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Mount Everest wie Rauch aufstieg. Man hatte deshalb beschlossen, int Jahr 1922 den Berg im Mai und Juni zu besteigen, vor dem Einsehen des Südwestmonsuns. Bei dem Versuch im Sommer 1921 kam man infolge ungünstigen Wetters nur bis zu 7010 Meter und blieb somit fast 500 Meter unter den, Rekord des Herzogs der Abruzzen.
Meine Äeberzeugung. daß es der englischen Expedition mit ihrer jetzigen Ausrüstung nicht glücken wird, den Gipfel des Mount Everest zu erreichen, gründet sich in erster und letzter Linie auf die Voraussetzung, daß die zur Erreichung einer Höhe von 8840 Meter- erforderliche physische Anstrengung die Widerstandskraft der menschlichen Gewebe und Organe übersteigt. Dagegen bin ich, wie schon oben gesagt, ebenso davon, überzeugt, Last die wissenschaftlichen Ergebnisse der Expedition glänzend und epochemachend sein werden.
Dsr AngslsporL durch dis IQhrLaussnÄe.
Der August ist die Hauptzeit des Angelns; das spiegelt sich in der Volkskunde in den zahlreichen Fischerfesten wieder, die in diesen Monat gefeiert werden, so in den Fischerstechen zu iUm, Halle, auf der Saale und anderwärts, so in dem einst beliebtesten Berliner Volksfest, dem „Stralauer Fischzug". Das Volk hat stets eine besondere Vorliebe für Fische und Angeln gehabt, denn es verbindet sich bei diesem Sport das Nützliche mit dem Angenehmen, und die ebenso spannende wie zugleich nervenberuhigende Beschäf» tigung bringt eine leckere Speise in den Topf. Die Angel ist wohl säst, so alt wie die Menschheit selbst. Schon in der älteren Steingut hat man Feuersteinspitzen gefunden, die mit ähnlichen Geräten )er noch jetzt in der Steinzeit lebenden Völker, der Eskimos oder Feuerländer, so völlig übereinstimmen, das) sie nichts anderes als rlngelhaken gewesen sein können. Diese Angelhaken der -Urzeit sind größer als unsere; sie bestanden zunächst aus Stein und Knochen, dann in späteren Perioden aus Bronze. Die primitiven Angler, die sich dieser Geräte bedienten, hatten es jedenfalls besser als die heutigen, denn der Fischreichtum war groß, und aus dem Küchenabfallshaufen der jüngeren Steinzeit, den sogen. Kjökkenmöddinger, hat man Gräten von Aal, Lachs, Dorsch, Karpfen, Hering usw. herausgezvgen; die Fische wurden bereits mit knöchernen oder steinernen Fischmessern kunstgerecht abgeschuppt und geschlachtet. Aus diesem zu Les Lebens Notdurft betriebenen Fang wird dann mit der Entwicklung der Kultur die mit bewußter Freude ausgekostete Liebhaberei. Die fischreichen Fluten des Rils sahen zum erstenmal Fischereisport im Großen. Gin Spiegelbild davon sind die alt» ägyptischen Reliefs, auf denen elegant gekleidete Würdenträger, mit vollendeter Ruhe auf Sesseln oder Teppichen sitzend, in spitzen graziösen Fingern die Angel Halter., während sich vor ihnen im künstlich angelegten Gartenteich die Fische um den Köber drängen. Auch in Indien und China ist das Angeln früh ein leidenschaftlich geliebter Zeitvertreib, und in der griechischen Dichtung sprechen bereits Homer und Hesiod davon. Die Römer aber aßen lieber Fische, als daß sie sie fingen.
Durch das ganze Mittelalter hin ist der Rorden die wichtigste Heimstätte des Fischfangs gewesen. Hat man doch sogar den Namen Skandinavien als „Heringsaue" gedeutet, und jedenfalls waren es durch lange Jahrhunderte die Norweger und Dänen, die zum Fang des Herings oder Kabeljaus, zur Erlegung der Robben cius- zogen. Die Belebung des Fischfangs auch in den Binnengewässern ging von den Mönchen aus, denen die Kirche zwar die Jagd verbot, aber das Angeln gestattete. Die Fischer galten sogar als ein Gott besonders wohlgefälliger Stand, weil Christus aus ihnen sich die Apostel gewählt hatte. Zlcdern war während der Fastenzeit der Fisch die begehrteste Speise. So wurde allmählich das Angeln der bezeichnendste Sport des Mittelalters. Noch der „letzte Ritter", Kaiser Max, war ein eifriger Angelfreund, der davon in seinem „Weißkönig" mit viel Verständnis spricht. Allmählich aber sank dieser Sport zu den „niederen" Vergnügen herab. Rohr, der in seiner „Zeremonial-Wissenschaft" alle anerkannten Lustbarkeiten des absolutistischen Zeitalters zusammenfaßt, rechnet das Angeln nicht n'.ehr zu den „höfischen -Divertissements". Das Fischen war zu dem idealen Sport der „kleinen Leute" geworden, weil es dazu keiner großen Vorbereitungen und Mittel bedarf, wie bei der Jagd. So ist Las Angeln in den letzten Jahrhunderten ein rechter Volkssport geworden. Nur in England, dem klassischen Lande des Angelsports, gilt es nach wie vor als vornehm, und die höchsten Aristokraten, die elegantesten Damen widmen sich, dieser stillen Leidenschaft mit Andacht. Diese Angelliebe ist tief im englischen Volkscharakter begründet und kommt auch in der Literatur zum Ausdruck. Ein klassisches Werk des englischen Schrifttums ist Jzaak Waltons zweibändiges Buch „Der vollkommene Angler oder des beschaulichen Mannes Erholung". Mit feinem Humor und liebenswürdiger Plauderkunst wird hier um die Mitte des 17. Jahrhunderts das Ideal des „retired gentleman" aufgestellt. Später haben dann Walter Scott, Coleridge und andere Dichter die Angelkunst verherrlicht, und der letzte „Klassiker" der englischen Angelliteratur ist der Staatsmann Lord Edward Grey mit seinem Buch „Das Fischen mit der künstlichen Fliege". Die Söhne Albions haben eine ; ganze Philosophie des Angelns ausgebildet, bei dem die kleinsten ; Kleinigkeiten von Wichtigkeit sind: die Wahl der richtigen Angel, -
nach Größe und Gattung des Fisches, die Farbe der Schnur, die das grünliche, bläuliche oder gelbliche Aussehen bestimmter Gewässer nachahmt oder auch durchsichtig ist, um keinen Schatten zu werfen, dann die täuschend naturgetreue Anfertigung der „künstlichen Fliege", des Köders, den sich der richtige Angler stets selbst anfertigt. Alles hat für ihn Bedeutung: die Wasferwirbel und Luftblasen, Wetterveränderung und Schatten. Unendliche Vorsicht wendet er an, wenn er sich dem Wässer nähert, und dann sitzt er wie eine Statue stundenlang. Mit der vollendeten Technik aber muß die Schönheit Hand in Hand gehen. „Wenige ÄunJtüBmigen," heißt es schon in Waltons Werk, „verdienen so unsere Bewunderung. Die Stellungen, die der Angler bei seiner Tätigkeit zeigt, sinh zugleich im höchsten Grabe männlich und anmutig."
Letzte Garbe rind letztes Fuder.
Das Ende der Ernte naht. Die letzte Garbe wird zusammen- gebcinden; das letzte Fuder rollte choch beladen ins Dorf, mit Laub und Blumen geschmückt. Reicher Segen wird in diesem Jahre dem Landmann zuteil, unb mit dem Dank für diese Gnade des Himmels verbindet er die Hoffnung auf künftige Fruchtbarkeit des Bodens. Die letzte Garbe, das letzte Fuder, sie sollen ihm die Gewähr dafür bieten, daß die Mächte des Wachsens und Gedeihens bei ihm bleiben und bei seinem Acker. Die zahlreichen Gebräuche, die mit dem Schluß der Ernte verbunden sind, haben alle diese-a Wunsch zum Inhalt. Nach uraltem Glauben soll in der letzten Garbe ein Korndämon verborgen sein; der Fruchtbarkeitsgeist, der in dem Aehrenfeld hauste, flieht von Garbe zu Garbe vor den Schnittern, bis er schließlich in der letzten gefangen ist. Deshalb erhält di« letzte Garbe die Gestalt eines Tieres, so eines Wolfes oder Hahnes, oder es wird ein Tier in sie hineingebunden. Sie selbst erhält, je nach dem Namen, den man dem Korngeist in den verschiedenen Gegenden gibt, die Bezeichnung Bock oder Stier, Hahn oder Wolf, Kater oder Hase. Auch nach dem altgermanischen Fruchtbarkeitsgott, der als „der Alte" oder die „große Mutter" auftritt, wird die letzte Garbe getauft. Sie ist reich mit Blumen und bunten Bändern geputzt, und da sie für die nächste Ernte von großer Bedeutung ist, wird sie möglichst groß gemacht, auch noch durch einen eingebundenen Stein beschwert, um damit auf Menge und Gewicht künftiger Ernten hinzudeuten. In der bayerischen Rheinpfalz wird in die letzte Hafergarbe das Vesperbrot gebunden, in anderen Gegenden eine gefüllte Flasche, um dadurch die Fruchtbarkeitswirkung noch zu erhöhen. Auch sonst hat die letzte Garbe mancherlei Bräuche zu bestehen; so wird sie geprügelt, um den Korndämon herauszutreiben, damit er auf dem Äcker bleibe; sie wird verbrannt; die Schnitter machen einen Wettlauf nach ihr oder tanzen um sie herum. Manchmal läßt man sie auch noch einige Zeit auf dem Felde liegen, damit sie günstig einwirke; dann erst wird sie feierlich.ein - gefahren. Oft trägt sie die zuletzt fertiggewvrdene Binderin ins Dorf, und hier nagelt man sie als Glücksspenderin ans Scheunen- tor oder hängt sie im Hause auf. 3n Schlesien wird sie besonders ausgedroschen und gemahlen. Das Brot, das aus dem Korn der letzten Garbe gebacken wird, bringt Segen und besitzt groß« Heilwirkung, weshalb nur Familienmitglieder von ihm essen dürfen.
Die Einfahrt des letzten Fuders, die die Ernte abschließt, ist ein so fröhliches Ereignis, daß es ordentlich gefeiert werden muß. Schnitter und Schnitterinnen sitzen singend und johlend auf der hochgetürmten Last; hell knallen die Peitschen über die mit bunten Bändern geschmückten Pferde; der Bauer hat alle Pferde vorgespannt, die er besitzt, denn das letzte Fuder ist besonders schwer gemacht, um damit auf eine gute Ernte des nächsten Jahres hinzu- beuten. Auch der Korngeist, der Schöpfer und Förderer des Ackersegens, wird auf dem letzten Fuder mit heimgeführt; er erhält die Gestalt eines Bäumchens oder eines Kranzes und heißt in Westfalen Harkemai oder Härkelmai; im Münsterlande wird ein Nußstrauß auf das letzte Fuder gesteckt; der außerdem noch mit Roggen, Weizen, Hafer, Gerste, Erbsen usw. behängt ist. Manchmal wird auch die letzte Garbe auf den letzten Wagen ausgestellt. Früher führte man als Sinnbild der Fruchtbarkeitsgöttin wohl auch ein Mädchen mit einem Strauß und einem roten Sacktuch auf dem letzten Wagen, das im Badischen „Erntegans" hieß. Anderswo setzte man Kinder aufs letzte Fuder. Ebenso treten Tiere mit diesem Wagen in Verbindung, die den Korngeist verkörpern. So wird vielfach hoch oben auf dem letzten Fuder ein Hahn mitgeführt; er ist manchmal lebend, meist von Holz, vergoldet, mit allerlei Früchten im Schnabel geschmückt oder einem Kranz ausgeblase- ner Gier behängt. Das letzte Fuder wird gern um das ganze Dorf herumgeführt, jedenfals um den Hof und um das Haus, um allen seine segensreiche Wirkung mitzuteilen. „Der Härkelmai darf nicht trocken einkommen." Miesem Spruch- wird dadurch Genüge getan, daß Knechte und Mägde einander mit Wasser bespritzen, der letzte ileberreft eines Regenzaubers, der künftige Fruchtbarkeit gewährleisten soll. Auch Lärm wird bei der Einfahrt gemacht, um bös« Geister fernzuhalten. Das Gejohle begleitet in West- und Ostpreußen das Gelärm der „Klapper", eines Stockes, der in der Nähr eines Rades befestigt ist und fortwährend die Speichen berührt. In Tirol vollsührt man mit Kuhglocken ein ohrenbetäubendes Äon» zert; anderwärts werden Töpfe zerschlagen,
Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Vrühl'fche» Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


