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Stämmen empor. Songfam schleppte sich der Mte vorwärts. Do brang es tote Singen und Klingen an sein Ohr. Er ging den Tönen pach, sie tourden lauter und lauter, und endlich hörte er eine rauschende Musik und sah eine mächtige uralte Eiche ganz von Licht bestrahlt.
Dorther, aus dem dichten Laube drang die Musik, er hörte Lachen und Lustgetös, — und nun hob er die Flinte und zielte mitten hinein: da gellte ein gräßlicher Schrei durch den Wald. — Plötzlich wurde es stockdunkel auf dem Daum, und ein wütender Sturm erhob sich. Grelles Schreien, wildes Fauchm und Grunzen erscholl, Peitschenknallen, Pferdegewieher, schrille Pfiffe und ein lauthallendes Rasen in den Lüften.
Der alte Jäger stand in einem Kreis, den er mit seinem Hasel» stab um sich gezogen hatte. Er bekreuzigte sich unaufhörlich und richtete ein Stoßgebet nach dem andern an seinen Schutzheiligen, plach und nach en:fernte sich das wilde Raken, es wurde schwächer und leiser und verhallte allmählich in der Ferne.
Der alte Jäger stand still, bis es anfing zu tagen. — Ws es Hell genug war. daß er um sich blicken konnte, sah er eine große Verwüstung. Die mächtigen Reste der Eiche starrten nackt und Verkohlt gen Himmel, und der Boden war bedeckt mit geborstenen Zweigen, mit gelber Asche und verwittertem Laub. — Mitten darunter sah er es schimmern, und als er herzutrat, lag da ein zersetztes. blutbeflecktes Frauengewand. — Da entsetzte er sich und ging davon so schnell er konnte.
Sein Weib säst noch immer auf dem Grabe. Er zeigte ihr die abgeschoffene Flinte, und die beiden Alten wankten langsam nach ibrer Hütte.
Aach ein paar Tagen erschien einer der Diener der jungen Gräfin. Stumm, ohne ein Wort zu sprechen, übergab er dem Jäger den Scklüssel zum Jagdschloß.
Als er fort gegangen war, machten sich die beiden Alten auf und pimpelten ihm nach, so schnell sie konnten. — Als sie am Schlosse angelangt waren, kamen sie noch gerade zurecht, um zu sehen, wie die junge Gräfin von ihren Dienern auf einer Bahre die Treppe heruntergetragen wurde. Die alten Diener hoben sie behutsam in einen Wagen, einer stieg auf den Bock und ergriff die Zügel, die beiden anderen stellten sich hinten auf. und dann rollte gier Wagen mit der ganzen Sippschaft zum Walde hinaus.
(Eine Winlernachl.
Bon Heinrich Bechtolsheimer, Gießen.
Am 18. Aovember 1858 war beim Johann Enders zu Flonheim Metzelfuppe. Einige Tage zuvor war ein tüchstger Schneefall eingetreten, so daß das Land weithin mit der weißen Decke ein» !,ehüllt war Der Schnee war alsbald sestgefrvren und bildete eine este, sichte Kruste. Am Morgen des 18. Aovember hatte es Regen gegeben, der aber nicht hinreichend war. um den Schnee zur Schmelze zu bringen. Am Aachmittag trat unerwartet wieder strenge Käl'e ein, und man glaubte beinahe, daß die Kälte von Stunde zu Stunde zunehme. Die Leute, die über die Straße gingen, hatten rote Ohren und blaue Aasen, und soweit sie keine dicken Fausthandschuhe trugen, auch rote Hände. Der auf den Regen folgende Frost hatte Glatteis gebracht, Stauen und Kinder streuten Äsche, trotzdem fiel mancher, der zu hastig ging, zu Boden. Infolge der Kälte herrschte in den Hofreiten Stille, es konnte ja doch niemand im Hofe oder in der Scherer viel ausrich‘en. Hier und da waren die Leute damit beschäftigt, die Pumpen mit Stroh zu umwinden, damit sie nicht springen sollten. Auch die Stalltüren stopfte man mit Stroh zu. damit das Dieh nicht notleidew sollte. Der Himmel hatte sich vollständig aufgeklärt, hell und blau spannte er sich über der Winterlandschast aus. Ro'glührnd stand in den späten Aackmittagsstunden die Sonne am Himmel, und ihr Schein spi gel'e sich in den Fensterscheiben, lieber den beschneiten Dächern stieg der blaugraue Rauch aus den Schornsteinen auf, die Frauen hatten große Holzscheite in die Oefen geworfen in den Stuben Työrte man wie das brennende Holz knatterte. Durch die klare Winterluft schwebte der Klang der Feierabendglocke und schwang sich hinaus in das winterliche Land.
Das war so recht ein Tag zum Schveineschlachten. Den ganzen Tag hindurch hatte es bei Johann Enders zu tun gegeben. Morgens um 9 Uhr war der Metzger Ludwig Kilian gekommen und hatte die beiden großen Schweine abgeftochen, jedes der beiden wog nahezu drei Zentner. Hell und durchdringend drang der Todesschrei der Tiere tHnauS in das Dorf. Dieses Schreien und das Klappen der Dreschflegel sind Töne, die zum Wintermorgen in den rheinhefsischen Dm-fern gehören wie der Lerchengesang über der Flur zum Frühlings'age. Die Schweine wurden in der großen Bütte mit kochendem Wasser abgebrüht, die Borsten wurden abge- » schabt die Tiere würben ausgenommen, zerlegt und am Scheuertor • an großen Haken aufgehängt. Borher schon hatten die Metzger die Teile, die zur Wurstbereit ung verwendet werden fönten, abgetrennt die kochten nun in dem brodelnden großen Küchenkessel. Die Männer, die bei dieser Arbeit beschäftigt gewesen waren, gingen zum Morgenesten in die Wohnstube. Es gab Brot, Käse und Wein, Hann wurden die Tabakspfeifen angezundet Streichhölzer gebrauchte man damals noch nicht für dieses Geschäft, jeder Mann $atte seinen Feuerstein, Mit dem Rücken des Taschenmessers oder
mit einem Feuerstahl tourst« der Laraufgelegte Zunder entzündet. Der brennende Zunder verbreitete einen durchdringenden Geruch, er wurde auf den Tabak gelegt, der Deckel wurde zugeklappt, und die Wolken stiegen auf. Die kurzen Pfeifen, die man damals und auch noch viel später rauchte, waren mit Bildern, zumeist aus dem Jagdleben, geziert. Jäger, die das Gewehr über die Knie gelegt hatten oder gerade nach einem Rehbock schossen oder ihren davonsausenden Hunden Pfiffen, waren auf den Pfeifenköpfen zu sehen. Die Frauen hatten an diesen Tagen viel Ärbeit. Hin und her eilten sie, von der Küche in den Hof und wieder zurück in die Küche, bald muhte der Metzger gefragt werden, wieviel Lot Pfeffer man zur Wurst brauche, bald muh en die Mannsleute, die müßig umherstanden, angetrieben werden, Holzspiehe, mit denen man die Schwartenmagen spießen wollte, anzufertigen. Für die Kinder war der Schlachttag ein grobes Fest, dieser Tag stand ihnen noch näher als das Weihnachtsfest; denn große Geschenke gab es in jenen Zeiten in den deutschen Dörfern nicht. Die Kinder gingen der Mutter nach Möglichkeit zur Hand und sahen mit gespanntem 3n» teresse der Hantierung des Metzgers zu.
Am Aachmittag wurde alle Tätigkeit in die Küche und in die Wohnstube verlegt. Am Hackklotz standen die Männer und hackten das Fleisch für die Bratwurst und die Leber für die Leberwurst klein. Leute aus der Berwandtschast halfen bei der Zerkleine> ung des Fleisches, das in die Wurst kommen sollte, dann kam der Metzger und füllte die Würste ein. Die Bratwürste wurden zum Trocknen aufgehängt, Schwartenmagen, Blut» und Leberwürste wanderten in den Kestel, um gekocht zu werden. Immer neue Scheite wurden in das Feuer geschoben. Holz genug hatte Johann Enders, eine Woche zuvor hatte er zu Oberttnefen eine Fuhre Scheitholz geholt; denn Flonheim besitzt wie die meisten rheinhessischen Gemeinden keinen Wald. Als die Würste im Kessel waren, ging man hinunter in den Keller, das Fleisch wurde zerkleinert, kam in den großen Ständer und wurde vom Metzger eingesalzen.
Als Kilian die Kellertreppe wieder heraus ^am, war es dunkel geworden, er rieb sich die Hände und fag‘e: „Das wird heint eine kalte Aachi, da fallen die Spatzen vom Dach"
„Es ist nur gut.“ meinte Johann Enders, „daß wir die Rüben und das Kraut daheim haben."
In der Wohnstube war unterdessen der Tisch für die Metzelsuppe gedeckt worden. Die M-tzelluope ist in Rheinhessen ein Fest, zu dem man Verwandte und Freunde einlädt. In jener Zeit, in der unsere Geschichte spielt, konnte man noch häusliche Feste feiern. Die Menschen waren damals nicht gedrückt durch Krieg und Teuerung, sie waren auch noch nicht so auf Wucher und Geldgewinn aus. wie das jetzt bei einem großen Teile des deutschen Volkes der Fall ist und wie das immer ist wenn di? Zei'en arm sind. Auf dem Tische, her mi' einem weihen Tuche bedeckt war. stand die Petroleumlampe; der große Ofen, der von der Küche aus angelegt wurde, verbreitete eine angenehme Wärme, und in ewig gl-ichmähigem Taste tickte die Wanduhr. 3m Stssel, neben dem Ofen saß der Großvater, der alte Valentin Enders, er haste die Napoleonischen Feldzüge mi'gemacht. nun aber war er ..dämvsig", er litt an Asthma und konnte nicht mehr viel leisten Sv hatte et im Hause einen Dienst übernommen der den al‘en Männern oft zu» feilt, er war Kind'rmädchen geworden. Wenn die Schwiegertochter ihrer Ärbstt nachging, rutschten ihm die Enkelkinder auf den Knien herum Doch nun waren diese aus dem Gröbsten heraus, und der Großvater vertrieb sich die Zeit, indem er Holz spaltete ober im Kalender las.
Aach und nach fanden sich die Gäste ein. Der erste war Konrad Jung aus Wendelsheim, der Schwager des Johann Enders. Gr war ein grohw drei‘schauriger Mann von vierzig Jahren, dem der blonde Vollbart bis tief herab auf die Brust hing. Er hatte den Kindern seiner Schwester schöne Borsdvrfer Aepfel. die er in seinem Hausgarten zog. mstgebracht. Nun hüvf en die Kinder vergnügt um ihn herum und bissen in die rotbackigen Aepfel.
Zu den Freunden des Hauses gehörte der alte Lehrer Diesen« tbäler; er hatte schon den Johann Enders unterrichtet und war lä-g->r als vierzig Jahre in der Gemeinde. Sonst ging er nicht zu Mehelfnppen. er glich also nicht dem Lehrer Greavrius Schlaghart, den der hessische Pädagoge Johann Ferdinand Schlez den Jugend« erobern als abschreckendes Beispiel hinstellt. Aachdem Diesen« thäler die Anwesenden begrüßt hatte, hing er seinen Hut cktz dis Waich und setzte sich eine Stulpmühe auf; denn er hatte e'iew kahlen Kops und bekam, wenn er sich erkältete, heftige Gesichts- schmerzen.
Die Hausfrau kam herein und sagte: „Jetzt können wir anfangen der Kilian, der noch einmal nach der Wurst sieht, kommt gleich herein. Aber der Schmitt-Peter fehlt noch, der wird noch das Geld zählen, das er heute eingenommen hat, ober er klebt Düten."
Peter Schmitt war ein Krämer, der nebenan wohnte und mit Kaffee, Zucker, Aähgarn, Schuhwichse, Heringen, kurzum mit allem, was man im Haushalt braucht, handelte. Da er immer noch ausblieb, so wurde ein Kind zu ihm geschickt. Bald daraus kam er eilfertig herbei, begrüßte alte mit großer Lebhaftigkeit, rieb sich die Hande, als ob er noch hinter seinem Ladentische stehe und den Kunden liebenswürdige Worte sagen müsse.


