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Bischof Ketteler und die katholisch­theologische Fakultät in Gießen.

MM Dr. F. Dig en er, ord. Professor der Universität, Gießen.

Wir Haden auf die vor kurzem erschienene umfassende Lebensgeschichte Les Mainzer Dischofs Wilhelm Emanuel v Ketteler vom hiesigen Professor der Geschichte Fritz Vigener bereits hingewiesen (Ketteler. Ein deutsches Dischofsleben des IS. Jahrhunderts." München, R. Olden­burg 751 ©., geb. 20 Mk.). Ein Werk, auf Las sein Verfasser und die deutsche Geschichtsschreibung mit ihm stolz sein dür­fen' ist diese monumentale Biographie von berufenster ©eite genannt worden. In der Tat handelt es sich um ein bedeu­tendes Werk, das wissenschaftliche Gründlichkeit und» Sach­lichkeit mit vollendeter Kunst der Sprache und Gestaltung verbindet. Auf dem festen Unterbau eines gewaltigen Ma­terials ist die überragende Persönlichkeit des KirchenfurstAi in ihrem Wesen und Wirken klar herausgestellt, meisterhaft die Fülle der einzelnen Vorgänge in den Zusammenhang der Zeitereignisse gefügt. Darin liegt die Bedeutung Les 'Buches gegenüber Len früheren Lebensbescyre-ibungen, Lay sein Verfasser die Lis in alle Einzelheiten herangezogene gedruckte Literatur und bisher unzugängliches archivalisches Material wie die hessischen Ministerialakten, mit sicherem kritischen Verständnis und eindringlicher Würdigung wie mit strengster Wahrheitsliebe zu einem erschöpfenden unv überzeugenden Charakterbilöe des Mainzer Bischofs, in steter Beziehung zur Zeitgeschichte, verarbeitet hat. And ftlche allseitige und unbefangene Darstellung war ein wissenschaft­liches Bedürfnis. Als Probe bringen wir Len Schluß des Gießen besonders angehenden Abschnittes über die von Ketteler mattgesetzte katholisch-theologische Fakultät der hes­sischen Landesuniversität.

Daß dieser zur Propaganda neigende Kleriker Riffel in Mainz und von Mainz aus gegen Gießen arbeiten, konnte be­kam die Fakultät fortan zu spüren. Ihr Wirken war überhaupt stets begleitet von den Bedenken, die streng kirchlich empfindende Elterii und Seelsorger gegen die wesentlich protestantische Stadt und Universität hegten, von der Abneigung der geistlichen Se­minarfreunde gegen den akademischen Geist und cuademischen Be­trieb auch von Mainzer Eifersucht auf Gießen. Der Studienzwang, der für die ersten beiden Jahre jeden fünftige»Staats- oder Kirchendiener" grundsätzlich zum Studium in Gießen verpflichtete, und Ne landesherrliche» Vorschriften über die Umversitatsbildung der katholischen Theologen konnten von Anfang an Wohl de» Be­stand der Fakultät sichern, nicht aber ihre Blute. Sie war sehr schwacb besucht. Erst nach dem Vertrage mit Aassau vom Marz 1838 der, freilich ohne den Universitätszwang auszuspre^n, Gießen zur LanLesuniverfität auch für die nassauischen katholischen Theologen machte, stieg die Besucherzahl zum erstenmal aus drei Dutzend und im Jahre 1840 auf v4. Die Entlassung Rissels, die man unter Ausbeutung des Scheingrundes als Verletzung der Lehrfreiheit hinstellte, führte zu einem geistlichen Sturm. Unter- einheitlicher Leitung suchte die größere Hälfte des Diozesanklerus in Eingaben an den Bischof die Wiederherstellung der Mainzer Lehranstalt zu betreiben. Aber durch die PersonlichLit des Bi­schofs Kaiser, mehr noch durch den Willen des Ministeriums du Thil wurde die Fakultät gedeckt, die sich smt Rissels Entfer­nung auch wieder in die Universitätsgemeinschaft glatter einfugte. Ein kleiner Rückgang war rasch ausgeglichen. Im Sommersemester 1848 erreichte die Fakultät ihre höchste Studentenzahl: 80 bei ins­gesamt 508 Immatrikulierten. Die vom Ministerium v>aup Ende Oktober 1848 verfügte Aufhebung des ©tudienzwanges traf nicht weniger die Universität überhaupt als die katholisch-theologische Fakultät. Gießens Studentenzahl ging fast auf dre Hälfte zurück; die Fakultät nahm nicht stärker ab, obwohl sie insbesondere durch die Kündigung des nassauischen Studienvertrages (September 1848) benachteiligt worden war. Auch jetzt noch war sw gesichert, wenn nur die Negierung fest blieb. Die katholischen Theologen hatten nun allerdings nicht mehr die Verpflichtung zum Stuomm in Gießen wohl aber noch zum Universitätsstudium überhaupt, und die Durchführung dieser landesherrlichen Vorschrift hätte bei den bescheidenen Mitteln der meisten künftigen hessischen Geistlichen ohne weiteres den Besuche der Landesuniversität bedeutet. Der Mainzer Mißerfolg des Gießener Professors Leopold Schmid war allerdings zugleich ein moralischer Mißerfolg der Fakultät: ipr angesehenstes Mitglied wurde aus einein kirchlich rechtmäßig ge­korenen zu einem päpstlich rechtskräftig verworfenen Mainzer Er­wählten, und die Fakiiltät, die seine Wahl offen und feierlich be­grüßt, seine Bestätigung laut begehrt hatte, mußte seiner Ver­werfung ohnmächtig zusehen; diese kirchliche Bloßstellung der theo­logischen Fakultät wurde durch Schmids Uebersieöelung in die philosophische Fakultät gewiß nicht gutgemacht. Aber nicht die Verwerfung Schmids als solche wurde verhängnisvoll für die Fa­kultät, sondern das, was folgte: die Erhebung Kettelers.

Ketteler war durch den allgemeinen Verlauf der Mainzer

Die Mainzer Geistlichen Gegner Gießens, die Lennig und Mou- fang, die Heinrich und Riffel, konnten den Bischof über die frühe­ren Versuche, die theologische Erziehung wieder nach Mainz zu bringen, un& über die alten und neuen geisllichen Gründe dieser Versuche genau unterrichten; Bischof Blum zu Limburg, der von der Fessel des nassauisch-hessischen Studienvertrags befreit war, aber keine eigene Lehranstalt eröffnen durfte, hatte den Gedanken der Beseitigung der Gießener Fakultät und des Ausbaues des Mainzer Seminars bei Ketteler schon vorsichtig angeregt, noch ehe - Lieser in Mainz eingezogen war, und die Dischofsweihe gab Ge­legenheit, die Fakultätsfrage genau Lurchzusprechen. Aber so gut die anderen sachlich vorbereitet waren und ihn sachlich vorbereiten konnten, entscheidend bleibt doch, daß Ketteler seine eigene Ueber- zeugung und den Willen zur Tat mitbrachte. Er selbst zwar hatte auf einer Universität, nicht an einem Seminar studiert. Aber schon damals hätte er lieber eine bischöfliche Lehranstalt besucht als eine staatliche Fakultät, und jetzt war sein geistlich gesättigtes Empfinden dem Universitätsstudium vollends abgekehrt. Ueber- dies war München immerhin die alte Mönchs- und Marienstadt, die Stadt der Kirchen, des geistlichen Lebens, der katholischen Gesinnung. Wo aber kamen Die Kandidaten her, denen er nach einem kurzen praktischen Seminarjahre die Priesterweihe spenden sollte? Sie wurden theologisch ausgebildet durch Professoren von zweifelhafter kirchlicher Art, , in dem wesentlich protestantischen Gießen, an der kleinen Universität, deren derbgenußfroher Stu- dentengeist auch bei den katholischen Theologen die sanften Sitten nicht so recht aufkommen lassen wollte, ©eit den unruhigen Tagen des Jahres 1848 wurden immer mehr solcher Priesterschüler hinein- gerissen in das leichte Lüben der weltlichen Kommilitonen, die ihnen aus der Heimat, aus der Schule bekannt waren oder durch die enge Landsmannschaftlichkeit dieser Landesuniversität rasch ver­traut wurden; eine vornehmlich aus katholischen Theolvgiestudenten bestehende Verbindung stellte sich nicht unter das Zeichen priester­licher Vollkommenheit, sondern schlecht und-recht mitten in das studentische Treiben hinein.

Dem neuen Bischöfe waren die alten Mißstände und die neuen Ausschreitungen nur willkommen. Kaiser hatte mit Rüge:: und Strafen, selbst mit Ausschließung vom Seminar eingegriffen, um in Gießen zu bessern un& zu Helsen; Ketteler aber sah,hier einen Anlaß, zu Reformen nicht in Gießen, sondern gegen Gießen. Die Schilderung desganz gemeinen wüsten Studentenlebens der Gie­ßener Theologen sollte für seine Mainzer Absichten nicht zwar dre letzte Begründung, wohl aber eine lebendige Rechtfertigung liefern, die er im Herbst 1850 in seiner Eingabe an das Ministerium wirkmr lieEingabe" im eigentlichen Sinne war freilich weder die bischöf­liche Denkschrift noch Ler Begleitbr-ief vom 14. Oktober. Ketteler bittet nicht um die Einwilligung der Regierung, er fragt nicht b^t ihr an; er teilt ihr einfach, seine Entfistüsse mit und- weiß diese kirchllch zugleich und politisch zu rechtfertigen, ohne sich darüber Sorgen zu machen, ob denn das Ministerium die lirchliche Recht­fertigung gelten lassen und' die politischen Erwägungen nicht viel­mehr als seine eigene Sache betrachten wolle. DenStaat und Kirche gleichmäßig mit einem allgemeinen Ruin bevrohenden Un­glauben mit aller Wacht zu bekämpfen", ist, nach der brscho-sichen Belehrung, einwahrhaft apostolischer Priesterstand am ehesten berufen, ein solcher Priesterstand aber wird nicht im Gießener Studentenleben herangezogen, sondern nur unter strenger mschof- licher Aufsicht: deshalb gedenkt er, zu Ostern 1851 die bischöfliche Lehranstalt am Mainzer Seminar wieder zu eröffnen; lur die gewiß ebenso im Interesse Les Staates wie im Interesse der Kirche" liegende Durchführung Lieser Absicht mutet er der RtMe- rung Lie Bewilligung von Geldmitteln zu.. Die Rechtsfrage be­rührte er nur, um zu zeigen, daß. sie im bischöflichen Sinne er- lebiat fei: die landesherrlichen Vorschriften Über das Univer­sitätsstudium der katholischen Theologen gelten ihm als beseitigt Lurch die landesherrliche Gewährung allgemeiner unbeschrankter ©tuLienfreiheit; die Vorschriften der Verordnung von r830 sind ihm überdies, soweit sie den Dullen von 1821 und 1827 ..... auch

ihren staatlich nicht anerkannten Bestimmungen widersprechen schon an sich von zweifelhafter Rechtsgültigkeit. Entscheide»ü ist ihm freilich durchaus die kirchliche Begründung: es handelt sich um dasunveräußerliche" Erziehungsrecht des Bischofs, das zu üben feine Pflicht ist, das anzuwenden die Rot Ler Zeit fordert, die staatliche Gesetzgebung nach Len Wandlungen des Jahres 1848 nicht mehr zu hindern vermag. , ,

Das Ministerium Dalwigk, das soeben den offenen Kamps gegen Lie Demokratie ausgenommen hatte, wünschte jeden Zusam­menstoß mit dem Mainzer- Bischöfe, mit der Katholischen Kirche zu vermeiden. Halb in ängstlicher Unentschlossenheit halb in sorg­losem Vertrauen auf finanzielle Schwierigkeiten des bischo pichen Planes lieh die Regierung die Sache ruhen. Weder die Erörte­rungen in der Presse gegen Ende des Jahres 18o0 noch die Vor- siellungen Ler Landesuniversität und die Anfragen im Landtags m. Beginn Les Jahres 1851 zogen die Regierung aus ihrem zwei­genden Geschehenlassen. Erst durch eine erneute Kammerinter-pel- lativn fand sich Las Ministerium, am 8. April 18U, zu eurer förmlichen Anfrage beim bischöflichen Ordinariate veranlaßt. <yOr das geistliche Mainz aber war es jetzt, da man die Eröffnung der Lehranstalt schon gutenteils vorbereitet hatte uno die Darmpadter Meinungen und Sorgen genau kannte, nicht schwer, Ruhe und

Wahlsache und ihre besondere Verbindung mit Gießen schon zum

Gegner dieser Professoren vorausbestimmt. Der Kampf gegen die ^leuLuuye» uw

Fakultät aber war ihm vor allem priesterliche, bischöfliche Pflicht. Festtgkeit zu bewahren. Die scheinbar so bestimmte Erklärung Les