Ausgabe 
4.3.1922
 
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Und die in den lebendigen Felsen gehauenen, schon vor Jahr­hunderten ausgeraubten Grüfte.

Kein Daum gedeiht auf dem Eiland, nur stachliches, immer­grünes Duschwerk, Myrte und wilder Oelstrauch. -Unö Ginster. Ginster in Mengen! Die Wohnstätten umschließen baumhohe Opuntien, die mit ihrem grauen, grotesken Blattwerk und ihren starren, bizarren Formen etwas Unweltliches haben, wie Bäume einer Gespensterstadt. Dicht der wütendste Sturm macht sie auch nur sich regen. Aber ihre säuerlich schmeckenden, saftigen Früchte dienen dem Jnselvolk im Sommer als hauptsächliche Dahrung.

Dom Festlande, dessen schimmernde Küste. den Bewohnern der umfluteten Scholle wie ein verlorenes Paradies vor Äugen liegt, haben die Ahnen des heutigen Geschlechts dunkles, fettes Erdreich auf ihr wüstes' Gestein übergeführt und das kostbare Gut an geschützten Stellen aufgeschüttet, die sie zum Ueberfluß noch- hoch ummauerten, damit ja kein KrÜGlein Ackerscholle fort« geweht oder verloren werde. Die winzigen Stücklein fruchtbaren Bodens bedeuten die Getreidefelder der Insel. Sie nähren küm­merlich Kind und Kindeskinö jener seit langem Gestorbenen und werden von den Enkeln als teures Vermächtnis der Toten lieb­reich! gehegt.

Dcrturgemäß sind die Jnselleute seit Urzeiten Fischer. Da sie nun für ihren Fang keinen Absatz finden, so betreiben sie hauptsächlich und Las auch schon seit Generationen die Korallenfischerei. Die Männer bilden eine Genossenschaft, die unter einem jedes Jahr neu gewähltenCapo, einem Kapitän, steht. Dieser führt seine kleine Schar jeden Herbst auf den Beutezug in die afrikanischen Gewässer, und es bleibt dann kein kraftvoller Mann, kern blühender' Jüngling zuriick. Selbst die Knaben gehen mit auf die gefahrvolle Fahrt, gefahrvoll deshalb, weil sie auf einer kleinen Flotte gebrechlicher Fahrzeuge unternommen wird. Aus der Insel weilen dann nur Frauen und Kinder, Kranke und Greise.

Die Zurückgebliebenen erwarten bangend den Frühling. Jeder aufbrausende Sturm kann den kühnen Fischern den .Untergang bringen! Bei jedem Unwetter laufen die Angstvollen am Ufer zusammen starren hinaus auf das wütende Meer, erheben flehende Hände, schreien zum Himmel empor, der sie oft, oft nicht hört. Dann gibt es im Frühling Jammer und Tränen, Witwen und Waisen. [

Trotzdem ziehen sie jeden Herbst auf kleinen, unsicheren Booten hinaus. Diejenigen aber, die wiederkehren, begrüßen mit Jubel die Heimat, die nur eine Klippe im ewigen Meer ist, die sie dennoch heißer lieben als Weib und Kind, als Gott und Vaterland. 1

Heißer als Gott"

Sie haben kein Gotteshaus, haben also auch! keinen Priester. Dur ein alter Einsiedler haust neben einem tuinenhaften Kapell­chen, der süßen Mutter des Heilands geweiht. Der fromme Greis darf die Kranken trösten, darf bei den Sterbenden beten, darf die Toten begraben. Wer er darf nicht Kinder taufen und kein Hochzeitspaar zusammengeben. Auch wenn die Jnselleute Gottes Wort hören und die Tröstungen ihres heiligen Glaubens empfangen wollen, müssen sie hinüber zur Küste, wo es auch in einem armseligen Fischerdorfe ein Gotteshaus gibt, einen Gottesdiener und Gottesdienst. Hier können die Mühseligen und Beladenen ihre Sünde und ihren Jammer zur Beichte tragen, können sie ihre Schuld sich, vergeben lassen, können sie des gött­lichen Leibes teilhaftig werden und getröstet heimkehren auf ihre einsame Scholle, die sie für keinen Garten Eden hergeben würden, obgleich sie ihnen nur ihr knappes tägliches Brot schenkt.

2.

Mattia Morgano war nicht nur der stattlichste und stärkste, sondern auch der glücklichste Inselbewohner; denn das schönste und tüchtigste Mädchen, Assunta Massa, wurde im Frühling, als die Korallenfischer, von der Küste Algeriens heimgekehrt waren, fein Weib. An der Vermählung und dem Glück der- beiden nahm das ganze Eiland teil, wie es auch- für die schier überschwängliche' Liebe', der zwei jungen Menschen und das heiße Werben Mattias um. die Geliebte leidenschaftliche- Teilnahme gezeigt hatte; waren doch! Glück-und Unglück, Freude und'Schmerz, Leiden, Krankheit und Sterben des einen der kleinen Gemeinde allgemeines Geschick . - .

Als das Paar zur Trauung nach dem Festlande fuhr, gaben dem Drautschisf sämtliche Barken .das Geleit. Da ein günstiger Wind wehte, konnte man die Segel hissen, Dom Mast zum Mig und Heck eines .jeden ' Fahrzeugs waren Gewinde blühenden Ginsters gezogen und war dicker schöne Strauch des sonnigen Südens so recht die Blume-der Insel, die zur Blütezeit das trostlose Gestein Mit duftenden Gluten überschüttete,' so daß. es dem Azur der Wogen wie ein . märchenhaftes Golögebirge ent­stieg. Da die Klippe keine Orangenbäume trug,'hatte man der Braut einen Kranz aus goldgelbem Ginster geflochten. Es leuchtete auf dem jungen Haupt -wie eine Königs kröne, eine Krone könig­licher Hoheit,-' jungfräulicher Herrlichkeit.

In den Barken befanden sich Mandolinenspieler und Sänger so daß das Schiff der. Glücklichen von Sang und Klang umtönt wurde. Dazu war der Tag strahlend, waren Himmel, Küste und Meer eitel Glanz, was alle als eine Vorbedeutung für ein glückliches Leben der Liebenden ansahen.

®tne Schar den Wohllaut liebender Delphine, dieser Dajazzi des Meeres, schoß pfeilschnell neben den Barken her, mit Hohen Sprüngen aus den Wellen sich hebend, und Mövenfchwärme flatterten den Schiffen voraus.

Der Trauung folgte in der einzigen Osteria des Fischerdorfes das Hochzeitsmahl. Es bestand aus Makkaroni, dieser großen, von dem Jnselvölklein nur selten genossenen Festspeise. Dazu krank man roten süßen Wein, ein Göttertrank, wie man ihn auf dem Eiland nicht kannte. So war denn die Feier wahrhaft königlich, und erst gegen Wend gingen die Barken wieder in See. Da die Dacht dunkel roar, brannte in jedem Dachen ein blutrotes Pechfeuer; und mit Fackeln, unter Spiel und Gesang, geleiteten die Gäste mitten in der Dacht die Deuvermählten zu der hochgelegenen Hütte des Gatten, auf deren mit Ginsterblüten bestreuten Schwelle die greise Mutter des Fischers die Ankommen­den mit dem Segensspruch empfing der feit länger als hundert Jahren eine jede junge Tochter des alten Hauses bei ihrem Eintritt begrüßt hatte:

Wie Haus und Herd dein eigen sind, Ist auch des Hauses Ehre dein;

Und wie das Haus bei Sturm und Wind

Fest steht auf seinem Felsengrund, Steh du zum Gatten jede Stund' -Und halt des Hauses Ehre rein.

Der Mutterfegen war ein Weihespruch und Mahnwort zugleich. ,

Auch einem uralten Brauch gemäß hob der junge Gatte fein geliebtes Eigentum zu feinem Herzen empor Und trug es über die geschmückte Schwelle in fein Haus, dessen Tür sich hinter den beiden Glücklichen schloß. Assunta schritt zum Herd, darauf die Mutter glühende Kohlen gehäuft, nahm den Braut­kranz ab und entzündete damit auf ihrem 'Herde das erste Feuer. Dabei sprach sie mit lauter, feierlicher Stimme der Segnenden Nach;

Und wie das Haus bei Sturm und Wind

Fest steht auf seinem Felsengrund, Steh' ich zum Manne jede Stund' Und halt' des Hauses Ehre rein.

Und sie setzte hinzu;

Sv muh es sein, so wird es (fein!

Was im Munde der Mutter eine Mahnung gewesen, das lautete wie ein Schwur in dem Munde der jungen Frau, als ein Gelöbnis bei der fleckenlosen Ehre des Hauses, dessen Herrin sie jetzt war.

3.

Und es drang die neue Zeit auch auf die einsame Klippe am Meer ... ,

Gleich an dem Tage nach feiner Hochzeit begann Mattia Morgano ein feit langem geplantes Werk auszuführen Er hatte es mit den klugen Aeltesten der Insel reiflich überlegt und auch mit den andern Männern eifrig besprochen, hatte die Billi­gung jener Weisen erhalten und fand jetzt die Mithilfe aller.

Eine neue Barke wurde gebaut, eine große, geräumige starke, die Wind und Wetter Widerstand leisten konnte Wider­stand auch dem wildesten Wetter, dem wütendsten Winde Kein Korallenfischer von Italiens Küsten und Inseln war imstande ein Schiss von solcher Größe und Stärke aufzuweisen. Seine Fahrten in den Meeren und nach- Afrikas Küsten sollten das Gespräch der Schiffer bilden, sollten die Ehre und der Ruhm des armseligen Klippenvölkleins werden, ihm zum Gedeihen ver­helfen, mit der begründeten Aussicht auf zukünftigen mäßigen Wohlstand. -

Die glückverheißende Zukunft der Insel sollte der kühne Bau bedeuten, kühn für die Männer die ihn unternahmen, deren Väter und Wnen nichts anderes kannten, als auf schwankenden Bachen die Fahrten, die vielen von ihnen zur Todesfahrt wurden. Das sollte fortan nicht mehr sein . . .

Wie Mattia Morgano der erste gewesen, der gedacht geplant und ins Werk gesetzt hatte, so war-er jetzt der erste bei der Aus­führung des Werkes, der kräftigste, tüchtigste, unermüdlichste Arbeiter.

War es erst vollendet, so brauchten die Frauen nicht mehr vier lange Wintermonate zu durch bangen; brauchten sie nicht mehr bei jedem drohend aufsteigenden Gewölk flehende Hände und flehende Seelen zum Himmel zu erheben. Es würde dann auf dem kleinen Eilande keine angstvolle Gattin, Verlobte oder heimlich Geliebte, keine sorgende Mutter mehr geben; und die Kinder konnten in den wildesten Dächten ruhig schlafen während ihre Mütter auf das Brausen des Sturms, das Branden der Wellen lauschten und dabei denken durften:Sie schiffen sicher! Die Barke ist zu gut und stark gebaut, um unterzugehen. Aus dem ganzen Meere gibt es keine so 'große und starke Fischerbarke dank dem Mattia Morgano. Er ist uns Und unfern Kindern zum Wohltäter geworden.

Mit dem ersten und unermüdlichsten Arbeiter arbeiteten alle. Auch! die Frauen. Auch Greise und Kinder. Jeder tat, was er tun konnte, und jedem ward die Arbeit zum Fest Sie sangen dabei ihre sämtlichen Lieder, die sämtlich todtraurig waren, und von denen keines je ein Ende zu nehmen schien.

Aber bei den todtraurigen Gesängen arbeiteten sie lustig; und wenn sie von der QfcfeU ausruhten, so ruhten sie nicht vom