Ausgabe 
8.3.1913
 
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Die kamen von den schlaflosen Nächten. Ihre Ge­danken vermochten sich nicht loszureißen von. Hans-Wilhelm. Oft rief ihr der Verstand zu:Wirf den Gespielen deiner Jugend über Bord!" Aber dann fing immer gleich ihr Herz an zu sprechen:Nein, tu es nicht. Du hast eine hehre Aufgabe, mußt einen Menschen, den du liebst, vom Unter­gänge retten." Und nun redete sie sich ein:Ja, das ist meine Pflicht. Schlecht ist Hans-Wilhelm nicht, nur lercht- sinniq. Wenn er erst hier ist, dann will ich meine Mission erfüllen, vergessen, daß ich die stolze Gräfin bin; ihm gegenüber ivill ich nichts'fein, als liebendes Weib, das ihn zurückführt auf ebene Bahnen. Er soll gesunden durch Arbeit, durch Pflichten, die er übernehmen muß.' Dann wird er wieder Zutrauen bekommen zu seiner eigenen. Kraft, Ivenn ihn treue Liebe umgibt."

Graf Norderoog lernte bald sehen bis auf den Grund ihres Herzens. Er teilte seine Wahrnehmungen dem Grafen °mit.

Sie haben recht; aber als Vater habe ich die Pflicht, meine Tochter, koste es, was es »volle, von dieser Partie abzubringen."

Ich halte es für angebracht, meine Koffer zu packen; die Situation bessert sich durchaus nicht zu meinen Gunsten."

Das bleibt natürlich Ihnen überlassen, mein lieber Norderoog; ich selbst spiele ja in dieser Sache eine Rolle, die mir durchaus nicht behagt. Aber Sie haben sich an mich, den Vater, gewendet, und da bin ich ehrlich gewesen, weil nun weil ich es für ein Glück halten würde, dürfte ich Sie als meinen Schwiegersohn willkoinmen heißen."

Sehr schmeichelhaft ftir mich!"

Relendorff reichte dem jungen Diplomaten die Hand.

O, ich bitte Ehrlichke.it gegen Ehrlichkeit!"

Und dennoch, sehe ich auch ganz davon ab, daß für mich in meinem Hiersein etwas Demütigendes liegt, wird ks besser sein, ich breche meine Zelte ab."

Demütigend ist vor allen Dingen für mich alten. Mann die Lage, bester Gras. Heute abend kommt der Oberleutnant von Moreth an; bitte' verschieben Sie, falls Sie meine Tochter noch lieben können, Ihre Abreise um zwei Tage. .Bis dahin denke ich die Situation geklärt zu haben."

Unter diesen Umstanden bleibe ich gern."

Ich danke Ihnen."

Aber Graf Norderoog glaubte nicht an den Sieg. Als er gegangen, klingelte Graf Relendorff dem Diener. Bitten Sie die Komtesse zu mir!"

Wenige Minuten später stand Eva ihrenr Vater gegenüber.

Mein liebes Kind, ich habe vorhin ein Telegraniin des Grafen Beerenburg er ist Seinsheims Adjutant .erhalten; heute abend kommt Hans-Wilhelm an."

Gott sei Dank!"

Ihr Vater sah sie mit einem'; langen Blick an.

Leider muß ich deine Freude einschränken. Lies dieses Telegramm; es ist in französischer Sprache aufgegeben, damit man nicht noch mehr Trauriges über Hans-Wilhelm erfährt, als man ohnehin fchon weiß."

Eva las:Habe soeben Moreth aus den: Spielsaal in! Spa geholt; glaube nicht, daß er noch zu retten ist. Tun Sie ihr möglichstes, damit er den Wschied nimmt Und sein Gilt bewirtschaftet; vielleicht ist er so ivieder auf den richtigen Weg zurückzuführen."

Mit zitternder Hand legte die Komtesse das Telegramm auf die Tischplatte.

. :Nun, was sagst du dazu?"

Graf Beerenburg hat vollkommen recht; denselben Ge­danken habe ich auch schon gehabt."

Dll willst doch, nicht etwa, falls es mir gelingt, ihn in Moreth festzuhalteu. Dein Schicksal mit dem seinen ver­ketten?"

Doch, Papa wenn er mich nicht von sich stößt!" : Da steigt ihm das Blut zu Kopf.

Fühlst dir denn nicht, welche erbärmliche Rolle du spielst?"

' Aber sein einziges Kind zuckte nur die Achseln.

-Ich liebe, Papa."

Aber -einen Unwürdigen."

Mag sein." ' . r-, .. . 1

Denke doch an die Zukunft, Eva!"

Gerade -deshalb muß ich mich! jetzt offen ihm be- Le'n'nen."-

' iUm lnit ihm später unterzugehen!"

Auch das kann sein, Papa."

Sie sagt's ruhig und -entschlossen.

Die Stimme ihres Vaters zittert.

Ich werde deine Pläne zu durchkreuzen wissen."

Du irrst." . ' ,

Kind, ich bin ein alter Mann. Dutzende vorr Bei­spielen kann ich dir nennen, Leute, die einst auch so ge­dacht wie du, und die erbarmungslos auf das Pflaster des Lebens gefegt wurden."

Gern glaube ich dir das."

Und du willst trotzdem nicht Vernunft annehmen?z< Papa, denke an die einsame Fran drüben in Moreth. Nach einem kurzen Glück kamen die Tage, die ihr nicht gefielen. Hat sie nicht erst dich-, den Mann mit beim golde­nen .Herzen, der für mich der Inbegriff der Tadellosigkeit ist, hat sie dann nicht Seinsheim ausgeschlagen? schweigst? Du wirst gerecht sein und zugeben müssen, so ist Frauenliebe, über die könnt ihr -Männer nicht urtei­len, denn wir fühlen anders als ihr."

Graf Relendorff weiß keine Antwort.

Der Name Norderoog ist von beiden während des ganzen Gesprächs nicht ein -einziges Mal genannt worden.

*

Frau von Moreth hatte die letzten Tage in Bangen verlebt; sie verließ Haus und Hof nicht, um ja sofort zur Stelle zu sein, wenn ein Telegramm ihres Sohnes kommen sollte.

lind wirklich kam anr vierten Tage- der gefürchtete Telegraphenbote. Er kannte die Sorgen der alten Frau und rief ihr zu:Der Herr Oberleutnant kommt heute abend. Aus Berlin hat er telegraphiert.

Gott fei Dank."

Ein Stein siel ihr vom Herzen. Mit zitternden Hän­den öffnete sie -die Depesche. Hans-Wilhelms Unterschrift stand -darunter.

Nun ging sie wieder eilfertig treppauf, treppab, denn dem Jungen sollte die Heimat so lieb- wie nur möglich ge­macht werden.

Nach dem Essen fuhr Eva in ihrem Dogcart in M-o- reth vor.

Weißt Dn's schon mein Kind, Haus-Wilhelm kommt heute abend?"

Ja Tante."

Aber die Komtesse macht ein ernstes Gesicht.

Freust du denn dich nicht and)?"

Eva nickte stumm und sah zur Erde.

Ist ihm ein Unglück zugestoßen? Du bist so ernst '!" fragte Frau von Moreth ängstlich.

(Fortsetzung folgt.)

Die wunderheUungen von Lourdes.

Von Dr. Edit ar b A igncr (München).

Tie nachstehenden, völlig objektiven Auslastungen entnehmen wir derU -in f ch a u" (Frankfurt a. Main),

In den letzten zehn Jahren haben 3049 Aerzte und 53 985! Kranke in 2886 Pilgersonderzügen die Wuudergrotte und die ka­tholischen Krankenhäuser in Lourdes- ausgesucht. Allein int letzten Jahre gab es 602 Eisenbahnzüge mit fast 10 000 Krankem sanden 131 261 Eintauchungen in das wundertätige Wasser stakst boten 5646 freiwillige Krankenträger kostenlos ihre Hilfe an.! Die Einnahmen, die die städtische Verzehrungssteuer von den Wallfahrern hatte, betrugen int letzten Jahre über 135 000 Fr., Die Post verkaufte um 1.10 000 Fr. Wertzeichen mehr als inti Vorjahre. Tie Mehreinnahme der für Pilgerfahrten in Betracht kommenden Estenbahngesellschaften belief sich auf 26 729 425 Fr.s Schätzungsweise wurden im letzten Jahre 5060 Mill. Fr. durch 2,5 Millionen Pilger nach Frankreich gebracht.

So schreibt eine katholische Statistik. Diese Zahlen jprecheü eine beredte Sprache. Sie zeigen mehr als alle theoretischen Er­örterungen, welche Bedeutung die Lourdespropaganda allmählich für alle Kulturländer gewonnen hat. -Selbst die vorsichtigen Be­richte desDeutschen Lourdesvereius" geben zu, daß -an deutschem Nationalvermögen alljährlich von deutschen Lourdespilgern mehrere' Millionen Mark nach Frankreich getragen werden.

Die angeführte Statistik läßt aber mit aller Deutlichkeit einen zweiten Umstand erkennen, der von noch bedeutsamerer Tragweite zu sein scheint. Die Zahl der Kranken, die in Lour­des Heilung und Rettung suchen, die dort in das wundertätige Wasser getaucht werden, hat eine fabelhafte Höhe erreicht!

Lourdes ist ein Städtchen von etwa 8QÖ0 Einwohnern airt Nordabhang der Pyrenäen. Der ganze Ort ist ein riesiger Markt von amerikanischem Wachstum. Mes ist auf das Geschäft und