Ausgabe 
20.10.1923
 
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Dem VmsM folgte fein Diener, einen Geigenkasten milernt Qlrm. < _

Diesen Geigenkasten blickte der Freiherr so verdacyäg an, daß er den Grafen beinahe übersehen hätte; denn er der Geigen­kasten war ein unberufener Eindringling, und der Haus- und Quartettherr ahnte wohl dessen Bedeutung. Graf Thürmer war nämlich ein Geigennarr; er hatte auf Neuhaus ein ganzes Lager von alten Geigen, echten und unechten, die er alle als vortrefflich pries: die echten, weil sie echt waren; die unechten, weil sie von Rechts wegen hätten echt sein sollen. Er liebte die Musik, weil er die Geigen liebte, und glaubte,-Mozart, und Hahdn hätten eigent­lich nur deshalb so wundervoll komponiert, damit Stradivari und Guarneri ihre Geigen nicht umsonst so wundervoll geleimt und gehobelt hätten. 1

Beim Freiherrn war es umgekehrt. Er schätzte eine gute Gerge. weil er eine gute Musik liebte, und der Graf meinte, das heitze doch die Welt auf den Kopf stellen. Da es aber hierüber in frühe­ren Jahren manchmal zum Streit gekommen war, indem der eine Geigen geigen, der andere aber Musik geigen wollte, so hatte man sich über ein festes Grundgesetz geeinigt. Spielte Montags das Quartett auf Schloß Strüth, so stellie der Freiherr vier gleichartige Instrumente von Stainer, und kein anderes sollte berührt, am wenigsten eine fremde Geige mitgeb rächt werden. Desgleichen be­stimmte, der Freiherr das Programm des Abends, und niemand' sollte ein anderes Musikstück auch nur zu wünschen wagen. Mu­sizierte man dagegen am Donnerstag beim Grafen, so war dieser der Quartettherr, er konnte Geigen verführen, so viele er wollte, und Tonstücke auflegen nach! Belieben; der Freiherr war dann sein Vasall, mit Schild und Speer (das heißt mit Fiedelbogen) zu jedem Dienste treu und gehorsam.

Es mutzte wohl eine ganz außerordentliche Geige sein, ein tzrotzer Fund, der dem Grafen keine Rühe ließ, datz er so den Montag zum Donnerstag gemacht und das fretnde Instrument gesetzwidrigerweise mit herübergebracht hatte.

Ich bringe da etwas ganz Neues, etwas uralt Neues!" rief er in brennender Mitteilungsbedürftigkeit. Allein der Freiherr unterbrach ihn int festen Gebietertone des Quartettherrin während er ihm als einem alten Freunds doch zugleich freundlich lächelnd auf die Schulter klopfte:Auch ich» habe eine Neuigkeit oder viel­mehr zwei, eine große und eine kleine; die kleine ist ein Quartett von Haydn, neu für uns; spielen wir dies zuerst, dann werde ich nach dem Finale meine große Neuigkeit eröffnen."

(Fortsetzung folgt.)

ErinnerungendesMten Mannes" an das SLnrmjahr 1848. <

DieJugenderinnerungen eines ' alten Mannes" von W. von K ü g e l g e n gehören zu den klassi­schen Memoirenwerken unseres Schrifttums und haben in unendlich vielen Lesern den Wunsch- erweckt, auch sein ferneres Lebensschicksal im Spiegel seiner! meister­haften Schilderungskunst kennenzulernen. Dieser Wunsch! wird nun erfüllt durch die Veröffentlichung seiner Briefe an seinen Bruder Gerhard aus den Jahren 1840 bis 1867, die bei K. F. Köhler in Leipzig erscheinen. Kügelgen war in dieser Zeit Hof­maler und vertrauter Berater des Herzogs, und der . Herzogin von Anhalt-Dernburg und fand in-Ballen­stedt eine neue Heimat. Hier, hat er auch die Revo­lution miterlebt, und aus den Briefen dieser, auf- geregelten Zeit seien einige bezeichnende Stellen mit­geteilt. . \

Ballenstedt, am 18. März 1848. Anfang dieses Monats ließ ich einen Brief an Dich abgehen, den Du vielleicht nicht erhalten hast!, weil er Nachrichten enthielt, die man möglicherweise noch eine .Weile zurückzuhalten suchen konnte. Seit jener Zeit, ist ein Sturm der Ereignisse Über Deutschland gefahren, daß mir der Kopf schwindelt und meine Seele voll Unruhe ist. Es ist eine* dunkle Zeit, und obgleich - ich sie worausgesehen und vorausgesagt habe, so hätte ich doch ihren Einbruch schpn jetzt noch, keines­wegs erwartet, lstch kann Dir nicht sagen, lieber-Bruder, wie schwarz ich in die Zukunft blicke. Jetzt werden Konzessionen ge­macht, jetzt, int ungünstigsten" Augenblicke, und früher .da es Zeit war!, hielt mata sie zurück. Das (Snbe wkrd kein übles sein, ein einiges Deutschland, aber ich schaudere, wenn ich denke, was noch' alles geschehen muß, bis es dahin kommt. Alles, alles konnte vermieden werden, wenn man diesen goldenen dreißig­jährigen Frieden anders nützte; ja, noch vor-Jahresfrist hatten es unsere Fürsten in der Hand, sich! das verlorene Vertrauen zurück- luerwerben.

Ob nun noch etwas zu retten ist? Ich weiß es nicht. Das Mißtrauen ist so groß, datz man keinem Versprechen mehr traut, wenn es nicht augenblicklich erfüllt wird. Es sind so viele Kon-,. Zessionen gemacht worden, die gar nicht gehalten werden können. Gi, so wollte ich doch lieber den Tod gefunden haben an den Stufen meines Thrones, als mir ein Versprechen entnötigen las­sen, das ich nicht halten kann! Doch! bleibt nichts anderes übrig; jeder gescheute und brave Mensch muh sich jetzt eng den ,Re­gierungen an schließen und die Autoritäten im Lande stützen, so» viel ate möglich, damit wir keiner Pöbelherrschaft und Barbarei

anheimfallen. Gin Glück, daß die Unruhen eher losbrachen als sie reif waren. Wäre die französische Revolution zwei Jahre später erfolgt, so wäre Deutschland wahrscheinlich in wilder Anarchie ausgekocht. Jetzt wird die Sache noch einigermaßen zu beschwich­tigen sein, hoffe ich. Ueberall ist Aufruhr, selbst in Wien sollest ernste Bewegungen vvrgekommen und Fürst Metternich geflohen sein; in Berlin, in Magdeburg schlägt man sich, aber es fehlest noch nähere Nachrichten.

25. März 1848. Ach, alter Junge, wenn Du Dir nur denken könntest, wie sonderbar mir zu Mute ist. Meine Träume sinh Wahrheit geworden, und mejn.Wachen ist Traum. Wenn ich mor­gens aufwache, atme ich frei auf und danke < Gott, datz alles ein Traum gewesen ist, bis. ich mich wieder besinne, datz der Traum doch! Wirklichkeit ist. Deutschland kommt mir vor wie eine Seifen­blase, die jeden Augenblick zerplatzen kann. Von jeher hübe ich nichts mehr gefürchtet als eine Revolution, die ich im Geiste sicher kommen sah und die »mich nun mit gewaltigem Wellenschlag um« flutet. Alle und jede Autorität ist aufgehoben, und ein jeder gilt nur, insofern er geliebt, und populär ist. Die mannigfaltig gestörte öffentliche Ordnung besteht nur noch durch alte Gewohnheit und durch! den Respekt, den die Dürgergarden einflötzen. Dieser Re­spekt ist'rächt größer als eine Erbse, aber doch besser als gar keiner. Wie ein Wahnsinniger erscheint der König von Preußen, der in Berlin herumzieht mit der alten Reichsfahne und sich als Pro­tektor von Deutschland erklärt, und doch ist dies eine Komödie, aus der ein Ernst werden kann; es ist der einzige Weg, den ein König einschlagen. konnte, und wächst die Liebe zu ihm, wie seit einigen Tagen, so wird er. ein Fürst, so mächtig tole die Hohen­staufen, wenn auch ohne jeden Nimbus, den er früher hatte und der vom Absolutismus ausstrahlte. Dieser König, der vom Volke nie geliebt wurde, fängt jetzt an ein kleiner Abgott zu werden, und auch ich liebe ihn herzlich wegen der Schmach, die er geduldet hat und ginge durchs Feuer für ihn.

Ballenstedt, am 23. April 1848. Dir, lieber Gerhard scheint auch wie mir die Unruhe der Zeit in den Händen zu liegen, und ich mchttz gestehen, hätte ich nicht zu erzählen und sollte ich meine Briefe nur aus meinen Gedanken herausspinnen, so würde ich jetzt auch erlahmen. 2m Grunde habe ich zu nichts anderem Lust, als meine Flinte auf den Rücken zu nehmen und auszurücken. Es geht vielen so, und es ergießt sich nach und nach in wachsenden Strömen ein kriegerischer Geist über die ganze Bevölkerung aus: Neulich hatten wir hier ein kleines improvisiertes Maneuver, das mir viel Vergnügen machte. Ich habe bei dieser Gelegenheit i/2 ®funb Pulver verschossen und war durch meine lebhafte Phan­tasie'ganz und gar in eine wirkliche Affäre-verseht. Du würdest gewih schwitzen tote ein Braten, wenn Du diese Spiele mitspielen solltest, und mir geht es auch so, doch sind mir diese Motionen bis jetzt immer noch ganz gut bekommen.

Gestern erlebte ich- einen ganz eigenartigen Abend. Unser Kom­mandant hatte sich! von der Regierung eine Instruktion erbeten Und zur Antwort bekommen, er möchte sich vom Bataillon eine ma­chen lassen und sie dann zur Genehmigung einschicken. Dazu kamen denn gestern alle Offiziere zusammen und überdem von jeder Com­pagnie ein Unteroffizier und ein Gemeiner. Ich war von meiner Compagnie dafür gewählt. Da ich Weitz, wie es bei solchen Ver­sammlungen herzugehen pflegt, arbeitete ich zu Hanse eine In­struktion aus, um der Versammlung doch etwas Bestimmtes vor- legen zu fiönnen. Hätte ich das nicht getan, so hätten wir keinen einzigen Paragraphen zustande gebracht. Wenn ich einen Para­graphen vorgelesen hatte, so war in der Rßgel alles dagegen, weil sie falsch verstanden'und nicht recht gehört hatten; einige''unge­bildete Leute schrien und brüllten dann durcheinander, und ich mutzte oft 10 Minuten warten, bis es mir gelang, mit meiner Ver­teidigung zu Worte zu kommen, Unterstützt wurde ich glücklicher- weise von drei Advokaten, von denen der eine eine Stimme hatte wie ein Auerochse, und so brachte ich denn endlich alle meine Para­graphen mit wenigen nachteiligen Modifikationen zur Annahme. Von einer solchen Gesellschaft hast Du gar keinen Begriff, das Schreien und Toben, das Der- und Entwirren dauerte von 6 bis 8, -Uhr abends, und ich habe nur meine Geduld dabei bewundert. In einer solchen Kommission der Gescheuteste zu sein,"ohne doch dabei die Eigenschaft einer Autoritätsperson zu haben, ist ein wahres Unglück.

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Ballenstedt, am 1. Juli 1848. Dein Brief war vortrefflich voller Ingrimm und Liebs. Ich glaube jetzt selbst, datz Du einen doppelten Menschen in Di-r trägst, d. h. ich glaube, Du hast zwei Seelen, welche wie die berühmten beiden Siamesen zusammen­gewachsen sind. Bei Deinem Tode wird die eine in Form wirJ Kohlensäure entweichen, die andere, die liebende Seele, aber wird in den Himmel kommen. Daß Dir Deutschland vorkommt wie em fauler Äpfel, an dem bloß noch' die Kerne gelten, oder auchwie eine Woche ohne Sonntag, daran erkenne ich Deinen guten Ver­stand. Ich habe diese vortrefflichen Bilder in goldenen Rahmen gefaßt und im Audienzzimmer meines Gehirnes aufgehängt. Un­sere politischen Aussichten sind in der Tat hoffnungslos. Zwar hat der faule Apfel noch viele gesunde Stellen, aber, den Gesehen der Natur nach fressen nie die gesunden Stellen um sich, sondern immer die firulen.