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Schriktkikmg: August Goetz. — Druck und Verlag der Drühl'schen Univ^Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Dieben.
Die Wolke.
Wieder seh' ich traumverloren Deinem Rätselfluge zu.
Wer, der je inr Raum geboren, Ist unendlich frei wie du?
Bin ich nicht wie du geworden Irgendwo und irgenävann? Zwischen Erd- und Himmelspforten Ich wie du Gestalt gewann.
Weih ich demr, wohin ich treibe? Das Wohin gleicht dem Woher — Ob ich eile, ob ich bleibe: Tropfen bin ich nur im Meer.
Lind die Schwesterwolken wallen Fremd do i über wie von je, Keine trug von ihnen allen Gleiche Freude, gleiches Weh.
Also einsam, ähnlich vielen And doch keinem nur verwandt, Din ich ewig fernen Zielen Rastlos, rastend zugewandt,
Wer ich bin und wem ich lebe? Bin ich mir nicht selbst ein Traum? Doch ich lebe, doch ich schwebe, Eine Wolke, durch där Raum .,. _________ Werner Bo dl:
Das Odenwaldmuserzm in Michelstadt.
Man schreibt mrS auS Darmstadt:
Wer weist was davon? In der alten Burg ist es untergebracht, in der Kellerei, von der der gemüwolle Treppenvorbau wohl jedem Darmhessen bekannt ist. Es birgt viele herrlrche Schätze, nicht prunkvolle Stücke, sondern so mancherlei von altem Arväterhausrat, der uns immer wieder so sehr anspricht, weil ec - ohne Werkend — zweckmäßige, dem Äuge wohltuende Formen hat und so herrlich einfach ist. , „
Zu Pfingsten 1911 ist das Odenwaldmufeum aufgemacht worden und hat sich nie über mangelnden Besuch zu beilagen gehabt. Aber so viele sind blost stumpfsinnig durchgelaufen: mit einer So-tun-als-ob-Miene haben sie nicht gemerkt, dah die Heimat sie «„spricht, die Gefühlswelt Les gestern *imi> vorgestern, die irgendwie mit der von heute in '^Verbindung steht. Denn alles ist Entwicklung. nur aus gesunder Wurzel sprotzt der gesunde Stamm. Wir arbeiten daran, Last die Heimatmuseen lebendige Quellen werden, nicht nur Raritätenschubladen sind. Schon im Aufbau der Sammlungen must sich das zeigen. Die Beziehung zum Leben ist uns wichtiger, als die wissenschaftliche Gründlichkeit und Shste- maUk und da erleben wir im Michelstädter Museum viel Freude.
Es ist gar nicht klein. Den Eindruck gewinnen wir schon beim Eintritt in den langen Gang, der das Ganze durchzieht. Dieser Gang ist von den einzelnen Ausstellungsräumen nicht getrennt, sondern zieht durch sie alle hindurch, ohne das Zwischenwände den Mick aufhalten. Die drer ersten Zimmer find alkodenartige Räume, deren Eigenart sofort durch den verschiedenen Anstrich ins Auge fällt.
Im ersten Roum sind landwirtschaftliche, haus» und handgewerbliche Gegenstände versammelt. Da einige hölzerne Grabscheite (Schoren), geschnitzt aus einem ein- zigen Stück Buchenholz und mit Eisen beschlagen, wie sie früher im Odenwald allgemein zum Graben benutzt wurden.
Dort grohe Dopveljoche für das Rindvieh — Tierquälerei — daher polizeilich heute verboten. An der Mittelwand eine Bäcker» uuslage, auf der einst in König die frischen Brotlaibe und di« Wecke zum Kaufen einluden. 2luch sie ist heute verschwunden, denn der Autostaub 'vertreibt so vieles von unfern Landstratzen. Den meisten Platz — die Art der Sammlung wird hier nur durch eine Auswahl von Gegenständen charakterisiert — nehmen die zahlreichen Geräte ein. die einst der Hanf-- und Flachsbearbeitung dienten. Resfkämme mit ihren starken Eisenzühnen zur Ablösung der Samenkapseln, die Brechen, durch die nach dem Rotten und Rösten die Hülsen zerstört wurden, die Hanfschwingen mit hölzernen Schwingmessern, die Hecheln mit ihren vielen Eisenzähnchen, die so hübsch „sinnen". Auch Garnhaspeln, Garnwinde, Spinnräder und Webstuhl fehlen nicht. In diesem Raume befinden sich auch zwei alte Zunftzeichen, die einst als Einlcrdung für den zunftechten Bruder Straubinger über den Türen der Zunftherbergen angebracht waren, ein Schild mit Brezel und Mühlrad, das Wahrzeichen der Bäcker und Müller und drei gekreuzte Gerbermesfer, das Zeichen der Gerber.
Die linke Wandseite des ersten Raums stellt ein Stück Austen» feite eines alten Michelstädter Hauses dar, eine Schindelwand mit den Z am Ort gebräuchlichsten Schindelformen, die ein altes Butzen» scheibenfenster umrahmen.
Hinter dieser Wand — im Zwischenraum — ist eine Oden» Wälder Bauernküche eingerichtet. Lieber dem Herd der rüstige Rauchfang für die Würste und Speckseiten, Die schweren eisernen Kroppen, die Feuerzange fehlen nicht. In der Ecke dort eine altertümliche Mausefalle, di« nur selten einem Mäuslein etwas zuleide tut. Auf den Wandbrettern köslliche Ton- und Zinn- gefchtrre, auf dem Tisch zwei große irdene Familienschüsseln, glän»
Pltsche, den schwarze«, steifen Gitterfchleier. so ist ihr mantel- artiger Aebecwurf doch blau oder grün oder lichtgrau, oft mit reichem Silberschmuck, und wenn er beim Gehen auseinanöerklappt, zeigt er buntes, farbenfrohes Seidenfutter.
All diese traumhafte Schönheit Bucharas kulminiert um den groben Teich inmitten des Basars. Uralte Linden und turkesta» nische Almen umstehen ihn: in ihren Kronen nisten Störche, die auch auf allen Minaretten ihre Rester aufgeschlagen haben. 3m Schatten der Bäume sind die Garküchen und Teehäuser. Auf Teppichen sitzt man, schlürft seinen Tee und läßt all das buntq Leben an sich vorüberziehen. Rur an einer Stelle hat die neue Zeit auch nach Buchara hineingegriffen. Rigtstan, der alte Emirpalast. ist von den Granaten der Dolschewiki beschädigt. Don Ka- gan aus hat ihn die Rote Artillerie beschossen, als die afghanische Leibgarde verzweifelt den Emir verteidigte. Heute ist der mächtige Bau mehr oder weniger unbenutzt. Gin paar Tribunale sind dattn oder dergleichen. Die Sowjetabzeichen, die man hier angebracht, tragen zwar orientalischen Charakter mit Halbmond und Stern, aber sie wollen trotzdem in diese Stadt nicht recht Passen. Allein das rührt an Fragen, die die schwierigsten Probleme Asiens auf- wersen. And wozu sich damit den Kopf zerbrechen, wenn man an den ruhevollen Teichen Bucharas inmitten beschaulicher Menschen sitzen kann und träumen?
zende Stücke Odenwälder Häfnerkunst. Auf der einen Veite steht: »Fische, Fletsch und Brühen, das esse ich in der Frühen, ann» Domini 1801. — Auch alte Oelfunzeln sind da.
Don der Küche kann man in die Bauernstube ein treten, plan getüncht und gemustert, in der Mitte ein fester, eichene« Bauerntisch mit gekreuzter, Beinen, drum herum Bauernstühle mit verschiedenartigen Rückenbrettern. Aus dem 18. Jahrhundert ist eine alte Schreibkvmmode da, mit ein paar alten Schmökern, Lev zusammengeflickten Großvaterbrille, einem alten hölzernen Tinten- fasse. Reben dem echten Bauernbett steht eine alte bemalte Wiege. 3nt Bauernschrank wird unter airderem auch das aus dem 16. Jahrhundert stammende Richtschwert der Anterzent, Solinger Arbeit, aufbelvahrt. Die Wände sind mit Passender, Bildern geschmückt, die bekannte OLenwälder Persönlichkeiten oder Landschaften darstellen. Auch ein alter Fackelständer, auf dem einst Kienfackeln brannten, steht hier.
Der vierte Raum ist der größte. Hier hängt, außer viel«« andern die Vergangenheit betreffenden Bildern, das Bildnis des Gründers der Sammlung, Rudolf M a r b u r g. der am 6. Mai 1910 gestorben ist. Wichtig find einige Altertümer aus der karolingischen Zett, Reste von Tongefähen, die 1910 bei der Wiederherstellung der Michelstädter Kirche zutage gefördert wurden, ferner eine römische Dachpfanne. Als eins der ältesten Stück, historischer Zeit im LHenwald, soll sie aus der Ziegelei stamme^ welche die Römer im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt bi der Nähe der heutigen Hvlzfabrik von Aexroth-Lhnen betrieben haben, und in der später wohl auch Einhard die großen Dack> steine für di« Pfeiler feiner Steinbacher Basilika brennen ließ. Don späteren Odenwälder Dachziegeln, vermerkt mit dem Ramen des Zieglers, ist eine klein« Sammlung da (das älteste Stück von 1743). Alte Waffen und Jagdgeräte, ein Abdruck des ältesten Stadtsiegels mit der Inschrift: Sigilum Civitatis MichelstadtrensiS. der gemeinsame Zunftstempel mit dem Abzeichen der Schreiner, Glaser, Küfer, Dreher, Schlosser, Büchsenmacher und Wagner und der Inschrift: Das bereinnlgbe Handwerg-Sigell z. Michelstadt, (leider ohne Jahreszahl, mutmaßlich 16. Jahrhundert), Zunftbücher, Gesellenbriefe, Wanderbücher, Werkzeuge verschiedener Handwerke, alte Matze und Gewichte, zaubern alte Zeiten herauf, Bergwerkslämpchen erinnern an die.Zeiten, da in dortiger Gegend nach Erz gegraben wurde. Auch Las Zunftzeichen der Weber — ein Webschiff mit zwei vergoldeten Löwen — ist hier ausgestellt: Eine Zierde des Museums ist die buntbemalte H o l z f i g u r au s dem Amorbacher Klvstergebiet, wahrscheinlich Jakobus den Aelteren darstellend. In dem alten Gichenfchrank sind etliche Trachtenstücke aufbewahrt, während auf der äußeren Rückwand viele alte Lebkuchenformen aufgehängt stick». Es ist hier nur Einiges erwähnt.
Das rechte Gefühl, daß Liefe Dinge alle aus dem Leben stammen, kommt einem erst, wenn man davor steht und stille nachdenkt über ihren Zweck, ihre Art, und seine <5reut>e an ihrer Gestaltung hat. Da tritt es dann leicht ein, das die Fülle um einen verschwindet und daß zu der Schüssel vor uns sich in der Phantast« der biedere alte Häfner gesellt, datz seine Zeit in Gedanken do« uns lebendig wird, das Leben im Ort, das Leben im Odenwald. Darm erst hat das Odenwaldmufeum seinen Zweck erreicht.


