Ausgabe 
9.8.1913
 
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Firnenrsulch.

Roman von Paul Grabern.

Aachdrirck verboten.) (Fortsetzung.)

'In ihrem wächgerüttelten trotzigen Stolz wollte Gottliebe den Fuß weiter setzen lieber im strömenden Regen wei­ter wandern, als hier wie ein abgewiesener Bettler Vormr Tor lungern!, als plötzlich drinnen der Riegel sich knir­schend beiseite schob. Eine kleinere Einlaßpforte in dein einen der schweren, großen Torflügel öffnete sich. Zn ihrem Rah^ rnen stand ein alter Mann in einfacher Kleidung, offenbar der Kastellan, und, sie erkannte ihn nun an den Zügen wie­der, derselbe, der sie da vorhin so mißtrauisch beobachtet und so lange hatte stehen lassen.

Diese Feststellung bestärkte Gottliebe nur noch mehr in ihrem Vorsatz, und, ohne sich um den Mann da weiter zu kümmern, wollte sie eben aus der Torwölbung wieder in den Regenschwall hinaus, doch da trafen die Worte ihr Ohr:

Herr v. Malmort läßt die Dame Litten, näher zu treten."

Verwundert blieb sie nun doch stehen und sah' zu deut Ulten zurück.

Also das Schloß war doch bewohnt, und das lange War­ten erklärte sich damit, daß der Diener da erst seinen Herrn um eine Weisung bitten mußte. Das änderte ja freilich die Sachlage, wiewohl der Alte doch mit einem Wort ihr das vorher hätte sagen können. Nun, Europas übertünchte Höf­lichkeit war joffenbar noch nicht bis in dieses entlegene Alpental gedrungen. Gottliebe war also bereit, zu verzeihen; außerdem lockte es sie mit einem Male so sonderbar, in dieses alte Schloß einzutreten und seinen Herrn kennen zu lernen, der hier in stiller Weltabgeschiedenheit in dem halb verfallenen Gemäuer wie ein Einsiedler hauste. So trat sie denn in den tiefen, dämmernden Torgang ein, der sie hinter der Pforte angähnte.

Das wär ja hier noch ganz mittelalterlich! An dem aus schweren Felsquadern gefügten Tonnengewölbe hing in der Mitte der Decke, aufgezogen, noch das Fallgatter, aus' mächtigen Eichenbalken mit fußlangen Eisenspitzen gefügt, bereit, mit malmender Wucht auf jeden unbefugten Ein­dringling niederzuschmettern. Im Drunterweggehen sah Gottliebe unwillkürlich zu den verrosteten Eisenketten em­por, die das Gatter hoch hielten: Ob sie auch Wohl noch fest waren?

Dann folgte sie denk Alten, der schweigend, immer mit der gleichen ernsten, fast mürrischen Miene vor ihr herging, durch einen nach dem Hpf zu offenen Laubengang, der sich rings um das Viereck des Burghofs zog, und, wie sie an der gegenüberliegenden Seite gewahrte, mit seinen Arka­den den Wehrgang trug, von dem aus einst die Verteidiger der Burg ihre Geschosse durch die Scharten auf die An­greifer entsandten. Nun gewahrte sie auch, daß zwar der

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eine Teil der hohen Außenmaujer an seiner Zinnenkrönung zerfallen und strauchüberwuchert war, daß aber das Innere des Kastells doch ivohl erhalten wär. Offenbar ließ, der Be­sitzer also nur des altertümlichen, malerischen Eindrucks! wegen jenes Stiick Außenmauer so im Ruinenzustande.

Jetzt traten sie in den massigen, vierschrötigen Bau der Burg ein, der die Wohnräume für die Herrschaft ent­hielt. Eine weite Halle nahm sie auf, ein Raum, der Gott­liebe plötzlich geradezu mit Entziicken -erfüllte. Was für ein Stil, was für eine Stimmung in dieser Diele!

Durch die Rundbogenfenster mit alten Glasmalereien, die in drei tiefen Nischen lagen, in denen Stufen zu hoch^ gelegenen steinernen Sitzbänken emporführten, fiel das feier­lich gedämpfte Licht wie in einem alten Dom in den weiten Raum, mit Marmorfliesen belegt, das Gewölbe von drei schweren gedrungenen Säulen aus dunklem Granit getragen. Alte Gobelins, Jagdtrophäeu und altes Gemässen schmückten die Wände des sonst der Möbel entbehrenden weiten Bor« raums; und doch wirkte er nicht kält itnb öde. Denn drüben an der Hauptw-and, unter der breiten, ausgetretenen Steintreppe mit feindurchbrochener Balustrade aus schwar­zem Marmor, leuchtete traulich die rotflackernde Glut eineI Kaminfeuers herüber, eines tief -eingebauten Kamins mit einem Nischenvorraum, der rechts und links zwei S-itzbänke enthielt, deren weicher Polsterbelag zum versonnenen Träu­men von alten Zeiten in der wohlig anstrahlenden Wärm« des Herdbrandes lockte.

Noch stand Gottliebe und blickte entzückt auf den trau­lichen Winkel, da war's ihr plötzlich, als würde sie beobach­tet; unwillkürlich hob sie, einem dunklen Zwange gehor­chend, die Blicke empor nach der Treppe hin, und wirklich da wär jemand!

Eine Weibliche Gestalt in lichtem Gewände hob sich dort von dem dämmernden Hintergründe ab, ein noch ganz ju­gendliches Mädchen, vielleicht sechzehnjährig, mit einem blassen, feinen Gesicht unter der schweren Fülle braunen Haares, die gescheitelt über die Schläfe hinwallte. Die dunk­len Augen der unbeweglich Stehenden, die geräuschlos von oben herabgekommen sein mußte, hafteten mit einem stillen, ernsten Ausdruck, halb verwundert, halb in scheuer, leiser Neugier, auf der Fremden, die da in Regensturz und Don- nergegroll ihre,: Einzug in diese Bergklause hielt.

Nun aber kam Leben in die unbewegliche Erscheinung dort obeu: Langsam, mit einer feinen Anmut und doch einer gewissen schweren Würde in den Bewegungen, schritt sie die Stufen herab und trat jetzt auf Gottliebe zu, eine zarte,- nnr mittelgroße Gestalt.

Grüß Gott! Seien Sie uns willkommen."

Einfach sagte sie es und hielt der Fremden die Hand hin; aber in dieser vertrauensvollen Begrüßung und- in dem ernsten Blick der großen, klaren Augen dabei lag et­was, was diesem Gruße etwas Weihevolles gab. Gottlieb« ivar's, -als träte ihr die reine Priesterin eines uralten, ehr­furchtgebietenden Heiligtums an dessen Schwelle entgegen.