Ausgabe 
16.6.1923
 
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Sdem wissenschaftlichen Betriebe Ser Hochschulen kühl und ob*

,d gegenübergestanden hatten, begannen jetzt diesen Zusam­menhang und damit allmählich die geistige Führung der Zeit wie- Serzugewinnen. Die geistigen und damit auch die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den ilniberfitäten und der von der neuen Weltanschauung am stärksten ergriffenen und sie tragenden bürger­lichen Schicht des Volkes mutzten damit lebhaftere und engere wer­den unb auch auf die Studentenschaft übergreifen, die sich nun auch auherhalb Leipzigs und Göttingens mehr und mehr dem gesell­schaftlichen Einfluß des Bürgertums öffnete.

aiun hatte, vielleicht wie z. B. Sshmank annehmen zu dürfen glaubt anknüpfend an ältere, noch von früher her auch in Deutschland bestehende Lieberlieferungen geheimer Gesellschaften, das Freimaurertum seit etwa dem Beginn des Zweiten Drittels des 18. Jahrhunderts von England und Frankreich her auch in Deutschland, besonders In den städtischen bürgerlichen Schichten, stärker Fuß zu fassen begonnen. Das Freimaurertum wurde damit zu der Quelle, aus der ganz neue Anregungen auch in die Stu­dentenschaft sich hinein verbreiteten. Seit etwa der Mitte des Jahrhunderts begegnen uns zuerst akademische Freimaurerorden in Deutschland. Sie dürfen freilich nicht mit den späteren studenti­schen Orden verwechselt werden, wenn sie auch gelegentlich schon Studenten unter ihren Mitgliedern zählten. Ihre Träger waren vielmehr in der Hauptsache wohl die Kreise der akademischen Do­zentenschaft. Doch wird unzweifelhaft von ihnen vielfach Vorbild und Anregung für die Entstehung der späteren rein studentischen Orden ausgegangen sein, deren erste Spuren sich in den fünfziger und sechziger Jahren, in stärkerem Matze dann seit dem Beginn des letzten Drittels Les Jahrhunderts bemerkbar machen.

Von Len drei später bedeutendsten und am weitestem verbrei­teten studentischen Orden, die hier statt vieler kleinerer und schneller wieder verschwindender gleich vorweg genannt seien, den Amicisten, Constantisten und Llnitisten, war zuerst wohl der Ami- cistenorden entstanden. Gr begegnet uns bereits 1772 in Gietzen. In Jena wurde er 1771 von sich aus der grötzeren Gemeinschaft absvndernden Mitgliedern der dort bestehenden, damals recht zahl­reichen und ein ziemlich wildes Leben führenden Mosellanerlands- mannschaft gegründet. Im Jahre 1792 schlossen die Jenenser Ami­cisten ein Kartell mit dem 1790 in Leipzig gegründeten Jndisiolu- bilistenorden, der nun Namen und die orangegelbe Farbe der Amicisten neben seiner ursprünglichen Ordensfarbe Blau annahm.

Der Constantistenvrden soll 1777 in Halle gestiftet worden fein, von wo er nach Jena, Leipzig, Frankfurt a. O., Erlangen, Helm- städt übertragen wurde. Im Jahre 1783 fand z. B. Laukhard die Constantisten in Jena vor.

Auch der Llnitistenorden dürfte in Halle entstanden sein, wo er neben den Constantisten eine große Aalte spielte und von dort nach Jena, Göttingen, Erlangen, Frankfurt, Rostock und schließlich auch nach Leipzig verpflanzt wurde. Sehr stark waren in ihm nord­deutsche Adelsfamalien, besonders aber die Mecklenburger ver­treten. Gr erfreute sich im allgemeinen eines guten Rufes und starken Ansehens.

Reben diesen Hauptorden, die sich schnell auf die meisten deutschen Llniversitäten verbreiteten, standen noch eine große Reihe anderer weniger bedeutender Orden, die rasch auftauchten und wieder vergingen. So gab es bereits 1753 in Gießen einenhessi­schen Orden"; Erwähnung verdient von ihnen noch der von den Amicisten in Jena abgesplitterte Orden der Harmonisten oder Schwarzen Brüder, der bereits 1781 in Jena wie in Gießen nach­weisbar ist. Schon in den sechziger Jahren hatte in Jena eine nicht studentische, sondern eine akademische Harmonistenlogezum rvthen Stern" bestanden, von der gewisse Fäden zu denSchwarzen Brüdern" hinübergeleitet zu haben scheinen. Eine Folge dieses Zusammenhanges war es wohl, daß die Schwarzen Brüder nicht als ein rein studentischer Orden angesprochen werden können, wenn sie auch bis in den Anfang der neunziger Jahre im engsten Zu­sammenhänge mit dem Studentenleben standen, um erst in der Folgezeit, völlig seit 1800, zu den früheren freimaurerisch welt- bürgerlichen Bestrebungen zurückzukehren und sich dem studentischen Leben ganz zu entfremden. Gin die Harmonisten kennzeichnender grundsätzlicher Llnterschied von den eigentlich studentischen Orden war es, daß sie stets, auch in der Zeit ihres engsten Zusammen­hanges mit dem Studententum, bürgerliche, dem studentischen Leben fernstehende Obere in Braunschweig hatten.

Mit dem Auftreten der Orden wurde nun auch die bisher im Gegensatz zu den übrigen gesellschaftlichen und sozialen Verhält­nissen der damaligen Studentenschaft noch völlig einheitlich ge­bliebene äußere Form des studentischen BerbindungslebenS zum eilten Male gespalten. Im Gegensatz zu dem alten genossenschaft­lich-demokratischen Prinzip der Landsmannschaften, das zwar ge­lockert, aber nicht grundsätzlich aufgegeben war, fußten die Orden quf dem entgegengesetzten aristokratisch-individualistischen Prinzip 6er Auswahl der Mitglieder nach Maßgabe persönlicher Eigen­schaften. Richt durch die Gewinnung möglichst vieler Mitglieder, sondern durch Auswahl der Tüchtigsten aus der Menge wollten die Orden sich durchsetzen und die Herrschaft erringen. Deshalb beschränkten sie sich grundsätzlich auf kleinere engere Kreise, in die

man nur die Angesehensten und Fähigsten zu ziehen und hier in engster persönlicher Freundschaft für Lebenszeit aneinanderzuknüp­fen versuchte.

Dieser grundsätzliche, für die ganze fernere Entwicklung des studentischen Verbindungslebens ungemein fruchtbringende, ja ent­scheidende Gegensatz zu dem bisherigen landsmannschaftlichen Ver- bindungsthp kam aber bei seinem ersten Aufwachen, wie es zu­meist bei ähnlichen Gelegenheiten zu gehen Pflegt, den beteiligten Zeitgenossen nicht sofort mit voller Klarheit zum Bewußtsein. So ist auch keineswegs von einem sofort scharf ausgeprägten Gegensatz zwischen beiden Richtungen, der älteren und der jüngeren, wie er sich später bis zur Todfeindschaft zuspitzte, die Rede. Ganz im Gegenteil ist anfangs vielmehr überall ein mehr oder weniger friedliches Reben-, ja Durcheinanderleben die Regel, so daß viel­fach die Ordensbrüder auch Mitglieder der Landsmannschaftm waren.

Dabei blieben freilich die Ordensbrüder, die ihre Orden, der Vorliebe des Freimaurertums für mystisch Geheimnisvolles ent­sprechend, der Außenwelt gegenüber streng geheimhielten, ihren profanen" Mitlandsmannschaftern gegenüber unbekannt. Rur für die itniiiften ist uns ein solches- eigenartiges Verhältnis zwischen dem Orden und Landsmannschaften, wobei letztere als Pflanz- schulen für den Orden zu dienen hatten, nicht bekannt. Doch bildeten bei den Llnitisten, wie wir schon erwähnten, Rorddeutsche, beson­ders Mecklenburger, wie auch vielfach Livländer, z. B. 1795 in Jena, den Kern des Ordens. Es scheinen demnach auch bei den Llnitisten gewisse landsmannschaftliche Zusammenhänge vorgelegen zu haben, ,

Richt m offener Gegnerschaft, sondern von innen heraus un­tergruben in der Form von Schmarotzerpflanzen allmählich die Orden die Herrschaft der Landsmannschaften und versuchten, für eine Zeitlang mit gutem Erfolge, die Herrschaft im Studenten­leben an sich zu reißen, indem sie überall die besten und fähigsten Leute, die gesiirchtetsten Schläger an sich zu ziehen und die füh­renden Stellen in den Landsmannschaften, die Stellen der Senioren, Konsenioren usw., mit Ordensbrüder;: zu besetzen wußten. Da die Orden den von den Landsmannschaften untereinander mit größter Strenge gewahrten Grundsatz der Rekrutierung aus ganz bestimm­ten unter den einzelnen Landsmannschaften der betreffenden Hoch- schule nach genauen Abmachungen, dem f»genanntenLänderkar­tell" verteilten Landesteilen für sich nicht achteten, sondern ihre Mitglieder ohne Rücksicht auf ihre landsmannschaftliche Herkunft wählten, konnte ein Orden seine Mitglieder in ganz verschiedenen Landsmann schäften habe:: und durch sie seinen Einfluß auf diese ausüben. Sv konnte es kommen daß ein bedeutenderer Orden, wie z. B. die Gießener Amicisten oder eine Zeitlang di» Constantisten in Halle, gleich mehrere Landsmannschaften auf einer Universität beeinflußte und beherrschte. Da die Ordensregeln die Ordensmit­glieder aufs strengste verpflichteten, den Interessen ihres Ordens alle anderen Interessen und Pflichten nachzufetzen, mußte eine solche versteckt getriebene Beeinflussung durch Unbekannte Ordens­mitglieder von den leitenden Stellen der Landsmannschaften au8 sehr bald zu einer merklichen Benachteiligung der Interessen der eigentlichen Landsmannschaften führen unb deren ohnehin im Ver­gleich zu den Orden wesentlich loseres Gefüge immer mehr lockern und durchlöchern. Die Landsmannschaften verloren immer mehr an Einfluß und Bedeutung und bildeten in der Blütezeit der Orden, als die man etwa die achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts ansetzen kann, ohne ganz zu verschwinden, nur noch das äußere formale Gehäuse, dessen inneren Wesenskern die Orden aus- machten.

Was den Orden so rasch schon wenige Jahre nach ihrem ersten Auftauchei:, ihre starke Verbreitung und 6en unleugbar vorherr­scheichen Einfluß auf die damalige deutsche Studentenschaft sicherte, war einmal das äußerliche Reizmittel eines in geheimnisvolle, mysteriöse Formen gebannten und prunkvollen Zeremoniells, das dem freimaurerischen Vorbilde nachgeahmt war und seines Ein­drucks auf jugendliche Gemüter um so weniger verfehlte, als ein solcher Hang zum Mysteriösen, zur Geheimniskrämerei, als Kor­relat zur Aufklärung ganz dem allgemeinen Zeitempfinden ent­sprach. In viel entscheidenderem Maße wirkte hierfür aber zwei­tens die Tatsache ein, daß die Orden auch innerlich das studentische Verbindungswesen mit einem neuen, bisher ihm unbekannten idea­len Wesensinhalte zu erfüllen verstanden.

Es ist unverkennbar daß die Orden, zum mindesten in ihren Anfangszeiten, ernstlich bestrebt waren, dem im allgemeinen ziem­lich wüsten und rohen Treiben der Landsmannschaften gegenüber eine ernstere und sittlichere Lebensführung bei ihren Mitgliedern einzubürgern. So war es der ausgesprochene Zweck der 1771 auf« tretenden Jenaer Amicisten, die rohen Sitten der Moselaner zu bessern. Lind es wird ausdrücklich bezeugt, daß der Lebenswandel der Amicisten, deren Gesetze denen der Moselaner ähnlich, nur positiver und strenger gefaßt waren, in ihren Anfangszeiten ein geordneter und sittlicher war. Auch die Verpflichtung zu wissen­schaftlichem Streben, die in landsmannschaftlichen Gesetzen zwar auch zu finden war, hier aber wohl nur eine papierene Bedeutung hatte, besaß in den Ordensgesetzen, für die Anfangszeiten wenig­stens .eine wesentlichere, wirklich btnöenbe und verpflichtende Kraft.