(Eine AMagsgefchichLe 1916.
Bon Walter von Molo*).
Aus Walter von Molos „3m Zwielicht der Zeit lVerlag von Albert Langen in München). Das Bändchen, dem der Untertitel gegeben ist „Bilder laus unseren Tagen" bringt in guter Auswahl die besten modernen Novellen und Skizzen, die Molo in sechzehn dichterischen Jahren geschrieben hat. Es sind wirklich scharf umriffene, aber in ihlrer Stimmung lebensvolle,
1300 Jahre Islam.
Mohammeds Hedschra, 16. Juli 622.
fern einst schien, die Aussicht ist ni<A mitzunehmen Du Mutter tritt in ihr einstiges Zimmer, das Töchterchen gehr traurig mu Rolf durchs rasKlnde Zeitungspapier hinab zum Brüderchen. Ile^r der Stufe die zum erhöhten Fensterplatz führt, aus dem der Diedermeierschreibtisch der Frau stand, liegt ein Stück Zeug, KaNia nimmt es die Frau an sich Die Kinderzimmer sind leer, die Blumenstöcke vor den Fenstern bleiben da, sie leuchten in unbekümmerter, nichts ahnender Schöne. Der Packmeifler geht hinab den Möbelwagen zu schließen; die Witwe wandert träum« verloren die Bodentreppe Man. Immer Hatte ihr Mann Angst, daß einmal eines der Kinder über sie hinabflürzen könne, wenn sie dort Schifs°im°Sturm spielten. 3m Zugwind der geöffneten Bodenluken schwanken die „abgelösten" Wäscheleinen. Die Mäd- chenzeichnunqen der Frau gilben im Winkel. Der Fuß knirscht
Die mohammedanische Zeitrechnung, die von dem Kalifen Omar festgesetzt wurde, beginnt mit dem 16. Juli 622 n. Ehr., welches Datum dem 1. Muharrem des Jahres 1 der HAschra entspricht. Der Tag, an dem Mohammed auf seiner „Flucht aus Mekka nach Medina kam und dort seine eigentliche Religions- gründung begann, wurde also zum Ausgangspunkt der ganzen mohammedanischen Kultur gemacht, und wir können am 16. Juli auf 1300 Jähre Islam zurückblicken. Der 16. Juli ist willkürlich angenommen. Der Zeitpunkt der Auswanderung des Religionsstifters läßt sich nicht mit Bestimmtheit angeben; er liegt zwischen dem 22. Juni und dem 20. September 622. Jedenfalls aber bedeutet die Hedschra den großen Wendepunkt im Leben Mohammeds, den älebergang dvn jener Epoche, in der er als edler Eiferer und Dulder- mckhr für seine Person die Wahrheit suchte, zu der Zeit der eigentlichen Religionsgründung, in der er als nüchterner zielbewuhter Herrscher in ewigen Kriegen die Anerkennung seiner Lehre erzwang. Mohammed hatte als schlichter Kaufmann nach seiner Erleuchtung in seiner Heimatstadt Mekka sich zunächst den „Hannrfen" angeschlossen, frommen Männern, die die Lehre der Christen oder Juden annahmen und sie in frommer Beschaulichkeit sich zu 'eigen machten. Erst allmählich Moto tn lecyzeyn or<y,rerr;cyeu otujveu g<6|unii«wu yuu i»» i trat kr aus der Zahl"fü^Vor- wirklich scharf umriffene, aber in ihder Stimmung lebensvolle,- persönliche Angelegmrhert behandelten, heraus, ^aber die Do mit flotter Hand Wngewvrfene Bilder, die den Zeitgenossen, I stellungen, die ihn beher^chten, zwangen ihn, seine Lehre auch auch wenn die Motive mitunter düster sind, erheben wrö er- seiner Umgebung zu veEndigen. .
fl“ yrn6 e;n oesunder Geiß durchwebt dieses Schaffen I Zehn Jahre lang wandelte er so den dornenvollen Pscw und Gestatten einesDichters ' "" ‘ des verlachten und angefeindeten Propheten, der in 'einem enge-
IlaS- mit dem Packmeister noch einmal I Kindern schreitet durch die Gartentüre nieder im lächelnden
tn die Fremde. M« Mama gsht mit E Pa^m i nach, Grün in der strahlende Sonne. Der fette Pmtscher der Frau
das aufgeräumte Haus!vvn^E Keller und der Waschküche durch I Grvhschlächtermeiflerin, mit dem blauen Seiöenband um den Hals, ' t?d^n^w ^Ma^apwmrndrauhen Käfstden Buben an 'er meint, daß es sich nicht schickt, daß der
bfrff und die Dienstmädchen ihren Sonntagsaus- I Bub die Tanne stillt. Rolf stellt die Haare aus, er faßt den
der Wrnterflu>.m bTtff p,c. ii. ^revve hinan schreitet I Ptntscher und wirft ihn an die Hausmauer, daß er fliehend ein
qestrichmen^Mauer' sind die Mig^Klagegeheule anstimmt; unwillig, schmerzlich kläffend ver-
E Frau auf der hingen, die der schwindet er hinkend im Vorderhaus. Gemessen, in der vollen
^fr^ tnmS? i>te « fo Iiebte Me gestern verlaust Schönheit seiner vornehm gezüchteten Limen, drohmrd Jchrettet
Tote sv ta ch-r Diele in der der letzte Weih- Rolf Hinter der stillen Frau und den Kindern tm Schwarz drein.
Ä Durcheinander ®« Möbelwagen gerät in Bewegung, er rumpelt der Groß-
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Salon sind die verkauften Möbel ineinander geschichtet, un Glasausbau trauern die Blumen und der alte Efeu, für dre m der Hintertreppenwv'hnung, die nun bezogen werden muh, kein Platz ist Die zffelierten Türklinken, die sie aus alten Hausern mühsam sammelten bleiben da, auch der weihgestrichene Tisch mit den weiß lackierten Sesseln im Frühstücksplätzchen. Baumgrun und Neugier starren durch bte aufgeriffenen Fenster. Frau gM die Treppe Hinan, am Badezimmer vorbei, vor dem Rolf gemütlich jaulend sein Nachtquartier Hatte, ins Zimmer deS Gestorbenen. 3m Alkoven in dem das Bett stand, hängt die Klrngelleitung lose nieder, das kleine Mädchen Hat sie mitnehmen wollen, doch sie ift: eingemauert, die schwachen Kräfte, noch schwacher durchs das Weinen, Haben versagt. 3n der Mitte des Zimmers,- dort wo die Bücherschränke standen, sticht gedruckt der üutz- kontakt der verloschenen Schreibtischlampe in die Vereinsamung.
Die blaugrüne Tapete zeigt einen hellen ^Fleck: Dort hing die Totenmaske von des Toten Vater. Der Schrank mit der Eckbank bleibt da der Balkon, von dem der Herr des Hauses oft scherzend ans Erkerfenster seiner Frau nebenan Köpfte, zeigt werte Aussicht tn das Grün der Landschaft mit dem silberig schimmernden Strom tn der Ferne, auf die Dächer und Schlote der Stadt, die so
ofcihorihriTfi der aroßen Stadt wo die Villen und Einfamitten- Khxta“Ä® Ögn aus frischer Luft und einem
feinen Balkonen, Loagien und Gartenplätzen
Lgenen -Erdbesitzes, dem Besitzer b'^en Hanges ein
^us^ür^ieSein^i W^bauew Dieses Haus zeigt persönlichen I ^sGi^flückchen" die letzte Köchin hat die Büste der töten Mutter ^vmi ü^r^deö Liebe spricht der umgebende Garten^von ^^gM, die Trümmer sind wertlos, die zerrissenen Krnder- Aneö bealü^d Egen Sicherheit, das Dasein verlchonern M M^ch. w alles bleibt da. Langsam schreitet die Frau
Q3TeiTfüIn{ ein Kiesweg am Vorderhaus vorbei, von der | Bodenluke, abschieöneHmend sieht sie ins Freie. Tröstend ?tta^e Man ein fchöngeschmiedetes Gitter trennt das Vorder- ^e[t &fe duftende Luft die Stirn der Einsamen Sonnen- m der' Dehaglchkeit des Eigenheims uberdem hellblauer | durchglüht schwimmen die Wölkchen hoch über ihr im blauen 8lwasKmmel ist. Rechts und links bücht Wein^ er duftet H^/iautlos verdampfen sie im All. Tiefe Stills dumpf mtt dem Odun der Nachbargärten, mit-deren blühenden Däunien Großstadt von fern, dünn läuten m der Weite ein
selia berauschend zusammen. | paar Kirchenglocken. Zwitschernd schießen Schvxilben vorbei die
9nr ( K ßpbt ein Möbelwagen; gefüllt mit den Möbel- I Pfirsichbäume im Garten leuchten rosa mtt ihrem Blutenblust
w ^rSvnne andere stehen noch I empor. Der Schlüffel zur rückwärtigen Gartentüre, den m fiuaen des v^ dem VorderMis die letzten werden | Mann immer wie ein Heiligtum in der Tasche trug, für den Fall
wirr auf dem Gehsteig vor ^.lJ°d^Jdgeschleppt. Die Mäd- ^nn sie einmal allein, ohne die Kinder spazieren gingen, ist
mm Mobeftackei - Bv'derHauses flehen an den Fenstern; dem neuen Besitzer übergeben; auf dem Rafenfleck, auf dem st«
H-n und Hausfrauen Barüchm dem Qliilgug der Witwe zu. Sonnenbilder nahmen, schießt das FrÄhgras hoch Fremde werden
wohlig gesichert sehen die Parteien »4 * schneiden. Das Grasstück, unter- dem die Kinder dem Lauw
Offen Kafft die schwere, grüngestrichene^ustureiNll oem ?ein Grab bauten, ist häßlich. Langsam, trauend glettend
schmiedeeisernen Türbeschlag. 3hn brachte der Tote früher aus ' ^rau den Blick die Dachrinne entlang . em Ruck
einem Freisassen-Hof im Gebirge, wo ihn erstand damabS ^gt M die Hände; in der- DaEmne liegt ein Stuck
gerade dessen Besitzer gestorben war. Wütend bellt der Schafer I wm tiorigcn Frühjahr, als der Blitzableiter aufgesetzt
Hund Rolf. Sein vornehmer Stammbaum I^t das Dorderhaus s wurde. „Run kann uns nichts mehr geschehen, hat damals ihr geärgert wenn der Tote soviel Aufhebens mit ihm machte wen ^Ncmn gesagt. Schmäler wird der Frauenmund, tief unter sich er sündig und stolz das schöne-Tier über bm Stock spring«! ließ, | grau 6ag letzte Möbelstück, das noch vor dem Hause
wenn Rolf jedem Fremden, der von unten ^vi.^n Sinttitt ver . ' Wagen hinabtragen. Möbelpackerfäuste umkrampfen
wehrte. Immer vLtender bellt Rott, ein linder Mann schlagt ^rlegteS Bett. Sie wendet sich, sie geht langsam durch
über der Haustüre Las Wappen seines Herrn aus Der Jiiauer. i dämmrigen Bodenraum, die Treppe nieder, an ihrem Zimmer Bank auf der das Ehepaar I vorbei, Hinunter durch die Diele, aus dem Haus. Die Kinder nr’,$ ”*** gestrichenen Bank, aus oer uu . I .... _> Das Mädchen trägt, bei gesenktem Kopf, die
an die Brust gepreßt, der Bub schleppt ein Tännchen


