Ausgabe 
30.12.1922
 
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»Das Rauchen wird Ihnen gar nichts nützen, wenn Sie keine rationelle Knochenpflege treiben," sagte sich,es sieht übrigens schick aus, wenn Sie so aus den Augen heraus rauchen."

Meine Knochen haben in ihrer Festigkeit sehr nachgelassen,' sagte das Gerippe,schon bei meinen letzten Besuchen als Tod, wo ich noch, ich darf wohl sagen, starken Erfolg hatte und sensationelle Wirkungen erzielte, bemerkte ich, daß sie beim Klappern einen weicheren Ton gaben."

Ich sagte Ihnen schon, dah es nicht anständig ist, Leute, die ihr Gerippe noch in sich tragen, gruselig zu machen mit Ihrer Eieruhr und Ihrem Mähapparat. Ihr rein kollegiales Gefühl vor dem Gerippe im anderen, das auch mal solch eine unselbstandigs Existenz führen wird, wie Sie, sollte Sie davon zuruckhalten. -Jot übrigen empfahl ich Ihnen bereits gutes Zahnpulver und will Ihnen gerne eine Schachtel davon mitgeben." .

»Ich habe zu viel Feuchtigkeit in mir," sagte das Gerippe, und ich kann durchaus keine Rässe mehr vertragen. Darum bin ich eigentlich damit beschäftigt, mir einen neuen Berits zu suchen, der mir eine gröbere Trockenheit gewährleistet."

Ich fürchte sehr, dah Ihnen auch dort Ihre Aeuherlichkeit hinderlich sein wird," meinte ich.Wie wäre es mit einem Panop­tikum? Das ist so ziemlich die einzige Detätigungsmöglichkeit für ein Gerippe, das seinen Beruf, sich selbst aufzulösen, versäumt hat."

Das würde mir zu sehr auf die Knochen gehen, wenn ich immer herumstehen mutzte," sagte das Gerippe.

Auf die Knochen wird Ihnen alles gehen, mein Lieber, meinte ich,das liegt einmal an Ihrer derzeitigen Beschaffenheit. Au, etwas anderes als auf die Knochen geht es bei Ihnen nicht mehr." . '

Ich habe mich an eine gewisse Eindrucksmöglichkeit meiner Person gewöhnt," sagte das Gerippe und bewegte seine Knochen in selbstgefälliger *I&eif<>wie ich schon erwähnte, habe ich mit meiner Darstellung des Todes, besonders mit dem Aufstellen mei­nes Stundenglases, des öfteren eine starke, ich darf wohl sagen, sensationelle Wirkung erzielt. Wenn ich auch aus die Dauer diese nächtliche Tätigkeit nicht gut vertrage, möchte ich doch gerne einen ähnlichen Beruf finden."

Ich will Ihnen etwas sagen," meinte ich hilfreich,wenn. Sie schon in so talentvoller Art mit der Eieruhr umgehen können wie wäre es, wenn ich Sie an das Warenhaus Vielfach und Vergeblich empfehlen würde? Sie könnten da in der Abteilung für Küchengeräte am Tisch der Eieruhren eine famose Reklame- sigur abgeben. Sie haben es trocken und angenehm und werden sicher allgemein bewundert werden."

Das Gerippe sprang auf und drückte mir mit den Knochen­fingern beide Hände, die ich nach innigem Gegendruck sorgfältig desinfizierte. Morgens putzte ich das Gerippe mit Zahnpulver, zog ihm einen hübschen Anzug und Lackschuhe an und schickte es mit einer Ernpfehlung an Vielfach und Vergeblich.

Vielfach und Vergeblich machten ein ungeheures Geschäft in Eieruhren. Alles wollte den neuen Automaten sehen, der im eleganten Anzug mit einem Totenkopf ein« Eieruhr in der Hand hielt und abwechselnd sagte: nach dreieinhalb Minutendeine Ähr ist abgelaufen weiches Ei" und nach zehn Minutendeine Ähr ist abgelaufen hartes Ei."

Rach einigen Wochen ging ich auf der Stratze spazieren und ein vornehmes Auto suhr an mir vorbei. Darin sah das Gerippe hn gestreikten Tennisanzug, einen Strohhut auf dem Schädel und rauchte eine dicke Zigarre aus den Augen heraus. Mich sah es überhaupt nicht mehr an. Die Menschheit ist eben undankbar bis in die Knochen,

Die ältesten Vorfahren der Neujahrskarte.

Reujahrskarten find trotz des teuren Portos ein Brauch, der auch in diesem Jahre viel geübt wird, denn die Ditte, sich zum Jahreswechsel Glück zu wünschen, wurzelt nun einmal tief im Mcitschenherzen, das mit hoffenden und bangenden Gedanken in dte Zukunft blickt und für Freunde und Verwandte von den höhe­ren Mächten Glück erbittet. Der mündliche Glückwunsch zu Reujahr wurde bereits in sehr frühen Zeiten durch einen schriftlichen Aus­druck dieser Gratulation gleichsam bekräftigt und beurkundet. In der neueren Zeit lassen sich diese schriftlichen Reujahrsglückwünsche erst dann seststellcn, als Kupferstich und Holzschnitt eine Verviel­fältigung dieser Blätter gestatteten und dadurch eher für die Er­haltung gesorgt wurde. Als erste Veujahrskarte bezeichnet man einen 1466 datierten Kupferstich des Meisters E. ©., auf dem ein Christkind mit einem zierlichen Spruchband und der InschriftEin goud selig Jahr" dargestellt ist. Die Sitte der Glückwünsche zum neuen Jahr, die aus schriftlichem Wege dargebracht wurden, war aber auch schon im Altertum üblich, und man legte auf die Aus­stattung dieser Beglückwünschung grohen Wert, weil sie durch ihre künstlerische Ausführung und durch sinnvollen Schmuck den Wert eines Geschenkes erhielt. Schon im Lande der Pharaonen begegnen wir diesen ältesten Vorläufern unserer Reujahrskarte. Die alten Aegypter beschenkten sich beim Jahreswechsel mit Gegenständen, au, denen ihre Glückwünsche in Hieroglyphenschrift ausgeschrieben standen. Derartige Reujahrskarten hat man in den altägyptischen Gräbern aufgefünden. So zeigt z. B. ein solches Reujahrsgeschenk,

ein blauglasiertes Fläschchen, das Bild einer Blume und darauf fleht geschrieben:Die Blume erschlicht sich, und siehe dar, ein an­deres Jahr.". Auf Skarabäen, die wohl ebenfalls als Reujahrs­geschenk benutzt wurden, liest man den Spruch:Allen Glück." Die Aegypter machten also zu Reujahr schon kleine Geschenke, die sinnvoll ausgeschmückt waren und schriftliche Reujahrswünsche enthielten. Die Bewohner des Rillandes stehen daher in dieser jtoie in mancher anderen Beziehung unferm Brauch näher als die Griechen, bei denen keine Reujahrsglückwünsche üblich gewesen zu sein scheinen. Wenigstens hat der jüngste und eingehendste Dar­steller der Glückwunschkarten, Walter von Zur Westen, in seinem schönen WerkVom Kunstgewand der Höflichkeit" den Griechen den Brauch der Reujahrsglückwünsche abgesprochen.

Die Reujahrsgeschenke und -glückwünsche der alten Aegypter sind erst in unseren Tagen aus dem vieltausendjährigen Schlummer der Gräberwelt wiederausgetaucht, und diese ältesten Ahnen sind daher keine unmittelbaren Vorläufer unserer Reujahrsbräuche. Da­gegen haben wir die Reujahrswünsche zweifellos von den Rö­mern übernommen, bei denen der Jahresanfang sehr ausgiebig gefeiert wurde. Die Kalenden des Januar waren im alten Rom ein Tag allgemeiner Besuche und Beglückwünschungen. Die Klien­ten versammelten sich im Hause des Patrons, um ihm ihre guten Wünsche darzubringen: Freunde und Bekannte suchten sich gegen­seitig auf: in der Kaiserzeit strömten die hohen Beamten und an­deres Volk nach dem prächtig geschmückten Palast des Herrschers, der an diesem Tage einen grohen Empfang veranstaltete. Man kam aber nicht mit leeren Händen zum Reujahrsbesuch. Man brachte reiche Geschenke mit und nahm Gegengaben in Empfang. In den älteren Zeiten, da noch republikanische Einfachheit herrschte, beschränkte man sich auf Ziveige des Lorbeers oder Oelbaumes, die in dem heiligen Hain der Strelia, der Göttin der Gesundheit, gebrochen wurden. Wahrscheinlich rührt daher die Bezeichnung der Reujahrsgeschenke alsStrenae". Die Kaiser erwiderten alle Ge­schenke, die ihnen gespendet wurden; Tiberius gab zu Anfang seiner Regierung jedem eigenhändig eine Gabe im vierfachen Wert der­jenigen, die er von dem Betreffenden empfangen hatte. Als aber die Schar der Gratulanten sich nicht auf den 1. Januar beschränkte, sondern Reujahrsbesuche den ganzen Januar hindurch kamen, ver­lieh er zu Reujahr die Stadt und gab überhaupt nichts mehr, linier Caligula wurde dann der Brauch der Reujahrsgeschenke an den Kaiser wieder aufgenvmmen, aber er schenkte nichts mehr wieder und suchte auf diese Weise seinen Schatz zu füllen. Die Aeu- jahrsgeschenke der alten Römer enthielten nun mannigfachen Schmuck der sich auf den Reujahrstag bezog, glückbringende Sym­bole und Zeichen und natürlich auch Sprüche, in denen die Glück­wünsche ausgedrückt wurden. Auf zahlreichen Gegenständen des Alltags, wie auf Lampen, Schalen usw., sind solche Reujahrs- wünsche angebracht, und in ihnen haben wir die Vorfahren un­serer Reujahrskarten zu erblickend

Aus Moltkes Erinnerungen.

DieErinnerungen Briefe Dokumente 18771916 des Generalobersten Helmukh von Moltke, die von seiner Gattin Cliza von Moltke im VerlagDer kommende Tag" zu Stuttgart herausgegeben worden sind, umfassen nebett den so überaus wichtigen politischen und militärischen Mitteilungen, die den Vorwurf der deutschen Kriegsschuld entkräften und über die ersten Phasen kies Weltkrieges neues Licht ver­breiten, auch einen reichen Menschlichen und geschichtlichen Inhalt in den Briefen des langjährigen Generalflabschefs, die die Ent­wicklung Deutschlands von der Glanzzeit nach dem Krieg von 1870 bis zu ihrem Ende im Weltkrieg begleiten. Moltke erweist sich in diesen Schreiben an seine Braut und Frau als ein vortreff­licher Beobachter und lebendiger Schilderet:, der über geradezu dichterische Kraft und Anschaulichkeit verfügt: er zeigt sich als feiner Denker voll innerlichen Erlebens, als hochgebildeter und vornehmer Charakter. Richt umsonst war er der Lieblingsnesfe desgroben Schweigers", und als persönlicher Adjutant des Generalfeldmarschalls hat er diesem näher gestanden als irgendein anderer. Er begleitete den alten Schlachtenlenker auf seinen Reisen und überliefert uns eine Fülle intimer Charakterzüge vonOnkel Helmuth", der so recht in seiner Eigenwilligkeit, Bescheidenheit und überlegenen Klugheit hervortritt. Als Flügeladjutant und Vertrauter Wilhelms II. hat Moltke dann am Hose eine wichtige Rolle gespielt und wurde besonders mit Missionen nach Ruhland betraut. Von dem Leben und den Festen am Zarenhvfe, von Bärenjagden und altrussischem Treiben entwirft er prächtige Bilder.

Zu den ergreifendsten Stellen des Buches gehört der Brief über den Tod Kaiser Friedrichs HI. Es war ihm ver­gönnt, sowohl den alten Kaiser wie Kaiser Friedrich im Sargs zu sehen.Wie verschieden aber war der Eindruck," schreibt er. Damals Friede und Ruhe, der Abschluh eines Lebens, das sich ausgelebt hat und still verrinnt, hier die Spuren eines schreck­lichen Leidens, das mitten aus feiner vollsten Kraft heraus einen Mann dahingerafft, der von der Ratur bestimmt schien, noch lange zu wirken. Riemals würde ich diese eingefallenen Züge als die des Mannes wiedererkannt haben, den ich zuletzt in blühender Kraft und Gesundheit gesehen hatte. Die Rase ganz scharf hervor-