Du bedauerst, daß wir keinen großen 'Mann haben. Ich be- Laure es auch rech Hehr, besonders bah deren keiner auf einen! Throne sitzt. Im. Volke stecken gewiß immer noch ihrer etliche, aber sie können nur durch scheußliche Ereignisse von der Masse entbun- oen werden, was ich wiederum nicht wünsche. Die Nationalversammlung in Frankfurt kämpft einen fürchterlichen Kampf.
Du fragst, ob ich glaube, Laß Deutschland zur Einheit, gelange, und willst damit sagen, daß Du es nimmermehr glaubst. Ich glaubtz aber, daß wir die Ruhe nicht eher haben werden, als bis diese Einheit vollbracht ist. Eine Einheit, wie Frankreich und Rußland sie haben, können wir allerdings fürs erste nicht bekommen, aber eine Einheit, die besser ist, als die des alten deutschen Reiches war, wäre allerdings mögliche Daß^das Volk bei uns politisch unreif ist, dann hast Du recht, aber ebenso unreif haben sich die Fürsten gezeigt, sonst hätten wir die ganze Katastrophe nicht erlebt. Trotz dieser Unreife auf der einen Seite um) der Fäulnis aller Verhältnisse auf Aer anderen,muß man sich wundern, Laß die Sachen' bis jetzt noch so gegangen sind, äinreifer als die Franzosen haben sich die Deutschen jedensalls nicht gezeigt, sie haben es nur mit diel schwierigeren Verhältnissen zu tun gehabt *— die deutsche Ausgabe ist eine bei weitem größere.
Ballenstedt, am 18. November 1848. Gottlob, es bricht eine bessere Zeit herein über Las arme gequälte deutsche Vaterland, und mein Herz füllt sich mit Freude und Dank. Wien ist gefallen, und endlich hat sich auch der König von Preußen ermannt. Meinen letzten Dries schloß ich, dünkt mich, mit der Nachricht von der Flucht unseres Hofes nach Quedlinburg. Es war ein angstvoller Nachmittag und Abend. Ich fürchtete ernstlich ein Attentat des Pöbels auf mein,Haus, weil auf mich als den angeblichen Hauptreaktionäv große Wpt gelenkt war und viele mir jene Fluchten die Schuhe, schoben. Ich begab mich nach Hause, rief meine Frau und Töchter auf mein Zimmer und gab ihnen Verhaltungsmaßregeln für den Fäll, daß die Rotte vors Haus rücken sollte und ich nicht da sei. Geld und Papiere hatte ich schon gerettet. Während wir das berieten, machte ich mir. zwölf scharfe Patronen zurecht und richtete mich gänzlich zu einem nächtlichen Feldzuge ein. Kaum war ich -fertig, so wurde ich auch in aller Stille in den großen Gasthdf kommandiert, wohin der ganze Flintenzug meiner Compagnie bestellt worden war . . . Wir durchzogen die obere Stadt, fanden sie aber so ruhig, daß wir nun sorglos nach unseren Häusern gehen konnten. Die Meinigen waren alle noch wach und hatten sich sehr geängstigt, La schreiende und lärmende Gesellen auch die Neue Straße durchlungert hatten . . . Am anderen Tage kamen die neuen Minister, um dem Herzoge die neue Verfassung vvrzulegen. Lind endlich nach zehn Tagen traf der Reichskvmmissar, Appella- tionsgerichtsrat v. Amon, in Dernburg ein und verkündete sogleich im ganzen Lande seine Anwesenheit durch eine kurze, sehr ernste Proklamation.
Wie Frenssen Dichter wurde
(Zu seinem 60. Geburtstag am 19. Oktober.) , Gustav Frenssen feiert in diesen Tagen in aller Stille seinen 60. Geburtstag, nachdem er erst vor kurzem von seiner Reise nach Amerika zurückgekehrt ist, die er unternahm, um die Not seines Volkes lindern zu helfen, und die er uns in einem so gedankenreichen Buche geschildert. Die Höhe des Lebens hat er überschritten, aber nicht die Höhe seines Schaffens, denn sein letztes Buch „Der Pastor von Poggsee" zeigt die ganze Kraft und Innerlichkeit seiner-Erzählungskunst. Aber dieser^Dithmarscher der mit dem schwerblütigen Naturell seiner Heimat in seinen Werken stets um Ideen und bestimmte Zwecke gerrmgen hat trägt in sich die Sehnsucht nach dem „schönen .zwecklosen Fabulieren", und der Wunsch seines Alters ist es, wie er selbst vor kurzem bekannt hat, „das auszuführen, was ich von jungen, Jahren an ersehnt hatte, nämlich mich ohne'eine Tendenz, ohne einen besonderen Auftrag ganz dem Fabulieren hinzugeben." Ebenso sagt er in seinem Dekenmtnisbuch „Grübeleien": „Die einzige reine Freude, die ich habe, ist Las Fabulieren; Las liegt außerhalb des Leides, ja außerhalb des Menschendaserns.' Man schaltet' und waktet in Menschen und Schicksalen wie Gott selber."' Der Tischlersohn, der sich zum großen Volksdichter emporarbeitete, hat stets diesen Zwiespalt zwischen Wirklichkeit und Ideal in sich getragen; umgekehrt wie bei Goethe kam ihm LieeFrohnatur vom Vater, während „des Lebens ernstes Führen", ja dunkle Schwermut Gabe der Mutter war. Der zarte feine Junge fiel schon in der Kindheit unter den derben Dauernlindern auf. „Wat is dat mit den Jung?" Pflegte der Vater zu sagen. „He es mch wietleftig — ne, he is inwendig; he mot studeeven," und die Trauer über das Schlechte auf der Welt machte ihm früh zu schaffen, wie die Mutter erzählt: „Er hat mich früher, als er noch! kleiner war, in seinen ersten Schuljahren, oft gefragt, ob es wirklich! wahr wäre, daß es schlechte Menschen gäbe. Er konnte da» nicht begreifen, und ich armer Mensch konnte es ihm nicht klar machen Dieser Zwiespalt zwischen ihm und der Welt begleitete ihn auch durch die Schulzeit, die er auf dem Ghmnasium zu Meldorf durch- machte. Hier hatte Storm seinen Lebensabend verbracht, und die erste nähere Berührung mit einem Dichtergeist wurde ihm dadurch vermittelt, daß er als wöchentlicher Tischgast in dein Haus erscheinen durfte: in dem Storm zuletzt gewohnt hatte. >-n
der Stube, in der er seine letzten Dichtungen geschaffen, las Frenssen „in seltsamer festlicher Stimmung die letzten Novellen, die ich noch nicht kannte." Aber auch die Welt Storms erschien ihm zu eng, zu dämmerig, nicht breit episch genug. Als Student blieb er der scheue innerliche Dorfmensch. „Ich hatte keine Freude an dem einseitigen Gerede und Getriebe der Studenten," schreibt er selbst, „ich war durch die mir angeborenen oder in frühester Jugend überkommenen Erfahrungen so alt, daß ich nur mit erfahrenen reifen Menschen hätte Verkehren können und mögen." Die Steinwüste Berlins, wo er einen Teil seiner Studien verbrachte, machte einen ungeheueren, tief niederdrückenden Eindruck auf ihn; der Menschheit ganzer Jammer packte ihn an.
Mit 26 Jahren wurde er Pastor in NordAk-Dithmarschen, erst in Mennstädt, dann in Hemme. Seine Predigten waren es recht eigentlich, die in ihm die bis dahin schlummernde Dichterkraft entbanden. In seinen berühmt geworbenen und weit verbreiteten „Dorspredigten" dichtete er das Leben des Heilandes zu einem deutschen Epos um, und diese Vertiefung in die Wunderwelt der Bibel brachte die Befreiung feines Genius. Nun wendet er sich dem künstlerischen Schaffen, das ihm schon vorher aufge-' dämmert war, ernsthaft''zu, „und allmählich, wie ich weitersann und die ersten kleinen Geschichten schrieb, wurde es immer heller," erzählt er. „Ich merkte, daß ich Augen hatte, welche die Dinge und die Seele, plastisch sehen. Ich merkte, daß ich. das Weinen mit den Weinenden und das Lachen mit den Lachenden nicht als christliche Lebensregel mir zu eigen gemacht hatte, sondern daß es eine besondere stiaturanlage war, die mich so hob, so bedrückte: das Leben aller Menschen mitzuleben. Ich hatte die Gabe, mich zu vergessen, ja ich kann sagen, mich zu verlassens und auf Stunden und Tage wie einer zu sein, der das Leben eines anderen führt." In dieser Gäbe'' ist das Tiefste von Frenssens Dichtertum beschlossen. Nun gelang ihm, was er als „das Größte meines Lebens" bezeichnet: die neue Entdeckung'der Menschen, die seinem Visionären' Schauen das Interesse ihres Wesens, ihr ganzes Schicksal, ja ihre Zukunft offenbarten. Ergreifend hat er geschildert, wie ihm die Männer und Frauen seiner Dichtungeu aus dem Nebel der Herde, vom grauen Himmel der Meereslandschaft entgegentraten, tote sie zu ihm zu sagen schienen: „Sieh uns näher an, du wirst sehen, wie interessant wir sind. In uns ist eine ganze Welt. Mach' du uns fertig!" Die Sehnsucht nach dem Bauerntum, die in seinen Vorfahren, den Dorfhandwerkern und Pastoren gesessen, gewinnt zum erstenmal großartige Gestalt im „Jörn il h l", der nach den ersten noch unvollkommenen Versuchen die Reife seines'Künstlertums offenbart. Früher hatte der arme Pastor dem Vater wohl manchmal gesagt: „Ich kann mir vielleicht einen Hof'erschreiben." Aber der alte Vater, der mit ihm im Pastorat wohntepschüttelte ungläubig den Kopf:,„Gustav, Romane Loht dat ni!" Ülnd der große Erfolg des „Jörn Uhl" tat es doch!, so daß sich Frenssen in den Heimatort Barlt einen stattlichen Marschhof taufen konnte. Der Pfarrer war zum Dichter geworden, der nun erst in seiner Heimat heimisch wurde und aus höchstem Glück heraus rief: „Ich hab' einen Hof! Ich hab' einen Hof!" —------
Arrf treibender EisschsKe.
„Länder der Zukunft" ist Ler Titel eines zweibändigen Reisewerks, das soeben bei Brock haus*) erscheint. Gibt es denn überhaupt noch! Länder der Zukunft auf unserer vom Weltkrieg verwüsteten Erde? Fridtjof Nansen hatte auf Sibirien als ein solches Zukunstsland hingewiesen, und Eolin Roß suchte in Südamerika, der aufsteigenden Wellst, solche Länder der Sehnsucht für Heimatlose. Im P o l a r g e b i e t, im Norden von Kanada, sollen sich! die glücklichen Gefilde Breiten, die, noch unberührt von des Alltags Kampf und Hast, der verarmten Welt nodr Nahrung und Kleidung zu bieten vermögen. So behauptet ein amerikanischer Polarforscher, Vilhjalmur Stefansson. Im. Rahmen seines spannenden Berichtes Über fünf Jahre Reisen im höchsten Norden entwickelt er, warum man die von ihm bereisten und entdeckten! Länder so hoffnungsvoll anschen darf. Stefansson, ein Mann von einigen 40 Jahren, hat Wikingerblut in seinen Adern. Eine mächtige Flui und Hungersnot hatten seine Voreltern nach Amerika, tief hinein in den wilden Westen, nach Morddakotai vertrieben, wo sie als Farmer lebten. Der junge Stafansson schwankte zwischen der kaufmännischen und der Gslehrtenlausbahn und dank seiner hohen Fähigkeiten wäre er fast in ganz jungen Jahren ein ehrsamer Schuldirektor geworden. Aber seine Luft nacki! Abenteuern und fein feuriger Sinn für freie Forschung trieben ihn hinaus auf die entbehrungsreiche Bahn eines Polar-' forschers. Der hohe Morden hatte es ihm angetan, und seit fast 20 Jahren ist er seiner Liebe treu geblieben. Das Glück war ihm hold Er entdeckte unter anderem die vielbesprochenen „blonden Eskimos" und auf seinen vielen Reisen in Nacht , und Eis entwickelte er eine ganz eigenartige Reisemethode, die im geraden; Gegensatz steht zu dem, was bisher auch die größten Polarforscher als" unbedingt nötig angesehen haben. Stefansson lebt vom Lande. Er und seine Begleiter ernähren und kleiden sich von dem, was Land und Meer des Polargebietes gewähren. Er lebt genau wie Sie Eskimos, deren guter Freund er in den langen Jahren' geworden ist, und mit dem angeborenen Geschick
*) Stefansson: „Länder der Zukunft. Fünf Jahre Reisen im höchsten Norden." 2 Bände. Geb? Gz. 30,—. Bitockhaus-Leipzig.


