Gießener jamilienbiStter
Unterhaltungsbeilage zum Sietzener Anzeiger
Jahrgang (92^ Dienstag, -en 4. November Nummer 50
Stufen.
Don Maarten MaartenS*).
Sollen wir trauern um sntflohne Träume?
-Um Seifenblasen, die das Kind entzückt?
Um Heldentaten, die den Knaben reizten?
Um Frührot, das dein Mann sich längst verdüstert?
So viel des lautsten Lebens liegt nun tot!
Wie klein ist nun, was einst uns groß, erschien;
Wie wenig noch beglückt vergangne Schönheit! Und dennoch lieben wir, was uns genarrt.
Sind- Gott für die geringre Schönheit dankbar, Bis bessre Einsicht sie verwerfen heißt.
Wir kennen Höh'res, weil wir Biedres kanntes. Und Höchstes kennen, wir, wenn wir das Jrd'fchs Als bunten Trug begreifen, und den Himmel Aus Erden als das einzig ewig Wahre.
Ishn Milton.
(Zum 250, Todestage des englischen Dichters, am 8. Rovbr. 1924.) Don Peter H aa c.
John Milton ist heute nicht mehr in Mode. Man weich von ihm zwar, dach er „das Verlorene Paradies" gedichtet hat — gelesen haben es aber wohl ebenso wenige wie etwa Klopstocks Messias. Die übrigen Werke des großen Dichters sind fast vergessen — und dach er im politischen Leben seines Vaterlandes im Zeitalter Cromwells eine hervorragende Rogge gespielt hat, ist fast unbekannt.
Milton war ein Londoner Kind und stammte aus einer streng puritanischen Familie. Schon früh fühlte er sich zur Dichtkunst berufen. Gin großer Künstler zu werden, der englischen Muttersprache neue Schönheit und Klangfarbe zu geben, war sein Streben, als er 1632 vierundzwanzigjährig Ehrist's College in Cambridge verliech. Einige aus seiner Jugendzeit stammende Elegien und Hymnen — darunter die berühmte Hymne auf den Morgen der Geburt Christi — zeigen schon den grohen Dichter. Gesicherte Derrn ögensverhältnifse seines Vaters gestatteten dem Jüngling, ganz seinen Reizungen zu leben. In den fünf sorglos glücklichen Jahren, die er im elterlichen Hause in dem reizenden Dorfe Horton der Grafschaft Buckingham verbrachte, entsta-rden seine ersten bedeutenden Dichtungen, die Schäferspiele „Cosmos" und „Arcades", sowie „Lällegro" und „il pensero", Zwillingsgedichte, die Ratur und Leben von heiterer und melancholischer Seite spiegeln.
Milton hatte bereits Weltruhm erlangt, als er int Jahre 1638, nach dem Tode der Mutter, Horton verlieh unx> eine Reise ins Ausland antrat. Sein Weg führte ihn über Paris und Südfrank- reich nach Italien, wo ihm als gröhtem englischen Dichter nacht Shakespeare allerorten, große Ehren erwiesen wurden. Der religiöse und politische Eifer des Puritaners jedoch, und die allzu große Offenheit, mit der er die Mißstände des Papsttums geißelte, gefährdeten fast seine persönliche Freiheit. Hier im Lande Tassos und Dantes reifte in dem Dichter der Gedanke, auch seinem Volke ein Heldengedicht zu schenken, das gleicherweise Vaterland und Christentum verherrlichen sollte. In König Arthur und den Rittern seiner Tafelrunde sah er die würdigen Vertreter seiner Ideen. Erst nach Jahrzehnten schwerer Kämpfe, bitterer Erfahrungen entstand das Gedicht: „Das verlorene Paradies". Rachrichten von innerpolitischen Unruhen seines Vaterlandes, vom drohenden Ausbruch des Bürgerkrieges, brachten die Reise zum plötzlichen Abbruch. Es ist bezeichnend für Miltons strenge Auffassung von Pflicht, daß er keinen Augenblick zögerte, auf persönliche Vorteil und Bereicherung feines Wissens zu verzichten, um der Allgemeinheit zu dienen. Ein kurzer Aufenthalt in Florenz führte noch zu einem Zusammentreffen mit dem erblindeten Forscher Galilei. Das Schicksal dieses traurigen Opfers der Jnqul-
*) In seinen Romanen tritt uns der große Holländer als kühler, geistreicher Skeptiker entgegen. Rur langsam und scheu enthüllt sich grand'ivse Leidenschaft, tiefste Menschlichkeit. Seine Sonette, wie die meisten feiner Werke in englischer Sprache geschrieben, geben unmittelbarer den Weg zu diesem gepeinigten, aber ringenden und sich aufrichtenöen Menschenherzen frei. Eva Schumann hat sie für die bekannte Kunstwart-Bücherei des Verlags G. D. W. Eallwed in München übersetzt.
sition bestätigte Milton die verhängnisvolle Wirkung starren Kirchendogmas aufs neue.
Ein wildes Ehaos herrschte in dem England, in das Milton im Jahre 1640 zurückkehrte. Karl I„ wie alle Stuartkönige, vorn übergroßen Wahn seines Gottesgnadentum Z erfüllt, suchte, da das Parlament seinen zahlreichen Wünschen nachzukommen nicht willens war, auf eigene Faust das Szepter zu schwingen. Offene Fehde zwischen König und Parlament war die Folge. Rach anfänglichen Siegen der besser geschulten „Kavaliere" wandte sich das Parlamentsheer um Hilfe nach Schottlands die gewährt wurde unter der Bedingung der Annahme der presbyterianischen Kirche. Die Rot zwang darauf einzugehen, führte aber gleichzeitig zu neuer Spaltung. Es bildeten sich die „Independenten", deren Führer Oliver Cromwell wurde. Dieser Partei schloß sich der Puritaner Milton im Jahre 1644 an.
Fast alles, was aus Miltons Feder in den Jahren nach seiner Reise kam, behandelte kirchliche, soziale, politische Fragen. Zuerst wandte er sich gegen Kirche und Bischöfe in der Schrift „Reformation in England", deren reinigender, läuternder Geist ihm in keiner Weise erfüllt schien. Zu den folgenden Schriften über Ehe und Erziehung gaben persönliche Erfahrungen — man kann bei Milton eine ungewöhnlich starke Wechselwirkung zwischen Erlebnis und 'Werk feststellen ■— den Anlaß. Kurz nach seiner Rückkehr hatte der Dichter sich, verheiratet. Seine junge Frau, Mary Po- well, war die Tochter eines verarmten Landedelmannes, von der Partei der Royalisten. Ohne das geringste Verständnis, von lächerlichen Standesvorurteilen beherrscht und maßlos in ihren Lebensansprüchen, verließ sie schon nach wenigen Monaten bas Haus ihres puritanischen Gatten. — In vier Abhandlungen setzt sich Milton mit dem Problem der Ehe auseinander und verteidigte leidenschaftlich — entgegen den Anschauungen seiner Zeit — die Trennung unharmonischer Ehen. Rach alttestamentarischer Sitte will er jedoch die Entscheidung darüber allein dem Gatten zugestehen. Anschließend' daran schrieb er über Erziehungsfragen, die ihn schon in seinen Universitätsjahren beschäftigt hatten. Die Erziehung von Knaben befreundeter Familien hatten seine Erfahrungen auf diesent Gebiete bereichert. Die ungeheueren Schwierigkeiten, die seitens Kirche und Staat Milton bei Herausgabe seiner Schriften gemacht wurden, zeitigten sein vielleicht bedeutendstes und bestes Profawerk „Areopagitica" oder „Ueber die Freiheit der Presse". Zum ersten Male erhob sich hier eine Stimme für das Recht der freien Meinungsäußerung in Wort und Schrift, die sich schon allein deswegen als notwendig ergeben mußte, weil es ja gar keine allgemein gültige Wahrheit gab.
Inzwischen hatte sich die politische Umwälzung vollzogen; dis Stuarts waren gestürzt. Die neue Regierung, der er schon ein eifriger Vorkämpfer gewesen war, bot Milton Jen Posten eines Sekretärs der fremden Sprachen an. Richt allein durch Ausübung dieses wichtigen Amtes leistete Milton der jungen Republik wertvolle Dienste — seine Schriften, die er zup Verteidigung der Hinrichtung Karl I. verfaßte, trugen unendlich viel dazu bei, das Vorgehen Cromwells zu rechtfertigen und' feine Stellung zu stärken. „Eikon basilike", „bas Bild seiner geheiligten Majestät in seiner Einsamkeit und Qual", hatte sich elfte anonym erschienene Sammlung von frommen Betrachtungen, Gebeten, Gelübden genannt, die den König als verklärten Märtyrer erscheinen ließ. Milton verfaßte in wenigen Monaten eine Entgegnung darauf unter dem kühnen Titel „Eikonoklastes" (der Bilderzertrümmerer), und fchlug mit meisterhafter Wucht das falsche Bild des Königs in Stücke. Genau so erging es allen weiteren Versuchen der Royalisten, dem Hanse Stuart Sympathien zu erwecken. Die in ihrem Auftrags von dem Leydener Professor Claudio Salmasins herausgegebenS Schrift „Defenslo Caroli I." fand eine leidenschaftliche Erwiderung in Miltons „Defenslo pvpuli angllcani" in der er auf die Geschichte der englischen Verfassung bis zu den Sachsen zurückgeht. Diese Schrift, in -der Milton die Grundsätze aufstellt, daß Gesetze und Einrichtungen das allgemeine Wohl zum Ziele haben und aus dem allgemeinen Willen hervvrgehen müssen, erregte in ganz Europa ungeheueres Aufsehen.
Aus seiner ruhmreichen politischen Laufbahn riß Milton ein schwerer Schicksalsschlag: seine Erblindung. Doppelt schwer mußte er seine Hilflosigkeit durch den Tod seiner Frau empfinden. Martz Powell, nach dem Sturz der Royalisten in fein Haus zurückgekehrt, war ihm zwar nie Gefährtin geworden, hatte aber schließlich füü ihn gesorgt. Um nicht auf die Gnade oder Ungnade seiner drei Töchter angewiesen zu sein, schloß er eine neue Ehe, derem glück»


