- 26 —
trieben. Die schönsten türkischen Schals abwechselnd mit Plätt-, und Steppdecken waren hier zu finden. Die Anzahl ist nicht zu bestimmen, jedoch versichert der Herr von Wernizobre, daß in den letzten Tagen über 5000 solcher Menschen durchgegangen wären. Aus Breslau macht der Prinz dann geheime Andeutungen über die großen Dinge, die da vorgehen. „Aus allem, was xbeö König spricht, geht keine (Zeichnung eines Steigbügels, wohl Mobilmachung bedeutend) unserer noch andererseits hervor. Was macht Deine S t e i n e sammlung? Ich will sehen, ob ich hier welche für Dich bekommen kann; einen werde ich mich hüten, zu kaufen und zu verschicken." (Damit ist der Freiherr vom Stein gemeint.) Bald kann er diese Maske abwerfen und berichtet nun freudig über die Erhebung: „Zu den Jagern, welche bei den Bataillonen und Eskadronen organisiert werden, melden sich hier schon viele Leute, besonders viele Studenten.
Der Krieg gegen „Näppel" - wie sie Napoleon untereinander nennen — beginnt. Friedrich von Oranten geht tna Hauptquartier Blüchers, auch der Kronprinz stößt zumHeere. Der noch zu junge Wilhelm aber kann ihnen nur in Gedanke^ folgen und klagt, daß er nicht mit darf. „O -jIott! Könnt ich Dir folgen; ich weih nicht, was ich drum geben wurde, schreibt er am 9. April 1813 aus Breslau an den Prinzen Friedrich, „Dauert es noch künftig Hahr fort, flp soll mich auch kein Mensch davon abhalten, Karriere nachzukommen. Hurrahlll Lüneburg. Dte ersten Lorbeeren errungen I Bielleicht auch das erste ichwarze Kreuz. Meine Freude ist unbeschreiblich." Er hofft gradeza, daß der Kampf sich in die Länge ziehen wird, damit er» noch mit kann. Sehr ungeduldig ist er über den Wa fen-stül- stand. „Meinen Religionsunterricht treibe ich hefttgltch, schreibt er am 28. September. „Im März, ach Gott, wie lange noch, denk' ich, soll meine Konfirmation fein; im Frühjahr — ach, da ist ja alles vorbeil" Als ihm Friedrich den Sreg bei Leipzig mitteilt, gerät er ganz aus dem Häuschen: „Biktorta! Viktoria! Diktoria! Außer uns sind wir vor Freude über diesen her^ lichen Sieg. Wie wohl ist einem jetzt ums Herz; Sls ich dick erste Nachricht erhielt, wurde mir ordentlich leicht; dte zwei Tage, an welchen hier der Sieg befeiert wurde, war ich von der vielen Freude und von dem vielen Erzählen in tzinem kompletten Fieberzustand. . . Näppel hatte nun endlich gebüßt Die Völkerschlacht ist geliefert und Deutschland befreit. Welch ein Gefühl!"
Heber Erwarten früh darf er dann zum Heere und nimmt zu Anfang des Jahres 1814 an dem Nh einüber gang teil: „Es war ein wunderschöner Anblick, das Hebersetzen der Truppen mit klingendem Spiel, usw. wir kamen diesseits des Nheins gerade an, als die den Neckarausfluß bestreichende Schanze genommen war, dann setzten wir über.“ Leider macht er die Schlacht bei Brienne noch nicht mit; er hört bloß „ein paar große Herren" pfeifen und klagt: „Während der Schlacht am 1. Februar (bei La Rokhisre) waren wir sehr weit hinten auf dem Hügel, wo uns keine Katze erreichte." Bei Dar für Aube empfängt er dann die Feuertaufe und meldet darüber dem Freunde: „Gestern haben wir eine glückliche Affäre gehabt: die kleinen und großen Herren sind uns ganz infam um die Ohren, geflogen; eine eigene Musik." Voll lebhaftester Empfindung schildert er dann seine Eindrücke von Paris und von seiner! Reise nach England, die zu einem Triumphzug für Blücher wurde. Dann geht es zu den Büchern zurück, und am 8. Juni 1815 kann der Prinz Friedrich von seiner Einsegnung berichten .gerade in dem .Augenblick, da die Truppen von neuem zum (Kampf gegen Napoleon ausrücken, lieber seine Rolle während der „hundert Tage" ist er nicht erbaut. Aus Paris gesteht er dem- Vetter am 3. August 1815: „Direkt von Berlin nach.Paris in forcierten Märschen zu marschieren, welch eine glorreiche Campagne für mich." Ich bin einigermaßen wütend, um fe mehr, da sich unsere Truppen wieder so herrlich benommen haben. Aber ich mag gar nicht mehr lamentieren, ich bleibe doch . einmal! unzufrieden."
Chopin und Schubert.
Don Prof. Dr. Rudolf Henle.
Chopin und Schubert stehen sich nahe, hi ihrem Leben und! in ihrem Schaffen; soweit ein echter Pole und ein echter Oester- reicher sich nahe stehen können. Beider bald geendetes Leben war ein bejammernswertes Elend. Was bei dem Oesterreicher die seelische Veranlagung allein bewirkte, das vollendeten bei dem Polen widrige Geschicke. Das Leid hat sich zu tief in beider Schaffen eingegraben, als daß dessen Wesen bei oberflächlichem Kennenlernen erfaßt werden könnte. So ist Chopin und Schubert das Mißverstandenwerden reichlich beschieden gewesen. Noch heute kann man Chopin als Walzerkonrponist nennen hören. Schubert muh sich gar auch von musikverständigen Leuten als Frohnatur bezeichnen lassen. Erst in jüngster Zeit beginnt unter dem Einflüsse des Schubertromans von Rudolf Hans Bartsch eine richtigere Deutung von Schuberts Wesen in der Allgemeinheit Platz zu greifen.
Chopin und Schubert haben leidvoll gelebt, und ihre Kunst ist dem letzten Grunde nach Ausströmen ihres Leides. Und Beiden Vst eigentümlich die passive Stellung gegenüber ihrem Leide. Das Beto zu bekämpfen mb zu bezwingen, eine Schlacht gegen das
Schicksal ztu schlagen und als Sieger zu triumphieren, wie Beethoven es am gewaltigsten in der fünften Symphonie getan — haben sie nicht unternommen. Zu dem Willen, dem Schicksal in den Rachen zu greifen, sind sie nicht durchgedrungen. Das Schicksal war der Stärkere. Dennoch wird niemand den Balladen Chopins, den Quintetten Schuberts abstreiten dürfen, große Werke großer Künstler zu fein. Es ist eine falsche Auffassung, Große nur in der Selbstbehauptung zu erkennen. Die Größe Beethovens und die Größe Schuberts lassen sich nicht vergleichen, weil Beethoven und Schubert entgegengesetzte Wege wandeln.
Schubert und Chopin stehen unter dem Schicksal. Ihre Kunst ist Sagen vom Leide, und ist Tragen des Leides. Das ist bei Heiden gleich. Aber was sie sagen, und wie sie tragen, ist nicht mehr gleich. Das Leid, von dem sie sagen, war nicht dasselbe bei Chopin und bei Schubert. Chopin hat gelebt und erlebt; Schubert lebte ein stilles, armes Leben. Chopin hat aus dem Becher des Lebens getrunfen, und Gift auf seinem Grunde gefunden; Schubert griff nicht nach dem Becher, und niemand hat ihn ihm geboten So erhält ihr Schaffen einen verschiedenen Inhalt. Chopin formt genossenes Glück in berückender, atemraubender Pracht. Er schafft Verklärungen geschauter Freuden, wie wir sie wohl träumend in unsagbaren Gestaltungen weben um Orte, da wir das Glück gesucht. Wenn in Chopins herrlichsten Werken gegen Ende die Hauptthemen in breiten vollgrissigen Akkorden wiederkehren und in sinnverwirrendem Glanze funkeln, geben die Kunde von dem, was Chopin an Lebenswonne gesunden und verloren hak. So bestrickt die Polonaise-Fantasie, die Barcarole, das O Moll-Nocturne, ebenso die beiden späteren Balladen den Hörer mit einem Klangreiz und einer Tonfülle, die mit nichts zu vergleichen ist. Chopins Nocturnes atmen Liebesempfinden von einer Zartheit und- Verzücktheit, die ohne Ausgereiftsein im Gewähren und Empfangen nicht gedacht werden kann.
Schubert hat das Glück nie gekannt, ist ein Glückloser gewesen und geblieben. Seine Sehnsucht schöpft nicht aus Erfahrenem. Die Zauberpracht seiner Werke hat nichts Sichtbares zum Inhalt. Die W-underwelt, die er aufschlietzt, ist überirdisch. Schubert ist der Komponist, welchem am unmittelbarsten die Eingebungen zuflos- fen, aus Quellen, die niemand nennen kann. Hefter Schubert ist öer Himmel offen. Ob er int Klavierquintett in ein Feenland entführt, ob er im Andante der zweiten A=Sur=©onate Wasserwogen In blaugelber Belichtung aufspritzen und sich verschlingen läßt, tob in den Trios em Meer von Licht und Sonne glitzert und flimmert — immer steht man vor Hnfaßlichem. Damit harmoniert die Einfachheit seiner Mittel. Die berühmte Hornflelle der großen Symphonie und desgleichen der Hebergang zur Rebrise im Andante der unvollendeten Symphonie, int Schlußsatz der Streichquintetts, im ersten Satz der 6-Dur-Sonate ist mit wenigen verschiebenden Griffen hergestellt, und überall da hört man den Schleier von Ewigkeiten emporrauschen, glaubt man in eine jenseitige Welt hinü^rzugleiten.
Leichter ist es, ein nie Gehabtes zu entbehren, als das Gekostete einzubüßen. 3n der Art, tote Chopin und Schubert ihr Leto tragen, treten sie weit auseinander. Bei Chopin ist es Hader und Verzweiflung, was er dem Schicksal entgegenbringt; bei Schubert ist es Ergebung. Chopin windet sich in ohnmächtigem Groll, gießt sein Herzblut in Klagen um sein Elend, überliefert sich den Mächten der Knsternis und des Grauens. 3n den zerrissenen Ton- svlgen des Fantasie-Smprvomptu, des ersten Satzes der 8-Moll- Sonate, in-Hern schauerlichen 8-Mvll-Scherzo wühlt er verbissen in seinem Schmerz. Sn dem Mittelstück der Polonaise-Fantasie, des ^-Dur-Scherzo, in dem alleinstehenden Cis-Moll-Präludium tönt eine Hoffnungslosigkeit des Flehens, die im tiefsten Herzen ergreift. Das berühmte Oes-Dur-Präludium wie mehrere der kurzen Prälitoien, die Lig-Moll-Etude, das Mittelstück der 88-Moll° Polonaise mit dem unheimlichen leisen Trommelwirbel sind ganz erfüllt von tödlicher Trauer, von starrem Gram. Wem aber das Weh, das in dem Trauermarsch der L-Mvll-Sonate sich losgerun- gen hat, zu groß scheinen will, als daß, es in ein Menschenherz gesenkt werden durfte, der vergesse nicht, welch' selige Erlösung das Losringen dieses Wehs, welch' unerhörte Schöpfertoonner. das Werden von Werken wie die b-Moll-Ballade, die Polonaise- Fantasie begleitet haben müssen.
Schuberts Tragen ist Entsagen. Schubert trägt sein Ausgeschlossensein als ein Leid, das er aus feiner persönlichen Natur als unentrinnbar begriffen hat. Er nimmt sein Leid auf sich als Teil seiner selbst, er entsagt der Erfüllung seines Sehnens, und findet darin den Frieden. Sicherlich gibt es auch bei Schubert leidenschaftliche Not und dumpfe Verzweiflung. Das Mittelstück im Andante des 6-Dur-Quartetts, vollends des Streichquintetts offenbaren einen Abgrund von Qual, der erzittern läßt. Das O-Moll-Quartett ist ein Hoheslied vom Vergehen und Sterben. Doch selten fehlt bei Schubert das frie&eatmen&e Ausklingen. Hnd auch im Aufruhr wahrt Schubert stets eine Gemessenheit. Sn strengem Gleichmaß schreiten die Takte dahin; und nichts ist verfehlter, als bei der Entfesselung im Andante der großen Symphonie durch Beschleunigungen der Terzen- und Oktavengänge Wirkung erzielen zu wollen. — Der eigenste Schubert aber ist die verhaltene, von aller Bitterkeit losgelöste Klage. Sn Schuberts Klage verschmelzen sich Tiefe und Weichheit. Sin Werk von unermeßlichen Hmrissen enthält den ganzen Schubert in sich: das Streichquintett. Der erste Satz ist Größe. Er enthüllt die Delbstbewußtheit des genialen


