Ausgabe 
15.12.1923
 
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»Herr" sagt mein Bootsmann,ote vor zwei Jahren der GaNpäer dort unten ein Fluhpferd schoß, da gab er seinem Mhrer eine haübe Rupie Backschisch."

Ich werde dir eine gairze Rupie geben nutzer dem verein- dsrLen Geld fürs Bovtfahren täglich."

Ja, Herr, so ist es gut; da werden wir jeden Dag dann ein Flußpferd schieben, manchmal auch zwei oder drei"

Sv dachte der Reger, der Wohl gleich seinen Gewinn bei vier- zehntägiger Jagd berechnete. Aber es blieb bei dem einen erlegten; Denn ich schob nur, was meine Leute mit ihren Mägen bewältigen tonnten, und schenkte ab und zu einmal dem Dorf einen tüchtigen Happen. Außerdem bot auch die Steppe viel Jagd, die sch hier genießen wollte.

Eine Stunde war seit dem Schutz vergangen, da tauchte, wie etn Kugelausschnitt, langsam größer und größer werdend, der von den Derwesungsgasen aufgetriebene Wanst des Flußpferdes an her Oberfläche auf. Wir knüpften ein Lau an eine der Säulen vnd führen ans Lager, wo Boys, Träger, der Jumbe mit An- hang, Frauen aus dem Dorf mit Kindern jeden Alters uns xtzon erwarteten. Anter vereinter Anstrengung aller gelang es vald, den Koloß mit Tauen and Stangen Die steile Böschung hinaufzurollen und zu schieben. Dann begann unter einem Hei­denlärm, den zu übertönen selbst jnein Koch und Kitebo nicht immer imstande waren, das Zerlegen. Das Fett wanderte in die Küche. Es gibt ausgebraten ein sehr schmackhaftes Schmalz, das wir zum Beispiel während des Krieges sehr gut verwenden konn­ten, La uns ja jede Zufuhr von zu Haus abgeschnitten war. DaS Fleisch wurde verteilt, Roste wurden im Lager errichtet, und bald begann ein großes Schmausen und gleichzeitiges Anrösten, um Las, was bei aller Anstrengung heute nicht gegessen werden tonnte, für einige Tage vor Fäulnis zu bewahren. Die Schwarte, am Racken und Rücken zweifingerdick, wurde in lange Streifen geschnitten, jeder davon mit einem an einem Ende angebundenen Stein beschwert, an den Aesten aufgehangen und getrocknet. Dar­aus werden später die Reitgerten und Peitschen geschnitten.

Der achtsame Chronist muß noch vermerken, daß des Abends Pombezum Drotbacken" vom Jumben als Gegengabe für einige große Wildbretstücke gebracht wurde, datz der Koch tatsächlich eine Flasche halb und sich selbst ganz damit vollfüllte, so daß er nicht einmal erwachte, als drei Elefanten, junge Bullen der Fährte nach, nachts um zwei Ahr zwischen Lager und Fluß, erschreckt durch Feuerschein oder Rauch, trompetend durch dick und dünn gingen.

Der Waldteufel.

Bon Rikolai Ljesskow (Fortsetzung.)

Das waren die schönsten Traumbilder meines Lebens, und ich bedauerte immer, daß nach meinem Erwachen Sseliwan für mich wieder zu dem Räuber wurde, gegen den jeder brave Mensch alle Borsichtsmahregeln treffen mutzte. Ich mutz gestehen, daß puch ich nicht hinter den anderen zurückstehen wollte, und obwohl mich im Traume die wärmste Freundschaft mit Sseliwan verband. gelt ich es int Wachen doch nicht für überflüssig, mich sogar in e Ferne gegen ihn zu versichern.

Zu diesem Zweck erbat ich mir unter vielen Schmeicheleien Nnd anderen Erniedrigungen von der Beschließerin den alten, sehr langen tznckasischen Dolch meines Baiers, den sie in der Vorrats» Hammer aufbewahrte. Ich band ihn an die Schnüre, die ich vom Husarentschako meines Onkels herunternahm, und verbarg dieWaffe meisterlich unter der Matratze am Kopfende meines Bettes. Wenn Sseliwan nachts in unserem Haufe aufgetaucht wäre, hätte ich mich unverzüglich ihm entgegengestellt.

Weder Vater noch Mutter wußten etwas von diesem ver- kprgenen Arsenal, und das war auch nötig, denn sonst hätte man mir Den Dolch natürlich weggenvmmen, und Sseliwan hätte meinen ruhigen Schlaf stören können, denn ich fürchtete ihn trotzdem schreck« 8ich. Inzwischen drang er auch schon bei uns ein, aber unsere flin­ken Mädchen hatten ihn gleich erkannt. Sseliwan erfrechte sich, in unserem Hause, in eine große rotbraune Ratte verwandelt, auf­zutauchen. Anfangs lärmte er nur in den Rächten in der Vorrats­kammer, aber dann sprang er einmal in den hohen Lindenbottich hinunter, auf dessen Boden, von einem Sieb bedeckt, Würste und anderer Imbiß zum Empfang von Gästen aufbewahrt wurden. Ssrltzran wollte uns damit eine ernste -Unannehmlichkeit bereiten, wahrscheinlich zur Vergeltung für die Anannehmlichkeiten, die er Hon unseren Bauern zu ertragen hatte. 3n eine rotbraune Ratte verwandelt, sprang er in den Bottich, schob den Stein, der das Sieb beschwerte, zur Seite und fraß alle Würste; dafür konnte er aber aus dem hohen Bottich nicht mehr heraus. Allem Anschein «ach konnte Sseliwan hier der verdienten Todesstrafe nicht mehr .entrinnen, die sich die flinke Armuschka erboten hatte, gleich zu vollziehen. Sie erfchien zu diesem Zweck mit einem Kessel lochen­den Wassers und einer allen Gabel. Annuschka hatte den Plan,

Werwolf erst mit dem heißen Wasser zu verbrühen und dann auf die Gabel aufzuspießen, um ihn schließlich tot ins Ankraut den Raben zum Fraß hinauszuwerfen. Ätzer bei der Vollstreckung der Todesstrafe Beging die runde Annuschka eine -Ungeschicklichkeit. Sie igpß das siedende Wasser auf die Hand der flinken Annuschka, öle vor Schmerz die Gabel fallen ließ. Indessen biß die Ratte sie m den Finger, kletterte mit bewundernswerter Gewandtheit am

Aermel des Rlädchens heraus und verschwand spurlos während des allgemeriren Schreckens, den sie unter den gesamten Anwesen­den angerichtet hatte.

Meine Eltern, die auf diese Ereignisse mit Alltagsaugen blick-« len, schrieben Ben dummen Ausgang der Jagd der Angeschicklichkeit unserer Annuschkas zu; aber wir, die wir die geheimen Trieb­federn dieser Sache farmten, wußten, daß etwas Besseres nicht hatte herauskommen können, weil es keine einfache Ratte, sondern der Werwolf Sseliwan gewesen war. Indes wagten wir nicht, den Eltern Davon zu erzählen. Als einfältiges Volk fürchteten wir Kritik und Spott über alles, was uns unziveifelhaft und offen­sichtlich erschien.

In keiner Gestalt aber konnte sich Sseliwan entschlietzett, die Schwelle des Vorzirrrmers zu überschreiten, weil er, wie mir schien, etwas von meinem Dolche erfahren hatte. Das war mir einesteils schmeichelhaft, aber doch auch wieder ärgerlich, weil die Reden und Gerüchte über ihn mich schon ermüdeten und in mir das leiden­schaftliche Verlangen brannte, Sselrwan persönlich zu begegnen.

Dieser Wunsch verwandelte sich schließlich in eine Qual, in der ganze lange Winter mit seinen enMofen Abenden verging, Rmn mit den ersten Schmelzbächen des Frühlings trat ein Er- eignig ein, das unsere ganze Lebensordnung in Verwirrung brachte und den gefährlichen Trieben unbeherrschter Leidenschaften Frei­heit Mb.

8. Kapitel.

_ Ser Vorfall ist unerwartet und traurig. Mitten während der Frühlingsschneeschmelze, toemt nach dem Volksausdruckein Stier in der Pfütze ersäuft", kam vom weit entfernten Gute der Santo ein berittener Bote dahergesprengt mit der verhängnisvollen Nach­richt von der schweren Erkrankung der Großmutter.

Sn dieser weglosen Jahreszeit war die weite Reise mit großer Gefahr verbunden; das hielt jedoch, weder Vater noch Mutter davon ab. und sie machten sich unverzüglich auf beit Weg. Man mußte hindert Werst fahren, die man nur in einem einfachen Wagen zu- rücklegen konnte, da es ganz unmögliche war, mit einer Kutsche zrk fahren. Den Wageir begleiteten zwei Reiter mit langen Stangen in den Händen. Sie ritten voraus und untersuchten die Wegelöcher. Das Haus wurde der Fürsorge eines besonderen provisorischen Komitees anvertraut, zu dem verschiedene Personen mit verschie­denen Qlemtem gehörten. Der großen Annuschka waren alle Per­sonen weiblichen Geschlechts bis zu Bkosjka und Rosjka abwärts unterstellt; die oberste Aufsicht über die Sitten oblag der Be­schließerin Dementjewna. Untere intellektuelle Leitung, die Ent­scheidung über die Einhaltung der Feiertage und der gewöhnlichen Tage war dem Diakonssohne Apvlltnarij Iwanowitsch anvertraut, der in seiner Eigenschaft als ein aus der Rhetorikklasse hinaus­geworfener Seminarist bei meiner Person die Stelle eines Haus­lehrers vertrat. Er lehrte mich lateinische Deklinationen und be­reitete mich auch sonst vor, damit ich im nächsten Jahre in die erste Klaffe des Orjoler Gymnasiums nicht als völlig Wilder ein­trete, dsr die lateinische Grammatik Bjeljustins und die fran­zösische Lomorrds in Verwunderung sehen müßten.

Äpollinarij war ein weltlich gesinnter Jüngling und Bereitete sich darauf vor, unter dieBeamten" zu gehen, oder tote, man jetzt sagt, Schreiber bei der Orjoler Gouvernementsverwaltung zu wer­den, wo schon fein Onkel im Dienst stand, der ein außerordentlich interessantes Amt inne hatte. Wenn nämlich ein Polizeivorsteher oder Kommissär auf dem Lande draußen irgendeine Anordnung unausgeführt lieh, so schickte man Apvllinarijs Onkel auf Rechnung des Schuldigen mit einemEilpferd" zu ihm; er reifte, ohne Pferde­geld zu zahlen, erhielt außerdem von den Schuldigen Geschenke und Präsente und sah mancherlei Städte und vielerlei Leute von ver­schiedenem Rang und verschiedenen Sitten, Mein Äpollinarij hatte ebenfalls die Absicht, mit der Zeit eines solchen Glückes teilhaftig zu werden, und durfte viel mehr als sein Onkel darauf hoffen, da er über zwei große Talente verfügte, die in der weltlichen Laufbahn äußerst angenehm fein können: Äpollinarij fpielte zwei Lieder zuv Gitarre:Das Mädchen mähte Brennesseln" und ein zweites, viel schwierigeres:An einem Abend trüb und herbstlich" und, was damals in der Provinz noch selten war, er verstand es, den Da­men herrliche Verse zu schreiben, weswegen er eigentlich auch aus dem Seminar davongejagd worden war.

Argenchlet des Anterschieds unserer Jahre verkehrten wir mit­einander wie Freunde und bewahrten, tote es wahren Freunden, geziemt, treulich unsere gegenseitigen Geheimnisse. Dabei kamen freilich auf seinen Teil etwas weniger als auf meinen: meing ganzen Geheimnisse bestanden in dem unter meiner Matratze lie­genden Dolch, wahrend ich verpflichtet war, zwei mir anvertraute Geheimnisse in der Tiefe meines Herzens zu tragen: das erste be­traf die im Schrank verborgene Pfeife, aus der Äpollinarij abends sauersüßen, weißen Ajefchiner Knaster in den Ofen Hinein zu rau­chen pflegte; das zweite aber war noch wichtiger, es handelte sich nämlich um Verse, die Äpollinarij zu Ehren einer gewissenleicht- beschwingten Pulcheria" geschrieben hatte.

Die Verse toaren wohl sehr schlecht, aber Äpollinarij sagte, datz man zu ihrer richtigen Beurteilung unbedingt sehen mühte, welchen Eindruck sie, gut und mit Gefühl vorgelesen, auf eine zarte und gefühlvolle Frau machen würden.

Das fetzte eine große und für uns sogar unüberwindlich« Schwierigkeit voraus, da es in unserem Hause keine Heinen Mäd-