Königsmantel ihre Gestalt umgab, ohne doch den Boden zu berühren.
„Du lieber, dummer Zickzack," sagte sie, „begreifst du nicht, daß du das Feuer, das du suchtest, in dir tragest? And daß die große Welt mit ihren Rosen und ihrer Wärme, nach der du Ach hinsehntest, nun selber zu dir gekommen ist?" Damit umfing ft« ihn aufs neue, die Rosen dufteten, und das Haar der Sonnentochter leuchtete. Helte aber vergaß in seiner unaussprechlichen Freude alle Not und Gefahr, die er ausgestanden hatte und könnt« nicht genug staunen darüber, wie verblendet er gewesen war.
„Aber denke nur, wie schrecklich es gewesen wäre," sagte er endlich, „wenn ich meines Versprechens gedacht und auch bei dir nicht aufgeschaut hätte!"
„Wohl wäre das schrecklich gewesen," erwiderte Gulla, „denn an jener Stelle, an der du die Augen geöffnet hättest, hättest du für immer verweilen müssen."
Da lachte Helte über jein ganzes Gesicht und sagte beschei- deutlich froh: „Sv war es also gut, daß ich solch ein Zickzack bin, der keinen geraden Weg zur Erde gehen kann."
Danach küßte er Gulla aufs neue und sie waren froh in® zufrieden, viele Hahve noch, bis zu ihrem Ende.
Vrübl'schen Aniv.-Vucb- unJ> Kteindruckerei. R. Lanae Dieben.


