Ausgabe 
6.1.1923
 
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Schriftleitung: August Goetz. Druck und Verlag der Brühl'schen Llniv^Duch- und Steindruckerei, A. Lange, (Sieben.

Buch, auf dessen Titel zum erstenmal die BezeichnungRachitis- auftaucht, em Rame, der darauf Hinweisen sollte, daß die Wirbel faule bei dieser Krankheit sehr häufig angegriffen wird. 2lls daS neue Leiden" nach Deutschland kam, nannte man esenglische Krankheit", tote man einige Jahre früher die von Spanien auS kommende Grippe alsspanische Krankheit" bezeichnet hatte. Dis Rachitis war aber kein neues Leiden, sondern schon im Altertum bekannt. Das geht z.B. aus der dritten Satire des Horaz hervor, wo es heißt, daß ein Vater sein Söhnchen mit sabelgekrümmtett DeinenTeckelchen" rüst oder es wegen der schwulstig verwach­senen Knochen mitHumpelchen" anredet. Eine andere wichtige Stelle ist aus den Mitteilungen des zur Zeit Trajans in Rom lebenden Arztes Soranos bekannt, in denen davor gewarnt wird, die Kinder zu früh und zu lange sitzen zu lassen, weil sonst das Rückgrat infolge der Weichheit der Knochen krumm wird, ebenso^ wie allzu rasches Aufstehen und Gehen der Kleinen die Seme krumm mache. In Rom war also zur Kaiserzeit die englische Krankheit bereits ziemlich häufig, während sie in Griechenland augenscheinlich wenig beachtet wurde. Das erklärt ftch aus den sozialen Verhältnissen der Millionenstadt Rom, deren enge Straften und dichtzusammengepferchte Miethäuser den Boi^n für die Ent­stehung rachitischer Störungen abgaben. Das griechische Kind, da­unter viel günstigeren Lebensbedingungen heranwuchs, weil man dort die römischen Groftstädte nicht kannte, war von solchen Knochenveränderungen verschont, und wir finden daher in den ärztlichen Schriften der Griechen, besonders auch in denen des Hippokrates, nur spärliche Erwähnungen.

Im Kamps mit den Ozeanstürmen.

Starke Stürme haben in den Dezember-Rächten bei uns ge* tobt und uns daran erinnert, daft die altgermanischen Sturm­mythen vom wilden Jäger und seinem Heer in diese Jahreszeit ver­legt wurden. Aber während wir uns beim Heulen und Staufen der entfesselten Lüfte nur desto behaglicher in unsere Drtten schmie- , gen, muß der Seemann aus dem hohen Ozean den furchtbaren Gefahren des Orkans trotzen und den Kampf mit den Sturmriesen ausnehmen. Die Kapitäne der Schiffe, die in diesen Tagen heim- kehren, wissen gor viel von solchem Ringen mit dem aufgeregten Meer zu erzählen, und die Seesahrer, die in die amerikanisches Häfen einlaufen, werden von noch schlimmeren Crsahrungen be­richten. Die Stürme kommen nämlich gewöhnlich vom Westen, und deshalb fahren die Schiffe, die nach den Vereinigten Staaten gehen wahrend der ganzen Reise dem Sturm entgegen. Auf der Rück- fahrt hat man den grimmigen Dlasius im Rücken, und je schneller das Schiff ist, desto eher entgeht es dem schwarzen Flügelschlage, der es umbraust. Eine viel härtere Aufgabe ist es, den ent­gegenkommenden Sturm zu überwinden. Häufig sind die großen und schnellen Dampfer gezwungen, langsam zu fahren und ent­gegen nur durch geschicktes Steuern den gewaltigen Sturzseen, die selbst den Riesen des Ozeans gefährlich werden. Glücklicherweise sind die Sturzseen des Atlantischen Ozeans nicht so schlimm wi« die anderer Meere. Auch brechen sich die Wellen in viel bedroh­licherer Meise in der Rähe der Küste als auf hoherf See, wo die weite Fläche des Meeres die Wucht der Wellen etwas mildert. Wie ein Seeoffizier in dieser Betrachtung über den Kamps gegen den Sturm auf dem Meere ausführt, überschätzt man die Wellen­schläge meistens. Die höchsten Wellen, die bisher im Atlantischen Ozean fest gestellt wurden, waren etwa 40 Fuß hoch, und diesq S wird nur bei den furchtbarsten Orkanen erreicht, wie sie ein- ober zweimal in einer Generation auftreten. Die Gänge zwischen den Wellenbergen beträgt etwa 550 Fuß. was der Längs eines durchschnittlichen Schiffes entspricht. Aus Binnenseen, tote z. B. dem Genfer See, übersteigen die höchsten Wellen nicht zehn Fuß, und in ben Duchten kann man auch bei den furchtbarsten Stürmen nicht Wellen feststellen, die höher als 23 Fuß sind. Wen» also so oft von Wellen vonHunderten von Fuß Höhe" gespro­chen wird, so ist daS Seemannslatein.

Sie größte Bibliothek der Welt.

Die Bibliothek des Vatikans ist jetzt die größte der Welt geworden, da durch einen Beschluß des italienischen Kabinetts die berühmte Chigi-Bibliothek mit ihr vereinigt wird. Diese Düchersammlung befindet sich in dem von Papst Alexander VII. erbauten Palazzo Chigi und wurde von dieser bekannten Patrizierfamilie gesammelt. Zu den kostbarsten Ma­nuskripten gehören Sonette von Tassv, 20 Bände mit Dokumen­ten über den Westfälischen Frieden, ein Missale von 1450 und die Chroniken des hl. Benedikt und hl. Andreas. Diese Schenkung, die der großen vatikanischen Bibliothek eine außerordentlich be­deutsame Bereicherung zuführt, wird dadurch noch bedeutsamer, daß sie die erste Schenkung des italienischen Staa­tes an den Vatikan ist. Es sollen auch bet den vatikanischen Bibliothek jetzt verschiedene Abteilungen für fremde Literaturen eingerichtet werden. Die erste neubegründete Abteilung ist eine irische, die von dem Grasen Mac Swiney gestiftet wird. Auch die Regieriüigen von Brasilien und Chile wollen eigene Ab­teilungen einrichten.

Der angebliche Schneemensch des Himalaja.

Wenig bekannte Gegenden pslegt die Phantasie primiti^r Völker mit sagenhaften Menschen und Tieren zu bevölkern. So haben auch die Tibetaner die Sage, daß in den unwirtlichen Schneewüsten des Himalaja Schneemenschen lebten. Die Sage gründet sich daraus, daß die Tibetaner auf dem Schnee des Hochgebirges menschenähnliche Fußspuren gesunden paben. -auaj bei der Howardschen Forschungsreise in das höchste Gebirge der Erde hat man wieder solche Spuren gefunden, und das Märchen von Schneemenschen des Himalaja gewann dadurch weuere Ser- bteitung. Man hat nun schon früher vermutet, da^ sich hierbei um Affen handele. Man dachte dabei auch an Menschenaffen. Ein solcher Rachweis wäre aber kaum weniger wunderbar als die Feststellung wirklicher .Schneemenschen". Sm Ausgange der Tertiärzeit lebten freilich in der Gegend des heutigen Hinmlaia, der sich aber damals noch nicht zu den heutigen gewaltigen Hohen erhoben hatte, die nächsten Verwandten aller drei großen lebenden Menschenaffen, die gorillahaste SivaPithekuS, der schimpansen­ähnliche PaläopitheLis und der Orang Paläosimia. Aber heute haben sich diese Tiere doch so vollständig aus die feuchtwarmen Waldgebiete des tropischen Afrika und der malaiischen Snjeln zurückgezogen, daß ein Rachweis verwandter Tiere in den eiligen Höhen des Hochgebirges höchst überraschend wäre. ^Jedensalls lost sich dieses Rätsel aber einfacher: Pros.Dr. Th. Arldt macht in derAatur" daraus aufmerksam, daß es sich bei diesen Fährten im Schnee um Spuren des Hanuman handelt, des zu den Schlankaffen gehörenden heiligen Affen der Inder. Dieser ist schon früher am Fuße des Himalaja beobachtet worden, und bet der jüngsten Expedition zur Besteigung des Mount Ehrest hat man Trupps dieser Affen noch in großer Höhe beobachtet. Der Hanuman ist auch ein Allesfresser und kann sich deshalb der- Mtnismäßig leicht ernähren. Sst doch selbst der Hase in diesen hochgelegenen Schneegebieten recht zahlreich. So habe» wir also voraussichtlich die sagenhaftenSchneemenschen" in den Hanumans zu sehen, die durch ihren langen dichten Pelz in den Stand gesetzt sind, die große Kälte der Hvchgebirgsregionen zu ertragen.

Die gahnheilkunde vor 4000 Jahren.

Daß es im alten Aegypten bereits Zahnärzte gab, hat man schon verschiedentlich aus den Funden fest gestellt. Aber auch im alten Mefopotamien hatte die Zahnheilkunde zu einer gewissen Höhe gebracht, die aus einer Dissertation von F. Kaiser hervorgeht, über die in der Frankfurter WochenschriftDie Um« schüu" berichtet wird. Sm zweiten und dritten Jahrtausend vor Christi wurde die Heilwissenschaft in Assyrien eifrig betrieben und man kannte dort sogar (bereits Aerztetage. Die Heilkunde zerfiel auch schm in verschiedene Fächer, unter denen die Zahn- heilkimde ihren besonderen Platz befaß, wie zahlreiche Texte in Keilschrift erkennen lassen. Man kannte den Verlust ganzer Zahn­kronen durch Verletzung, tote eine Stelle in den Gesetzen Ham- nmrabis zeigt, und hielt die Zahnfäule für eine durch ben Zahn- tmirni hervor gerufene Krankheit. Die Kenntnisse von der Entzün- düng der Knochenhaut der Zähne geht aus dem Krankenberich des Arztes Aradnana an einen König hervor. Eine Diagnose in unserem Sinne kannte die damalige Medizin noch nicht. Man baute die Heilung auf der Feststellung der Krankheitserscheinungen auf und stützte sich auf rein empiresche Erfahrungen. Die Gestirne fpielten bei diesem Volk der Astronomen natürlich auch eine Rolle. Als Krankheitsursach galt der Zorn der Götter, die den Zahn­wurm in die Zähne der Menschen schickten. Deshalb wurden diese Krankheitsdämonen vielfach beschworen, und wir besitzen eine ganze Reihe solcher heilkräftigen Sprüch, die gegen den Zahnschmerz gerichtet sind. Die Beschwörungen wurden aber durch die Ver­wendung von Heilpflanzen unterstützt deren Ramen sich jetzt zum größten Teil nicht mehr identifizieren lassen. Daß man auch bereits das Plombieren kannte^ beweist das Vorhandensein einen babylonischen Zahnfüllung. Aus der Anwendung physikalischer Heilmethoden und chirurgischer Eingriffe bei der Beseitigung an­derer Leiden lassen sich auch Schlüsse für die Zahnheilkunde ziehen. Unbekannt war m Alt-Mesopotamien die Zahnersatzkunde.

Dieenglische Krankheit" im Altertum.

Die sog.englische Krankheit", die schon vor dem Kriege unter den beutjcßen Großstadtkindern sehr verbreitet war, ist infolge der Hungerblockade und der Kriegsnachwirkungen bei uns in einer Weise hervorgetreten, wie es aus früheren Jahrhunderten nie bekannt geworden ist. Aus der Geschichte dieser Volkskrankheit berichtet auf Grund neuer Antersuchungen Dr.. Erich Ebstein in der Leipziger Stluflrierten Zeitung" und hebt hervor, daß es jetzt gerabe 300 Jahre her ist, seit dieses Leiden zuerst in der neueren Geschichte bekannt wurde und seinen Ramen erhielt. Die Aerztewelt wurde damals in Südenaland aus die Krankheit auf­merksam, und eine zur Erforschung des Leidens eingesetzte Kom­mission veröffentlichte ein heute selten und klassisch gewordenes '