Ausgabe 
18.2.1922
 
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S7

(Schluß folgt.)

Unter Gssthe als Thealerdirektor

Das anschaulichste Bild des letzten Jahres von Goethes Dühnenleitung nennt Albert Köster das Tag ebn ch der De- moNelle Ernestine Engels, aus dem er zum erstenmal in dem im Insel-Verlag erschienenenJahrbuch der Sammlung Kippen berg" näheres mitteilt. Die Schauspielerin, deren Auf­zeichnungen aus dem Jahre 1816 uns hier in ihrem allgemein interessierenden Inhalt zugänglich gemacht werden, gehörte zum Kreise Christianens von Goethe zu den »Lustigen von Weimar, die die lebenslustige Frau um sich sammelte und die der Dichter in berühmten Versen gefeiert. Auf das lebendigste werden trnr hier in das Weimarer Lebsn, in Goethes Theaterleitung und in

das Leben in feinem Hause eingeführt. Obwohl tm Winter 181« fast alle Bewohner Weimars von einer Art Grippe geplagt und daher recht anfällig waren so jagte doch ein Fest das andere, und auch im Theater war Hochsaison. Der Mittelpunkt des ganzen Theatertreibens aber war Goethe und sein Haus, Zwar tvar der Dichter damals bereits theatermüde. Lange genug hatte er der Schaubühne gedient und konnte damals bereits auf eine 25jährige Direktion der Bühnen zurückblicken. Roch immer interessierte er sich für einzelne Schauspieler, so viel Undank er auch geerntet hatte: die Engels stand ihm als Freundin seine: Frau besonders nahe: er war väterlich für sie besorgt und behandelte sie wie die andern Frauenzimmer oft als große Kinder. Sv berichtet das Tagebuch z. D am 8. Januar 1816:Vormittags ging ich zur Riemer, «ie war höchst piauant und fatal. Ich ärgerte mich und hielt mich nicht lange aus. Von da zur Goethe», wo ich frühstückte. «Pater kam Goethe herein, wir aßen Weinschaum mit ihm, er sprach über i die Rolle in Epimenides und ging bald wieder. Ihn J/,12 fuhr ich mit ihr spazieren." So geht die Engels bei Christiane aus und ein.

Typisch ist z. D die folgende Eintragung vom 21. Marz: Früh zur Goethen wegen dem Pettinettuch zur Großmama; sie gab es mir. Ich ging zu ihm hinter und bat ihn, mich in Achilles freizulassen: er bewilligte es gern. Run ging ich zu Wolffs; sie lasen mir Sachen aus dem Deklamatorium vom I nachher überhörte ich ihr die Romeos-Rolle. Um 5 ging ich zur Goethen, wo Deut) und Unzelmann waren. Whist. Wir gingen sehr bald nach Hause, weil die Goethen einen schrecklichen Schnupfen hatte." Goethes Geist waltet über dem ganzen.Un- widersprechlich geht selbst aus unferm dürftigen Tagebuch her­vor sagt Köster,tote alles an den Augen des Gewaltigen hing, sein Lächeln wie ein Glück empfand und seinen Zorn scheute. Es bedurfte viel Wühlarbeit, um ihn 1817 zu stürzen. Zwepel- I los war die Weimarer Bühne damals schon im Verfall. -Hut einziger Ausnahme desEpimenides", den Goethe erst in seinem Hause mit Öen einzelnen Schauspielern einübte und bet dem dann auf der Bühne jede Szene probiert wurde, wurden die I Schauspiele ganz obenhin geprobt, trotzdem nur dreimal oie | Woche Vorstellung war. Bei einfachen Unterhaltungsstucken legte | sich jeder seine Rolle selbst zurecht. . .

Das Rollenfach der Demviselle Emgels ist sehr vielseitig. Obwobl sie eigentlich als Soubrette engagiert-ist, spielt sie oap imWallenstein" die Herzogin von Friedland, in derJungfrau von Orleans" die Königin Jsabeau, imGötz von Berlich-mgen die Elisabeth. Allzuviel beschäftigte sie sich mit ihren Rollen nicht, da fast der ganze Tag 'mit Bestochen und Kartenspiel, nut Gesellschaften und Liebeleien hinging. Vielleicht daß sie nach dem Leben viel studierte, Beim sie zeichnet am 2t. Mat auf datz sie an dem Tage dreimal den Warft besucht habe; und am Abend hatte sie eine Öbsthändlerin zu spielen. Die Schauspielerei reichte I auch zum Lebensunterhalt schlecht aus, und so scheint vte Engels sich mit Schneiderei durchgeholfen zu haben, tote andere Schau- | spielerinnen Schwämme, Schminken Stoffe usw. verkauften tthre geschickte Hand kam ihr beim Herstellen von Kostümen sehr zu- statten Erhielt doch jedes Mitglied der Weimarer Buhne, das ein erstes Fach spielte, jährlich 50 Taler Gardervbegeld, und dafür waren nicht nur alle zeitgenössischen Kleider sondern auch sämtliche historische und phantastische Kostüme zu beschaffen. Jedes Kostüm wurde sofort nach Erledigung eines Stuckes in ein anderes umgeschneidert, und dabei war die kleme Engels den großen Damen der Bühne sehr behilflich. Unter diesen Be­herrscherinnen des Theaters steht auch in unferm Tagebuch die Freundin des Herzogs, Frau von Heygendorf, obenan, der Sie Engels sehr den Hof macht. Mit großem Schmerz sah man damals das Ehepaar Wolff scheiden, das nach Berlin ging und an dem die Engels sehr hing. Der gute Geist m diesem ganzen Duh>wn- und Schauspielerwesen aber war Christiane. Sie tritt in dem Tagebuch überaus wohltuend, bescheiden und menschenkmtdtg her­vor Für alles hatte sie Rat und Hilfe und wußte manchm Zwist unter dem leicht erregbaren Schauspielervolkchen zu schlichten Bei ihren Ausfahrten und ihren behaglichen Sprelabenden tst sie stets von den Freundinnen, zu denen auch die Engels ^ge­hörte, begleitet. An ihrem letzten Krankenlager bucht das Tage­buch ab.Rachmittag zur Goethen, die sehr krank war, .heißt e« am 31 MaiDer Geheime Rat Bat mich, da zu bleiben. Ich blieb den ganzen Tag dort. Die Riemer und 'Vulpius auch Am 2 Juni schreibt sie:Früh mit meiner Arbeit zur Goethen, sie war sehr krank. Ich blieb bis zur Probe dort. Benn Rach hausegehen wieder zu Gvethens: sie war bis zum Tode schlecht Die Riemer und Vulpius blieben mit mir bis um 10 dort. Dann traurig nach Hause."

Dis Kanarienvogel.')

Von Friedrich Stvltze.

David," hat e Prinzipal zu sei Kvimnis gefacht.Davids hat er gesucht,gehn Se doch emal gleich ehinner insBrauns.ls

V'ÖruSFriedrich Stvltze, Pracht-- un Wunnerkepp, Gedichte und Erzählungen": mit 8 Lithographien, iFrankfurter Verlags-Anstalt A.-G.) Das kleine Händchen enthalt einige Perlen der henchaften Werke des Frankfurter Dialeftdichters.

wildem Jakobinismus tiefe Eindrücke, empfangen. Mord- 1 plan gegen Kotzebue hat aber der beschranfte grüblerische Fana- ttker sicherlich aus seinem eigenen Inneren geschont. Mit eiserner I Stirne hat Folien den Gefahren getrotzt, in die ihn die im I Gefolge von Sands Tat eingeleitete Untersuchung verstrickte. I An einer weiteren fruchtbaren politischen Tätigkeit auf deutstyem i Boden verzweifelnd, hat er schon im Herbst 1819 seinen Blick I auf die neue Welt gerichtet, wo nach seinem großzügigen Plane durch gemeinsame ileberfieöelung der deutschen Demokraten der I deutfch-Hristliche Jdealstaat als Glied der nordamertkanischen Vereinigten Staaten seine Verwirklichung finden sollte Als sich Folien in Gießen von neuer Verhaftung bedroht sah, entwich I er im Januar 1820 nach Straßburg. Kaum hatte er dann m Paris engere Beziehungen zu den Führern der französischen Liberalen und Republikanern angeknüpft, so verschloß ihm die I allgemeine Ausweisung der politischen Flüchtlinge auch das fran« | zösische Asyl. Rach weiteren Irrfahrten in der Schweiz sand er im Juli 1820 eine Anstellung an der Kantonschule zu Chur. I Von hier aus hat nun Folien'abermals entscheidend in oie Ge- 1 schichte der Burschenschaft eingegriffen durch die Stiftung I des Jünglingsbunds. I

Noch- immer von dem Gedanken beherrscht, von festgeschlvs- | Jenen Kreisen politischer Gesinnungsgenossen aus Einslutz auf die breiten Volksschichten zu gewinnen, war Folien durch feine neuen französischen Freunde und durch eine Reihe von Flucht-- 1 [innen aus dem Lager der italienischen Carbvnari in seiner Lieber- | wtmung von der hohen Bedeutung solchen Geheimbundswefens noch bestärtt worden. Dem reaktionären System der heiligen Allianz dachte er eine Liga der unbedingten Demokraten aller I Länder, bis nach Reapel und Spanien, entgegenzusehen, deren vereinte Kräfte die republikanische Idee zum Siege fuhren feilte. Der deutschen akademischen Jugend war dabei eine führende Rölle zugedacht. Der Jenaische Burschenschafter von Sprewlh, der sich zur Beteiligung an der Piemontesischen Revolution nach der Schweiz aufgemacht hatte, wurde im April 1821 von Folien damit betraut, an den deutschen Universitäten Anhänger für den Jünglinasbund" zu werben; einMannerbund sollte diesem Ziel und Richtung geben. Während es dem energiscyen Sprewitz gelang, in rascher Folge gegen 150 Mitglieder ans dem bursche^ schaftlichen Kreise der verschiedensten Hochschulen für den Jung- lingsbund zu werben, ist der Männerbund, trotz wiederholter gegenteiliger Versicherungen Follens, ein Phantasiegebilde ge­blieben Da die Eröffnungen der angeblichen geheimen Oberen von einem Bundestage zum andern vergeblich erwartet wurden, so hatte sich der Bund tatsächlich schon langst aufgelöst, bevor die Denunziation eines Mitglieds im Jahre 1823 die Untersuchung gegen die Bundesglieder herbeifuhcte. Es waren zum Teil die 'Besten des burschenschaftlichen Kreises, die als Opfer von Fallens blinder politischer Leidenschaft lange Jahre ihres Lebens im Kerker vertrauern mußten

In Ehur hatten Follens freie religiöse Auffassungen ihn inzwischen schon bald in Konflikte mit der kalvinistischen Ortho- dorie gebracht. Aus seiner unerfreulichen Sage Befreite ihn die ehrenvolle Berufung als Lektor der Rechtswisfenschast an die feit 1817 neu organisierte Universität Basel, an der er vom Oktober 1821 ab drei Jahre hindurch erfolgreich wirkmi durfte Außer seinen juristischeii Vorlesungen hielt er auch solche über Psychologie und Logik. Auch entstanden in dieser glücklichen Zeit zwei bedeutsame philosophische AbhandlungenÄeber die Bestimmung des Menschen" undlieber die Lehre Spinozas Die Univerfitätsbehörde zollte ferner Lehrtätigkeit die höchste Anerkennung und nahm seine Ernennung zum Profegor tn Aus­sicht Und endlich schien auch der von Fallen geschloffene Herzens­bund mit der Schwägerin seines Freundes und Kollegen Jung ihm ein dauerndes, ruhiges Lebensglück auf schweizerischem Boden 8U Ö®toi®ntioedung des Jünglingsbundes hat auch über seinen Stifter fchweres Verhängnis heraufgeführt Im August 1824 wurde von Oesterreich und Preußen die Auslieferung Follens unter stärkstem Drucke gefordert. Von der ihm drohenden Ber- haftung noch rechtzeitig unterrichtet, rettete Sollen, in dem Futterkasten eines Reifewagens versteckt, am 23. Oktober über die schweizerische Grenze. Auch in Frankreich verfemt, mutzte er sich glücklich preisen, daß er unerkannt Havre erreichte, von wo er sich nach Reuyvrk einschiffte. 1