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Manieren getäuscht worden, darum hatte sie der: Mann, der ihr aus einer vorrrehinen Weit Air kommen schien, Wie ihren Erretter begrüßt.
Nie hatte es ihr so klar und deutlich vor Augen gestanden, wie sie in ihr Schicksal hineingetriebien worden war, als im diesem Abend, an dem es' alle so „ur gen tüt- lich" fanden.
Nie hatte sie den großen Irrtum ihres Lebens bitterer bereut als mit der nacMtteruden Erinnerung an die Liebes- Worte, die an diesem Tage an ihr Ohr geklurmen wären, die sie so grausam aus ihrer entsagungsvollen Stimmung aus- geschreckt hatten.
Rings um sie her dieses satte Wohlbehagen, diese träge Eedankensvsigkeit. Ein solches Bol'lgeuügeu, weil sie nUr alle gut gegessen und getrunken hatten!
Und nirgends, nirgends ein Blick über dieses Zimmer, über diesen engen Kreis hinaus', feine Ahnung von all Heu wilden Differenzen des Lebens, nicht einmal von den Qualen des zerrissenen Herzens, das mitten unter ihnen weilte.
Unwillkürlich suchte sie Malis Nähe.
Die gute Frau, die manchmal mit einem schläfrigen Blick vor sich hin seufzte, durfte ja auch nicht zeigen, wieviel ihr genommen worden, wie arm ie tvar in all dem Wohlstand und in all dein Behagen, durfte tticht zeigen, daß in ihrem Herzen eine schmerzliche Sehnsucht nach dem verlorenen Kinde blieb, wenn sie sich auch schweigend unter den Willen ihres Gatten in den Bernhvblerschcn Familien- zwang 'fügte. >
16.
Indessen folgte in dem Dors am Chiemseeuser ein blauer Tag dem andern.
Holst hatte sich in einer schlaflosen Nacht auf das ernsthafteste vorgenommen, daß, er die Augen offen halten, seine Vaterpflicht erfüllen und seine Tochter vor einer unvernünftigen Liebesheirat behüten wollte.
All den Jammer einer unsicheren Existenz, all die lähmenden Sorgetr seiner eigenen Ehe, das namenlose Wnstserelend, das ihn zur Verzweiflung getrieben, hatte er sich zurückgerufen, um sich zu festigen und zu wappnen AN einem Kampfe gegen die Hoffnungen ititb Wünsche, die vielleicht in zwei jun gen Kerzen in seiner Nähe empor- blühten.
Aber am hellen Morgen hatte er wieder viel rosiger gesehen und gefunden, bnfi er noch gar keinen Grund habe, äls grimmiger Mahner und Zerstörer dazwischen zu fahren, wenn seine Tochter sich lachend mit Reichmann unter- hielt, der schon mit Malkasten und Schirm bepackt, gerüstet zum Studienweg, am Gartenzaun stand und „Guten Morgen" wünschte.
Hildegard saß ja daitn auch so vergnügt bei ihrem! alten Vater und strich ihm Butterbrote und plauderte lustig, mit ebenso rosigen Wangen und' lachenden Augen wie zuvor.
Ach Gott, weil ihm einmal der Argwohn erweckt worden, Weil er er nun zu beobachten aufing, konnte er sich ja auf die Mauer nicht verhehlen, daß van der Tecken wohl nicht so unrecht haben Mochte, daß die beiden jungen ßeute wirklich einander sehr Att gefielen.
Aber es wollte ihm! kein strenges Wort.gegen Reichmann über seine Lippen. <So oft er auch W der kränkenden! Frage entsetzte: „Wollen Sie eigentlich noch lange hier bleiben?" — er brachte sie nicht heraus.
Er hatte den jungen Kollegen von Herzen lieb gewonnen. ,
Reichmann imponierte -ihm als Künstler, jeder Strich in seinem Skizzenbuch war talentvoll, originell, beneidenswert flott, und die ganze Persönlichkeit hatte etwas so einnehmend liebenswürdiges, daß sogar der griesgrämige van der Tecken einmal voll Wohlgefallen ausries:
„Was in dem Menschen für ein Leben steckt! Man meint ordentlich, den mächtigen Pulsschlag der modernen Zeit Mi hören, wenn er spricht! Man fühlt wieder, lvas Mr ein Glück es doch ist, jung zu sein! Diese Zuversicht! Diese üherspruhelude Kraft! Wie reich' ihm das Leben ist!" fügte er Mit einem Seufzer hinzu.
„M, sei Dank'," lachte Steinberger. „Es sind- nicht alle jungen Leute solche dekadenten, jämmerlichen, nerpenkranren Schwächlinge, wie uns die Herren Schriftsteller glaühen machen möchten."
Holst schaute in die strahlenden Augen seines Kindes,
und alles Traurige und Trostlose, was feine Ehe ihm ge* gebracht, war wie ausgelöfchl aus! seiner' Erinnerung.
Er fand! in seinem Gedächtnis nur noch den einzigen großen Lichtpunkt, seine eigene junge Liebe, sein lachendes ntrzes Glück.
Er ward' ein glänzender Schwärmer mit dem Jungeii, denn auch er hatte eine KÄnstlerfeele, die nicht alt und Prak- ttsch und vernünftig werden konnte.
Nngewarnt, ungestört, in Wolkenlosem Glückstraum träumten ,Hildegard und Emanuel ihren Glückstraum.
Eines Mittags, als man zusammen im Obstgarten Bei dem zweifelhaften Kalbsbtaten und dem essigsauren Kartoffelsalat, d'em' Sonntagsmenü des Dorfwirtshauses, saßs, kam vier alte Postbote wischte sich den Schweiß von der sonnenverbrannten Stirn, hielt sich einen Brief dicht vor die Augen, denn das Lesen war ihm! eine schwierige Arbiett^ und buchstabierte dann nach einer Weile glücklich heraus:
„Herr Emanuel Reichmann. Ist Ihnen der vielleicht bekannt?"
Dem jungen Maler stieg ein freudiges Rot in die Stirn und' er drückte dem Postboten ein Markstück in die Hand, noch ehe er das Kuvert geöffnet hatte.
„Sekretariat der internationalen Kunstausstellung in München" stand allerdings sehr verheißungsvoll auf dem Umschlag.
„O, ich habe mein Aquarell verläuft," jubelte Reichmann, und sein leuchtender Blick suchte zu allererst das! Mädchengesicht, das ihn freudig bewundernd anlächelte.
„Es ist sogar eine zweite Anfrage erfolgt," führ er mit ganz verklärtenetAnsdruck, die Zeilen überfliegend, fort. „Weitere Bestellung steht in Aussicht. Wer weiß! Vielleicht habe ich nun den Mären gefunden, den eigentlich jeder Künstler haben müßte! Das wäre doch' fein! Einmal'so recht aus dem Vollen schaffen können, ohne allo Rücksicht aus Verlegerwünsche und! den schnöden Mammon! Meinen Sie nicht auch, Herr Holst, solche Freude, Ivie unsereiner über einen Verkauf empfindet, die kann ein Beamter nicht erleben, der so sicher und verbrieft allmonatlich sein Gehältchen ausbezahlt bekommt. Für uns ist es wie ein Treffer, der uns in den Schoß fällt! -Man hält sich wieder! einmal für einen Glückspilz und glaubt an seinen Stern!"
(Fortsetzung tilgt.)
wenn grauen reifen und kaufen.
Humöreske von Freiherr von Schlicht.
Meine Frau ist die geborene Reisetasche, die gar nicht aus dem Coupe herauskommt. Wir bewohnen unsere große, hübsche Billa eigentlich nur, um dort von den erledigten Reisen aus- zuruhen und mit fortwährend neue Reifepläne zu schmieden. Wir pflegen alljährlich Mitte Mai von Haus' fort zu gehen und am' 15. September zurückznkommen. Drei Tage lang freut meine Frau sich bann, einmal wieder iüi eigenen Bett schlafen zu können, aber spätestens ant 18. September fängt sie an, mit mir darüber zu sprechen, wohin die nächste Som'merreise gehen soll. Am .20. September sind wir uns darüber einig, am 21. September 'sind' wir uns uneinig, am 22. haben wir neue Reiseplüue gefaßt, am 23. Müß ich an die in Frage kommenden Hotels schreiben, ob und zu welchem Preis wir am 15. Mai des nächsten Jahres Zimmer erhalten können, am 24. muß ich im Winterkursbuch nachsehen, mit welchem Zug wir am 15. Mai am besten fahren. Am,' 25. September hat meine Frau fest beschlossen, daß sie am 15. Mai, trotzdem wir erst spät abends am Ziel ankom'meu, doch noch! die Koster anspacken lassen will, ehe sie sich schlafen legt, und am' Weihnachtsabend, oder sonst bei einer ganz unerwarteten Gelegenheit, erklärt mir meine Fran dann plötzlich, sie habe es sich doch! anders überlegt, sie würde ant 15. Mai abends sicher zn müde fein, um noch auspacken zu können, das hätte ja auch noch bis zum nächsten Morgen Zeit.
So war auch schon die diesjährige Sommerreife im Herbst vorigen Jahres in allen Einzelheiten festgelegt. Wir wollten zunächst ans vier Wochen nach dem! herrlich gelegenen Weißenbach ant Attersee und int Anschluß daran auf längere Zeit nach St. Moritz, vorausgesetzt natürlich, daß nichts dazwischen tönte. Wer es kam etwas' dazwischen, und dieses „Etwas" war ein stark schmerzender Backenzahn, den ich' mein eigen nannte. So fuhr ich denn nach! Berlin zu Meinen Zahnarzt, dem einzigen Zahndoktor, dem ich mich auf der ganzen Welt anvertraue. Ich hoffte, nach drei, spätestens nach vier Tagen znrückkom'men zu können, Über der Mensch denkt und der Zahnarzt lenkt.— die amerikanische Bohrmaschine. Und als er die nur einmal probeweise in meinem Mund herumgelenkt hatte, da konstatierte er, daß nicht nur ein Zahn krank fei, sondern viele, und daß ich mindestens sechzehn Tage 6et ihm zu tun habe.


