Ausgabe 
1.4.1922
 
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«arnifvn (befreundet« Truppen) fortgegangen waren Me übrigen Schweizer und Franzosen mit Sack und Pack ausmarschirten. Dem groben Gott setz davor gedankt, dak> endlich Viehes Ungeziefer das Nnhetet Stadt und unserem ganyen Land unaussprechlichen Scha­den zugefüget, uns einmahl völlig verlassen hat. Gott gebe, dah wir und unsere Nachkommen solches Glend, Unglück und grobe Drangsale nie mahlen mehr erfahren mögen." Leider nur ein frommer Wunsch unseres Derichterstatiers! Seine Nachkommen haben nicht allzulange nach­her in den Revolutions- und Befreiungskriegen den Druck der Fremdherrschaft wieder erfahren müssen, und wir, das gegen, toärtige Geschlecht, müssen immer noch unter den schweren Folgen eines unglücklich geführten Krieges bitter .seufzen. Lernen wrr nur, tote die Altvordern es taten, die schweren Schicksale mit Würde ertragen und bewahren wir uns wie sie es taten, den Glauben an eine bessere Zukunft!

Das Schmerzenskind.

Bon Alfred Bock').

Als der Packer Debus, tote er jeden Morgen zu tun pflegte, fein lahmes Bübchen ankleidete, sagte er:

Guck, tote die Sonn' hereinscheint, Heini. Das heiß ich Ofiertoetter!

Heini klatschte in die Hände.

Heute bringt die Mimel (Wilhelmine) Ofiereierl"

Sie bringt noch mehr!" verriet der Packer.

Was?" fragte der Kleine gespannt.

Eine Fibel."

Und was noch?"

Eine Schiefertafel."

And was noch?"

Eine Federbüchs."

Und was noch?"

Ist das nicht genug?"

"Nüchsie^Woch kommt der Lehrer Krumm. Bei dem sollst du Lesen und Schreiben lernen."

Ich will viel lernen," sagte Heini und schaute mit feinen gro&en blauen Augen ernsthaft drein.

Das kamt nix schaden," meinte der Packer.Wann du erst wieder laufen kannst und in die Schul' Igehst, steckst du sie all' in den Sack." ,

®r hob das Bübchen aus dem Bett und setzte es auf den Stuhl, den der Schreiner Werner in der Gungelsgasse nach An- weisung des Arztes eigens für den kleinen Patienten gezimmert hatte.

War das heut nacht ein Sturm!" plauderte Heini, während er Gesicht und Hände mit Wasser netzte, das ihm der Vater in einer Dlchschüssel vorhielt.Hast du nichts gehört?"

Nein."

Mußt du aber fest geschlafen haben!"

Das hab' ich auch."

's war ein Gelärms und ein Gerappel. Ich hab' als geglaubt, 's wär eins draußen und wollt' herein."

Ja, der Wind treibt seine Possen."

Darüber bin ich eingeschlafen. And hat 'mir was geträumt. Was?"

Die Mutter hat an der Tür gestanden. And in der Stub' haben viele, viele Lichter gebrannt. Und du hast deinen Sonntags­staat angehabt. Und der Schneiders»Karl hat Harmonika gespielt. Und ich bin von meinem Stuhl heruntergesprungen. Und bin auf die Mutter zugelaufen."

Das hast du halt geträumt/* seufzte Debus, setzte die Wasch­schüssel beiseite und reichte dem Buben ein Handtuch dar.

Der trocknete sich ab und fuhr dann mit einem Kamm durch die widerspenstigen blonden Locken, die in Ueberfülle auf seinem Köpfchen gediehen. Nach einer Weile fing er wieder an:

Vater."

No?"

Ich hab gar nimmer gewußt, tote die Mutter ausgeschaut hat. Seit heute nacht weiß ich's. Gelt, sie war mächtig groß?" 's ging an.

Und schwarz?"

Nein, blond wie du."

Blond?"

»Ha "

Sonderbar! Aber lustig war sie, gelt?

Heini, was babbelst du wieder zusammen!*' wich der Packer aus.

Du bist nie lustig, Vater." >---

)Die harte Scholle", eine ausgezeichnete Sammlung auSgewählter Nomane und Novellen Docks (Deutsche Verlagsanflalt Stuttgart), der der vorliegende Beitrag Das Schmerzenskind" entnommen ist, vereinigt in einem statt­lichen Band vortreffliche Stücke deutscher Erzählerkunst. Wer Alfred Dock noch nicht kennt, greife nach diesem Buche, dem nicht nur in unserer hessischen Heimat, sondern weit darüber hinaus too Herren für ein kernhaftes deutsches Volkstum schlagen, überall die weiteste Verbreitung zu wünschen ist.

VH hab vor lauter Arbeit keine Gedanken drauf."

Heut arbeit'fl du ja nix. Und morgen auch nix. Und übet» «argen auch nix. Da fannft du doch lustig fein.

Debus schwieg, wie immer, wenn ihn das altkluge Bürschchen in die Enge trieb.

Das plapperte weiter:

Der Schneiders-Karl hat mich letzt einen neuen Spruch gelernt: Lustig gelebt und selig gestorben,

Heißt dem Teufel die Rechnung verdorben.

Gelt, Vater, wir wollen lustig fein?"

Der Vater wandte sich ab und trat an das einzige Fenster des Stübchens, das hinaus auf den Fronplay ging. Wenn er den armen kleinen Lazarus so reden hörte, krampfte sich ihm das Herz zusammen.

Jemand kam die Treppe heraus. Heinis geschärftes Ohr erkannte die Patin am Tritt.

Die Mimel," jubelte er,die Mimel!

Gleich daraus trat eine ältliche, korpulente Frau herein mit einem gutmütigen Gesichtsausdruck. Sie trug am Arm einen Henkelkorb, der mit einem Wachstuch zugedeckt war.

Guten Morgen beisammen!"

Der Packer drehte sich um.

Ei, die Mimel!"

Guten Morgen, Mimel!" rief Heini, und sein bleiches Ge­sichtchen färbte sich vor Freude rot. i

Die Mimel setzte ihren Korb nieder schob das Wachstuch zurück und holte unter dem Jauchzen des Buben allerlei Herrlich­keiten hervor: schöngefärbte Ostereier, Zuckerhasen, Fibel, Schiefer­tafel und Federbüchse und zuletzt eine Flasch? Osterwasser, die sie in aller Herrgottsfrühe am Erlenbrrmnen gefüllt hatte.

's hat mir voriges Hahr von meinen wehen Augen geholfen," sprach sie,und wird deinen Beinchen gut tun, Heini."

Bei diesen Worten zog sie ihrem Schützling die Höschen wieder aus, die er eben erst angezogen hatte, entkorkte die Flasche und begann die jammervoll dünnen Beinchen mit dem wundertätigen Wasser zu reiben.

Heini ließ sich das lächelnd gefallen. Der Packer schaute mit ungläubigem Gesicht zu.

Nachdem die Prozedur beendet war, sagte die Mimel:

Gott svll's gelegnen! So, jetzt mach' ich das Essen über. Und daß du dir an dem Osterhas nicht den Magen verdirbst, Heiner Schnackes I

Die Mahnung war für den Augenblick wenigstens überflüssig, denn Heini hatte über der Fibel mit ihren schönen Bildern Eier und Äckerwerk vergessen.

Der Packer begab sich in die Kammer, die an das Stübchen stieß, und zündete seine Pfeife an. Gleich schloß er die Verbin- dungstür, denn der Bub hustete, sobald er Tabaksrauch verspürte.

Schwerfällig ließ er sich auf einem Schemel nieder und qualmte vor sich hin. Ostern! Ha, wer sich darüber freuen konnte. Ihm graute vor dem Feiern, vor dem Simulieren. Und gar drei Tage hintereinander. Es war, um aus der Haut zu fahren. Zehn Jahre zurück, da war's anders. Da zog er Feiertags mit dem reinen Hemd einen neuen Menschen an und fühlte sich wohlig als lediger Bursch. Kvhblitz! Er durfte sich sehen lassen. Die schönsten Mädchen blinzelten ihn an. Und er war wahrhaftig nicht blöde. Aber den Schmachthans spielen oder sich fest haken, das gab's nicht. Sein Spruch war: frei und froh. Und dann sollte et doch erfahren, daß auch in seinem Garten das Kräutchen Liebe wuchs. Auf dem Weidenhvf war Tanzmusik. Und faß ein Mädchen da, bildsauber. Sie mußte wohl ortsfremd sein, denn es Farmte sie niemand. Er holte sie zum Danz und ließ sie nicht mehr los. Sie hieß Traud (Gertrud) und war die Tochter einer Hausiererin. Die hatte sich bei ihrem mühseligen Gewerbe die Gichtkrankheit zugezogen und hatte kürzlich beim Weißbinder Krönlein auf dem Fronplatz zwei Stuben gemietet. Die Staub ging in die Wollspinnerei. Dort gefiel's ihr- nicht, denn der Werkmeister war ein Giftmichel und kollerte von früh bis spät. Das Stillsihen wat ihr schrecklich. Und es kribbelte in ihr, daß sie meinte, sie mühte auf und davon. Während die Mutter im Rheinland und in Westfalen ihr Wollzeug abgeseht hatte, war die Traud bei einem Verwandten in Bingen erzogen worden. Und sie erzählte vom Nhein, vom Niederwald, von der Rochus- kapelle, vom Mäuseturm und den vielen Schiffen, die stromauf» und abwärts fuhren.

Er sperrte Maul und Ohren auf und war ganz weg. Selbig- mal tat er sich vor den Kameraden hervor und lieh für sein Mädchen eine Flasche Niersteiner kommen, indes die anderen sich mit Bier begnügten. Der Wein löste ihm die Zunge, und et offenbarte der blonden Bingerin, dah er als Packer beim Groh» händler Hammer seines Prinzipals Vertrauen genoß und sich gut dabei stand. Herr Hammer verkaufte Kaffee, Zucker und allerlei Kolonialwaren im Großen. Ein Reisender besorgte den Absatz, auf dem Kontor führte der al'e Herr Heidenreich die Büchet, auf dem Lager aber war er die Hauptperson.

Die Traud sah respektvoll zu ihm in die Höhe. Ihr Ver­wandtet in Dingen war eigentlich Schuster, nebenbei betrieb er ein Kolonialwaren krämchen. Daher kannte sie die Artikel. Ein­mal hatte sich der Onkel von einem Reisenden aus Mainz bereden lassen, Zucker auf Spekulation zu kaufen. Der schlug nachher ab, und der Onkel verlor sein Geld.